Fortsetzung (Teil 2)

NICHT NUR PRAKTISCHE BEDÜRFNISSE SONDERN AUCH GEISTIGE

Schon in Vorzeit und Altertum waren Dächer in Japan offensichtlich nicht bloss Witterungsschutz, sondern auch Symbole (vgl. auch Domenig 1980). Sie setzten das Wohnen in Einklang mit der asiatischen Lebensphilosophie, dem Gestalten von polaren Harmonien ähnlich dem chinesischen Yin/Yang Prinzip (jap. iny™). Auch der Urtyp des gegliederten Grundrisses zeigt eine ähnliche Aufteilung in einen >hohen< Wohn- und Schlafteil und einen >niederen< Werkraum, den >Erdraum< (doma; Fig. 4a; vgl. Eder 1963). Der höher gelegenen Teil ist gedielt, mit Grasmatten belegt. Der untere ist häuslicher Arbeitsraum und Küche. Der Boden ist dort herkömmlich - man staune - entsprechend bloss gestampfte Erde. Oft heisst dieser Raum auch niwa, Garten, Hof. Der Grundriss bedeutet also polare Einheit von gegensätzlichen Kategorien wie oben/ unten, künstlich/ natürlich, kostbar/ einfach, im weitesten Sinne auch von Himmel und Erde.

Das ist nicht bloss vage New-Age Schwärmerei. Diese polare Einteilung hält sich durch die ganze Entwicklung des japanischen Bauernhauses, entlang derer sich vor allem die Einteilung des höheren Teils differenziert (Fig. 4b, c). Durch den Zusammenhang mit der gewachsenen Tradition ergibt sich innere Einheit in der Vielfalt der japanischen Hausformen (Fig. 5a, b; Fig. 6). Der Erdteil bleibt in der Regel nach dem Dachraum hin offen, lässt den Blick in die oft wild natürlich belassenen Balken des Dachgerüstes frei (Fig. 7). Die gleiche Zweiteilung des Grundrisses finden wir auch in mehreren der ältesten Schreinbauten (Fig. 8). Auch im weiteren Sinne wird der vom Boden abgehobene und geschlossene Sakralteil der alten Schreine gegen den betont offenen Vorraum hin mit zuweilen geschwungener Treppe und "fliessend" herabgezogenem Vordach konträr abgesetzt (Fig. 9).

Von der unscheinbarsten Hütte über das stattliche Bauernhaus bis zum städtischen Wohnhaus wohlhabender Bürger finden sich harmonische Komplementaritäten dieser Art. Die Sitzordnung richtet sich nach der polaren Beziehung von kamidana, butsudan, tokonoma einerseits, und genkan (Eingangsraum) andererseits (Fig. 10). (7) Bestimmte Wertungen von Raumteilen sind damit impliziert, sie steuern das Verhalten seiner Bewohner im Sinne unseres volkstümlichen Begriffs der 'guten Kinderstube'. Dh. diese Struktur geht nicht nur in Denken, Sprache und Verhalten ein, sie prägt das soziale Gefüge, das elementar am Wohnen primär gelesen wird (Kindheit, Erziehung!) und sich ähnlich durch die gesamte Gesellschaft zieht (Fig. 11). (8)

Wir haben mit diesen nur ganz kurzen Hinweisen das japanische Wohnen ganz anders skizziert, als man es gemeinhin kennt. Das liegt wesentlich an der Methode. Im Gegensatz zur Architektur, die herkömmlich nur das Materiell-Konstruktive und Formale erfasst, setzten wir die Weitwinkeloptik ein und versuchten japanisches Wohnen im Rahmen der gesamten Kulturtradition zu betrachten. Ganz neue Verhaltensweisen treten in den Blick, die Anlage und Nutzung des Hauses wesentlich bestimmen. Daraus ergibt sich folgendes: (12)

Auch von hier aus ergibt sich also der Eindruck, dass das japanische Wohnen uralte Raumkonzepte bewahrt hat. Die Architekturforschung hat uns bisher nichts über diese Zusammenhänge berichtet, weil man dort den Bau nicht so sehr als Behältnis für menschliches Leben sieht, sondern vielmehr als etwas Konstruiertes, etwas Gestaltetes: als >Baukunst<, entworfen für ein Leben, das man immer schon zu kennen meinte. Gerade diese stillschweigende Voraussetzung >allgemeinmenschlicher Bedürfnisse< erweist sich am Beispiel Japans als höchst fragwürdig.

EIN BEISPIEL: DAS WEG-ORT SCHEMA

Methodologisch gesehen entwirft somit die reine Architekturbetrachtung offenbar ein ganz falsches Bild, oder besser, sie projiziert ihren eigenen Raster auf die gelebte Wirklichkeit des japanischen Hauses. Indem ihr so das Kultische, das sie der Religion zuordnet, entgeht, übersieht sie das Wichtigste am japanischen Haus: die ureigene Art wie es der Japaner selbst liest, empfindet und feiert. (13) Das Wohnhaus gilt ihm kultisch als eine Domäne, die er zyklisch perennierend immer wieder belegt, markiert, verortet (Fig. 12). Psychologisch versteht er sie als eine Domäne die er trotz der fragilen Bauweise als gesichert empfindet, weil sie im weiteren Rahmen eines herkömmlich in Japan allgemein sanktionierten Shinto-Wertsystems steht, das sich in der festlichen Markierung, im sozialen Obligat der Vereinigung vor der Kultstelle und in der Verrichtung bestimmter Handlungen ausdrückt. Als eine Domäne die er somit geistig und gefühlsmässig all dem entgegenstellt, was ihm im Leben "draussen" unsicher, ungesichert scheint. (14)

Wie gesagt, die essentiellen Stellen, die beim Haus z.B. am Neujahrsfest, aber auch an anderen Festen, markiert werden sind zum einen das äussere Tor, der Eingang zum Vorraum (genkan) allenfalls weitere Zugänge und zum andern die mit dem Kultfest angesprochene Kultstelle im Haus oder im Gehöft. Paarige Marken bezeichnen in der Regel Zugänge, einzelne Gebilde im Innern den sakralen Ort. Das Markieren gehorcht somit einem polaren System, das wir hier >Weg/ Ort-Schema< nennen wollen (Fig. 25-27).

Nebenbei, sowohl das Weg-Ort Schema, wie allgemein, das polar-harmonische Schema sind im Zusammenhang mit den tradierten Shinto-Riten das eigentliche Gestaltungsmotiv aller - besonders aber auch der frühesten Schreinstile (Fig. 9).

Dagobert Frey hat schon 1947 (15) in seiner bewundernswert weit gespannten architekturanthropologischen Untersuchung zum Kultbau afro-eurasischer Hochkulturen auf komplementäre Raumordnungen von Weg und Ort (Malmotiv und Wegmotiv) hingewiesen und auch figural eine ähnliche Beziehung zwischen Bewegung und Ruhe herausgearbeitet (Schreit- und Standmotiv). Angesichts der von Frey aufgewiesenen, enorm weiten Verbreitung dieses Weg- Ort-Schemas kann man wohl davon ausgehen dass es sich in dieser komplementären Beziehung um eine kulturanthropologisch relevante Dimension, um einen >architekturanthropologischen Archetypen< handelt.

"Alle Baukunst ist Gestaltung des Raumes durch ein Mal oder einen Weg." (:6) Eine grandiose Behauptung, die die Architektur in ein ganz neues Licht rückt und auch dem Gestalter neue Programme eröffnet! "Jedes Haus, gleichviel ob Profanbau oder Gotteshaus, ist architekonisch gestalteter >Weg<, indem der Raum im Durchschreiten vom Eingang durch die Abfolge der Raumeinheiten nach den durch die architektonische Gestaltung bedingten Bewegungsmöglichkeiten und Bewegungsantrieben erlebt wird. Es ist aber zugleich auch als Körperform in seiner Beziehung zum Umraum >Mal<, auf das wir zuschreiten oder von dem wir ausgehen." Man braucht hier sich nicht nach Stonehenge zurück zu wenden (wie Frey dies tut), jedes Haus, jede Wohnung jedes Zimmer ist auch heute noch auf dieses Weise strukturiert, bestimmt so unser tägliches Leben.

Dagobert Frey nannte seine beiden "Motive" oder Schemata in Anlehnung an Goethe 'Urphänomene' der kunstgeschichtlichen Morphologie und ordnete sie elementarem Körper- und Raumgefühl zu. Im weitern Rahmen nimmt er sie psychologisch als "Auseinandersetzung des Ich mit der Umwelt". "Alles Kunstschaffen ist Bannung des Dämonischen, Befreiung des Ich...durch das Setzen eines Symbols, eines >Bildes< für das innere Erlebnis." Ueber seiner weitgespannten Perspektive ist Frey aber offensichtlich die allgemeine Gültigkeit seiner These nicht voll bewusst geworden, nämlich, dass auch das ganz schlichte Haus, das Wohnen schlechthin immer auch menschlich "Urformen der Sicherung" reproduziert, "Urerlebnis" im Heute ist. Wir brauchen so gesehen gar nicht nach Karl Jaspers' "Grenzsituationen" zu suchen, nach den "Grenzen unseres Daseins" vorzustossen: das Urerlebnis ist mitten in unserem Alltag drin. Wohnen als "Urmotiv", in ihm sind die "Grundtypen des Welterlebens" für jeden Menschen weltweit und immerschon mit drin. Und abgewandelt, nach Rilke: wie die Kunst "entspringt [das Wohnen] dem Verlangen nach Sicherung aus dem Gefühl der Ungeborgenheit." Vielleicht ist Wohnen heute so vollständig selbstverständlich geworden, dass wir uns seiner Essenz gar nicht mehr - oder nur in Lebenskrisen - bewusst werden. Da zeigt sich der Wert der Geschichte. Sie lässt uns das Verschüttete rekonstruieren.



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