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Aegyptologie: von der Mythologie zur Siedlungsanthropologie

Das Beispiel der Aegyptologie ist hier ausserordentlich wichtig. Diese hat seit einiger Zeit intern eine entscheidende Wendung vollzogen, indem sie sich von der mythologischen Ausrichtung  des ausgehenden 19. Jhdts. (Brugsch) dezidiert ablöste und mit  anthropologischen Methoden zu arbeiten begann (Maspero, Meyer, Sethe).  Das  räumlich erweiterte Reichskultsystem wurde nun als Entwicklung von Dorf- und Gaukulten  aufgefasst (Hermann Kees 1956). Dadurch verschiebt sich der Begriff Religion in die Rechtsgeschichte. Nicht  Glauben ist primär, sondern der ortsgebundene Kult. Die Gottheit wird zum Rechtstitel. Die aegyptische Religion lässt sich als Entwicklung einer primär ortsgebundenen, kultisch-zyklisch gestützten Lokalverfassung zur räumlich erweiterten Imperialverfassung betrachten. Obschon dieser Rechtscharakter auch ganz klar dem Alten Testament zukommt, wird diese Sichtweise aus einsichtigen Gründen vor allem von der christlichen Theologie unterdrückt und findet so keinen allgemeinen Zugang in die heutigen Geisteswissenschaften.

Sinologie: die Ming t‘ang Hütte

In der Sinologie hat Marcel Granet schon in der 30er Jahren  etwa die Ming t'ang Hütte - als Fest- oder Kalenderhütte [das heisst: als semantische Architektur] - für früh entwickelte Leitvorstellungen Chinas verantwortlich gemacht. Nicht nur das, Granet bringt auch das Dao-Konzept mit der frühen Landordnung zusammen  (Heldenepos über den grossen Yü). Die Ming-t'ang Hütte ist nicht nur - als Kern von Festwesen und Kalender - oberstes Gesetz, sie ist auch Grund- und Zentralmetapher räumlich für  das ganze Land und rechtlich für die diesbezüglichen Anordnungen des Fürsten, Königs oder Himmelssohns, und sie ist schliesslich auch, im Zusammenhang mit Landverteilung, Inbegriff - und wohl auch Ursprung - des Dao, eines kognitiven Konzeptes das als komplementäre Einheit von Bewegung und Statik (analog zum ähnlichen YinYang Denken) die Objekt-bezogene Denkstruktur Chinas über Jahrtausende prägte.

Man möge also bitte nicht - wie an dieser Tagung gehört - apriori davon ausgehen, Asienforschung sei endlos kompliziert, das hängt vielmehr an uns selbst. Es hängt wesentlich daran, dass wir methodologisch die eurozentrisch historischen Bedingungen, die in unserem Wissenschaftsgefüge angelegt sind, mit Bezug auf andere Kulturen nicht herauszufiltern vermögen. Anthropologisch-philosophisch entdecken wir im Dao wie im YinYang-denken ein ungeheuer leistungsfähiges kognitives Prinzip, das sich - negativ - gegen Disharmonien abgrenzt und - positiv - mit komplementären Harmonien Spannungen erzeugt, und zugleich, über diese Spannungen von gegensätzlichen Einheiten, eine ungeheure Metaphorik  entfaltet, die uns in asiatischen Kulturen als das ganz Andersartige fasziniert.

Indien: Die Holi-Kult-Pfeiler  der Konkan Gegend Maharashtras

Vor kurzem haben wir in unserem Forschungsinstitut in Indien <13> eine Untersuchung an 100 ausgewählten Dörfern in der Konkan Gegend in Maharashtra abgeschlossen, die klar zeigt, dass in rund 1600  Agrar-Siedlungen der Gegend toposemantische Kultsysteme [mit semantischer Architektur] sich offensichtlich aus vor-vedischer Zeit traditionell erhalten haben. Die Ergebnisse der Untersuchung weisen mit Nachdruck darauf hin, dass auch in der Indologie unter völliger Vernachlässigung siedlungsanthropologischer Bedingungen, bloss historisch gestützte, extreme Idealisierungen am Werk sind, die alte Textüberlieferungen fahrlässig entstellen.  Die Volkskunde Indiens ist noch kaum entwickelt. Ihr kommt in enger Zusammenarbeit mit der westlichen Ethnologie und Kulturanthropologie eminente Bedeutung zu.

Asiens Relationalismus ist theoretisch inkompatibel zum europäischen Rationalismus

Um hier nocheinmal auf Richard Wilhelms idealisiertes I Ging  zurückzukommen:    wir sind im Westen der Analytik, der neoplatonischen Idealisierung der Scholastik und anderen Strukturprinzipien unserer eigenen Kulturgeschichte zutiefst verhaftet und können deshalb den stark empirisch und materiell geprägten Relationalismus Asiens gar nicht begreifen. Er  ist inkompatibel, ja antithetisch zu unserem analytisch rationalen System.

Wer hingegen den Begriff Polarität (oder Komplementarität) in seinen ästhetischen, ontologischen und sozialen Implikationen versteht, ihn in  entsprechenden materiellen Ausprägungen als Kunst, als Religion, als Siedlungsorganisation, auch im Hinblick auf soziale Struktureigenschaften, oder als Philosophie,   vor allem auch als autonome Gestaltung im Zusammenhang mit semantischer Architektur zu lesen vermag, wird sehr schnell entdecken, dass Asien in all seinen heterogensten Ausformungen einem sehr einfachen Prinzip folgt, eben dieser Polarität. Yin und Yang ist Polarität. Die daoistische Forderung, dass alles Lebendige, geistige an einer bewegten Kategorie teilhat, ist Polarität. Immer vermag dieses Prinzip zu vermitteln zwischen ganz verschiedenen Objekten. Die polare Struktur der Dinge bildet Analogien, die  sich nach Möglichkeit in harmonischen  Beziehungen gestalten und so - ganz im Unterschied zum westlich analytischen Denken der isolierten Sachverhalte - eine vom Mikro- zum Makrokosmos ausgreifende Welt der All-Einheit, oder zum mindesten der All-Ähnlichkeit zum Ausdruck bringen. Es ist - wie gesagt - dieser ‚contra-platonische‘ empirische Reichtum an metaphorischen  Denk- und Bildinhalten der die asiatischen  Kulturen so faszinierend macht.
 
 

ASIATISCHE UND EUROMEDITERRANE DENKSTRUKTUREN
IM VERGLEICH

Ob Kulturforschung allgemein oder Asienwissenschaften im Speziellen,  letztlich geht es in all diesen Fächern um die  anthropologische Frage: wer ist der Mensch, welche Ideen hat er entwickelt und  wie lebt er in einer spezifischen Umwelt, in einer bestimmten Kultur, in einem spezifisch entwickelten Milieu?

Siedlungsanthropologie ist nicht nur inter-kulturell vergleichend, sie rekonstruiert auch entwicklungstheoretisch.  Wissenschaftlich heisst das: Überwindung der rationalistisch definitorischen Rückprojektionen aus der endlosen Mannigfaltigkeit des Jetzt. Entwicklung impliziert immer eine extrem reduzierte Menge von Anfangsbedingungen. Gelingt es ihr, die ins Auge gefasste Entwicklung sinnvoll darzustellen, so gewinnt eine Entwicklungstheorie unter Umständen höchste Plausibilität.

Entsprechend lässt sich sagen: Was wir letztlich brauchen ist eine objektiv arbeitende Anthropologie, die in ganz verschiedenen Kulturen mit verlässlichen Kriterien, etwa Aspekten des Siedlungsverhaltens, vergleichend untersucht und sich dabei vornehmlich auf Ähnliches, auf Verbindliches richtet. Wenn sich derart, ausgehend etwa von den Asienforschung, nachweisen liesse, dass wesentliche humane Denkstrukturen sich im engen Zusammenhang mit räumlichen Ordnungen des Siedelns entwickelt hätten, so ergäbe sich für die Humanforschung ein ganz neuer Zugang: Kulturanthropologie liesse sich wesentlich auch als Siedlungsanthropologie betreiben.

Nun hat die asiatische Denktradition,  insbesondere die Chinesische, in welcher sich kontinuierliche Denkstrukturen historisch über rund 5000 Jahre belegen lassen,  verglichen mit der mediterran-europäischen Geschichte des Erkennens und Denkens - eine grosse Kontinuität bewahrt.  Auf Harmonien angelegte, relationale Denkstrukturen vom YinYang Typus ziehen sich durch die ganze chinesische Geschichte, wesentlich bis ins Heute, zumindest bis zum Beginn unseres Jahrhunderts.

Hingegen ist die westliche Geschiche des Erkennens und Denkens im Gegensatz zu Asien  gekennzeichnet von grossen Umbrüchen. Es besteht keine direkte Kontinuität von den alten Hochkulturen im Vordern Orient und im Alten Aegypten, ausser vielleicht in der theokratischen Struktur der Religionen. Vor allem die sog. "Entdeckung der Wissenschaft" (Snell) durch die Griechen, hat in Europa und im Westen völlig andere Denkformen entstehen lassen als in Asien.   Der platonische resp. neoplatonische Idealismus ist entscheidende Grundlage der christlichen Scholastik geworden. Auch die aristotelische Schule hat in zweiter Linie auf sie gewirkt.  Sie liegt aber vor allem, antithetisch zum platonischen Idealismus, dem Humanismus, der Ausbildung der empirischen Wissenschaften und der Aufklärung zugrunde.

In den europäischen Geisteswissenschaften ist das Entstehen der griechischen Philosophie heute wesentlich historisch im engeren Sinne verstanden. Es wird als etwas völlig Neues genommen, das dem Genius der Griechen zugeschrieben wird. Natürlich hat die attische Blüte der griechischen Philosophie  in der weitgehend fragmenthaften Geschichte der  Vorsokratiker ihre stark spekulative und vorbereitende Phase. Doch auch das bleibt weitgehend im engeren Sinne historisch.

Nun greifen wir zurück auf die in Asien gewonnene Hypothese, dass das frühe, agrare Siedlungswesen (wohl bereits neolithisch, besonders  metallzeitlich, aber auch als nichturbane Schicht in historischer Zeit) harmonische Ordnungsstrukturen entwickelt, die auch als polare (oder komplementäre) Erkenntnis-, Denk- und Gestaltungsstrukturen vom YinYang- (oder Dao-) Typus zum Ausdruck kommen.

Das Erstaunliche: es ist nicht schwer diese Hypothese auch auf vorderorientalisch-altägyptische Bedingungen anzuwenden. Sowohl auf der Ebene von Architektur und Kunst wie im Kultwesen (Tempel als monumentale 'Inkrustation' von Prozession und Ort) wie auch in den politisch-räumlichen Ordnungen (Ober-Unter-Aegypten) sind  kognitiv-polare Strukturen deutlich zu erkennen. Das All wird als "das was ist und das was nicht ist", dh. aus zwei komplementären Teilen bestehendem Ganzen verstanden. Urzeit ist die Zeit "ehe noch zwei Dinge in diesem Land entstanden waren" (Sargtexte). Die Urgötter sind männlich, zugleich weiblich. Das geographische Weltbild teilt sich in Erde (männlich) und Himmel (weiblich). Aegypten besteht aus "den beiden Ländern" (oben und unten). Königstitel, Insignien, Königsgötter werden auf die "beiden Länder" verteilt. Besonders in der Theologie ist die Polarität wichtig:  sie erlaubt Paarbildungen (d.h. Synthesen) nicht zusammengehöriger Götter, wie auch zur Götterspaltung in Paare. In den Gründungslegenden, den Überlieferungen zur sog. "Weltschöpfung" sind Polaritäten Legion, sei es als Geschlechterpolarität von Ur-Gottheiten oder als Trennung von Himmel und Erde (Geb, Nut). Die Zuordnungen dieser verschiedenen Weltschöpfungen zu verschiedenen Städten (Hermupolis, Heliopolis, Memphis), und ihren Regierungssystemen, ihre Beziehung zu 'Urhügeln', zu bestimmten Kulttraditionen und zur Tier- und Pflanzenwelt des Alten Ägypten, ebenso ihre genealogische Funktion zeigen klar, dass es sich darin um siedlungsbezogene Verfassungssysteme handelt, wie Hermann Kees (1956) klar gezeigt hat. Wir können somit mit einiger Berechtigung unsere in Asien gewonnenen Hypothesen durchaus vertreten.


Betrachten wir mit diesem Ergebnis die Anfänge des Europäischen Denkens in Griechenland. Folgende Punkte drängen sich auf:


DIE VORSOKRATIKER ALS UEBERGANGSFELD
UND DIE ANALYTISCHE WISSENSCHAFT EUROPAS
ALS KATEGORIAL UMGEPOLTE POLARITÄT

Dh. die sog. vorsokratische Philosophie kann weitgehend als 'Übergangsfeld' aufgefasst werden. Vorderorientalische Verfassungen (textlich oder verbal) standen zur Verfügung und wurden spekulativ diskutiert (sog. ‚Kosmologen‘, Naturphilosophen). Das Gebiet wird schliesslich in der attischen Philosophie von Sokrates, Platon und Aristoteles systematisiert. Platon und Aristoteles  lösen Heraklits stark noch im Alten Orient verwurzelte, polarkategoriale Harmonien analytisch auf. Platon mit seiner Ideenlehre, Aristoteles mit seinem rational-empirischen System.

Darauf beziehen sich auch heute noch höchst absurde Statements wie: „Unser europäisches Denken hebt an bei den Griechen und seitdem gilt es als die einzige Form des Denkens überhaupt.“ oder „Die Griechen haben....was wir denken nennen, erst geschaffen: die menschliche Seele, der menschliche Geist wurde von ihnen entdeckt.“ (Bruno Snell, Die Entdeckung des Geistes, 1948).

Bezeichnenderweise konnte sich dieses neue System  dennoch nicht ganz von seinen polaren oder komplementären Voraussetzungen befreien, indem - gleich zu Beginn -zwei grundsätzlich verschiedene Systemhälften entstanden, nämlich zum einen jenes, das das neue analytische Instrument dazu verwendete, die Materie aus der ehedem polaren Beziehung auszuschliessen. Materie wurde als minderwertige ‚Verkörperung‘ einer apriori existenten rein geistigen Welt der Ideen postuliert. Zum andern wurde, mit dem gleichen analytischen Instrument die andere Gegenwelt definiert, jene, die sich wesentlich  an der empirisch zugänglichen Materie orientiert.

Das heisst: die sog. Spaltung in 'Geistes-' und 'Naturwissenschaften' ist hier bereits klar angelegt. Platon und Aristoteles haben grob zwischen 400 und 300 v. Chr. gelebt. Das was uns heute in unserem Denken als Spaltung von Geistes- und Naturwissenschaften prägt, wurde  vor gut 2300 Jahren bereits programmiert.

Dieser Akt der Programmierung wird nun allerdings auf ganz neue Art und recht hintergründig einsichtig, indem Platon und Aristoteles selbst wieder bedingt sind von der Tradition in der sie stehen.  Ihre konträren Positionen  können  zugleich auch komplementär interpretiert werden. Platons absolute Ideenlehre spiegelt die indefinite Kategorie des polaren 'eidolon', des Urmodells der agraren Siedlungsordnung.  Aristoteles dagegen übernimmt dessen empirisch definite Funktion (Gott als der 'unbewegte‘ Beweger!). Platon  und Aristoteles, die gigantischen Programmierer sind somit beide wiederum selbst programmiert.

Anders gesagt: ein neues Bild vom Menschen wird sichtbar. Er bleibt in seinen Traditionen gefangen. Trotz scheinbar gewaltigen Umwälzungen erhalten sich immer Kontinuitäten, eine Art Leitplanken, die die Herkunft der Gedanken sichtbar werden lassen. Und in der Tat, die bald absolut dualistisch, bald relational polar vermengte Kombinatorik zieht sich durch das ganze Denken Europas. Bis zu Hegel schreibt es sich wesentlich einer mit wechselnden Zusammenhängen  beschriebenen 'Axis Mundi' ein. Himmel und Erde, das Allgemeine, Gott, der Mensch, Glaube, Struktur der Gesellschaft, das ideale Leben.

Das Geheimnis liegt somit darin, dass sie alle, die grossen Philosophen, das Grosse der Räumlichkeiten beschwören, in die sie in ihrer Zeit gelangt sind, ungewahr dessen, dass diese vom Menschen aus  verstandene Welt, als Gewachsene, einst klein war. Die Welt, das gross gewordene Dorf!

Zurück zur Wissenschaft! Sie ist somit nicht eine geniale Entdeckung, eine Erfindung aus dem Nichts, sie ist  immer auch der Entwicklung unterworfen. Platon und Aristoteles sind lediglich zwangsläufige Entwicklungsschritte in der räumlichen Ausdehnung der Reichskonzeptionen. Ein älteres Denksystem wird umgepolt, anders interpretiert. Aus dem polarharmonischen Oben UND Unten entsteht durch kategoriale Isolation "Oben ODER Unten", ein   isolierendes, urteilendes Denken.  Die Einsicht relativiert die Wissenschaft. Sie tritt zwangsläufig in Dialog mit ihrem Erzeuger, dem anthropologisch relevanten, kognitiven System der Polarität. Ist Platons Ideenlehre reine Spekulation? Wir müssten einiges in Europa in Frage stellen. Wie steht es mit Aristoteles? Lenkt die Wissenschaft - möglicherweise tödlich - vom Menschen ab?

Anders gesagt: Asien und sein Denken wird potentiell zum Basisfeld  wissenschaftlich kognitiver Grundlagenforschung. Fragen wie die folgenden erheben sich: Ist polares Denken humaner? Was haben wir im Westen bezahlt für die Wissenschaft, was bezahlen wir heute, wo führt sie uns hin? Entstellt Wissenschaft die Welt, etwa in der Religion, indem sie falsche Leitbilder schafft,  den Menschen damit seiner realen Verantwortung enthebt? Und andersrum auch in den empirischen Wissenschaften, indem diese den Menschen in eine endlose Welt isolierter Sachverhalte stellen, die letztlich keiner mehr unter Kontrolle zu bringen vermag?
 
 

SIEDLUNGSANTHROPOLOGIE:
EINE NEUE OBJEKTIVE UND GLOBALE BASIS ZUR KULTURTHEORIE

Damit sind wir wieder beim Grundthema, das wir anschliessend an die offizielle Diskussion der Tagung einbrachten: die Strukturproblematik von Natur- und Geisteswissenschaften. Wir sagten, die Naturwissenschaften könnten sich frei  entfalten und ausdehnen, wogegen die Geisteswissenschaften eurozentrisch ethisch gebunden seien. Wir haben mit der siedlungsanthropologischen Methode einen wissenschaftlich objektiven Weg gezeigt, mit dem sich die Kulturforschung von diesen eurozentrischen Bindungen zu befreien vermag und objektive Einsichten über die humane Kulturentwicklung als Siedlungsentwicklung gewinnen kann.

Wir erkennen, dass die Sicherung des Raumes in der Vorgeschichte eine entscheidende Stellung einnahm, dass territoriale Sicherungssysteme und ihre Demarkationen das vorbereiteten, was wir heute mit Göttern, Tempeln, Kulten und Riten und Glaubensvorstellungen als Religion bezeichnen. Verbalisierungen haben von faktischen Kulten und objektiven Toposbeziehungen abstrahiert, das Ganze wurde sukzessive räumlich extensiv interpretierbar und auch manipulierbar. Es hat sich über Sequenzen von Imperial- und Reichskulten  vor allem über Fiktionen platonischen Typs  und über die Forschungen der Astronomie und Physik schliesslich in den Weltraum ausgedehnt und so auf die ganze Welt global extrapoliert.

Indem nun in ganz verschiedenen Kulturen nicht nur vergleichbare Siedlungsentwicklungen feststellbar werden, sondern, im Sinne der kognitiven Anthropologie, auch ähnliche, fundamentale Perzeptions- und Konzeptionsstrukturen sich zeigen, werden urbane oder hochkulturliche Verschiedenheiten plötzlich von ähnlichen Grundschichten her neu verständlich.

Die Geisteswissenschaften rücken methodologisch den sog. 'Naturwissenschaften' näher. Es ist nicht mehr, wie Dilthey noch meinte, die Geschichte im datierbaren Sinn, die Kultur bestimmt, sondern vielmehr eine globale Entwicklung mit den ihr eigenen Progressionen und Retardationen. Nicht mehr die datierten Tranchen, vielmehr ein Gebilde von thematischen Entwicklungssträngen. Es ist denkbar, dass eine objektive Siedlungsanthropologie als Kulturanthropologie global ein realistischeres Verhältnis zum Menschen als Kulturwesen gewinnt.  Vielleicht gelingt es so den 'Humanities' aus ihrem Elfenbeinturm herauszukommen und den sog. Naturwissenschaften, der Technologie und dem Markt zu sagen, wer der Mensch eigentlich ist, was er wirklich braucht. Die Kulturforschung könnte so eine eindämmende Wirkung auf die ungehemmt nur nach dem Leistungs- und Profitmotiv sich ausdehnende Produktion ausüben. Womit wir zugleich wieder beim Tagungsthema  wären. Markt und Effizienz: nicht der Markt dikitiert, sondern die anthropologische Relevanz.



Anmerkungen
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