Fortsetzung (3. Teil)

SCHLUSS

Fassen wir zusammen! Wir haben verschiedene Komplexe gestreift, die Wohnen in ganz anderen ZusammenhŠngen zeigen.

Wir EuropŠer haben Schwierigkeiten, diese Strukturen zu verstehen. Die europŠische Kulturgeschichte, verlŠuft seit der AufklŠrung auf rationaler Basis. Gilt in einer bestimmten Zeit etwas rational als richtig, so wird es auf allen Ebenen im Sinne des neuen "Zeitgeists" reproduziert, auch wenn sich - immer wieder - Ÿber kurz oder lang herausstellt, dass es verfehlt war. Das gilt auch insbesondere fŸr die neuere Architektur und den StŠdtebau. Der Mensch ist der WillkŸr der Entwerfer ausgeliefert. Das Archetypische wird derart unter dem immer Neuen verschŸttet.

DemgegenŸber versteht sich der Mensch in Japan nicht pluralistisch und individualistisch von seiner Freiheit im individuellen Denkakt her (cogito ergo sum). Er versteht sich als soziales Wesen, das seine IdentitŠt mit andern aus der gemeinsamen Kulturgeschichte bezieht. Entsprechend werden vorgeschichtliche Traditionen und Geschichte immer mitgezogen. Neues wird komplementŠr dem Alten gegenŸbergestellt, harmonisch synthetisiert. Nie wŠre es herkšmmlich Japanern eingefallen, Shinto-Schreine - analog zu unseren modernen Betonkirchen - modernistisch zu bauen. Denn sie sind der Gegensatz zum Jetzt. Sie bilden das kontinuierlich Feste, das Urzeitliche im profanen Wandel, machen vielerorts auch formal den Reiz der Spannung aus zwischen Einst und Jetzt. (16) Auch in modernsten Stadtteilen Tokyos bleiben Shinto-Schreine dem Archetypischen verhaftet. Religion ist in Japan immer stark "Einst" par excellence im Heute, unterliegt somit strikter KonservativitŠt. Japan hat im Strudel des Wandels immer auch KontinuitŠt bewahrt.

Es leuchtet schliesslich nun auch ein, dass es wohl der kultische Charakter des japanischen Hauses ist, der die japanische Haustradition bis heute stark konstant erhalten hat. Kult soll hier nicht im westlichen Sinne vom metaphysischen Primat her gelesen, sondern als humane Tradition verstanden sein, die bestimmte Ordnungen und Verhaltensweisen durch die Zeit erhŠlt. In den sozialen Obligaten des kultischen Treffens fŸhlt man sich als Einzelner sozial aufgehoben im eigenen Haus. Das formale Element des Kultes unterbricht den Alltag des gelebten Raums durch den Einbruch des Einst. (17) Gesellschaftlich bindet das Kultische den individuell-familiŠren Raum an die allgemeine Einheit. Und philosophisch hat die Ordnung des Raums geistige QualitŠt. Durchwegs scheint in allem eine sehr alt anmutende Lebensphilosophie durch, die GegensŠtzliches eint, zur Harmonie bringt. Sie verkšrpert ein aus den Tiefen der Zeit gewachsenes Prinzip der harmonischen Einbettung in die rŠumliche und soziale Umgebung. Das Denken und Gestalten in polar harmonisch zugeordneten komplementŠren GegensŠtzen ist ein Grundzug der asiatischen Seinsweise. Das japanische Wohnhaus steht somit immer im Kern eines geordneten Systems, das mit der unmittelbaren Umwelt, der ganzen Gesellschaft und letztlich auch dem Kosmos im Wechselspiel steht.

Man kann also durchaus verstehen, warum man sich in Japan unter UmstŠnden auch mit wenig Raum zufrieden gibt. Man braucht das Wort >Komfort< ganz anders. Nicht im Sinne bloss kšrperlichen Wohls, sondern geistig. BedŸrfnis richtet sich nicht auf quantifizierbaren Raum. Man kšnnte nicht nur >per Quadratmeter< leben. Es geht wesentlich um QualitŠt. Nicht materielle wiederum, es geht um den historisch oder traditionell strukturierten Raum, den Archetypen. Davon hŠngt in Japan persšnliches Wohlbefinden ab, aber auch das Bewusstsein, Teil einer traditionellen, geschichtlich gewachsenen Kultur zu sein. Wer mit Japanern Ÿber ihre Kultur spricht, wird bald merken, dass sehr hŠufig die Worte >wir< und >unser< fallen. Das ist ganz wesentlich auch der japanischen Haustradition zu verdanken. Sind wir MitteleuropŠer vielleicht deshalb zur Raumverschwendern geworden, weil uns heute dieses komplexe VerstŠndnis vom Heim als sozialer, geschichtsgebundener, somit geistiger Heimat vielfach fehlt?

- Ende -

Zur EinfŸhrung in diesen Text
Zu den Anmerkungen
Zu den Bildlegenden
Zur Bibliographie
Zu 'Egenter: vollständige Bibliographie' 1
Zurück zur homepage