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DIE SICHERUNG DES FR†HEN SIEDLUNGSRAUMS UND DIE JAPANISCHE DORFKULTUR


Das bisher Rekonstruierte vermittelt uns recht klare Vorstellungen darŸber, wie man in vorgeschichtlicher Zeit im Rahmen einer altŸberlieferten Tradition den agrar-dšrflichen Siedlungsraum sicherte. Erstaunlich friedlich! Es geschah Ÿber ein recht stereotypes Weg-Ort-Schema, das sich primŠr Ÿber ein elementares fibrokonstruktives Zeichensystem formiert und im Akt der Markierung in nuce die ganze Siedlung definiert. <40> Das gilt nicht nur rŠumlich, sondern auch kultisch und sozial.

Indem das gesetzte Mal das in Beschlag genommene Siedlungs- und Anbauterritorium reprŠsentiert, erzeugt die GrŸndung zwangslŠufig diachronisch soziale Hierarchie <41>. Mit den Abkšmmlingen des GrŸnders bereits, spŠter mit ZuzŸgern, bahnt sich ein Verteilprozess an, der vom initialen Gesamtanspruch des GrŸnders, resp. des GrŸnderhauses ausgeht: der entsprechende ReprŠsentant kann als Priester (kami-nushi, Besitzer der Gottheit), und Sippen- oder Dorfchef (uji no kami) Ÿber den Existenzraum verfŸgen, dh. Landzuteilungen bestimmen. Von diesem Aspekt her versteht sich einmal die funktionelle WertschŠtzung der Markierung. Es gibt handfeste Interessen, sie rituell zu erhalten. Haus- (ie, honke, bunke) und Stammlinien (d™zoku) entwickeln sich in diesem Interesse, kšnnen so auch reiche Abwandlungen zeigen. PrimŠr ist jedoch, in der zyklischen Erneuerung der Markierung, die Archivierung der territorialpolitischen Vorrechte des GrŸnderhauses und seiner Abkšmmlinge.

Die Kultmale bildeten schliesslich zeitlich einen uralten Festkalender, bei dem immer je das Einst der GrŸndung ganz konkret ins Jetzt einbrach. Wir sahen die Zeichen im Kult auch menschliches Verhalten prŠgen. Eine traditionelle 'Moral', - in hšchsten Wertvorstellungen - wird sichtbar. Die morphologische Untersuchung Ÿberdies hat deutlich gezeigt, dass die herkšmmlich recht unbedeutend eingestufte elementare Bau-Technologie reiches Kulturgut aus tiefer Zeit zu speichern vermochte. Die 'axis mundi' ist sichtbar! Wir kšnnen ihren immanenten Wert verstehen. Eine spezfische 'Weltsicht', eine lokale Ontologie, existentiell sinnvoll, zeichnet sich ab. Steht vielleicht das polare Harmoniemodell in ihrem Kern an einem siedlungsgenetischen Anfang des Metaphysischen? Erkenntnistheorie, Aesthetik, Symbolik. Sind diese Symbole ein mšglicherweise einflussreicher Anfang der japanischen Kultur?

Traditionelle Dorfkultur und historische Kultur

Dšrfliche Raumordnung, soziale Hierachie, Territorialpolitik, rŠumliche 'Schrift' und kultisches 'Archiv' der lokalen Territorialgeschichte, eine uralt Ÿberlieferte Kunst, die nicht bloss OriginalitŠt, sondern - existentiell - 'origo', Ursprung, bezeugt, jedes Jahr buchstŠblich 'kultiviert' von den Alteingesessenen, die hšchsten Werte reprŠsentierend, in freudig-ekstatischen Festen gefeiert, im Rahmen eines harmonischen Wertsystems, einer polaren Ontologie, die Norm und Anomie, Kultur und Unkultur zu harmonischen Einheiten fasst. <42>

Das heisst, im sakralen Raum des Dorfshint™ deutet sich - siedlungsgenetisch gesehen - eine japanische Dorfkultur an, die weit komplexer ist, als dies im allgemeinen im konventionellen Rahmen der Disziplinen dargestellt wird. Mit der siedlungsgenetischen Methode zeigt sich aber nicht nur eine heute kaum mehr bekannte Kultur <43>. Auf der Basis dieser ethnohistorischen Rekonstruktion lŠsst sich auch einiges in der grossen Tradition neu entdecken. Besonders eindrŸcklich ist, dass sich das fŸr den Dorfshint™ geforderte Zwei-Schichtenbild auch an alten historischen und zentralisierten Schreinsystemen heute noch beobachten lŠsst. Am Hauptfest der folgenden Schreinanlagen erscheinen jeweils Kultbauten, in denen sich Ur-SŠchlichkeit ganz offensichtlich materiell und baulich zum hšchsten Wert verdichtet.

Schliesslich finden wir auch mit der territorialen Komponente neue ZugŠnge in die japanische FrŸhgeschichte. Offensichtlich ist die Zweischichtigkeit der japanischen Mythen. Einer Grundschicht von Gštternamen der frŸhesten Generationen, die noch deutlich im Schilfmilieu beheimatet ist, folgt eine rŠumlich entwickeltere, chinesisch beeinflusste Ueberlagerung. Es erhŠrtet die These, dass auch der zentralistische Shint™ ursprŸnglich eng mit vorgeschichtlich lokalen dšrflich-bŠuerischen Territorialverfassungen zusammenhing. Dies legt dann auch nahe, dass mšglicherweise die EinfŸhrung des Buddhismus nicht bloss von religišsen GefŸhlen getragen war: er setzte die vorgeschichtlichen Lokalverfassungen ausser Kraft. Sicher haben entsprechende Faktoren auch dazu beigetragen, dass es zur Taika Reform (646) kam, in welcher der Kaiser oberster Landbesitzer wird. Unser Thema zusammenfassend lŠsst sich vielleicht sagen: der sakrale Raum des vorgeschichtlichen Agrar-Dorfes war in Japan konstitutiv fŸr die Geschichte seiner Territorialverfassung.


SCHLUSS


Ausgehend von BOLLNOWs anthropologischer oder siedlungsgenetischer Raumtheorie haben wir uns in Japan mit dem Thema >sakraler Raum< befasst. BOLLNOWs Raum lieferte das Argument zum Herauslšsen der Zelle Siedlung samt ihrem sakralen Raum, den wir als emisch wertzentral, als 'lokale Ontologie' auf die theoretischen Bedingungen hin anpassten. Wir forderten ein Schichtenbild des Dorfshint™ und beschrieben exemplarisch ein Fest als sakrale Topographie. Auf das einzelne Siedlungsbeispiel wurden die Ergebnisse der Untersuchung an hundert benachbarten Dšrfern projiziert.

Indem wir so die heute entwickelten Schreinanlagen des Dorfshint™ in KontinuitŠt setzten mit einer Šlteren explizit toposemantischen Architektur, den Gšttersitzen, liess sich eine KontinuitŠt aufweisen, die von vorgeschichtlichen Dorfkulturen weit in die Geschichte, temporŠr oder mystifiziert im Shint™ vielerorts selbst bis heute reicht. In diesem Kontinuum von hšchsten Werten - im sakralen Raum der Siedlung - erscheint ursprŸnglich die Sicherung des Siedlungsraums von zentraler Bedeutung.

BOLLNOWs Thesen werden damit nicht nur voll bestŠtigt, seine Raumtheorie erhŠlt eine neue Dimension. Kultur rŸckt sehr nahe zum anthropologischen Begriff des Raums. Kulturentstehung, und zwar im 'hohen' Sinne, wird siedlungsgenetisch denkbar im sakralen Raum der Siedlung. YANAGITA Kunio hat es fŸr Japan einst deutlich gesagt: die Kult-Feste (matsuri) sind das Tor zur japanischen Kultur. Und wohl auch ihr eigentlicher Anfang. Zweifellos schšpft Japans Kultur aus seinem 'menschlichen Kultur-Raum' wesentlich auch heute noch seine vielbewunderte Kraft, denn dieser 'menschliche Raum' bedeutet - wie BOLLNOW zeigt - immer auch Identifikation. Zum Schluss: zu Beginn dieses Aufsatzes haben wir darauf hingewiesen, dass die Kategorie Raum, neben jener der Zeit, in zahlreichen Humanwissenschaften grundlegend sei. Zeit wurde immer wieder intensiv reflektiert. Raum dagegen gilt den meisten als selbstverstŠndlich. Dass man so, in den westlichen Human-Wissenschaften, den Raum der Physik und Mathematik ŸberlŠsst, mag - vom 'rŠumlichen Humanismus' Japans aus gesehen - 'dem Menschen im Menschen' nicht unbedingt fšrderlich sein.


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