DAS JAPANISCHE HAUS

Vorbemerkungen



Die folgende Untersuchung spricht zwei Interessenfelder an: Architektur

Die "Entdeckung" der japanischen Architektur und besonders des japanischen Hauses (auch im weiteren Sinne von Palast und Villa) spielte eine wichtige Rolle in der formativen Phase der modernen Architektur. Zahlreiche Architekten waren fasziniert vom modularen Charakter der japanischen Bauweise. Sie bewunderten das japanische Haus und seine hochgradige FlexibilitŠt in der Definition von Aussen- und InnenrŠumen. Es wurde so zu einem der meist-zitierten Architektur-Arrangements der Moderne.

Inzwischen ist aber unsere Kenntnis japanischer Dinge betrŠchtlich angewachsen und die ŸberschwŠngliche Verehrung des japanischen Hauses erweist sich weithin als 'Katsura-ism', das heisst als eine Angelegenheit ziemlich musealen Charakters. Das Bild verdankt sich wesentlich einem doppelten Reduktionismus:

Die vorliegende Studie kehrt diese aesthetische 'Vogelschau' in ihr Gegenteil. Sie verbreitert die theoretische Basis des PhŠnomens 'japanisches Haus' in die japanischen Hauslandschaften des agraren Hinterlands hinein und konstruiert ihre Perspektive von unten her nach oben. Es ergibt sich ein ganz anderes Bild! Die japanische Hausform erscheint als Produkt einer offensichtlich uralt-traditionellen Evolution. Hausform ist nicht Einheit. Sie ist zusammengesetzt aus verschiedenen Entwicklungselementen. Wir entdecken, dass das Essentielle, die harmonische Zuordnung von RŠumen als 'obere' und 'zeremonielle' gegenŸber 'unteren' und 'funktionalen' sich aus einer sehr ursprŸnglichen Tradition des existentiellen Raumsicherns, aus einem System terriorialer Markierung mit fibrokonstruktiven Zeichen (semantische Architektur) entwickelt hat.

Japanologie

Als Mikro-Einheit des disziplinŠr gegliederten Makro-Systems 'Geisteswissenschaften' Ÿbernimmt die Japanologie unbesehen die Studienergebnisse westlicher Architekten und Kunsthistoriker, insofern sie sich auf Japan beziehen. In dieser Einordnung hat 'japanische Architektur' - ausser allenfalls dienender Funktion - direkt nichts mit Religion zu tun, ebensowenig etwa mit Volkskunde im weiteren Sinne.

Der vorliegende Text unterscheidet sich massgeblich von dieser Sicht. Sein Vorgehen ist phŠnomenologisch motiviert. Jedem phŠnomenologischen Betrachter fŠllt bei der Beschreibung des japanischen Hauses sofort die Fragmentarisierung der konventionell disziplinŠren Sicht auf. Der Architekt oder Kunsthistoriker ist schlicht blind fŸr all die religišsen Praktiken, die sich durchs Jahr hin im Hause abspielen, noch hat er einen Sinn fŸr die traditionell geprŠgten sozialen Strukturen, die darin wirken. Andersrum interpretieren jene, die sich mit Kultpraktiken von der Religion her beschŠftigen, jegliches Geschehen aprioristisch von theologisch begrŸndetem 'Glauben' her. Das Gleiche lŠsst sich sagen Ÿber die Sozialforschung. Objektive Bedingungen des Wohnens werden vernachlŠssigt, was besonders deshalb - wissenschaftlich - gravierend ist, weil die japanische Sozialstruktur ganz offensichtlich noch auf dem grundlegenden Begriff 'Haus' (ie) - fŸr das wofŸr wir im Westen Familie einsetzen - aufbaut und in ganz Japan gleichsam als 'architektonische Genealogie' funktioniert.

In diesem Sinne kann die folgende Studie auch als kritisches Modell stehen fŸr eurozentrische Projektionen in der Japanologie. Die ungheuerlichen Verzerrungen kšnnten kaum drastischer - und deprimierender - dokumentiert sein. Eine Gruppe von Forschern studiert in Japan das Thema 'Wohnen'. Ergebnis: Wohnen Japaner in KaninchenstŠllen?


Zum Haupttext 'Das japanische Haus'