JAPAN DAS GROSSE DORF

Chinaschule, Nationalgeschichte
und die moderne japanische
Kulturanthropologie

Notizen zur Geschichte
des japanischen Geschichtsbewusstseins

 Radio-Zyklus in drei Teilen
(Schweizer Radio DRS, 1983)

von Nold Egenter



 

ÜBERSICHT

Die "japanische Herausforderung“ ist heute zum Schlagwort geworden.

Doch: wo liegen die Gründe für die Leistungen der Japaner? Wo steckt das Geheimnis ihrer weithin unzugänglichen Kultur? Eigenartigerweise besitzen wir heute noch nur recht verzerrte Bilder von Japan. Man verdrängt das Phänomen im allgemeinen in fernöstliche Ferne, idealisiert es einerseits unzulässig und mystifiziert es, oder man wertet manche unverständlichen Züge vorschnell ab, wodurch oft Angst- oder Hassgefühle geweckt werden.

Nold Egenter, Architekt ETH und Ethnologe, freiberuflicher Publizist und Lehrbeauftragter der Universität Zürich unternimmt es im Absprung zu den gängigen Japan-Stereotypen ein Bild zu zeichnen, das Japans Kulturentwicklung nicht bloss historisch, sondern strukturgeschichtlich von den ethnohistorisch rekonstruierten Wurzeln seiner bäuerlich-dörflichen Grundschicht her begreift.

Jeder, der nicht so naiv ist, Geschichte auch gleich als das Geschehene zu nehmen, wird schnell bemerken, dass die japanische Geschichte vornehmlich auch eine Geschichte der Geschichtsschreibung und -forschung ist. Konkret gesagt: der Standpunkt der Chronisten und Historiker hat sich im historischen Raum Japans dreimal wesentlich verändert. Ganz andere Quellen hatte man in diesen drei Schulen im Auge und sie wurden nach wesentlich verschiedenen Methoden bearbeitet. Das wichtigste: sie projizierten ganz verschiedene Weltbilder, die mit ihren institutionellen Niederschlägen das Leben der Japaner entscheidend prägten und prägen.

Die neueste Schule hat natürlich die älteren nicht einfach ersetzt. Alle drei Weltbilder leben, gebunden an bestimmte Sachkulturbereiche, geographische Regionen und Gesellschaftsschichten im heutigen Japan mehr oder weniger getrennt, meist im gleichen Kopf vermischt, zusammen. lhre Widersprüche machen einen wesentlichen Teil der politischen Dynamik Japans aus. Die drei Schulen im Einzelnen sind: (1) die Chinaschule, (2) die nationale Schule und (3) die moderne Kulturanthropologie. Der Zyklus behandelt in dieser Reihenfolge Entstehung, historische Methode und resultierendes Weltbild dieser Schulen.

(1)
Die China-Schule

Von Europa aus lässt sich die China-Schule Japans in etwa mit der klassischen Altertumswissenschaft vergleichen. Ihr Beginn fällt in die Anfänge der geschriebenen Geschichte Japans im 8. Jhdt. Seither umfasst sie alle auf China bezogenen Studien, die sich immer weitere Gebiete erschlossen. Ihre Entwicklung geht uns von der sino-japanischen Geschichtsschreibung, die ihrerseits wieder auf der herkömmlichen Historiographie Chinas basiert. Sie dauert natürlich bis heute, erlebte aber ihren Höhepunkt in der Tokugawazeit, d.h. im 17. und 18. Jhdt., geleitet vom konfuzianischen Zeitgeist dieser Epoche. In ihrer starken Orientierung auf China prägt sie ein elitäres Kulturbild, initiiert von der frühen Aristokratie, die mit Hilfe entwickelter chinesischer Ordnungskonzepte und Kulturleistungen die japanischen Inseln von Zentraljapan aus unter Kontrolle brachte.

(2)
Die nationale Schule

Erstmals zu Beginn des 11. Jhdts. machte sich in Japan eine gewisse Selbstbesinnung bemerkbar. Der Untergang des Tang-Reiches in China beeinflusste in Japan nicht nur die Regierungsform, er begünstigte auch den Durchbruch der nationalen Literatur, ebenso eine mehr frei spielerisch erzählende Form der Geschichtsschreibung. An dieser entzündet sich in der Tokugawazeit die nationale Schule. Sie gerät bald in Gegensatz zu den orthodoxen Konfuzianisten und begreift sich unter wachsendem Einfluss zusehends als nationale Bewegung. Um die Mitte des 19. Jhdts.. gewinnt sie massgebliche Wirkung auf die Meiji-Revolution, die damals das japanische Gottkaisertum staatsrechtlich begründete. Die bekannten Ereignisse um den 2. Weltkrieg, die weltweit Aufsehen erregten, verdanken sich also zu einem Gutteil den Arbeiten und dem Einfluss dieser Gruppe von Historikern. Ihre zeitliche Bedingtheit ist heute absehbar. Auf theologischen Grundlagen rekonstruierten sie -methodisch unzulässig - aus frühgeschichtlichen Texten eine Vor-Geschichte. Die aufgeklärte Geschichtsforschung bemüht sich demgegenüber heute die Quellen aus ihrem historischen Umfeld zu deuten.

(3)
Die moderne Kulturanthropologie

Die China- und die National-Schulen sind trotz ihrer Verschiedenheit einem engen Historismus verpflichtet. Die moderne Japanische Kulturanthropologie sprengt diesen Rahmen völlig, indem sie mit allen heute verfügbaren Quellen arbeitet. Japan hat so ein sehr differenziertes Bild seiner Kultur- entwicklung gewonnen. Auf der Basis sozio-historischer Rekonstruktionen der politisch tragenden Institutionen Alt-Japans, versucht dieser Zyklusteil an einem Beispiel die Leistungsfähigkeit der dritten Schule zu illustrieren. Mit den Ergebnissen volkskundlicher Forschungen im dörflichen Japan werden die Institutionen im Schwellenbereich vorgeschichtlicher Sippenherrschaft und frühgeschichtlichem Staatskern in Zentraljapan neu interpretierbar. Der Beginn der japanischen Geschichte erscheint nun nicht mehr als friedliche Übernahme chinesischen Kulturguts, sondern als territorialpolitische Auseinandersetzung zwischen lokal tradierten dörflich-bäuerlichen Institutionen der Vorgeschichte und den von der frühen Aristokratie eingeführten zentralistischen Regierungskonzepten. Diese Dialektik zwischen Tradition und Geschichte, zwischen Lokalismus und Zentralismus ist ein Kontinuum, das auch heute noch die japanische Kultur auf verschiedenen Ebenen wesentlich prägt. Wer diese allpräsente Spannung versteht, hält den Schlüssel zu einem neuen Verständnis Japans in der Hand.


Zu Teil 1, 2, 3