ANMERKUNGEN

1
Der Ausdruck "Polar-harmonisch" meint Folgendes. Westliche Architekten deuten jeden im Plan definierten Raum als mehr oder weniger einheitlich, was sich zum Beispiel darin Šussern kann, dass die ganze Raumeinheit stimmungsmŠssig oder farblich gleich behandelt, etwa weiss gestrichen wird. In Japan - und auch im vormodernen Westen - empfand man Raum gegensŠtzlich gegliedert. Der gleiche, vom Plan als Einheit gefasste Raum verfŸgt zugleich Ÿber HŠlften, Teile, Nischen usw., die gegensŠtzlich zum Uebrigen angelegt sind. Polar harmonisches Raumordnen 'spielt' mit GegensŠtzen wie >oben/ unten<, >natŸrlich/ kŸnstlich<, >unbegrenzt/ begrenzt<, >offen/ intim<, >unsicher/ sicher<, >beweglich/ fest<, >hell/ dunkel<, >kŸhl/ warm<, >leicht/ schwer< usw. Diese hier nur angetšnten Gedanken zur >polar harmonischen Raumauffassung< sollen in einer spŠteren Arbeit Ÿber Beispiele vormoderner Architektur eingehender dargestellt werden. Auch Magritte hat dieses rŠumliche Ordnen in komplementŠren GegensŠtzen zu harmonischen Einheiten in zahlreichen seiner Bilder rekonstruiert (s. Egenter 1990: Magritte als Architekturologe).

2
Dennoch wŠre es všllig verfehlt, das Diskutierte als Exotismus aus dem Fernen Osten zur Kenntnis zu nehmen. Japan ist nur oberflŠchlich gesehen eine Kultur, >in der alles so ganz anders ist<. Vielmehr lŠsst es sich andersrum auch als eine Art Reservat verstehen, wo sich unter besonders gŸnstigen Bedingungen (Insellage, 200 Jahre Abschluss, keine christliche Bekehrung, EinflŸsse westlicher AufklŠrung relativ spŠt) Dinge erhalten haben, die bei uns lŠngst verschwunden sind. Und wer einmal mit Strukturen japanischen Wohnens handfest vertraut ist, der wird auch im eigenen Kulturraum Šhnliche >Archetypen< der Architektur entdecken (vgl. Egenter 1990b: Magritte als Architekturologe).

3
Jene Modernisten, die am japanischen Wohnhaus vor allem die schlichte Konstruktion und Einrichtung sahen, verstanden noch nicht, dass sie wesentlich auch geprŠgt ist vom Kontrast zur bunten, vital-ekstatischen Interpretation der tektonischen RŠume zur Kultfestzeit. Auch empfand man groteskerweise die Architektur als 'modern' obwohl sie hšchst konservativ dem Traditionellen verpflichtet ist.

4
Auch im Westen, besonders in gehoben-konservativen Haushalten ist die KŸche in der Regel modern, wogegen Wohnraum, Salon und Schlafraum mit Stilmšbeln und Stil-Accessoires eingerichtet werden. In Japan ist dieser Gegensatz jedoch prŠgnanter und hŠngt auch damit zusammen, dass man Raum nicht homogen, sondern polar empfindet.

5
Das polare oder komplementŠre RaumverstŠndnis Japans ist mithin ein Grund fŸr die Leichtigkeit, mit der man ganz verschiedene Kulturelemente verbinden kann. So wird in den meisten japanischen Dšrfern Altes und Neues oft stark geschieden, damit gegensŠtzlich in die Siedlung integriert. Moderne Bauten werden spezifischen Aussen-Zonen (moderne LŠden z.B. entlang der Landstrasse) zugeordnet.

6
Das europŠische Renaissance Ideal des Architekten und KŸnstlers als profanisierter Weltenschšpfer findet - mit den neuerlichen grossen Namen - erst ganz neu seinen Eingang in die japanische Kultur.

7
Das bekannte 'tokonoma' ist nicht bloss Dekoration, in welchem man mit gestellten Blumen seine 'Naturliebe' zur Schau stellt! An lŠndlichen Festen ist dessen Kultnischen-Charakter noch deutlich auszumachen, indem man dort zur Festzeit aus Pflanzen gefertigte 'Gšttersitze', yorishiro platziert. Und auch die stŠdtisch-bŸrgerliche Form des ikebana zeigt schon durch die Bedeutung des Namens 'Lebensblume' und die strengen aesthetisch-kosmologischen Regeln, die fŸr seine Errichtung gelten, dass es nicht einfach Natur meint, sondern vielmehr der Urform der aus Pflanzen gefertigten sakralen Shinto-Kunst nahesteht. Das 'tokonoma' kann also mit einiger Berechtigung als zu bestimmter Zeit in die WohndomŠne gelangter sakraler Ort verstanden werden, der den davor liegenden freien Raum polar strukturiert.

8
In unserem modernen Wert-neutralen Raum sind Ehrbezeugungen wie im Japanischen, etwa des Hausbetretens als "hochkommen", verloren gegangen

9
Eder behandelt in seinem Buch >Die Kulturgeschichte des japanischen Bauernhauses< das traditionelle Haus im Rahmen der Kulte und Riten, die in Japan noch Teil seines Wesens sind. Allerdings entstellt sein religionsgeschichtlicher Standpunkt und seine Terminologie die PhŠnomene zuweilen ins Skurrile. Uebersetzt man seine Beschreibungen jedoch sachlich und ohne Wertungen (primitiver Glaube!) in die rŠumlichen und zeitlichen Existenzbedingungen vorgeschichtlicher Agrarkulturen, so wird sein Buch ausserordentlich wertvoll, indem es das japanische Bauernhaus im Rahmen archetypischer Strukturen zeigt.

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Zashiki. "Sitz-Raum" wobei za, Sitz, eine stark zeremonielle Bedeutung hat, eigentlich einen Platz in der festlichen Sitzordnung impliziert.

11
Die Bezirke in den StŠdten Japans sind oft noch erkennbar kultisch wie Dšrfer strukturiert.

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Auch hier gilt: man darf das nicht bloss als fernšstliche Exotik einstufen. Die stark von der europŠischen Volkskunde beeinflusste japanische Volkskundeforschung hat vor allem vor dem zweiten Weltkrieg die sehr Šhnlichen Strukturen japanischer und europŠischer Agrarriten aufgewiesen. Man kann sich die japanische Situation, resp. das VerhŠltnis von autochthonen Shintotraditionen und importiertem Buddhismus am Besten so vorstellen, als hŠtten wir in Mittel- und Nordeuropa neben Christentum und Kirchen mit entsprechender Liturgie bis heute auch noch die heidnischen Kulte bewahrt. Nicht lediglich als zum blossen Brauchtum degeneriert allerdings, wie vielerorts in Europa, sondern als relevante dšrfliche Institutionen aus vorgeschichtlichen Agrarkulturen. Kern dieser ekstatischen Riten wŠren auch heute noch die zyklische Erneuerung des territorialen Markierungssystems. Das Erstaunliche liegt darin, dass solche Kulte durchaus nicht primitiv sind, wie uns die christliche Bekehrungsgeschichte weiszumachen versuchte. Ihnen liegt ein traditionelles PhilosophiegebŠude zugrunde, das wesentlich auf die Harmonisierung gegensŠtzlicher Kategorien der lokalen Umwelt angelegt ist.

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Auch die Sozialwissenschaft Ÿbersieht die rituellen Bindungen des japanischen Wohnens (vgl. z.B. >Village Japan<, Beardsley et. al. 1959) Sie dringt mit vorgefassten Methoden (Familie als soziale Grundeinheit, Oekonomie) bloss in den Alltag ein. Rituelles Verhalten wŸrde sie ohnehin der Religion zuweisen, die es dann wiederum bloss metaphysisch vom rein Geistigen ableitet, fŸr die praktische Bedeutung der Kulte kaum VerstŠndnis aufbringt. Im traditionellen Japan sind die SphŠren der sozialen Organisation, der Wirtschaft, der Religion, der Aesthetik ideologisch und praktisch eng verwoben. Es sind nur WIR im Westen, die aufgrund unseres eurozentrischen DisziplinengefŸges eine begriffliche Trennung dieser SphŠren vornehmen. Und die Architekturforschung hat leider noch nicht begriffen, wie sehr sie mit Bauen und Wohnen einen wichtigen Knoten des komplexen Netzes, das wir Kultur nennen, in ihren HŠnden hŠlt.

14
Analog gehšren dšrflich-teritoriale Elemente, wie bebaute Felder, Quellen, Wasserstellen, zur GrundausrŸstung der bŠuerlichen Existenz und werden entsprechend altem Brauchtum periodisch markiert.

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Eigenartigerweise wurde diese eminent wichtige Arbeit von der "Architekturtheorie" kaum gebŸhrend rezipiert.

16
Erst neuerdings haben sich Architekten an die Modernisierung von Schreinbauten gewagt.

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Das Kultfest bringt eine ganz andere Dramatik ins Haus als etwa ein modernes Fernsehkino: indem das Einst in Form von Brauchtum ins gelebte Jetzt dringt entsteht eine seltsam irrationale Spannung, die sich nur schwer beschreiben lŠsst. Vielleicht lŠsst sie sich am besten mit der Dichtung vergleichen, wo der Gebrauch uralter Begriffe und AusdrŸcke eine seltsame Poesie schafft.


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