Fortsetzung (Teil 3)


 

II. TEIL

Zweites Interview:
der Primaten-Verhaltensforscher



(Zoologischer Garten. Affenhaus, im Hintergrund Tierstimmen. Marco Scharf interviewt Herrn Nick)

I: Herr Nick, wir sind auf die Empfehlung unseres Zoodirektors, Herrn Jetzer, hier zu ihnen in ihren Zoo gekommen, um von ihnen etwas genaueres über das mysteriöse Museumsgeschenk aus Afrika zu erfahren. Wie sie bereits wissen: es ist nun tatsächlich als Affennest klargestellt. Sie sind einer der wichtigsten Spezialisten in Europa.

N: Vielleicht kann man das so sagen. Ich habe mich jedenfalls an die zehn Jahre mit dem Nestbauverhalten der höheren Menschenaffen beschäftigt. Allerdings habe ich kaum etwas darüber veröffentlicht wie meine bekannteren Kollegen in Deutschland und Amerika. Die Beschäftigung mit dem Affennest - wir wollens im folgenden einfach so nennen - ist ein relativ junger Zweig unserer Forschung. Erstaunlicherweise hat man die Bedeutung dieser doch recht handfesten Tatsache erst vor verhältnismässig kurzer Zeit entdeckt. Nämlich, dass unsere nächsten Verwandten im Tierreich ausserordentlich geübte Nestbauer sind.

I: Was meinen sie mit relativ jung?

N: Etwa weit 193O. An sich ist die Sache schon etwa seit 2OO Jahren bekannt. Doch war da anfangs viel Jägerlatein der damaligen Kolonialoffiziere mit dabei. Wenn die auf Affenjagd in den Dschungel gingen, hatten sie natürlich eingeborene Führer bei sich. Die erzählten ihnen die Geschichten ihrer Dörfer, wo man die Affen noch als verwunschene oder verwilderte Menschen ansah. So kam es, dass man lange meinte, die Gorillas und Schimpansen oder auch die Orang-Utans bauten in den Bäumen Hütten, um mit den von ihnen geraubten Frauen zusammenzuwohnen. Danach kamen die Zoologen in den Dschungel. Sie stuften das Gebilde als Nest ein. Es blieb bei vereinzelten Beobachtungen. Nach 193O wurde die sogenannte Freilandforschung enorm intensiviert. Heute ist es klar, dass die drei höchsten Menschenaffen-Arten Nestbauer sind.

I: Die Orang-Utan leben doch aber in einem ganz anderen Kontinent als die Schimpansen und Gorillas.

N: Ja, da berühren sie einen ganz wichtigen Punkt. Erstere leben in SO-Asien, letztere in Afrika. Das beweist, dass dieser allen gemeinsame Nestbau nicht erst kürzlich entwickelt worden sein kann.

I: Was brachte die Wende um 193O?

K: Die verdankt sich dem monumentalen Werk des amerikanischen Forscherpaares Yerkes über die grossen Affen. Die Forscher hatten darin praktisch alles zusammengetragen, was man damals über die höheren Menschenaffen wusste. Dazu gehörten natürlich auch die zahlreichen Beobachtungen, die man schon seit rund 2OO Jahren von Kolonialoffizieren, Jägern, Abenteurern und schliesslich auch von Zoologen besass. Es war vor allem dieses Material über unmittelbare Kontakte in den Dschungeln und Urwäldern, die die Fragwürdigkeit herkömmlicher Untersuchungen aufdeckte. Schlagartig wurde man sich bewusst, dass man ja diese für unser biologisches Selbstverständnis ausserordentlich wichtigen Tiere bloss aus der vom Menschen diktierten Realität des Tiergartens kannte. Man wusste zwar um ihr Leben in den hygienisch gekachelten und mit Eisenstäben vergitterten Käfigen. Das war aber nicht ihr Leben. Von ihrem natürlichen Alltag in freier Wildbahn wusste man viel zu wenig. Dieses Vakuum regte die Freilandforschung ungemein an.

I: Von nun gingen die Primatenforscher also vermehrt in den Dschungel, statt zuhause vor den Käfigen zu sitzen?

N: Ja, wenn sie so wollen. Man rückte jetzt mit ausgearbeiteten Forschungsprojekten aus, um die Tiere im natürlichen Habitat zu beobachten. Im Gegensatz zu den früheren, oft zufälligen Skizzen, erschienen nun mehr und mehr fachmännisch ausgearbeitete Untersuchungen und Berichte in den entsprechenden Zeitschriften. Man erforschte die freilebenden Tiere etwa mit soziologischen Methoden auf ihr Gruppenverhalten - wer spannt mit wem zusammen, welche Wege werden von den Tieren benutzt, wie kommunizieren die Individuen untereinander u.s.w. - oder beobachtete ganz einfach ihren sozialen Alltag. Vor allem Frauen, wie etwa Jane Goodall, Diane Fossey und andere haben hier Ausserordentliches geleistet, weil sie ein starkes Einfühlungsvermögen in das Dschungelleben mitbrachten.

I: Ich verstehe. In diesen Berichten taucht nun auch mehr und mehr das Affennest auf.

N: Ja. es erscheint in Schilderungen des täglichen Lebens. Man hört, wie die Tiere es auf Bäumen und am Boden herstellen, wie sie es verwenden, welche Schlafstellungen sie darin einnehmen, oder wie die kleinen Affenkinder es als Spielzeug benutzen. Man hat deshalb heute eine recht gute Vorstellung seiner Bedeutung im natürlich gelebten Alltag.

I: Jemand hat mir einmal gesagt, die höheren Menschenaffen seien Nomaden. Stimmt das?

N: Ja. Auch das war ein Ergebnis dieser Studien. Wir haben die nomadische Lebensweise unserer nächsten Verwandten im Tierreich besser verstehen gelernt. Sie leben fast ausschliesslich vom Einsammeln von Früchten, Gemüsen und Wurzeln. Bemerkenswert ist ihr recht vielfältiges Frischkost-Menü. Was da an Ort wächst, ist aber offenbar nicht genügend, um den Tieren den Hunger zu stillen. Das leuchtet einem durchaus ein, wenn man sich ihre Grösse vor Augen hält. So haben sie sich offenbar auf eine wandernde Futtersuche eingerichtet. Eine entsprechende Untersuchung über die Berggorillas in Afrika ergab tägliche Wanderwege von 1.5 - 1O Kilometer.

I: Das heisst, die Tiergruppen finden sich praktisch jeden Abend an einem anderen Ort?

N: Ja, und so wie ein reisender Mensch sich jeden Abend seine passende Unterkunft sucht, so suchen sich die Tiere vorerst einen günstigen Nistplatz und bauen dann ihr Bett. Meist geschieht das in kleinen Gruppen in der Nähe der letztbesuchten Fruchtbäume. I: Und das tun sie jede Nacht? Alle drei Arten?

N: Ja, jede Nacht.

I: Ein Leben lang?

N: Ein Leben lang. Sie beginnen mit etwa 2 1/2 bis 3 Jahren und tun das jede Nacht bis zu ihrem Tod. Vor dem Einnachten baut jedes sich sein Nest, klettert hinein und schläft darin bis zum Morgengrauen.

I: Das ist ja ungeheuerlich. Das macht etwa 3O-4O OOO Schlafnester pro Affenleben. Eine enorme Produktion!

N: Ja, man kann also sagen, das Nest ist mindestens mit der Hälfte des reifen Affenlebens aufs innigste verbunden. Da muss es doch erstaunen, wie wenig man allgemein weiss von dieser zweifellos wichtigen Leistung unserer nahen Verwandten im Tierreich.

I: Ich muss ihnen ehrlich gestehen, vor dem Eintreffen des mysteriösen Museumsgeschenks, da hatte ich keine Ahnung davon, dass Affen Nester bauen. Ich hätte jeden ausgelacht, der mir das hätte weis machen wollen.

N: Einerseits hängt das, wie gesagt, damit zusammen, dass wir uns zu lange mit dem Bild vom Käfigtier im Zoo begnügten. Dann war da aber auch noch etwas zweites, wichtigeres. Etwas, das es vor unserem vom Menschen ausgehenden Interesse recht eigentlich versteckte. Die einzigen, die es wirklich kannten, die hüteten es in einer falschen Schublade. Doch davon später.

I: Entschuldigen sie, dass ich mit einer konkreten Frage dreinfalle. Wie lange bastelt man an so einem Nest. Eine Stunde oder mehr?

N: Nein, nein, das geht sehr schnell. ältere Routiniers brauchen dafür bloss 3 - 5 Minuten. Weniger geübte junge Tiere brauchen etwas länger, je nach Fähigkeiten. Oft springt denen das wie ein Gefüge aus Pfeilbogen gespannte Geflecht wieder auf. Die Sache will eben gelernt sein.

I: Werden die Nester immer in Bäumen angelegt?

N: Nein, es gibt zwei verschiedene Typen, Baum- und Bodennester. Beim Bau eines Baumnestes befindet sich das Tier meist stehend in einer Astgabel, hält sich mit einer Hand am Stamm und greift mit dem anderen Arm aus. Mindestens drei Äste werden hereingebogen, unter dem Füssen festgeklemmt und dann zu einer festen Plattform verflochten. Auf dieser kauernd biegt dann das Tier rings um den eigenen Körper dünnere Aeste und Zweige ein, wobei aussen ein kreisförmiger Wulst, innen eine Vertiefung entsteht.

I: Die Nester haben also eine recht klar beschreibbare Form?

N: Ja, das ist nicht etwa ein zufälliges Dienstbarmachen einer günstigen Gelegenheit. Das Nest hat eine recht stereotype Form, auf die mancher Designer von Sitz- oder Schlaflandschaften stolz wäre, wenn er das - mit seinen Buben im Wald - zustande brächte.

I: Sticht dieses krude Nest die Ruhe-Suchenden nicht entsetzlich in den Rücken?

N: Nein, nein, da ist richtige Polsterarbeit am Werk. Unliebsam Vorstehendes wird mit den Fingerknödeln zurechtgehämmert oder von Hand verflochten. Die tiefere Mitte und der erhöhte Rand werden mit von Zweigen gestreiften Blättern sorgfältig ausgepolstert. Danach wird der Sitz ausprobiert, allenfalls mehrere Male besser zugerichtet. Oft wird beschrieben, wie der Affe nach Bezug seiner Liege noch lange Zeit wohlig und bequem Schlafhappen kaut. Mit einem Bein oder Arm an einem nahen Ast verankert, oder auch ganz eingerollt, schläft das Tier schliesslich ein und verbringt die Nacht bis zum ersten Sonnenstrahl in luftiger Höhe.

I: Bodennester, nehme ich an, sind demgegenüber näher beim Boden. Die Herstellung wird entsprechend verschieden sein?

N: Bodennester werden zwar mit ähnlichen Techniken des Heranreichens und Verflechtens von Material fabriziert, aber sie sind nicht so stereotyp in der Form wie die Baumnester. Verschiedenes Material steht jetzt zur Verfügung. Man kann einfach ein paar nahe Graswische ausrupfen und sie zu einem Nest häufen, oder man kann sich im Gezweig von niederen Büschen eine Art Korbstuhl flechten. Grosse, schwere Tiere hängen sich auch an junge Bäume oder Bambushalme, ziehen diese herab und fertigen daraus hüttenähnliche Türme, die sie nach Fertigstellung erklettern. Wie ein König thronen sie obenauf, legen sich zum Schlafen oder Ruhen nieder.

I: Wer macht Boden-, wer Baumnester? Oder ist die Verteilung zufällig?

N: Das scheint mit dem Körpergewicht zusammenzuhängen. ältere, schwere Männchen bewegen sich mehr am Boden und bauen in der Regel Bodennester, wogegen Weibchen mit Jungen und junge Tiere eher im Gezweig der Bäume nisten.

I: Wenn sie dieses Nestbauverhalten mit menschlichen Verhaltensweisen vergleichen würden, wie sähen sie das?

N: Mich erinnern gerade die Bodennester stark an das menschliche Bauen, aber da bin ich nicht kompetent. Ich weiss nicht, wie die Architekten und Baumeister ihr Produkt definieren.

I: Sie werden lachen. Es gibt keine rechte Definition. Man sagt da bloss, bauen, das ist wie ... dann folgt Haus, Hütte usw. Ich habe das gestern kurz nachgesehen, denn mit dem Affennest sind wir ja an einem Grenzfall. Komisch: alle bauen wie verrückt, aber keiner hat sich je Gedanken gemacht, was das eigentlich ist. Nur die Juristen haben natürlich ihre einigermassen präzise Definition. Das nur nebenbei. Dann wäre das Affennest also am ehesten als eine Art 'vormenschliches Bett' anzusehen?

N: Nein, das darf man nicht auf Anhieb derart vereinfachen, sonst beraubt man sich voreilig wertvoller Einsichten. Dennoch lassen sich gewisse Ähnlichkeiten zu menschlichen Liegevorrichtungen und zu entsprechenden Bedürfnissen nicht verkennen. Da sind zum Beispiel die sogenannten Siestanester. Sie sind meist einfacher gemacht als die Schlafnester, nur für kurzen Gebrauch bestimmt. Man döst in ihnen über Mittag gern mit vollem Bauch im Schatten oder trifft sich nach Regenfällen zum Sonnenbad.

I: Gibt es auch Kinderwiegen?

N: Nein, die Menschenaffen haben offenbar mehr Wärme im Umgang mit ihren Kindern als der Mensch, der den Säugling oft bald nach der Geburt von der mütterlichen Körperwärme trennt. Das Affenkind schläft im Nest der Mutter, bis es etwa dreijährig ist. Der Vater hat sein eigenes Nest. Die Mutter fertigt an ihrem anfänglich kreisrunden Nest mit zunehmender Grösse des Kindes eine Ausbuchtung. Mit etwa 2 1/2 - 3 Jahren wird das Kind fähig - anfangs in der Nähe der Mutter - sich selber ein Nest zu bauen. Der Ablösungsprozess von Mutter und Kind spiegelt sich also förmlich im täglichen Nestbauen.

I: Gibt es bei den Menschenaffen auch Kranke? Wenn ja, wie verträgt sich das mit dem Wandern der Gesunden? Werden sie allein gelassen, oder gibt es eine Art Krankenpflege?

N: Da bin ich völlig überfragt, sofern sie das Kranksein im Busch meinen. Darüber gibt es noch kaum Untersuchungen. Aus einigen Beobachtungen weiss man jedoch, dass es Nester als Krankenlager gibt. Eindrücklich ist das Beispiel eines poliogelähmten Schimpansen, der sich zwischen drei immer gleichen Nestern hin- und herquält. Auch Beispiele eines Affennestes als Totenlager sind bekannt. Von jagenden Kolonialoffizieren angeschossene Tiere erstellten sich mit letzter Kraft noch ein Nest, das sie am Herunterfallen hinderte. Schliesslich verbluteten sie darin.

I: Wie steht es mit dem Nest als Ort der Liebe?

N: Ob das Nest bei den höheren Menschenaffen auch als Ort der Paarung gilt, ist heute umstritten. Doch bauen sich Liebespaare Nester dicht zusammen, ebenso Freunde in der gleichen Baumkrone oder in benachbarten Bäumen.

I: Dann könnte man aus der Anordnung solcher Nester seelische Beziehungen unter den Tieren herauslesen?

N: Ja, das hat man auch schon getan. Man hat die Nester, nachdem die Schläfer auf und davon waren, fein säuberlich ausgemessen und aufgezeichnet. Mit entsprechenden Einträgen, wer wo geschlafen hat, da kann man natürlich etwas über die Beziehungen der Individuen in der Gruppe herauslesen.

I: Das sieht dann aus wie ein Wohnplan in den Bäumen?

N: Der sich aber immer wieder verändert. Man hat auch schon quadratkilometerweise alle erkennbaren Nester in Pläne eingetragen. Solche nur jeweils eine Nacht benutzten Dörfer von Affengruppen sehen aus wie eine Flugaufnahme mit Haufen von Hunderten von Ein-Mann-Häuschen.

I: Wie lange erhalten sich denn solche Nester?

N: Je nach Art des Baumes und Qualität des Nestbaus kann das mehrere Monate sichtbar bleiben. Solche Veränderungen der Natur sind in der Krone dünn belaubter Bäume von weitem zu erkennen. Sie sind etwas grösser als die Knäuel, die manche Vögel bei uns in Baumbeständen - etwa entlang Bachläufen - da und dort gut sichtbar zurücklassen.

I: Heisst das, dass die Affennester in der Landschaft richtige Zeichen sind?

N: Sofern sie uns Menschen betreffen, ganz sicher. So ein Nest sagt uns schon von weitem: da hat ein Affe geschlafen. Wir können sogar am Zustand des Nestes ungefähr bestimmen, wann das war. Frisch verlassene Nester sind noch ganz grün und saftig. Bald werden sie dürr und nach längerer Zeit sieht man bloss noch ein Gerüst von Ästen und Zweigen. Oft werden die Nester aber sehr bald durch nachwachsendes Material verdeckt.

I: Wie steht das mit dem Zeichencharakter für die Affen selber? Können sie z.B. ihre eigenen Nester von denen einer Fremdgruppe unterscheiden? Flösst ihnen der Anblick ihrer eigenen entsprechend Heimatgefühle ein? Fürchten sie die Nistplätze der andern?

N: Mit solchen Fragen haben sie schneeweisses Neuland unter ihren Füssen. Zwar gibt es mehr und mehr Untersuchungen zum Territorialverhalten der höheren Menschenaffen. Man weiss z.B., dass sie einen festen Bestand von immer wieder besuchten Nistplätzen haben und dass die Territorien verschiedener Gruppen sich überlappen können, aber was für Gefühle mit solchen Zonen oder gar Nestarten verbunden sind, da weiss man heute praktisch noch nichts darüber, obwohl das natürlich ganz wichtig wäre, denn vielleicht spielen solche Unterscheidungen im Orientierungssystem eine wichtige Rolle.

I: Eingangs haben sie von einem Spielzeugnest gesprochen.

N: Ach ja, das hätte ich beinahe vergessen. Das Wichtigste fast. Zahlreiche Freilandforscher haben in ihren Berichten beschrieben, wie Affenkinder lustig mit kleinen körbchenartigen Gebilden spielten, wie sie sich mit diesen im Flechten übten, wie diese - oft ungelenk gefertigt - immer wieder aufspringen u.s.w. Man war sich bald klar, dass es sich dabei um verkleinerte Spielnester handeln musste und da war natürlich schnell die Frage da: ist das Nestbauen ein instinktiver Vorgang oder ist es gelernt? Es ist diese Frage, die bei mir vor gut 1O Jahren das Interesse für das Affennest geweckt hatte. Wenn es ganz oder auch nur teilweise gelernt wäre, so wäre dies eine Tradition im menschlichen Sinne. Man müsste sie in die Millionen Jahre veranschlagen, denn - wir haben schon darauf hingewiesen - alle drei grossen Affen praktizieren das Nesterbauen, obschon sie kontinental getrennt leben. Wenn sich nun aber ein solches Weitergeben nach dem Meister-Lehrlingsprinzip über Millionen von Jahren hätte halten können, dann ist nicht einzusehen, warum sich ein Verhalten dieser Art nicht auch entwickelt haben könnte. Für diesen Gesichtspunkt des Weiterentwickelns ist es ausschlaggebend, dass Affennester konstruierte Dinge sind. Und das sind sie ja auch. Sie sind verflochten, verfestigt, gebaut. Sie bilden eine gefügte, dauerhafte Veränderung der Natur, auch wenn es sich zeitlich nur um Monate handelt. Das wichtigste vielleicht: sie decken ein grundlegendes, essentielles Bedürfnis im physischen und psychischen Sinn. Sie ermöglichen Erholung und Ruhe, insbesondere eben: Schlaf.

I: Dann messen sie also der Frage 'sind Affennester instinktiv oder gelernt gebaut?' zentrale Bedeutung zu?

N: Ja, weil sie damit plötzlich in der Kulturdiskussion ungeheures Gewicht erhalten. Das Problem wurde in Amerika im Yerkes Institut erstmals systematisch angeschnitten. Der Primatenforscher Bernstein hat um 196O wild und in Gefangenschaft geborene Schimpansen verschiedenen Alters auf ihre Nestbau-Fähigkeiten untersucht. In verschiedenen Tests schnitten die wildgeborenen weit besser ab. Das legte den Schluss nahe, das Nestbauverhalten der höhreren Menschaffen sei ein 'gelerntes Muster', eine Tradition unter wildlebenden Tieren, die in der Käfighaltung zwangsläufig untergeht. Eine zweite Untersuchung suchte 1967 diesen Ansatz für alle drei Affenarten zu erhärten. Dabei kam etwas Interessantes heraus. Das Sprichwort 'Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr' gilt auch für den Nestbau der Menschenaffen. Das Zusammensperren von erwachsenen Könnern mit Kollegen, die kein Nest fertig bringen, nutzt nicht viel. Nichts wurde hinzugelernt. Es bleibt bei der Unfähigkeit. In einer weiteren Untersuchung, die Bernstein zwei Jahre später veröffentlicht, schreibt er: 'Es scheint jedenfalls, dass der Nestbau der höheren Menschaffen gelernt ist und dass er früh im Leben gelernt wird, oder gelernt werden muss. Im Labor geborene Schimpansen ... lernen als Erwachsene die Muster nicht mehr, die es zum Nestbau braucht. Es scheint, dass frühe Erfahrungen der Kinder, etwa das Schlafen im Nest, das die Mutter fabriziert hat, möglicherweise von grosser Bedeutung für spätere Nestbaufähigkeiten sind.'

I: Die Mutter wäre also hier der Meister, das Kind der Lehrling. Die Mutter bringt ihrem Kind somit ein Handwerk bei, das ihm wirklich etwas nützt.

N: Das ist sehr treffend gesagt. Beachten sie übrigens, dass es sich beim Nestbau wirklich um Hand-Werk im elementarsten Sinne handelt. Es braucht da kein Werkzeug. Die Hand ist das Werkzeug, aus dem direkt das Werk entsteht. Das ist natürlich eine viel fruchtbarere Beziehung als diejenige von Hand-Werkzeug-Werk, die die Anthropologen annehmen, die den Menschen als Werkzeughersteller deuten. Erstaunlicherweise geht das Wort 'Werk' in der indogermanischen Sprachgeschichte ausgerechnet aufs Flechten zurück. Das nur nebenbei, als Denkanstoss.

I: Dann stünde hier die Sprachgeschichte im Widerspruch zur harten Periodisierung der Archäologie. Ich versteh mich da ein bisschen: das Wortfeld von Werk ist riesig. Das ist ein starkes Argument. Ich verstehe langsam, warum sie der Klärung dieses Lernens so grosse Bedeutung zumessen.

N: Ja. Nun, zum Verhältnis von Instinkt und Lernen: schon bei den Versuchen von Bernstein zeigte sich, dass auch Versuchstiere, die kein Nest zu einem festen Ganzen zusammenflechten konnten, eigenartige Bewegungsmuster übten. So etwa das Heranziehen von Material mit den Armen rings um den sitzenden Körper oder das von aussen nach innen Zerren von Dingen oder das Hämmern mit den Fingerknödeln. Diese Bewegungsmuster kamen auch bei den Könnern vor, waren Teile in einem koordinierten Ganzen, das ein stabiles Nest zum Ergebnis hatte. Bei den Unfähigen waren diese Muster nicht koordiniert. Sie brachten kein Nest zustande. Der deutsche Lethmate hat wesentlich zum besseren Verständnis des instinktgebundenen Teils beigetragen. 1977 berichtete er über seine Versuche. Er beschäftigte sich mit einem 16-monatigen Orang-Utan-Kind, das krankheitshalber nach der Geburt von seiner Mutter getrennt und in einem Kinderspital grossgezogen worden war. Es konnte also nichts gelernt haben.

I: Erlauben sie mir eine Zwischenfrage. Warum wird da nicht mehr geforscht? Geht das so lange von einer Studie zur andern?

N: Ja, leider. Affennest-Spezialisten gibts natürlich auf der ganzen Welt nur ganz wenige und in der Regel sind - wie etwa bei Bernsteins Untersuchungen - aufwendige Labors die Voraussetzung. Ausserdem befleissigen sich gerade heute, wo es vielleicht am dringendsten wäre, viele mit Sparprogrammen, besonders dort, wo es um das Wissen vom Menschen selbst geht.

I: Dabei müssten doch gerade Untersuchungen dieser Art von brennendem Interesse sein.

N: Das will ich meinen. Nun, Lethmate beschrieb das Verhalten des isolierten Kindes mit verschiedenen zugereichten Dingen. Hiezu unterteilte er vorerst - wie das in der Verhaltensforschung üblich ist - das normale Nestbauen des Orang-Utans in verschiedene, leicht feststellbare Phasen. Dasselbe tat er mit anderen Verhaltensweisen. Schliesslich beschrieb er die Tätigkeiten des Kindes nach solchen Phasen oder Mustern. Erstaunlich viele Bewegungsmuster entstammten dem Nestbauprogramm. Sie wurden auch mit ganz untauglichen Dingen vollführt. So zog das sitzende Kind auch Holzklötze oder gar - völlig sinnlos - umherliegende Werkzeuge als Nestwulst um seinen Körper heran.

I: So ist der Nestbau also nicht etwas vollumfänglich Gelerntes?

N: Nein, da ist auch etwas erblich Erworbenes mit im Spiel. Es ist eine Art Programm, das die Körperglieder wie an unsichtbaren Marionettenfäden auf einen unscharf definierten Zweck hin bewegt. Doch mangelt es diesen Bewegungen der präzisen Abstimmung und Folge. Diese Ordnung auf ein festgefügtes Nest hin, dies ist das Lernziel der Affenkind-Schule. Die wichtigste Einsicht, die sich aus Lethmate's Untersuchungen ergibt ist die, dass nun der Nestbau der Menschenaffen eine geschlosssene und eine offene Komponente hat. Diese Nicht-Eindeutigkeit des Verhaltens ist natürlich kein Streitfall. Sie ist bloss die Voraussetzung einer möglichen Entwicklung.

I: Wobei ihr Finger in Richtung Kultur zeigt?

N: Ja. Und da komme ich nun auf die falsche Schublade zu reden, die ich oben schon erwähnte. Zur Zeit, als man für die in Grosstädten da und dort neu eröffneten Tierpärke ausgebildete Zoologen in den Dschungel schickte, um lebende Tiere einzufangen, da kam es oft vor, dass man Bäume fällte, um die Affen in die Netze zu kriegen. Damit fielen besonders auch die Baumnester der Tiere recht eigentlich ins Blickfeld. Man beurteilte sie aber etwas voreilig vor allem der Form nach und verglich sie mit den Nestern grosser Vögel, etwa dem Storchennest. Die technischen Unterschiede vernachlässigte man völlig. Das Storchennest wird ja mit dem Schnabel gemacht, das Affennest mit der Hand. Die Einordnung in den festgefügten Komplex des Tiernestes verhinderte völlig die legitime Perspektive auf das weit näher liegende Artefaktverhalten des Menschen. So blieb das Affennest lange in einem von unserem Interesse abgelegenen Saal neben dem Brutnest der Vögel oder dem Bau der Nager in einer Schulblade liegen, wo es keinem Anthropologen je auffiel. Dieser meiner Ansicht nach falschen Schubladisierung ist es zu verdanken, dass wir heute das Affennest kaum kennen und dass auch kaum ein Fachmann die doch eigentlich augenspringende Frage stellt: Ja was hat denn dieses Nest mit der menschlichen Hand zu tun? Wie steht es zu den vom Menschen fabrizierten Dingen, was bedeutete es für unsere materielle Kultur, für unsere technologische Entwicklung? Hat sie mit dem Nestbau - nicht mit dem Werkzeug - begonnen?

I: Das heisst die Beantwortung dieser Frage könnte nun plötzlich darauf hinauslaufen, dass der Mensch von Anfang an ein konstruktives, ein aufbauendes Wesen gewesen wäre. Und dies gälte nicht irgendwo am Rande seiner Existenz, sondern im intimsten Kern seines täglichen sozialen Lebens.

N: Ja, so könnte man das sagen. Einmal ins richtige Licht gerückt, wird das Affennest mit seinen vielseitigen Aspekten eine grosse Fruchtbarkeit an neun Fragestellungen liefern, da bin ich überzeugt. Es wird Diskussionen entfachen, die ganz zentral unser menschliches Selbstverständnis betreffen.

I: Glauben sie, der unbekannte Spender hat das gewusst, oder irgendwie geahnt?

N: Ich habe, ehrlich gesagt, grosse Schwierigkeiten, mir die Motive zu erklären, die hinter diesem mysteriösen Museumsgeschenk stecken. War es als Ulk, als eine Art Happening gemeint? Dagegen spricht der Aufwand. Es ist ja beileibe nicht billig, ein so grosses Objekt zu präparieren und derart perfekt und präzise in Harz einzubetten. Man brauchte Spezialisten und unter anderem ein grosses Druckgefäss mit einer leistungsfähigen Vakuumpumpe, um dem Harz die Luftblasen zu entziehen.

I: Da haben sie recht. Auch die ganze Idee macht ja nicht den Eindruck als ob sie am Biertisch geboren wäre.

N: Der Gedanke, etwas biologisch Lebendiges durch Präparation dauerhaft zu machen, um es so aus fernen Erdteilen ins Blickfeld von Hochschul-Instituten zu bringen, diese Idee stammt aus dem naturwissenschaftlichen Museumswesen. Das spricht natürlich alles gegen einen billigen Ulk. Da steckt vielleicht ein jahrelanger Plan dahinter. Ich kann mir aber unter meinen Kollegen weltweit niemanden vorstellen, der das Affennest so wichtig nähme, um sich auf eine derart publikumswirksame Aktion einzulassen. Wenn es irgend ein komischer Kauz war, dann muss er ein ganz erstaunliches Gespür haben für die Achillesfersen unserer Wissenschaft vom Menschen.

I: Könnte der Impuls von einem anderen Wissenzweig stammen?

N: Das glaube ich kaum. Das Affennest wird doch heute allgemein so eingeteilt, dass wir Zoologen die Spezialisten sind. Jede Information aus einem anderen Gebiet müsste uns zugehen. Das ist aber nicht wahrscheinlich, weil das Affennest gar noch nicht in die Kulturdiskussion eingedrungen ist. In dieser Hinsicht ist es sozusagen noch gar nicht entdeckt. Man diskutiert dort wesentlich nur den Frühmenschen als Werkzeughersteller wenn es um seine technische Veranlagung geht. Im Urwald sucht man in dieser Linie nach nüsschenknackenden Affen oder macht ein Protokulturverhalten daraus, wenn man zufällig einen Affen entdeckt, der mit einem Zweiglein in einem Ameisennest stochert und es dann ableckt. Ich halte nicht viel von solchen Zufälligkeiten. Der Nestbau ist doch eine viel wichtigere Sache. Da hängt doch vielleicht das konstruktive Verhalten des Menschen dran.

I: Herr Nick, wir danken ihnen für dieses Gespräch (Schritte. Geht ab)

N: (laut rufend) Herr Scharf! Einen Moment bitte. Da kommt mir noch etwas in den Sinn (Pause)

I: (näher kommend) Sie wollten noch etwas sagen?

N: Ja, da ist mir etwas in den Sinn gekommen. Ein amerikanischer Kollege hat mir vor einiger Zeit gesagt, dass sich die Architekturwissenschaft - so nannte er das - für das konstruktive Verhalten der höheren Menschenaffen zu interessieren beginne. Er sagte, die Japaner hätten damit angefangen. Irgenwo habe er einen Bericht gesehen. Aber genau wo, das kann ich ihnen nicht mehr sagen. Am besten fragen sie vielleicht jemanden von der technischen Universität.

I: Besten Dank für den Hinweis. Ich werde der Sache nachgehen. (geht ab)



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