Fortsetzung (Teil 2)


Die ersten Besucher



I: Wie haben die Besucher der ersten Woche reagiert?

J: Wir waren überrascht. Vor allem nach dem ersten Zeitungsartikel am Dienstag kamen bereits viele, Junge und Alte, die nur das Affennest sehen wollten. Das hat uns natürlich interessiert. Was sagen die Leute, wie nehmen sie es auf. Vielleicht weil in der Eingangshalle auch Kasse und Garderobe sind, somit - anders als in den Ausstellungssälen - hier frei geredet wird, ergaben sich Gespräche und Diskussionen. Wir haben für kurze Zeit ein Mikrophon versteckt und Tonbandaufnahmen gemacht. Hier einige Müsterchen

(bringt Tonband in Gang, Knacken, Stimmengewirr in der Halle)

Ki: Vati, warum haben die das Glas hingetan? So kann man sich ja gar nicht hineinlegen und spüren, wie es ist: in einem Affennest schlafen.

V: Das ist kein Glas, sondern Harz, wie Bernstein. Weisst du, Muttis grosse Halskette mit den gelbschimmernden, durchsichtigen Kugeln. Das ist Bernstein, eine Art natürliches Harz. Ich habe sie dir doch kürzlich gezeigt, da hats eine kleine Fliege drin. Die sitzt schon tausend mal tausend Jahre da drin eingeschlossen. Dieses Affennest hat ein komischer Kauz in Afrika vom Baum gesägt. Im Harz bleibt es wie die Fliege in Mutters Halskette für lange Zeit erhalten. Man sagt dem konservieren.

Ki: So, wie Mutti die Erdbeeren vom Sommer für den Winter konserviert, damit wir im Winter Erdbeeren haben?

V: Ja. Alle unsere Museen sind dafür da, Dinge, die uns wichtig sind, zu konservieren, damit sie nicht verfaulen oder verloren gehen. Ein Museum ist wie eine riesige Konservenbüchse.

Ki: Vati, warum ist denn dieses Nest für uns wichtig? Niemand kann darin schlafen und essen kann man es auch nicht.

V: Genau weiss noch niemand, warum es hier steht, Aber die Affen sind so etwas wie gute Verwandte von uns. Wir wollen wissen, wie es ihnen geht.

Ki: Vati, du meinst, die Affen sind wie Grossvati. Wir sind gern bei ihnen und sie sind gern bei uns?

V: Ja, so ungefähr. Nur, das war vor langer, langer Zeit.

Ki: Vati, wenn dieser Grossvati zu uns käme, würde er dann auch so ein Nest mitbringen? Eins, in dem man richtig schlafen kann?

V: Vielleicht schon.

Ki: Also, dann will ich, dass er heute abend zu uns nach Hause kommt. Ich will sehen, wie er darin schläft.
V: Ich werde dir zu Hause ein kleines Nest bauen. Du kannst dich dann dreinlegen und dir ausmalen, wie es einem Affen zumute ist, hoch oben in den Bäumen zu schlafen

(Knacken und kurze Pause)

K: Wir haben natürlich die leeren Stellen herausgeschnitten. Hier eine andere Szene.

(Knacken aus dem Tonband)

L: Ich finde es toll, dass da noch jeder sein eigenes Nest hat, es auch selbst bauen kann wo er will. Wenn's so einem Affen stinkt, dann kann er einfach von zu Hause abrücken. Der braucht aber dann von seinem lausigen Lehrlingslohn keine Miete abzuzwacken.

F: Ich könnte in diesem Bett nicht schlafen. Wenn ich an meinen Hang zum Schlafwandeln denke, bekomm' ich Schweissausbrüche. Vielleicht ist's aber auch schön, in lauen Nächten gleich unterm Mond in einem Körbchen zu träumen.

L: Meinst du, sind Affenmädchen auch so ängstlich und zugleich so romantisch?

(Knacken im Tonband; Pause)

D: Da ist mir mein 'Himmelbett' mit frischen Leintüchern schon lieber.

H: Ich zweifle nicht daran, meine Gnädigste. Dir fehlten auch die entsprechenden Muskeln für diese Art des täglichen Bettens. Und Dienstmädchen gibts da noch keine (Knacken im Tonband)

(Frau Karten stellt Tonband ab)

Das sind so einige Bemerkungen, nicht uninteressant. Nun hören sie aber das Folgende. Ein merkwürdiges Gespräch. Wir werden es vermutlich bei unserer Fahndung nach dem Spender noch brauchen können. Offenbar zwei Studenten, die sich gut kennen. Der eine scheint sich in der Materie auszukennen, wollte es seinem Freund zeigen. Gesehen hat er es aber offenbar zum ersten Mal. Es macht den Anschein, dass er den Spender kennt. Der soll Schriftsteller sein. Leider hat niemand die beiden gesehen.

(Schnippt Tonband wieder an)

G1: Gesetzt, das wäre wirklich das Urartefakt, das 'missing link', das fehlende Glied, zwischen Natur und Kultur? Du, das ist zum verrückt werden! Weisst du, der Huber hat das doch kürzlich in der Zoologie rausgelassen. Dass da irgend so ein Mosaiksteinchen fehlt und dass wir uns deshalb so aufführten wie Konrad Lorenz's Hackhähne auf dem Hühnerhof. Oder dass wir deshalb nach Darwin's Pfeife des überlebens des Stärkeren tanzten, oder dass wir Rassenprobleme hätten u.s.w. Die Naturwissenschaft dehne einfach ihre Ergebnisse in den Kulturbereich aus, weil die Kulturforschung ihr mangels Quellen nichts entgegensetzen könne. Da hängt nach ihm sauviel daran, an dem fehlenden Glied.

G2: Hör doch auf mit dem Quatsch. Da liegt ne riesige Blackbox dazwischen. Reib dir das wie Tigerbalsam ins Gehirn mein Lieber. Fünfzehn Millionen oder so. Auf zehn bis fünfzehn Millionen Jahre veranschlagt man die Zeit der Menschwerdung. Das ist ein Wahnsinnszeitraum. Stell ihn dir als 15 Kilometer langen Tunnel vor. Hominisationsphase, wie man das nennt. Da drin soll sich also der Mensch entwickelt haben. Aber halt: 14 Kilometer keine Skelette, keine Funde, erst im allerletzen die berühmten Funde der Neandertaler, oder neuer, des Australopithecus africanus. Präziser gesagt, der früheste Urmensch kommt erst in den letzten 800 Metern. Steinwerkzeuge sogar erst bei 600 Metern. Erste Zeichen von Feuer finden wir etwa 3-400 Meter vor dem Tunnelende. Dann ganz am Schluss, wo der Tunnel aufhört, kommt das, was wir Kultur nennen. Bei etwa 3O Metern erste Belege für bildende Kunst und bei etwa zehn Metern erst müssen wir verbreitet erste Ackerbauern annehmen. Erste Städte und die Anfänge der Schrift fallen in die allerletzten fünf bis drei Meter, ganz nahe also beim Ende, dort wo wir heute als Lebewesen stehen und in den Tunnel nach rückwärts schauen. Da sieht natürlich niemand das gähnend leere Dunkel, die ersten 13 Kilometer oder so. Und da kommt einer wie du und sagt so mir nichts dir nichts: das Affennest ist das fehlende Glied. Das kannst du dir ans Bein streichen mein Lieber.

G1: Da geb ich dir völlig recht. Wir haben keine Belege für die grösste Strecke des Tunnels. Das ist aber kein Anlass, die Sache aufzugeben. Wir können den Spiess umdrehen und fragen, ja warum haben wir keine Zeugnisse?

G2: Komm, red' dich nicht raus. Mir ist das immer suspekt gewesen, wie die da, vom Klassifizieren der Tiere her einfach Begriffe fabrizieren, die sie uns dann an den Kopf werfen. Hui, wies da vom Menschenaffen über menschenartige Untermenschen zum Vormenschen und Urmenschen, schliesslich zum gefeierten echten Menschen weht! Dabei: Zehn bis fünfzehn Millionen Jahre, keine Zeugnisse. Die tun doch so als wäre alles klar. Das Gebiss wird menschlich, das Gehirnvolumen steigt, die Intelligenz nimmt zu, die Beckenschaufeln heben sich hoch, tragen nun den Körper aufrecht. Das tönt doch so, als handelte es sich um eine Herde von Wetterfröschen, die schön alle immer zusammen, das Leiterchen zum Frühlingssonnenschein der Menschheit Stufe um Stufe emporgehüpft wären. Was aber war das Leiterchen? Davon sagt keiner was Vernünftiges!

G1: Du kannst das nicht einfach so rausreissen, deinen Tunnel. Der zweigt unten irgendwo ab vom fast parallelen Gang der Menschenaffen. Der Gorilla, der Schimpanse und der Orang-Utan, die haben sich eben auch entwickelt. Das kann man mit versteinerten Skelettresten von versunkenen Affentypen ungefähr belegen. Die wichtigsten Punkte sind der Prokonsul am Anfang des 27 Kilometer langen Menschenaffen-Gangs und der Oreopithecus, ein Wesen, das man noch nicht recht versteht, es aber zwischen Hunde- und Menschenaffen einzuordnen sucht. Dieser Fund liegt etwa dort, wo dein Tunnel beginnt.

G2: Wenn aber dieser Oreopithecus ein Wesen wäre, das zwischen Hunde- und Menschenaffen liegt, dann hat er doch mit dem Menschwerdungstunnel gar nichts zu tun.

G1: Es gibt Menschenkundler, die meinen er gehöre am ehesten an den Anfang deines Tunnels. Das ist aber gar nicht so wichtig. Viel wichtiger ist folgendes: In diesem System von Höhlen und Gängen bekommen die Urmenschenfunde am Ende deines Tunnels einen ganz anderen Stellenwert. Der Australopithecus, wie man den rekonstruierten Vertreter aus der frühesten Fundgruppe nennt, gilt als Mensch weil er aufrecht geht und ein menschliches Gebiss hat. Sein Schädel gleicht aber dem eines Schimpansen. Das zeigt deutlich, dass der menschliche Körper seine Geschichte hat. Vor allem aber hat man in Afrika an verschiedenen Stellen Geröllgeräte gefunden, die von Urmenschen vom Typ des Australopithecus hätten benutzt werden können. Beweisen lässt sich das allerdings nicht. Aber man neigt von daher dazu, das Werkzeugverhalten älter als bisher zu veranschlagen. Datierungsversuche gehen über zwei Millionen. Du hättest also in deinem Tunnel in den letzten zwei, eventuell vier oder mehr Kilometern mit einem Werkzeug herstellenden Wesen zu rechnen. Da fängt man sich natürlich die Steinwerkzeuge auch vermehrt auf ihre ideellen Voraussetzungen hin zu befragen. Was muss einer sich ausdenken, um so ein Ding herstellen zu können? Da ist dann plötzlich so ein durch Abschläge zugerichteter Stein gar nicht mehr so primitiv, wie er auf Anhieb in der Hand erscheint. Auch muss man sich wohl vermehrt die Frage stellen, was man mit einem Schneidewerkzeug dieser Art alles bearbeiten kann. Vielleicht waren das nicht bloss Felle, Fleisch und Knochen, sondern auch Gräser, Zweige, äste und dergleichen.

G2: Da gibt es aber Leute, die sagen, so ein Geröllwerkzeug, oder 'pebble tool', wie man es auch nennt, das hätte auch ein Fluss zustande gebracht. Zwei Steine hätten z.B. bei Hochwasser aufeinanderprallen müssen und schon wäre das menschliche Werkzeug da.

G1: Du vergisst, dass in der Altsteinzeit über hunderttausende von Jahren Steine als Klingen eine menschliche Werkzeugtradition verraten. Wie alt man diese einschätzt, das ist vorläufig von zweitrangiger Bedeutung. Wichtig ist die Feststellung, dass eine handwerkliche Betätigung in der Entwicklung des Menschen zweifellos eine Rolle spielte.

G2: Ich weiss schon, auf was du raus willst. Aber, da kann ich dir nicht helfen. Für mich sind die ersten Steinwerkzeuge und dieses Affennest zwei himmelweit verschiedene Dinge.

G1: Nun hör mal zu. Gehen wir doch einmal davon aus, dass das, was da vor unseren Augen steht, wirklich ein Affennest sei. Ein heutiges zwar, aber wir hätten die Information, dass Nesterbauen für alle drei Arten von Menschenaffen gelte. Wenn sich erweisen sollte, dass heute alle drei nächsten Verwandten des Menschen routinierte Nestbauer wären, dann kann uns niemand, aber auch niemand, beweisen, dass sie nicht auch schon vor 15 Millionen Jahren täglich ihre Nester bauten, als es auf Erden noch keine Menschen gab. Anders gesagt: könnte vielleicht auch jener unbekannte Bewohner des offenen Waldlandes schon Nester gebaut haben, den manche Menschenkundler als gemeinsamen Vorläufer aller höheren Menschenaffen und Menschen vor 10-15 Millionen veranschlagen. Wir könnten dann eine noch viel verrücktere Frage stellen: hat der Mensch den Nestbau entwickelt, die Affen aber nicht? Es wäre zu schön, wenn wir auf irgend eine Art im dunkeln Gang der Menschenaffen all die unzähligen Nester finden könnten, die Affen über Jahrmillionen gebaut hätten. Noch viel spannender, wenn sich's entdecken liesse, wäre, was in deinem Tunnel daraus geworden wäre. Ich bin davon überzeugt, da war etwas drin. Nur, eben leider, das ist alles verfault. Keine Chance. Immerhin würde es erklären, warum wir in deinem Tunnel zumindest an künstlichen Dingen weithin nichts finden. Du siehst, in diesem Harzwürfel sind unsichtbar ganz heisse Fragen eingeschlossen. Ich wette, das sind die Geister, die der Spender mit dieser Pandorabüchse ins Museum schmuggeln wollte.

G2: Na, gibt dich nicht so geschwollen, als hättest du das Rätsel bereits gelöst. Deine Erklärung ist zwar spannend, aber sie hat einen Haken. Ohne Zeugnisse keine Geschichte.

G1: Blöd. Ich hab ja ein Zeugnis: das Affennest. Es ist ein unumstössliches Faktum, da vor meinen Augen.

G2: Das schon, aber für die Geschichte, die du darum rumbaust, da hast du keine Belege. Schau doch mal die Sprachgeschichte an. Sicher gäbe es über die Anfänge des Sprechens höllisch interessante Dinge zu sagen. Leider, mein Lieber, erhält sich Sprache erst zuverlässig von dem Moment an, wo sie auf dauerhaftes oder anderes irgendwie erhaltenes Material geschrieben wird. Und das ist dann eben bereits Geschichte. So hat die Sprachgeschichte in der Urgeschichte ganz einfach keine Chance, denn sie hat keine vor-geschichtlichen Zeugnisse. Entsprechend lässt sich in der Urgeschichte und in der Kulturanthropologie über sprachliche Belange nur mutmassen, etwa indem man allgemein vom menschlichen Symboldenken spricht oder Gebärden oder Erbsprachen der Tiere als Vorformen in Betracht zieht.

G1: Na, komm schon. Das weiss ich auch.

G2: Ganz ähnlich geht es der Kunst. Sie kommt nicht viel tiefer als etwa 3O OOO Jahre zurück. Du weisst schon, die Höhlenmalereien Südfrankreichs mit den schönen aber auch zum Teil seltsamen Tieren, die man dort gefunden hat. Dann auch andernorts die dicken Frauenfigürchen, die man komischerweise mit dem Namen der römischen Schönheitsgöttin Venus bezeichnet. Das kann ich dir sagen, verrückt gern würde manch einer, der sich für die Ursprünge der Kunst interessiert, mehr darüber wissen, welche Art von Kunst vor der jüngeren Altsteinzeit der Brauch war. So hat man zum Beispiel auf dem Umweg über die Psychologie versucht, der Kunst in der menschlichen Entwicklung mehr Bedeutung zuzumessen. Aber das kommt dann eben nur beschränkt an, schlicht und einfach, weil es keine Belege gibt.

G1: Und welches ist der naheliegende Schluss ihrer Ausführungen, mein Herr?

G2: In unserem anthropologischen Selbstverständnis dominiert, was belegt ist. Und das ist der praktische Werkzeugmensch oder der Waffenschmied, wie du willst. Ganz einfach, weils da handfeste Funde gibt. All die vielen Steinmesser, Speer- und Pfeilspitzen in den Vitrinen der Museen, all das spitzig-scharfgeschliffene Zeug, das dich seitenlang anspringt, wenn du ein Sachbuch über die ältere Urgeschichte aufschlägst, all die plumpen Fausthämmer und Faustkeile, die prägen doch unser Bild von uns selber, geben uns Berechtigung für bestimmte Verhaltensweisen. Gesucht agressiver Vertreter für Metzgermesser.

G1: Da bin ich total mit dir einverstanden. Die handfesten Zeugnisse prägen unser menschliches Selbstverständnis. Aber darin könnte ja gerade unsere Kurzsichtigkeit, unser handicap liegen. Der Urgeschichtler deutet unsere Kulturentwicklung von ergrabenen überresten her. Kultur ist für ihn alles, was der Mensch dauerhaft aus der Natur gemacht oder ihr hinzugefügt hat. Kaum einer denkt aber daran, dass Dauerhaftigkeit ein sehr relativer Begriff ist. Dieses Affennest zum Beispiel ist in der Natur bloss einige Monate dauerhaft, nicht mehr. Die Natur durchwuchert es schnell. Nichts bleibt übrig. Darum hat es der Spender auch so ostentativ einbetten lassen. Und zwar nach dem Prinzip Bernstein: superdauerhaft! Da kommt mir eine Idee: die sind ja wie Hänsel und Gretel im Märchen, die Urgeschichtler. Keiner denkt doch daran, dass ihm die Vögel seine Zeichen weggefressen haben könnten. Wenn nun aber gerade jene höchst vergänglichen Zeichen den Weg des Menschen bezeichnet hätten?

G2: Zugegeben, dein Hänsel- und Gretel-Exempel ist lässig. Legitimer Umkehrschluss: die Urgeschichte vielleicht ein Märchen? Dem steht ja eigentlich nichts entgegen; Hut ab, Schlagzeilen für dich. Junger Forscher entdeckt: Anlass zur Menschwerdung verfault! Möglich wär's schon. Aber die Sache hat einen Haken. Das hängt doch in der Luft, hat keine Füsse. Blosse Theorie. Ausser dem Affennest, das hier vor unserer Nase steht, da haben wir keine Ahnung über all die Dinge, die in meinem Tunnel waren. Nicht wie sie aussahen,nicht wie man sie benutzte, noch wozu man sie brauchte. Alles das haben uns eben die Vögel der Geschichte weggefressen. Ich wiederhole: ohne Zeugnisse keine Geschichte.

G1: Da machst du einen kapitalen Fehler. Du bist doch mit mir über das Folgende einverstanden?. Der Archäologe gräbt nach dauerhaften überresten vergangener Kulturen. Das tönt völlig selbstverständlich, ist es aber gar nicht. Wenn wir von Kultur als gelebter Ganzheit ausgehen - und das tun wir ja zwangsläufig - dann gräbt der Archäologe nach einem doppelten Bruch. Seine überreste sind bloss Bruchteile von Bruchteilen von Kultur. Als bloss dauerhafte überreste sind die eben bloss möglicherweise geringer Bruchteil der vorausgesetzten gesamten Sachkultur. Und diese ist wiederum bloss Bruchteil der gelebten oder geistigen Kultur. Ich meine, wir müssten dem Archäologen oder Urgeschichtler das Wort Kultur verbieten. Die mögen doch bitte von ihren Funden sprechen, nicht von Kultur. Das ist doch verdammt unfair. Auf der einen Seite brauchen wir das Wort mit französelndem Unterton für unsere hohen geistigen Gnaden und für unseren gigantischen Selbstbedienungsladen, zum andern für das von den Spatenforschern aufgetischte Scherbenleben! Das muss doch zwangsläufig dünn und armselig herauskommen. Da sehen wir sie dann, diese Frühmenschen, am Rande einer Höhle, in dürftig zusammengeknoteten Fellen schlotternd ums Feuerchen kauern und gläsern auf jene zottigen Gestalten starren, die in der Ferne mit Spiessen und Steinhämmern bewehrt, wilden Tieren nachstellen oder sich gegenseitig die Köpfe einschlagen. Steinzeit, nein danke. Mich erinnern diese blut- und schmutztriefenden Höhlenbildchen immer an die Heiligenbildchen im Gebetbuch. Darstellung einer Doktrin: schaut wie weit wir's doch gebracht haben.

G2: Komm, hör auf mit dem Röhren, du Hirschlein. Die haben eben keine andere Chance, als Baggerärmchen am Apparat der Geschichte zu spielen. Und immerhin haben sie in 1OO Jahren einiges erreicht. Schliemann, ägypten, Sumerer, Assyrer, Babylonier. Keilschrift. Früheste Städte im Vorderen Orient.

G1: Ich rede vom Frühmenschen, das hast du offenbar noch nicht gemerkt. Es geht um das Reich der Dinge.

G2: Was soll das, das Reich der Dinge?

G1: Wenn du einen Tierkundler fragst, was ist das, ein Tier, dann wird er dir eine Art Briefmarkenkatalog unter die Nase halten. Da sind alle Tiere, von denen man je in allen Ländern der Welt hörte in Gruppen geordnet aufgeführt. Das Buch trägt den Titel 'Reich der Tiere'. Für die Pflanzenwelt würde es entsprechend 'Reich der Pflanzen' heissen. Nun mal abgesehen vom geistigen Imperialismus dieser Art Wissenschaft, frag mal einen Archäologen oder Urgeschichtler: was ist das, das Reich der Dinge? Er wird dir einen mehrstündigen Vortrag über Steine halten, vom Steinzeitmenschen sprechen u.s.w.

G2: Du meinst, der hat eine schwere Kugel am Bein seines Denkens?

G1: Genau. Und auf dieser Kugel steht 'Historia'. Er ist gefesselt an die historische Methode. Baggerärmchen am Apparat der Geschichte, wie du so schön sagtest. Geschichte ist eben nichts für Apparate. Es ist eine Strategie gegen die gierigen Vögel der Zeit.

G2: Und um den Kampf gegen diese starken Raubvögel, da muss man sich befreien von der Kugel?

G1: Ja. Hat sich nicht schon die Geschichte des Lebens von ihrer kurzgebundenen Historia befreit und dann von oben im Flug das vom guten Herrn Linné begründete Reich der Pflanzen und Tiere als Wandel entdeckt.

G2: Wie süss du das sagst. Keinem ein Härchen krümmen.

G1: Ich kann's schon deutlicher sagen. Manch einer, der an unserer Vorgeschichte rumbastelt, der müsste vielleicht auch mal in ein Völkerkunde-Museum reinschauen und sich einige Fragen stellen. Wie kommt es, dass bei bestimmten traditionellen Völkern Afrikas oder Asiens die Sachkultur praktisch zu 99% aus vergänglichen Faserstoffen besteht, wogegen ich, der Archäologe, mich fast ausschliesslich nur mit steinernen, irdenen oder metallenen Dingen beschäftige. Haben vielleicht all die zahllosen Dinge aus Stroh, Zweigen oder Knebeln etwas zu bedeuten? Umsonst sind sie ja nicht hier ausgestellt, all die Fetische, Zeichen, Masken, Hüte, Baströcke, all die Fallen, Reusen, Körbe, Netze. All die Speicher, Käfige, Hüttchen, Häuser und Zäune. Wo kommen sie her, was bedeuten sie für den Menschen?. Eigentlich müsste er zutiefst erschrecken, unser Archäologe, ob dem Anblick. Ist das nicht so? Ich grabe doch auch nach Sachkultur, nach überresten. Daraus rekonstruiere ich einstiges Leben, einstige Kultur. Was, wenn nun das, was hier in den Vitrinen ausgestellt ist, mir beim Graben zu 99% entgeht? Ist das nicht ein bisschen jämmerlich, dieses eine Prozent, das mir bleibt? Berechtigt mich das, von Geschichte, von Kultur zu sprechen? Erscheint das nicht völlig verfälscht? Sind die Bilder, die ich mit meinen dauerhaften überresten entwerfe, vielleicht bloss Projektionen meiner Methode?

G2: Du musst Recht haben. Das Beispiel mit dem Museum ist sehr anschaulich. Mir wird plötzlich bewusst, wie morbid, oder wie wüst - weisst du von Wüste - eigentlich unsere menschliche Vergangenheit dargestellt wird. Rohstoffgeschichte. Versteinerte Knochen, zugespitzte Steine, kalte Metalle. Brrr! Was meinst du? Stammt das noch aus der Mottenkiste der Reformation?

G1: Sehr wahrscheinlich. Nur, statt auf den Buchstaben der Bibel hält man nun den Finger auf den überrest. Das schönste Beispiel gegen diese puritanische Vorgeschichte ist ägypten. Welch blühenden Garten hat hier die ewige Sonne dem Kulturforscher zurückgelassen. All die mit glühendem Leben bemalten Tempel. Wie klotzig müsste uns die altägyptische Religion vorkommen, wären die lebendigen Feste auf ihren Wänden durch Regen und Sturm verwaschen. Welch traurige Gerippe wären in unseren Augen die Pharaos, wenn wir nicht ihre symboltriefenden buntfarbigen Särge hätten. Wie karg müsste uns der Alltag der ägypter vorkommen, hätten wir nicht aus trockenen Grabkammern der Wüstenränder tausend Hinweise auf die Vielfalt ihrer Kultur. Da sind auch zahllose vergängliche Dinge darunter, die dem Archäologen im Normalfall gar nicht in die Hände fallen. Und all das wesentlich deshalb, weil es in ägypten praktisch nie regnet!

G2: Ich kann dir da gleich ein ganz anders gelagertes Beispiel beisteuern. Ich habe kürzlich ein Buch gelesen über ein asiatisches Jäger- und Sammlervolk. Die jagten Bären bis vor kurzem noch mit vergifteten Pfeilspitzen aus Knochen. Im übrigen fast nichts, was ein Archäologe, sagen wir in hundert Jahren finden würde. Körbe, Geflechte, Gefässe aus Holz, letztere von einer höheren Kultur importiert. Ebenso einige Metallgeräte. Im übrigen bloss Hütten aus Stroh mit eingegrabenen Pfosten und selbstgewobene Bastgewänder. Nähme man das Importierte aus, der Archäologe müsste diese 'Kultur' als höchst primitives Jägervolk einstufen. Die ethnographische Beschreibung zeigt aber eine äusserst raffiniert entwickelte ökologie. Mit fast nichts konnten die unheimlich viel. Das hing mit einem kultischen Zeichensystem zusammen. Es bestand im wesentlichen aus zahlreichen sehr zierlich geschnitzten Holzstäben, mit denen man die Nutzungsrechte an Revieren, Jagd- und Fischgründen temporär kennzeichnete. Davon aber hätte ein Archäologe - wäre man weggezogen - schon nach ein paar Jahren nichts mehr gefunden.

G1: Das ist sehr einleuchtend, ein gutes Beispiel.

G2: Und was soll nun dein Archäologe tun, wenn er zerknirscht aus dem Völkerkundemuseum kommt?

G1: Er soll aufleuchten in seinem Gesicht, er soll sagen: 'ich hab's. Rund 1OO Jahre hatten wir eine harte Vorgeschichte. Das hat uns vieles gebracht, aber nicht alles. Nun versuchen wir's mal mit einer weichen. Vielleicht sind uns da rein sachlich tatsächlich 99% entgangen, fangen wir also an, auf dem harten Prozent die 99% Weichheit zu suchen. Ich teile also meine Funde einmal nicht nach verschiedenen Stoffen ein, wie gehabt: Stein und Metalle plus Keramik. Sondern nach Härte und Weichheit. Ich frage: welche harten Dinge zeigen z.B. Spuren einer weichen Vergangenheit? Welche harten Dinge lassen erkennen, dass sie einmal weich waren? Welche harten Dinge bilden weiche Dinge ab? Wo überall sind uns weiche Dinge erhalten geblieben und was lehren sie uns? Ich versichere dir, unser Archäologe wird sehr bald ein beträchtliches Material mit anderen Augen sehen. Er wird vor allem aber auch schnell merken, dass mit der harten und weichen Zeit ein ganz grundsätzlicher Unterschied zutage tritt. Die harte Zeit heisst spalten, schlagen, trennen, erhitzen, schmelzen, erhärten, wogegen die weiche Zeit mit Händen fügt.

G2: Das tönt ja wie beten. Wie schön. Also darauf willst du hinaus? Du bist mir letztlich doch ein Romantiker. Dacht ich mirs doch gleich. Ich seh das schon vor mir, dieses sonntäglich umglänzte 'Handwerkeln' der friedlichen Familie Frühmensch! G1: Ich bin da nicht so sicher, ob das so romantisch ist. Vielleicht ist dieses 'Handwerkeln' - wie du das nennst - ganz unerwartet höchst schöpferisch. Für mich ist es sonnenklar. Der Würfel enthält das Signal zu einer weichen Vorgeschichte.

G2: Deine Hochnäsigkeit verrät mir ganz deutlich: da wird etwas verheimlicht. Du sagst mir nicht alles.

G1: Stimmt. Etwas Grundlegendes. Ich kenne den Spender. Ich weiss, wer er ist.

G2: Woher weisst du das?

G1: Ich weiss, was er geschrieben hat. Ein ganz verrückter Kerl. Er hat sich eine Zeitmaschine gebaut. Damit fährt er durch Raum und Zeit. Er hat sogar Gott photographiert.

G2: Wer ist's, wer?

G1: Schschsch, komm, ich sag's dir draussen! (Knacken im Tonband)

(Frau Karsten stellt das Tonband ab)

K: Ich finde das erstaunlich, richtig toll, was die zwei aufgeweckten Studenten alles mit dem Harzklotz zusammenbringen. In diesem Alter ist die ganze Welt noch voller spannender Abenteuer. Dass die offenbar den Namen des Spenders kennen, ihn uns aber vorenthalten haben, das kann ich ihnen versichern, da bin ich richtig sauer.

J: Wie sie sagen, Frau Karsten, recht abenteuerlich und jugendlich überspannt. Man darf das natürlich nicht für bare Münze nehmen. Ein Ideenbogen würde ich sagen. Farbig wie im Regen gebrochenes Licht. Bunt, aber nicht tragend.

I: Herr Jetzer, abschliessend noch eine wichtige Frage an sie. Gibt es in diesem Gebiet um das Affennest irgend einen Spezialisten, ich meine einen, der sich längere Zeit mit dieser Materie beschäftigte. Einer der tragend wäre?

J: Da müssten sie sich am besten an meinen Kollegen Nick wenden. Er ist Verhaltensforscher für höhere Menschenaffen. Ich glaube er hat in dieser Richtung Untersuchungen gemacht. Rufen sie mich doch bitte in einer Stunde im Büro an, ich werde ihnen seine genaue Adresse geben.

I: Frau Karsten, Herr Jetzer, ich danke ihnen für dieses Gespräch.
 


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