- Fortsetzung -
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Im religionsethnologischen Rahmen wurden solche PhŠnomene Ÿber Jahrhunderte von christlichen Missionaren weltweit als 'Fetische' und dgl. verzeichnet und dokumentiert, meist hat man sie aber im skizzierten eurozentrischen Religionskonzept abwertend oder primitivisierend interpretiert. Religionshistorisch kennen wir sie als "LebensbŠume" u. dgl.. Dort werden sie meist im spezifischen historischen Kontext interpretiert (z.B assyr. LebensbŠume). Die europŠische Volkskunde kennt Šhnliches als "MaibŠume" und dgl. (KAPFHAMMER 1977, MANNHARDT 1963). Architekturanthropologisch gelten "Gšttersitze" als >Semantische Architektur<, das heisst als eine bisher kaum registrierte, aber wichtige Klasse von weltweit verbreiteten Bauformen mit rein semantischer Funktion (primŠr ohne Innenraum). Zu diesem weiteren Zusammenhang und zum Forschungsfeld Architektur-Anthropologie siehe EGENTER 1986, 1987a, 1990b, 1990c, 1992ff., 1994c.

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Neben den dokumentarischen Grundlagen des Autors (EGENTER 1980, 1982, 1994d) sind mehrere Arbeiten in verschiedenen ZusammenhŠngen japanischen Festen gewidmet, in denen Gšttersitze eine zentrale Rolle spielen (EGENTER 1979, 1981a, b, 1982, 1984b, 1989a, 1989b).

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Ein entwickelterer Typus mit Šhnlicher Funktion (temporŠre Sitze von Gšttern) sind die ebenfalls weit verbreiteten beweglichen Schreine oder 'GšttersŠnften' (mikoshi). Sie Ÿbernehmen in ihren recht stereotypen Kultfunktionen deutlich die von den fibrokonstruktiven Markierungen durch zyklische Zerstšrung des Ordnungszeichens (Ortlosigkeit, Ek-stase, Chaos) und Erneuerung (Reinstitution der Ordnung) vorgezeichnete Ritual-Struktur, indem die Gottheit aus dem statischen Zustand (im Schrein) in (oft wilden) Prozessionen (o-watari) dynamischen Kategorien unterworfen wird (vgl. o-tabisho, Reiseplatz). Der Mensch selbst gehorcht - bei beiden Typen - diesen ek-statischen Bedingungen (KŠmpfe, Trunkenheit, Nacht, LŠrm etc.). Bei den entwickelteren GšttersŠnften (mit verschliessbarem Innenraum) ergibt sich die Sakralisierung mit der meist durch einen zentral formierten Priester vorgenommenen Uebertragung des Ÿbers Jahr im verschlossenen Schrein aufbewahrten Gšttersymbols (shintai) auf den beweglichen Schrein (mikoshi).

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Er kann sich teilen (bunrei) und hat in konkreten Symbolen durchaus seinen "Leib" (shintai). In der herkšmmlich eurozentrischen Einstufung wird dies degradierend verzeichnet, doch lassen sich umgekehrt kulturanthropologisch kritisch auch die historistischen Konstruktionen der europŠischen Scholastik in Frage stellen (s. EGENTER 1992ff. Band 3 >Der ewig brennende Dornbusch<)

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s. EGENTER 1992ff. Band 1

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An einer gemeinsamen Tagung der >Deutschen Gesellschaft fŸr Všlkerkunde<, der >šsterreichischen Ethnologischen Gesellschaft< und der >Anthropologischen Gesellschaft in Wien< wurde die Methode als 'strukturale Ergologie' in Beziehung zum 'Strukturalismus' LEVY STRAUSS' skizziert und hinsichtlich dreier AusdrŸcke prŠzisiert: 'Bifurkation des europŠischen Erkennens', 'PolaritŠt und Dualismus' und 'Struktur und Modell' (s. EGENTER 1983b).

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Damit ist im kulturanthropologischen Rahmen ein zur wissenschaftlichen Analytik antithetisches kognitives System gemeint, das gegensŠtzliche Kategorien nicht definitorisch trennt, sondern sie zu harmonisch intendierten Einheiten fŸgt. Es findet sich in zahlreichen Kulturen, etwa AltŠgypten, bei Heraklit, im europŠischen Mittelalter (coincidentia oppositorum), aber auch in China (Yin-Yang), Japan (wa, iny™) und Indien (Sri Yantra). Der Westen stuft diese Systeme als 'mystisch' oder 'prŠ-logisch' ein, weil sie auf der Formel 1 = 2 fussen, was natŸrlich zum analytischen Denken (1 =|= 2 [Anm.: eins ungleich zwei]) absolut inkompatibel ist. Eine philosophiegeschichtliche Darstellung dieser ZusammenhŠnge findet sich in EGENTER 1990a, siehe auch EGENTER 1992ff. Band 3: >Die UrsprŸnge der Wissenschaft und die VerdrŠngung der Harmonie der Kunst<.

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Man beachte dasss 'Zwei-Einheit' oder 'Drei-Einheit' in manchen Religionen und Kulturen theologische oder philosophische Grundbegriffe sind.

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In einigen Dšrfern der Untersuchung (z.B. Goshonai) werden kŸnstliche BŠume als Gšttersitze gebaut. In verschiedenen Arbeiten wurde mit diesem PhŠnomen die kulturanthropologisch weitere Frage nach dem kognitiven Modellcharakter semantischer Architektur, resp. der untersuchten Gšttersitze verbunden. Hat der Mensch den natŸrlichen Baum Ÿber Analogien zu seinen territorialen Kultmar-ken als Form perzeptiv (und in seinen symbolischen Bedeutungen) aus dem Naturbestand herauszulšsen vermocht? (s. EGENTER 1980 : 144-150, EGENTER 1981b)

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In der Religionswissenschaft haben sich LUDWIG (1983) und WERBLOWSKY (1990) in ausfŸhrlichen Buchbesprechungen positiv zu dieser Methode gestellt: "EGENTERs Darstellung und Diskussion ist unschŠtzbar, nicht nur wegen dem Reichtum seiner Materialien, den durchgehenden Analysen und seinen gewagten Hypothesen, sondern auch weil er Religionsgeschichtler lehrt, ihre eigenen, fŸr selbstverstŠndlich genommenen Axiome und Annahmen neu zu Ÿberdenken (WERBLOWSKY 1990). Siehe hiezu auch BL†MMEL 1984 und KNECHT 1982.

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Die 'religišse' Einstufung solcher Vorstellungen zerreisst den wahren Sachverhalt. Analytischem Denken nur schwer verstŠndlich: das traditionelle kognitive System legt die Betonung auf die Relation, auf die harmonische Option. Das Unbekannte (Un-kultur, nicht Natur im westlichen Sinne) wird mit dem Bekannten (Kultur) verschrŠnkt. Das Vereinen der gegensŠtzlichen DomŠnen impliziert Harmonie. Nichtbeachtung der harmonischen Bedingung zwischen akkulturierter und nicht-akkulturierter DomŠne bedeutet potentiell Chaos. Nota bene: wir beginnen heute - auf einer hšheren Ebene - solche Denkweisen wieder zu verstehen!

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Dieses elementare VerhŠltnis von tabuisiertem Gštterwald und geebnetem Kultplatz, wobei der oder die Schreine auf der Grenzlinie zwischen den beiden DomŠnen stehen, bleibt auch in meist spŠteren Schreinanlagen in der akkulturierten Ebene noch erhalten.

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In Anlehnung an Dagobert FREYs (1949) Untersuchung der Sakral-Architektur afro-eurasischer Hochkulturen. FREY zeigte in seiner grundlegenden Arbeit, dass in grosser Verbreitung vom Mittelmeerraum bis nach China und Japan sakrale Monumente mit entsprechenden Zugangswegen eine polar gestaltete Einheit bilden. Zum polar-harmonischen Raum am Beispiel des japanischen Hauses siehe EGENTER 1991b. Zum Thema 'Festachse' siehe EGENTER 1993.

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DOMENIG (1988) hat den Text mit Bezug auf die lokale Geographie und Landschaftsgestalt als Landnahme-Legende gedeutet. Uns interessiert hier jedoch mehr der ethnologisch herausgearbeitete siedlungsgenetische Symbol- und Funktionskomplex.

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Ueblicherweise 'kleiner Schrein'. DOMENIG (1988) deutet ihn als 'Mal' (von 'shirushi', Zeichen). Vgl. auch HARADA (1961a).

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Vgl. hiezu KREINERs (1969) Zusammenfassung der japanischen d™zoku-Diskussionen (:36).

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Andernorts wurde dieses Modell mit globalem Bezug zur Felskunst kulturanthropologisch verallgemeinert dargestellt (EGENTER 1994a)

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HARADAs idealisiertes Urmodell des Dorfes (1960) wird durch dieses explikatorisch fruchtbarere siedlungsgenetische Modell in Frage gestellt.

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Die historisch begrŸndete, linear fortschrittlich denkende Moderne hat Schwierigkeiten im VerstŠndnis zyklischer Gesellschaften. Die 'Ek-Stase' im weitesten Sinne, jenes ganz andere Leben, in dem die beschwerlichen Normen des Alltags aufgelšst sind, wird linear als Utopie in die Zukunft projiziert (wobei es oft ungut herauskommt). In der zyklischen Gesellschaft ist die Antithese zur Norm weitgehend zyklisch eingebaut (hšchst-wertige Ek-stase im Kult). Dies ist sicher mit ein Grund, dass sich vorgeschichtliche Agrargesellschaften nur langsam entwickelt haben.

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Unbekanntes Japan! MIYAZAKI hat unter dem Titel "Wara" [no bunka] (1985) in zwei BŠnden ein betrŠchtliches Material aus der japanischen Volkskunde zusammengetragen, das auch von der sŠkularen Seite her den Reichtum einer aus fibršsen Stoffen erzeugten Sachkultur (Schuhe, Bekleidung, Kopfbedeckungen, GerŠte, Netze, Transportmittel) zeigt. Die reichen lokalen Diffe-renzierungen und die šrtliche Autonomie der Fertigungsweisen zeigen klar, dass es sich um Traditionen handelt, die in der Vorgeschichte wurzeln. Der ArchŠologie mŸssen solche Sachverhal-te definitionsgemŠss (dauerhafte Uebereste!) entgangen sein.

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Der Erneuerungszyklus hŠtte sich dementsprechend von dšrflichen Strukturen bei den Ise-Schreinen im grossen Masstab auf die gesamte Anlage Ÿbertragen. EindrŸcklich in Ise sind Ÿberdies die Schreinanlagen mit ihren gestuften Axialsystemen. Sie entsprechen dem herausgearbeiteten 'Weg-Ort'-Schema. Vermutlich ist auch die Lage der Ise-Schreine in Mitteljapan vom damals bekanntem SŸden aus gesehen mit Bezug auf den noch wilden Norden nicht zufŠllig.


Zu den Anmerkungen
Zum Haupttext 1, 2, 3, 4
Zur Bibliographie
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