Radio DRS
Abt. Wort
Studio Bern


J a p a n - das grosse Dorf

Notizen zur Geschichte des japanischen
Geschichtsbewusstseins

von Nold Egenter



 

1. Sendung:
Japan im geschichtlichen Fahrwasser Chinas

2. Sendung:
Besinnung auf nationale Geschichtsquellen

3 Sendung: .
Das Japan-Bild der modernen japanischen
Kulturanthropologie

Sendungen:
Di 27.9.1983, DRS 2, 21.30
Di 18.10.1983, DRS 2, 21.35
Di 15.11.1983, DRS 2, 21.30

Aufnahmen:
Do 22.9.1983 und Fr 23.9.1983 je 09.00 - 12.00 und
14.00 - 18.00 h

Sprecher:
Kursiv: Zitate: Klaus Degenhardt
Standard: Kommentar: Nold Egenter
Fett: Wichtiges: Christine Grell

Redaktion: Richard Stoller
 



 
1. Sendung:
Japan im geschichtlichen Fahrwasser Chinas

 
Die japanische Herausforderung ist heute zum
Schlagwort geworden. Das Verblüffende daran?
nichts scheint Japan bei diesem phänomenalen
Wirtschaftserfolg zu begünstigen. Noch vor 130
Jahren war das Land ein von der Aussenwelt abgeschnittener
Feudalstaat mit einer Bevölkerung von Reisbauern.
Vor 35 Jahren war es nach der vernichtenderen
Niederlage im 2. Weltkrieg am Boden
zerstört und gerade heute im Zeitalter der knappen
und teuren Rohstoffe sollte der Inselstaat besonders
grosse Probleme haben. 100 % des Bauxit, 99 % des
Erdöls, und 98 % des Eisenerzes müssen eingeführt
werden.

Japans Stärke liegt offenbar nicht in den Rohstoffen,
sondern vielmehr im Menschlichen, im Sozialen.

Die Japaner sind arbeitsam und sie haben eine starke
Affinität zur Institution.

Gerade das aber vermag der meist oberflächlich geführte
Journalismus nicht zu klären. Man wertet ab,
wo Begründungen fehlen. Von Arbeitsbienen härt man,
von Arbeitern, die selbst am stumpfsinnigen Fliessbandjob
Freude haben, von einem Volk, das sich noch vor
den Karren spannen lässt u.s.w. Das ist nicht nur unwürdig.
Es gehärt zu jenen mittelalterlichen Praktiken,
mit denen man das zuwenig bekannte, das fremd wirkende
einfach verteufelt. Es schafft auch - gepaart mit
Ökonomie - Ängste und Hassgefühle, deren mögliche
Auswirkungen heute bekannt sein dürften. Die soziologische
Methode, die - mit ihren gelegentlichen
Griffen in die Greuelkiste der Feudalgeschichte,
für solche Japanbilder verantwortlich zeichnet, versagt
bei einem Land mit derart verschiedenen kulturellen
Zügen.

Japans Eigenart liegt tiefer. Sie begründet sich in
einer rund 2000-jährigen Kulturentwicklung, die sich in
rund 1000 Jahre Vor- und grob 1000 Jahre eigentliche
Geschichte teilt. Aus dieser gesamten Kulturentwicklung
erst lässt sich die japanische Eigenart verstehen.
 

Dass die neuerlich betont sozio-oekonomische Einstufung
Japans nicht vermehrt kritisiert wird, liegt
wesentlich in der Struktur der Japanologie. Im
breiteren Rahmen der Geisteswissenschaften ist sie
analog etwa der klassischen Altertumsforschung und
ähnlich wie die Indologie und Sinologie aus der historischen
und kunstgeschichtlichen Beschäftigung mit
Japan erwachsen.

Weil Geschichte und hohe Kunst in Japan mit den ersten
massiven kulturellen Anleihen von China beginnen, beschreibt
die Japanologie Japan unter dem Einfluss
Chinas als Hochkultur.

Auch heute noch ist sie eng der historisch-philologischen
Methode verhaftet geblieben, während die Japaner
selbst vor allem seit dem 2. Weltkrieg mit modernen
kulturanthropologischen Methoden arbeiten und demzufolge
ein viel differenzierteres Bild ihrer Kulturentwicklung
erarbeitet haben. Aus diesem natürlich auch sprachlich
und schriftlich bedingten Wissensgefälle erklärt sich,
dass der Westen bis heute noch kein sachlich schlüssiges
Bild der japanischen Kultur besitzt. Hinzukommt, dass
der Westen jedes japanisches Phänomen über seine
wissenschaftlich gewordenen Disziplinen erfasst,
wahrend der Japaner gegenüber dem Aussenstehenden immer
schon rein intuitiv ein gewisses Verständnis seiner
kulturellen Eigenart voraus hat. So können die Japaner
bis heute - mit einer gewissen Berechtigung - den Vorwurf
aufrecht erhalten: ihr versteht uns nicht.

Wie etwa begriff sich das Eingebettetsein des Japaners
in den allpräsenten sozialen Kontext ? Wie erklärt sich
sein fast religiöses Verhältnis zur Arbeit, das uns
zeitweise beinahe als Opfer anmutet ? Wie versteht sich
die eigenartige Bindung des Japaners an die Institution?
Oder: Wie kommt es zu dem für unser Religionsverständnis
eigentümlichen Verhältnis des Japaners zur Religion ?
Wie kann er gleichzeitig zwei ganz verschiedenen
Religionen, dem Shinto und dem Buddhismus dienen ?

Wie kommt es, dass in Japan der frühgeschichtliche
Mythos fast bis in unsere Tage ein Gottkaisertum
stützen konnte ? Wie erklärt sich die immer schon enorm
starke politische Bedeutung des Shinto, der angestammten
Religion der Japaner, wenn er doch - wie die Japanologie
annimmt- von einer allgemeinen Naturverehrung ausging?
Wie kommt es vom primitiven Sonnenkult zum imperialen
Staat ?

Nicht nur die spezifische Ausprägung der wichtigsten
Institutionen Japans ist durchaus nicht klar, auch in
der Kunst gibt es ungelöste Fragen - zum Beispiel:

Wenn Japan die entwickelten Kunstformen von China
importierte, warum wurden in allen Sparten mehr oder
weniger, die Originalkonzepte abgewandelt ? Warum gibt
es einen spezifisch japanischen Stil ? Warum ist Kunst
in Japan auch so stark mit der Religion verbunden
geblieben ? Wie kommt es, dass man heute noch - im Neubau
der Ise-Schreine - des Nationalheiligtums - alle
20 Jahre - eine religiöse Baukunst pflegt, die sich
ihr vorgeschichtliches Gepräge etwas kosten lässt ?

Wir werden am Schluss dieses Zyklus zeigen, dass sich
auf solche Fragen durchaus sinnvolle Antworten finden
lassen. Das Japanbild ist letztlich eine Frage der
historischen Methode, wie man Quellen auswählt und wie
man sie in Beziehung setzt, das prägt das Bild. Wird man
sich des engen Zusammenhangs zwischen Geschichtsschreibung,
Geschichtsforschung und resultierendem Geschichtsbild
kritisch bewusst, so lässt sich nicht nur der
japanische Mensch in seiner historischen Bedingtheit
verstehen, man wird auch sein Selbstverständnis in
seiner historischen Relativität besser begreifen. Wir
können so neue Brücken bauen, mit einem Wort: man
kann miteinander reden.

Diese Relativität des Weltbildes aufzuzeigen, so wie
sie auch für den Japaner selbst gilt, ist erstes Anliegen
dieses Zyklus. Das Resultat vorausgenommen und
überspitzt formuliert:

Japan ist ein mit chinesischen Organisationskonzepten
gross gewordenes Dorf archaisch-bäuerlicher Prägung.
 

Jeder, der nicht so naiv ist, Geschichte gieich
auch als das Geschehene zu nehmen, wird schnell bemerken,
dass die japanische Geschichte vornehmlich auch
eine Geschichte der Geschichtsschreibung und -forschung
ist. Konkret gesagt: Der Standpunkt der Chronisten und
Historiker hat sich im historischen Raum Japans dreimal
wesentlich verändert. Ganz andere Quellen hatte man in
in diesen 3 Phasen im Auge und sie wurden nach
wesentlich verschiedenen Methoden bearbeitet. Das
wichtigste: sie projizierten ganz verschiedene Weltbilder
die mit ihren institutionellen Niederschlägen das Leben
der Japaner jeweils grundlegend prägten.

Drei Schulen produzierten und produzieren in Japan die
wesentlichsten Geschichtsbilder: die China-Schule,
kangaku genannt, die nationale Schule, kokugaku und die
moderne Kulturanthropologie, die sich jinruigaku nennt.
Historisch gesehen bedeuten die drei Schulen eine
Sequenz, sie folgen sich in der Geschichte des japanischen
Geschichtsbewusstseins. Das wichtigste zu diesen
Schulen vorerst in Kürze.

Die China-Schule umfasst alle sich auf China beziehenden
Studien, die sich seit der Nara-Zeit immer weitere Gebiete
erschlossen. Geschichtlich erfassbar beginnt sie
anfangs des 8. Jahrhunderts. Sie entwickelte sich aus
der sino-japanischen Geschichtsschreibung, die ihrerseits
wieder auf der herkömmlichen Historiographie Chinas
basiert. Sie dauert natürlich bis heute , erlebte aber
ihren Höhepunkt in der Tokugawazeit, im 17. und 18.
Jahrhundert, geleitet vom konfuzianischen Zeitgeist
dieser Periode. Der Ausdruck kangaku wurde damals zum
Inbegriff für die konfuzianischen Studien und ihre verschiedenen
Schulrichtungen.

Gut 400 Jahre - von den Anfängen der japanischen Geschichtsschreibung
im ersten Viertel des 8. Jahrhunderts
bis um die Mitte des 12. Jahrhunderts - hält man sich fast
ausschliesslich an das chinesische Vorbild. Erstmals zu
Beginn des 11. Jahrhunderts machte sich eine gewisse
Selbstbesinnung bemerkbar. Der Untergang des Tang'-Reiches
in China beeinflusste in Japan nicht nur die
Regierungsform - die Herrschaft des Kaisers wurde durch
die vom höfischen Adel gestellte Regentschaft geschwächt -
er förderte auch den Durchbruch der nationalen sog.
monogatari Literatur, einer gegenüber den strengen
Chroniken nach chinesischem Vorbild mehr frei spielerisch
erzählenden Form der Geschichtsschreibung. An
dieser entzündet sich in der Tokugawazeit die nationale
Schule, die kokugaku-Bewegung. Durch ihr betontes
Interesse für die in Japan selbst geschriebene Literatur
und Geschichte gerät sie in Gegensatz zu den orthodoxen
Konfuzianisten der Chinaschule und begreift sich unter
dem wachsenden Einfluss ihrer Hauptvertreter zusehends
als nationale Bewegung. Um die Mitte des 19. Jahrh.
gewinnt sie massgebliche Wirkung auf die Meiji-Führer
und auf die Gestaltung der Meiji-Revolution, die
damals das japanische Gottkaisertum staatsrechtlich
begründete. Die bekannten Ereignisse um den 2. Weltkrieg,
die weltweit Aufsehen erregten, verdanken sich
also zu einem Gutteil den Arbeiten und dem Einfluss
dieser Gruppe von Historikern.

Sind diese beiden Weltbilder trotz ihrer Verschiedenheit
stark einem engen Historismus verpflichtet, so arbeitet
das dritte, die moderne Kulturanthropologie Japans betont
mit allen verfügbaren Quellen. Ihr Hauptcharakteristikum
ist es, dass sie den engen Historismus der
ersten beiden Schulen sprengt, und sich - in verschiedene
Subdisziplinen aufgefächert - um ein
differenzierteres Bild bemüht.

Der Vorläufer dieser modernen Form der historischen
Forschung ist die Archäologie. Sie beginnt in Japan mit
dem Jahr 1877, als der amerikanische Zoologe Morse in
Omori, im heutigen Stadtbereich von Tokyo, einen Muschelhaufen
der Schnurkeramikzeit systematisch untersuchte,
die Funde sorgfältig beschrieb und 1879 veröffentlichte.
Zahlreiche einheimische Gelehrte gingen aus seiner
Schule hervor und gründeten 1884 die Anthropologische
Gesellschaft. Ebenfalls in den 70er Jahren gründeten die
Engländer die Asiatische Gesellschaft Japans und die
Deutschen die Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens.

Über diese Einrichtungen kamen neue westliche Subdisziplinen
zum Zug, vor allem vorerst die Religionsgeschichte,
später die Ethnologie, insbesondere die
Volkskunde. Zwischen den beiden Weltkriegen etablierte
sieh die amerikanische Japanologie. Sie hat die eigentliche
Kulturanthropologie mit den verschiedenen
Subfächern begründet.

Heute arbeitet die japanische Kulturanthropologie
in verschiedensten Sparten an der Aufarbeitung der
japanischen Vergangenheit. Dazu gehört die auf der
chinesischen Schule aufgebaute, deshalb enorm entwickelte
Sinologie, dann die Linguistik. Letztere
betreibt Forschung im ganzen ostasiatisch-südost-asiatischen
Raum. Das gleiche tun die japanischen
Ethnologen und die ausserhalb Japans spezialisierten
Archäologen. Alle diese Fächer spielen der japanischen
Kulturforschung von aussen neue Quellen in die Hände.
Auch innerjapanisch ist man nicht untätig geblieben.
Vor allem die innerjapanische Ethnographie, die
japanische Volkskunde, hat in den letzten 50 Jahren
ausserordentliche Fortschritte gemacht. Sie hat bis in
die entlegensten Täler des ganzen Landes eine ungeheure
Fülle von noch lebendigen Traditionen aufweisen
können, die das gängige Japanbild völlig verändern:

Japan ist nicht nur Hochkultur im Einfluss von China,
es ist auch eine enorme Vielheit von sehr differenzierten
Lokalkulturen. Ja es ist geradezu eine bisher kaum
beachtete Schatztruhe anderswo längst versunkener
Lokaltraditionen.

Dass die Leistungen der innerjapanischen Ethnographie,
der japanischen Volkskunde noch kaum bemerkt sind,
liegt an der bereits erwähnten historisch-philologischen
Ausrichtung der Japanologie. Sie verbaut sich
den traditionalistischen Aspekt Japans und auch die
Methode, mit der die japanische Kulturforschung seit
dem 2. Weltkrieg sehr erfolgreich arbeitet: die ethno-historische
Methode.

Ihr wesentliches Kennzeichen ist, dass sie Vergangenheit
nicht bloss von fragmentarischen Überresten
her rekonstruiert, sondern von der lebendig-komplexen
Wirklichkeit ausgeht. Die am Lebendigen gewonnenen
Modelle versucht sie nach Möglichkeit historisch zu
verifizieren.

Diese ethnohistorische Methode ist in Japan - dank
der ausserordentlichen Dichte noch existierender
Traditionen sehr fruchtbar.

Der Sinn dieser übersichtlichen Darstellung der japanischen
Schulen und ihrer Methoden liegt also nicht
nur im Hinweis, dass das westliche Japanbild im allgemeinen
unzulässig simplifiziert wird, zweierlei
ebenso Wichtiges geht daraus hervor: Erstens, die
verschiedenen Schulen, die sich in der japanischen
Geschichte des Geschichtsbewusstseins manifestieren,
haben nicht nur zu ihrer Zeit verschiedene Weltbilder
produziert, diese Weltbilder leben heute noch im
Wesentlichen fort. Sie leben miteinander, nebeneinander.
Das Bewusstsein, dass man über tausend Jahre aus
China wesentliche Impulse bezogen hat, lebt in jedem
chinesischen Zeichen das man schreibt, auch aus zahlreichen
geschichtlichen Quellen ist es erschliessbar,
es steht jedem Japaner tagtäglich plastisch vor Augen.
Ebenso ist das Bewusstsein, das die nationale Schule
geschaffen hat, nicht untergegangen. Es lebt fort als
Bewusstsein der Eigenart der japanischen Sprache,
in der Literatur, in der betont japanischen Thematik der
Kunst.

Zuweilen leben diese Weltbilder im gleichen Kopf
zusammen nebeneinander, meist aber quantitativ betont
nach geographischer und sozialer Herkunft getrennt:
Als Elitebewusstsein des städtischen Bürgertums
hat sich das chinesisch geprägte Hochkulturbild
erhalten. Im Hinterland findet sich als Überrest
der Vorkriegszeit das nationale Weltbild und die
kulturanthropologische Schau wird von einer vorwiegend
akademischen Schicht aller Richtungen als Suche
nach einer modern begründbaren Identität gepflegt.

Zum Zweiten: Geschichtsforschung ist - nicht nur
in Japan - neben Ergründung immer auch wesentlich
Begründung. Sie sucht nach den Anfängen oder Voraussetzungen,
aus denen sich Späteres oder Intendiertes
rechtfertigen lässt. Das resultierende Geschichtsverständnis
ist somit implizit motiviert. Das erweist
sich ganz deutlich an den drei japanischen Schulen.
Ihr Augenmerk richtet sich auf Anfänge, die zeitlich
und geographisch ganz verschieden liegen und auch
qualitativ völlig verschieden sind. Der Hochkulturanspruch
der China-orientierten Hofaristokratie bezieht
sich von der Elitekultur des Fest!andes. Auf diese
kulturell hoch entwickelten Vorbilder richtet sich
auch die China-Schuie. Die nationale Schule sucht
demgegenüber die Wurzeln im mythischen Götterzeitalter,
d.h. in vorgeschichtlich-primitiven Zuständen
des eigenen Landes. Sie idealisiert diese aber von
einem geschichtlich späten Stand aus und sieht so
in dieser mythischen Götterzeit die Wurzeln ihres
Weltbildes, leitet davon gar ihr Staatskonzept ab.
Der dritte kulturanthropologische Standpunkt sucht
im ganzen südostasiatischen Raum nach plausiblen
Voraussetzungen der japanischen Kultur. Diese Perspektive
versteht sich somit - in der Folge der
Kriegsauswirkungen - als Ausdruck des neuen demokratischen
Staatsgedankens: das moderne Japan projiziert
sich auf die Ebene der Völker.

Methodisch gesehen vermögen diese drei Stufen des
Geschichtsbewusstseins in einem vereinfachten
Verfahren Wesentliches auszusagen über den Verlauf
japanischen Denkens und dabei doch eigentlich nur
auf die Anfänge einzugehen, aus denen sich die drei
Schulen begründen.

Unsere Geschichte des japanischen Geschichtsbewusstseins
enthüllt aber nicht nur die Relativität des
japanischen Geschichtsverständnisses, sie entwirft
auch drei Punkte eines geistigen Fortschritts, den
zu beachten auch für uns im Westen ausserordentlich
wichtig sein könnte. Ob wir es wollen oder nicht:
wir sind in letzter Zeit zum engen Wirtschaftspartner
Japans geworden. Unterlassen wir es, dieses Bemühen
der japanischen Kulturforschung zu sehen und anzuerkennen
als eine ungeheure Anstrengung, mit modernen
Methoden zu einem neuen Selbstverständnis zu kommen,
so könnte das irreversible Folgen haben. Unsere
Gleichgültigkeit könnte in Japan Anlass zu Enttäuschung
sein und damit Kräften Auftrieb geben, die
auf frühere enge Historismen zurückgreifen möchten.
Die Bedeutung des eben Gesagten wird jedem Europäer
sofort verständlich, wenn man die drei Geschichtsbilder
Japans mit europäischen analog setzt. Das
China-orientierte Bild entspricht ungefähr dem europäischen
Humanismus, der sich in der Kontinuität von
Antike und Renaissance versteht. Das nationale Bild
wäre eines, das sich auf historische Rekonstruktionen
zeitlich viel späterer, aber räumlich näher liegender
Quellen - etwa der Welt der germanischen Mythen
und Göttersagen - stützte und davon seine Staatstheorie
ableitete. Das kulturanthropologische Bild
entspräche unserem modern-pluralistischen Konzept
der verschiedenen Völker und Kulturen der Welt.
Auch für die allgemeine Kulturanthropologie ist das
moderne Japanbild ausserordentlich wichtig. Deshalb
nämlich, weil es sich auf ein kulturgeographisch
höchst interessantes Gebiet bezieht. Japans Kulturentwicklung
lässt sich kulturanthropologisch in
ungeahnter Kontinuität darstellen. Die japanische
Situation wird so gleichsam zu einem kulturanthropologischen
Modell. Fünf grundlegende Faktoren hiezu
sind:

1. Die klar definierbare Lage des japanischen
Archipels zum Kontinent, von dem her sich - relativ
klar datierbar - die Hochkultureinflüsse
beziehen

2. das relativ späte Eintreten Japans in den
kontinentalen Geschichtskreis

3. Seine eigenständige Kulturentwicklung ohne
Fremdherrschaft, insbesondere seine rund 200-
jährige Abschlusspolitik und

4. der Umstand, dass das Christentum mit seiner
aggressiven Religionspolitik in Japan nie
wesentlich Fuß fassen konnte.

5. Der Nischencharakter des japanischen Archipels,
in dessen bis vor kurzem relativ abgeschlossenen
Kammern sich Traditionen besonders geeignet
halten konnten.

Diese Elemente einer kulturgeographischen Situation
bringen es mit sich, dass die japanische Kulturentwicklung
sich wie ein Gemisch von wesentlich zwei
verschiedenen Flüssigkeiten im gleichen Glas betrachten
lässt, zwei Flüssigkeiten, die sich aufgrund
verschiedener Eigenschaften ziemlich klar
trennen lassen. Konkreter gesagt: Japan hat bis
heute eine ungeheure Mannigfaltigkeit von lokal
gewachsenen Traditionen bewahren können, die ganz
neue Einblicke in das institutionelle Wesen einer
rein traditionell organisierten bäuerlich-dörflichen
Gesellschaft vermitteln. Japan ist also nicht bloss
einheitliche Hochkultur im chinesischen Einfluss,
wie uns das Geschichte und Kunstgeschichte beschreiben,
es ist zugleich ein Gebiet, das sich zusammensetzt
aus zahlreichen Lokalkulturen.

Japan's Kulturentwicklung ist so als Dialektitk vorgeschichtlicher
Traditionen und geschichtlicher
Einflüsse kontinentalen Ursprungs neu zu begreifen.

Sozialgeschichtlich gesehen würde das heissen
Dialektik von bäuerlich-dörflichem Volk und
städtisch-aristokratischer Elite. Religionsgeschichtlich
tritt der Shinto ins Wechselverhältnis
mit dem Buddhismus, ebenso in der Kunst
die traditionelle Sakralkunst des Shinto mit der
von China eingeführten Kunst des Buddhismus.
Liessen sich derart ethnohistorisch die Voraussetzungen
des Geschichtlichen in Japan an lebendigen
Traditionen rekonstruieren und historisch im
Ansatz belegen, so könnte das allgemein heissen,
dass wir nun Vorgeschichte nicht mehr negativ als
"Noch-nicht-Geschichte" verstehen müssten, wir
könnten den Begriff Vorgeschichte positiv umdeuten
als "Zeit vorgeschichtlicher Traditionen".

Dieses ethnohistorisch gewonnene Bild der japanischen
Kulturentwicklung ist nicht nur recht verschieden
zum bisherigen, es wird sinnvoll und
schlüssig. Wir nennen es - wie unser Titel sagt:
Japan, das grossgewordene Dorf. In diesem Zusammenhang
wollen wir im folgenden die drei Stufen des
japanischen Geschichtsbewusstseins, wie sie die drei
Schulen entwerfen, mehr ins Einzelne gehend behandeln.
Zuvor jedoch noch eine kurze Bemerkung zu den hier
verwendeten Büchern. Der Beitrag dieses Sendezyklus
versteht sich nicht im Aufarbeiten historischer
Quellen, sondern im Vermitteln einer methodisch
geordneten Optik, von der aus die japanische Kultur
verständlicher wird. Im Interesse des Hörers verwenden
wir deshalb Zitate aus zwei einfach zugänglichen
und empfehlenswerten Standardwerken über Japan,
nämlich das von Bruno Lewin herausgegebene "Kleine
Wörterbuch der Japanologie" und den Fischer-Welt-
geschichte-Band 20 "Das japanische Kaiserreich" von
John Whitney-Hall.

Abschliessend noch kurz zum japanischen Begriff
Yamato. Er wird im Folgenden oft vorkommen. Er
ist eigentlich ein archaischer Flurname und bedeutet
Bergtor. Geographisch meint Yamato die
fruchtbaren Ebenen in Mitteljapan um die heutigen
Stadte Nara, Kyoto und Osaka. Zugleich ist der
Begriff Bezeichnung für das frühgeschichtliche Japan.
Wir legen Wert auf diesen Begriff, weil er zeigt,
dass Geschichte und Staatsbildung von einem relativ
kleinen Landesteil des japanischen Archipels
ausgingen.

KANGAKU, die China-Schule

Wenn wir uns den äusseren Rahmen der Entstehungsgeschichte Japans als Hochkonjunktur
in groben Zügen vorstellen wollen, so lässt sich dies an
besten im Vergleich mit dem Kulturschock tun,
den Japan mit dem Ausgang des 2. Weltkriegs erlebte.
Die Industrialisierung Japans hatte sich
zu einem Grade entwickelt, der vorerst Expansion
im nächsten Umraum ermöglichte, dann zur Teilnahme
am 2. Weltkrieg verleitete. Doch mit dessen tragischem
Ende, der Zerstörung von zweier Grossstädte
durch Atombomben, wurde schlagartig bewusst, dass
man sich mit Wissenschaft und Technik wirtschaftlich
und politisch auf eine ganz neue Ebene - die
internationale der Völker - begeben hatte. Diese
Einsicht führte nach dem Krieg zur energischen Umorientierung Japans in Staatsform und Wirtschaft
unter starker Anlehnung an den Sieger, die USA.
Ganz ähnlich müssen auch die Impulse gelagert gewesen
sein, die die Japaner im 7. Jhdt. sozusagen
zwangen, die chinesischen Kulturleistungen, insbesondere
Staatsführung und Buddhismus einzuführen.
In der späten Hügelgräberzeit im 5. und 6. Jhdt. n. Chr.
- also noch in vorgeschichtlicher Zeit - musste die
politische Strukturierung des Yamato-Staates bereits
soweit profiliert gewesen sein, dass man sich mit Feldzügen
an den Auseinandersetzungen der drei Länder
Koguryo, Paekche und Silla auf der koreanischen
Halbinsel beteiligen konnte. Man hört von Flotten
mit etwa 500 Schiffen, von Heeren mit einigen
Zehntausend Mann.

"Ein im Jahre 414 für den Konig von Koguryo am Ufer
des Yalu-Flusses errichteter Gedenkstein besagt,
dass die Japaner im Jahre 391 n.Chr. nach Korea
hinüberfuhren und die Heere von Paeckche und Silla
besiegten. In der Mitte des 4. Jhdts. gründeten
die Japaner auf koreanischem Boden die Kolonie Mimana."

Für den strengen Historiker eine erstaunliche Sache:
die Japaner führten schon in vorgeschichtlicher
Zeit Kolonialpolitik!

"Als jedoch im Jahre 532 Sillas Streitkräfte Paeckche --
überrannten, verlor Japan die Hälfte seiner koreanischen
Kolonie. Dreissig Jahre später, im Jahre 562
wurden die japanischen Truppen gänzlich aus Mimana
vertrieben. Sporadische Versuche, Mimana zurückzugewinnen,
dauerten über ein weiteres Jahrhundert an,
doch im Jahre 633, als Silla mit chinesischer Hilfe
ganz Korea einte, und eine T'ang-Flotte vor der
koreanischen Küste ein japanisches Geschwader zerstörte,
wurde die endgültige Loslösung von der Halbinsel
unvermeidlich."

Soweit zur Kolonialpolitik Japans in vorgeschichtlicher
Zeit. Ganz ähnlich also wie vor kuzem, nur in
kleinerem Umraum. Die Yamato-Leute und ihre
Verbündeten hatten sich über lange Zeit in Kriegen mit
den damaligen Ländern der koreanischen Halbinsel
auseinandergesetzt und sich ihren Taktiken, ihrer
Ausrüstung angepasst, von ihnen gelernt. War die
Perspektive in der Erfolgszeit im Nahraum geblieben,
so wurde mit den erlittenen Niederlagen plötzlich
der Blick auf die Wurzeln der Überlegenen frei und
das war China.

Nur in der Anpassung an dieses konnte Japan sich
vor den aufsteigenden Staaten Koreas schützen.
Nur so erklärt sich die Vehemenz, mit der man in
Japan zu Beginn der geschichtlichen Zeit - vom
8. Jhdt. an - den Buddhismus, chinesische Staatsform
und chinesische Kultur vor allem im Yamatobecken
mit ungeheuren Anstrengungen forcierte und
auch in relativ kurzer Zeit zum international bewunderten
Zentrum der neuen Leistungen wurde.

Soweit zum Motiv der frühgeschichtlichen China-Orientierung.
Wir wollen im folgenden die Uebernahme
chinesischer Kultur kurz skizzieren.
Was bot das China von damals als Vorbild?

"Gegen Ende des 6. Jhdts. befand sich China,
das seit dem Sturz der Han-Dynastie im 3. Jhdt.
uneinig gewesen war unter der Sui- und der Tang-Dynastie
(581-618-907) erneut in einer Phase des
Aufstiegs. Bald zeigte sich Chinas Grösse wieder
an neuen gewaltigen kulturellen Leistungen, an
seinen Städten, Bauten und seiner Kunst, an seinen
Truppenmassen, die es jenseits der Reichsgrenze
zur Schau stellt."

Zwei wesentliche Faktoren bestimmen das Bild dieser
neuen fernöstlichen Kultur, die Regierungseinrichtungen
und die Lehren des Buddhismus.

"Ihre geniale Begabung ermöglichteesdenTang-Herrschern,
den traditionellen Regierungsapparat
zu einem hohen Grad von Ausgewogenheit und Wirksamkeit
zu bringen. Sie bauten Organe der zentralen
Bürokratie, die den Kaiser und seine Macht stützten,
aus, verfeinerten die Maschinerie der lokalen Verwaltung
und Besteuerung und legten Konzeption wie
Ausübung der Regierung in einer systematischen
Zusammenstellung gesetzlicher Verordnungen fest.

Diese Konzeption, die sich im Laufe der politischen
Geschichte Chinas entwickelt hatte, beruhte
auf drei Hauptprinzipien: der Vorstellung von einem
absoluten Herrscher, dem die Übernahme des
Mandats des Himmels die sittliche Legimitation
verleiht, der Errichtung einer Regierung aus
Dienern des Kaisers, d.h. ausgebildeten Beamten,
die zum Wohle des Kaisers ihren Dienst ausüben
unter Annahme, dass das Reich unter den einheitlichen
Gesetzen des Kaisers unparteiisch regiert werde.
Der Buddhismus, der spätestens im ersten Jhdt. v. Chr.
nach China gebracht worden war, hatte eine Zeit der
doktrinären organisatorischen Entwicklung sowie der
Anpassung an die Staatsinteressen durchlaufen. Ais
eine Religion von allgemeiner Anziehungskraft hatte
er in China komplizierte Spaltungen in Sekten erlebt
und ein Netz von Tempeln und Klöstern, eine
zahlreiche Priesterschaft, eine grosse Menge von
Schriften und eine umfassende und schöne Ikonographie
hervorgebracht. Im 6. Jhdt. war der Buddhismus in
China und in Korea ein bedeutender Machtfaktor geworden.
Die bemerkenswerte Eigenschaft der Tang-Herrscher
war jedoch ihre Fähigkeit, den Buddhismus
als ein Instrument des Staates zu benutzen."

Die Kämpfe um Einführung dieses Vorbildes bestimmen
in Japan das Bild des ausgehenden 6. und der ersten
Hälfte des 7. Jhdts.. Die definitive Übernahme
konkretisierte sich 645 in einem Staatsstreich und
646 in einem Edikt, das sich "grosser Wandel" oder
Taika-Reform nennt.

Diese Reform brachte zwei neue Grundlagen, die mit
ihren Folgen die Geschichte Japans nachhaltig beeinflussten: sie waren
1. eine zentralistische Bodenreform und
2. eine neue Religion, der Buddhismus.

Zu ersterem: Die weiten Räume Chinas und die lange
Geschichte, auf die das chinesische Staatskonzept
damals schon zurückblickte, spiegelt sich in den
kosmologischen Dimensionen, in der sich die Kaisersgewalt
begründet: der Kaiser ist Herrscher über
Himmel und Erde. Nach diesem Muster wird die entsprechende
japanische Institution konzipiert, terminologisch
und bodenrechtlich. Der Kaiser wird zum
Himmelssohn proklamiert und ailes bebaubare Land
wird de lege in kaiserlichen Besitz überführt.
Man versteht so die Bedeutung der kosmogonischen
Mythen, die nach chinesischen Raumvorstellungen
übernommen wurden und nun auch in Japan die Entstehung
von Himmel und Erde beschrieben. Sie sind
der sakralrechtlich tragende Grund für das neue
Bodenrecht, auf dem das Konzept des zentralistisch
regierten Kaiser- und Beamtenstaates nach chinesischem
Vorbild aufbaut. Man begreift aber auch die
ungeheure Spannung, die dieses grossraumliche Konzept
in den kleinkammrigen japanischen Archipel
brachte, wenn man sich die konkret organisatorischen
Implikationen dieses neuen bodenrechtlichen Anspruchs
vor Augen hat. Zuerst im engsten Kreis des Yamatobeckens,
dann in immer weiteren Kreisen innerhalb
Japans müssen zuerst jeweils kaiserliche Beamte in
die Dörfer gekommen sein, um den bebaubaren Ackerbesitz
zu vermessen und neu zu ordnen. Man legte Steuern
fest und musste diese - vorerst meist Naturalabgaben -auch
einzeln einziehen und allenfalls mit Zwang den
Forderungen Nachdruck verschaffen. Es erforderte
einen dezentralen Verwaltungsapparat und Militär,
sowie die entsprechenden Verkehrswege. Durch die
ganze japanische Geschichte zieht sich dieses Ausweiten
der Kreise. Der japanische Feudalismus lässt
sich durchaus als Folge, als Reaktion auf den bodenrechtlichen
Zentralismus der Frühzeit interpretieren:
er entstand massgeblich militarisch an den peripheren
Reibflachen des sich ausbreitenden Zentralismus.

Der Feudalismus hat diesen Zentralismus im
Shogunat mit Tokugawa Ieyasu zu Beginn des 17. Jhdts.
erstmals realiter - nicht nur de lege - staatlich
begründet, indem man sich von der kosmologischen
Begründung löste und die zentralen Institutionen.
auf eine neugeschaffene Hierarchie lokaler Hegemonien
abstützte. Der in der frühgeschichtlichen
Zeit importierte Reichsgedanke ist damit erstmals
politische Realität geworden.

Nicht nur der bodenrechtliche Zentralismus der
Taika-Reform, auch der damals eingeführte Buddhismus
prägt nicht nur die Frühzeit, er zieht seine
Spuren durch die ganze Geschichte Japans. Wer die
territoriale und politische Komponente nicht nur
des Shinto, sondern auch des Buddhismus kennt, der
wird in den Motiven zur Übernahme nicht lediglich
die Begeisterung für seinen geistigen Gehalt und
für sein äusseres Gepränge sehen. Der Buddhismus war
durch die ganze japanische Geschichte immer mehr oder
weniger auch scharfe Konkurrenz zum einheimischen
Shinto. In der Frühzeit entfaltete er mit seiner
beeindruckenden Baukunst und den städtisch-gross-masstäblichen
Symmetrien , mit seiner Malerei und
Plastik, vor allem aber auch durch die Schrift und
den damit verbundenen Lehrkörper der buddhistischen
Priesterschaft ein heute kaum mehr richtig einschätzbares
Prestige. Sicher war das für viele beeindruckend.

Man muss sich aber vor Augen halten, dass damals
gerade Schrift und Baukunst ganz neue Methoden der Machtausübung brachten: durch prächtige, dauerhafte Bauten und Anlagen konnten Zentren der Beeinflussung geschaffen werden und mit der Schrift liessen sich
Lehren und Verordnungen unabhängig von lokal tradierten Strukturen von zentraler Warte über Subzentren verbreiten. M.a.W. wie der chinesische Staatsgedanke, so ist auch der Buddhismus prinzipiell zentralistisch. Seine Lehre diffundiert mittels der Schrift und der Errichtung von Tempel-Subzentren in die Peripherie.

Von diesen gemeinsamen Strukturmerkmalen von
neuer Staatslehre und Buddhismus wird verständlich,
dass die "grosse Wandlung" mit erheblichen
Auseinandersetzungen verbunden war. In dieser
Phase, die wir im folgenden darstellen, wird auch
die eigenartige Konservativität der Japaner herkömmlichen
Traditionen gegenüber verständlich.

Die Kaiserfigur wird an dieser historisch entscheidenden
Stelle eben zugleich Kondensat vorgeschichtlicher
Lokal- und Regionalpolitik, die nun
plötzlich ins Rampenlicht der Geschichte tritt.
Wir werden diese politische Bedeutung des frühgeschichtlichen
Kaisers besser verstehen, wenn wir
später auf den Begriff Ansässigkeit zu sprechen
kommen. Es ist so gerade für die Verwurzelung des
Kaisers in den traditionell-lokalen Strukturen
bezeichnend, dass man in den frühgeschichtlichen
Mythentexten nicht nur die chinesischen Vorstellungen
vom Entstehen von Himmel und Erde festhält,
sondern auch die im lokalen Umraum von damals verhafteten
Mythenelemente in die Chroniken miteinbezieht.
Der wichtigste Hinweis, der die politische
Bedeutung des vorgeschichtlichen Shinto als Gegenpol
zum Buddhismus stützt, ist der Umstand, dass
man regieren damals noch als matsuri-goto, als
Sache der traditionellen Shinto-Kultfeste verstand.
Die Einführung des Buddhismus war in der Tat durchaus
keine friedliche Sache. Eine junge und ehrgeizige
Seitenlinie eines bedeutenden Yamatogeschlechtes
kämpfte als Befürworterin des Buddhismus gegen eine
Koalition von konservativen Familien ebenfalls alter
Yamatogeschlechter.

"Im Jahre 587 besiegte die Soga-Familie, die beharrlich
die Sache der neuen Religion vertreten hatte, die andern
Familien in der Schlacht und sicherte die Annahme
des Buddhismus. Der Sieg im Jahre 687 verhalf den Soga
ausserdem zur grössten Macht im Yamatobecken. Und für
die nächsten 70 Jahre konnten in ununterbrochener Folge
Soga-Führer über die Angelegenheiten Yamatos bestimmen."

Im Jahre 592 konnte der Sieger jener für den Buddhismus
entscheidenden Schlacht, ein Soga, die Ermordung des
damaligen Yamato-Führers arrangieren und ihn durch einen
weiblichen Herrscher Suiko, ersetzen.

"Gleichzeitig wurde Suiko's Neffe (postum als Shotoku
Taishi bekannt) zum Regenten ernannt. Shotoku Taishi
wusste geschickt die Interessen des Herrscherhauses zu
wahren, obschon er mit einer Frau aus dem Soga-Geschlecht
verheiratet war. Seine Persönlichkeit beherrschte eigentlich
die Jahre von 593 bis 622."

Die Figur Shotoku Taishi's und sein rund 30jähriges Wirken
gelten jedem Japaner als der Markstein, mit dem in Japan
der Buddhismus mit seinen breitangelegten und tiefreichenden
Wandlungen beginnt.

"In seiner Jugend kämpfte er Seite an Seite mit den Soga,
um die Aufnahme des Buddhismus als Staatsreligion zu erreichen
und in seinen späteren Jahren bedachte er, im Bestreben
seine Familie zum bedeutendsten Gönner der neuen
Religion zu machen, buddhistische Institutionen reich mit
Schenkungen, weihte daneben aber sein Leben als Regent
wesentlich der Aufgabe, das Prestige des Mikoto von Yamato
in der Heimat wie im Ausland zu mehren. Seine politischen
Reformen begannen vorerst im Jahre 603 mit der Proklamationeines neuen Systems von 12 Hofrängen. Im Jahre 604 verkündeteer einen Kodex von 17Regierungsartikeln, mit denen
er eine neue Art politischer Ethik zu begründen hoffte.

Er entlehnte hiezu konfuzianische Staatstheorien, in
denen die Beziehung zwischen Herrscher und Untertan mit
der zwischen Himmel und Erde verglichen wurde. Im amtlichen Schriftverkehr bemühte er sich um die Annahme einer neuen Terminologie für die Stellung des Souveräns, indem er dieBegriffe des kaiserlichen China üibernahm und für das Oberhaupt von Yamato den Rang eines Kaisers und Himmelssohnesbeanspruchte."

Nach dem Tode Shotoku Taishis 622 brachen Machtkämpfe aus. Es entstand eine in ihrer Zusammensetzung verwirrende Koalition von Familien, die sich einerseits für die Beseitigung
der Protagonisten des Buddhismus, der Soga, einsetzten,
andererseits jedoch die eingeleiteten Reformen fortzusetzen
sich bemühten. 645 wurde die wichtigste Soga-Figur ermordet
und im Schatten der entstandenen Verwirrung folgte 646 ein
'grosser Wandel' genanntes Edikt, das eine vollständige Neuordnung des Regierungssystems bekannt machte.

"Entsprechend dem chinesischen Vorbild forderte es die Abschaffungsämtlichen Privatbesitzes von Reisland sowie derArbeitsverbände, die die Yamato-Sippen unterstützten. Esmachte die Rechte des Herrschers auf den Grund und Bodendes Landes geltend. Es verlangte die Gründung einer ständigenkaiserlichen Hauptstadt und die Verwaltung des Landesmittels eines Systems von Provinzen, Distrikten und Dörfern.Es ordnete die Durchführung einer Volkszählung an, sowiedie planmässige Verteilung des Bodens zur Kultivierung,nachdem er ganz vermessen und seiner Güte entsprechend eingestuftsei. Steuern sollten systematisch auferlegt werdenund die Oberschicht sollte Beamtenstellen einnehmen und gemässRang und Status eine Besoldung erhalten."

Der Staatsstreich des Jahres 645 und das Edikt des Jahres
646 verbanden in dramatischer Weise den Drang der japanischen Kaiserfamilie, wie wir sie jetzt nennen können, nachdem Besitz der Macht mit dem Wunsch China nachzueifern.

Im Jahre 649 wurden 8 Ministerien der Zentralregierung
geschaffen, und Beamte zu ihrer Besetzung ernannt. Im
Jahre 652 war die erste Landverteilung im Gebiet der
Hauptstadt abgeschlossen. Im Jahre 668 konnte Kaiser
Tenchi den Thron im Bewusstsein besteigen, dass die ersten
Schritte in seinen Reformplänen getan waren."

"Bei Tenchi's Tod brach ein ernster Streit um die Nachfolge
aus, der Zentraljapan in einige Monate blutigen Bürgerkriegesstürzte. Dieser Bürgerkrieg, der als jinshin-Aufruhrbekannt ist, brachte einen Kaiser auf den Thron,der alle Eigenschaften eines absoluten Herrschers besass."

"Wie nur je ein japanischer Herrscher seit frühgeschichtlicherZeit, kam Kaiser Temmu (673-686) aufgrund militärischerStärke zur Macht. Zum ersten Mal seit einigen Jahrhundertenverfügte das Oberhaupt der Kaiserfamilie selbstüber genug Gewalt, um eine wirkliche Führung auszuüben.Daher konnte Kaiser Temmu das Programm, das begonnen wordenwar, vollenden und Massnahmen, die lange durch althergebrachte
Interessen der konservativen Yamatofamilien verhindert
worden waren, durchsetzen. Innerhalb weniger Jahrzehnte
nach seinem Tode im Jahre 686 war die Kaiserstadt
Nara mit einer vollentwickelten Beamtenschaft errichtet
und eine systematische Gesetzessammlung für die Regelung
der administrativen Verfahren der Lokalverwaltung zur Besteuerungund der militärischen Angelegenheiten bekannt gemacht."

Das Wichtigste waren die sozialen Folgeerscheinungen dieser
Reformen. Zwar kann man durchaus von einem Zusammenbruch der überkommenen Regierungsstruktur von Yamato im 7. Jhdt.sprechen, doch besteht gerade eine der wesentlichsten Leistungen darin, dass es ihr gelang, die alten Yamato-Sippen im Sinne einer zentralisierten Bürokratie als Beamtenschaft zu integrieren, sie in eine sicher gegründete zivile Aristokratie umzuwandeln.

Nach diesen rund 100 recht dramatischen Jahren war der
Grundraster, das Fundament gelegt, auf dem sich in rascher
Entwicklung die klassische Blüte der japanischen Kultur
entfaltet.

"Die grossen öffentlichen Unternehmungen, die Paläste,
Regierungsgebäude, Tempel, Strassen, Bewässerungsanlagen,die die Blütezeit der Nara-Periode charakterisieren, warendie sichtbaren Zeichen einer neuen Machtkonzentrierung,die zugunsten und von Seiten der Aristokratie erfolgte.Japan hatte nicht nur seine Staatsform und den Stil seinerKultur geändert, sondern hatte auch eine neue Gesellschaftsstrukturgeschaffen, die 5 Jahrhunderte bestehenbleiben sollte."

Wie stark damals der zentralistische Reichsgedanke die
Kernlande des damaligen Japans ergriff, zeigt auch, wie
er auf den Buddhismus übertragen wurde.

"Dass sich politische und religiöse Interessen mischten,
lässt sich am deutlichsten in Nara feststellen, wo als
einer der 48 Tempel der Stadt der grosse Todaiji höchster
aller Staatstempel und Haustempel der Kaiserfamilie errichtet
wurde. Als Landestempel der Hauptprovinz Yamato
stand er auch an der Spitze aller Provinztempel. Im Jahre
747 erteilte Kaiser Shomu den Befehl mit der Arbeit an
einer gigantischen Statue des Roshana-Buddha, der Zentralfigur
im Pantheon der Kegon Sekte, die in der Halle des Grossen
Buddha im Todai-Tempel aufgestellt werden sollte,
zu beginnen. Es heisst, zu dieser riesigen Statue von 16 m
Höhe seien annähernd 3 Mio. Pfund Kupfer, Zinn und Blei
und etwa 13'000 Pfund Gold benötigt worden. Dies belastete
die Finanzen und Kräfte des neuen Staates bis zum
äussersten. Bei der grossen Zeremonie des Augenöffnens im
Jahre 752 jedoch wurde Japan buchstäblich der Mittelpunkt
der buddhistischen Welt in Ostasien. Denn offizielle Vertreter
und Manche kamen selbst aus so entlegenen Ländern
wie Champa und Indien nach Japan. Die eigentliche Bedeutung
des grossen Buddha aber lag darin, dass er Roshana, den
allumfassenden Buddha und das Symbol der geistigen Einheit
des Universums darstellte. Wenn sich Kaiser Shomu auch als
Sklaven von Roshana bezeichnete, so konnte er doch trotzdem
behaupten, er nehme die jenem entsprechende Stellung auf
Erden ein, denn wie Roshana über das Universum in allen
seinen Manifestationen wachte, so sicherte der Kaiser die
Einheit seines Staates. Hiermit hatte die Verbindung der
religiösen Prinzipien zur Stärkung des Staatswesens den
Höhepunkt erreicht."

Die bisherigen Darstellungen aufgrund der frühen sino-japanischen
Chroniken zeigen den eigenartigen Widerspruch
zu Beginn der japanischen Geschichte, das Paradox, dass
alles irgendwie im Doppel erscheint. Der Yamatofürst steigt
auf zum Himmelssohn, ihm ist aber ein Regent gegenübergestellt.
Das Regieren des Kaisers ist dem Shinto verpflichtet,
der Regent regiert aus der Sicht des Buddhismus.
Wir können dieses grundjapanische Paradox jetzt allerdings
bereits etwas verstehen: es ist Ausdruck einer machtpolitischen
Auseinandersetzung zwischen vorgeschichtlicher
Tradition und beginnender Geschichte. Beide können sich
halten, weil sie auf ganz anderen Strukturen begründet sind
und von dorther offenbar Macht entfalten. Wir werden später
darauf zurückkommen, wie rein traditionelle Macht strukturiert
ist.

Was heisst das bisher Gesagte für unser Japanbild? Versteht
man die japanische Frühgeschichte ohne die vorgeschichtlichen
Voraussetzungen, die wir stellenweise eingeflochten
haben, in historisch engeren Sinn, so liefert sie ein
fragwürdiges Bild. Sie verharmlost die Spannungen zwischen
Buddhismus und Shinto, zwischen Regent und Kaiser und vermag
so die Zweideutigkeit der japanischen Institutionen
nicht zu erklären. Sie verherrlicht das Neue, Importierte,
ohne das Hergebrachte zu begreifen. Was wunder, dass sie
dann nicht versteht, aus welchen Kräften sich die späteren
Abwandlungen speisen. Es entsteht ein elitäres Kulturbild
ohne Wurzeln in der eigenen Kontinuität. Die Wurzeln der Importkultur
liegen so weit zurück, dass sie nicht mehr erschliessbar
sind. Der entwickelte Hochkulturzustand an dem man sich
orientiert, bedeutet also zugleich ein Verdrängen der eigenen,
im sozialen Umkreis tradierten Wurzeln. Von einer traditionellen
Kulturgrundschicht aus wird verständlich,
dass diese - neben der elitären Orientierung - immer eine
Spannung nach der eigenen kulturellen Eigenheit parallel
trägt. Gerade der japanische Feudalismus hat aus seiner
grundsätzlich provinziellen Disposition immer auf das
Einfache, das Selbstgenügsame der ländlichen Tradition
zurückgegriffen, hat dieses aber verschmolzen mit buddhistischen
Elementen und verfeinert. Von dieser Grundspannung
zu den traditionellen Wurzeln muss man die nationale Bewegung
verstehen, der wir uns in der nächsten Sendung widmen
sollen.
 
 

- Ende Teil 1 -


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