Fortsetzung, Teil 2

Die Schönen





Den Hässlichen gegenübergestellt sind die Schönen. Ihre Gruppen bestehen aus weiblichen und männlichen Figuren. Weibliche Typen zeigen dekorative Aufbauten auf ihren Schultern mit figürlichen ländlichen Szenen unter dem leer gelassen Bogen. Die mönnlichen figuren tragen farbenreiche Platformen auf dem Kopf, auf denen meist ein Hausmodell im natürlichen Holzbau steht. Obschon alle Figuren von jungen Männern dargestellt werden tragen die 'Frauen' entsprechende Kleider und weibliche Masken, wogegen die Männer männliche Kleidung und riesige flache Glocken (Treicheln) auf Brust und Rücken tragen. Die 'Frauen' haben kugelige Glocken (Schellen), die auf einem breiten Ledergurt montiert sind und helle Klänge produzieren. Rechts der Bauer des Hauses vor seiner Tür. Diese Gestalten bringen etwas stark zauberhaftes in die dörfliche Umgebung.


Die als Frauen verkleideten 'Schönen' haben einen goldenen 'Himmels'-Bogen über einem trapezoiden Gestell das auf den Schultern ruht und als Platform gilt für die figürlichen Darstellungen von bäuerlichen Szenen im leeren Bogenfeld das wie ein kleines Theater wirkt. Die nach aussen vor-stehenden Gebilde erinnern an Wolkendarstellungen in der asiatischen Kunst.




Niemand der sie je in der natürlichen Umgebung ihres ländlichen Orts gesehen hat, wird diese farbenprächtigen Figuren je vergessen. Ihr Stolz lässt sich an ihren Haltungen ablesen. Zum einen sprechen sie von einem sozialen Prozess der kulturellen Überschichtung. Eine bäuerliche Gesellschaft erscheint mit ihren eigenen zyklischen Werten, ihren täglichen Normen und ihren Zäsuren festlicher Antinomien. Dies zeigt sich kombiniert mit einem elitären, urban-historischen Element, das eng auf die Grundstruktur des Ritus bezogen ist und so einen enormen Kontrast hervorruft. Gerade diese Spannung macht das Ereignis besonders interessant und auch schön. Zum andern sind jedoch die Motive hinter dieser Überschichtung recht klar. Sie gehören in die alte städtische Geschichte der Kontrolle der bäuerlichen Schichten durch Abwertung ihrer traditionellen Kultur (s. 'rural-urbane Dichotomie), und entsprechend ihrer Dienstbarmachung.
 




Das Grundmuster des Festes ist immer gleich für alle Gruppen. Hier besucht eine Gruppe von Schönen eines der teilweise weit auseinanderliegenden Häuser auf ihrem Gang. Sie bewegen sich hektisch, machen Lärm mit ihren Glocken. Man wärmt sich auf mit einem Imbiss und Getränken und kurzen Wortwechseln und Wünschen. Zum Schluss werden harmonische Gesänge gesungen. Die Struktur ist wiederum polar und bezieht sich auch auf den Jahreswechsel: das alte Jahr wird aufgelöst, ein neues,  harmonisches wird eingeleitet.




Es ist erstaunlich diese seltsam dekorierten Figuren in dieser ländlichen Landschaft zielbewusst und organisiert herumlaufen zu sehen. Man braucht Stöcke um mit der aufwendigen Montur nicht auf den winterlichen Wegen auszurutschen.


Die Schön-Hässlichen
('Schön-Wüeschte')




Die 'Schön-Hässlichen' (Schön-Wüeschte) scheinen eine autochthone Gegenüberstellung zu sein zu den Hässlichen indem ein ästhetisches Element (pro-portion) als Kontrast dient, wie sich dies hier mit der Kopfbedeckung zeigt. Der Hut besitzt einen schweren und formal klar definierten Unterteil von dem aus ein natürlich gehaltenes Pflanzenbüschel nach oben vorspringt, das obere 'pro' der 'Portion' unten. Dieses aesthetische Elementarprinzip ist auf der ganzen Welt verbreitet, bei traditionellen wie historischen Kulturen und spielt immer eine wichtige Rolle meist im Sakralbereich, wie etwa im Falle der griech. Akroteren oder bei den Pflanzenkapitellen des ionischen, korinthischen und altägyptischen Stils.




Einige der Kopfbedeckungen zeigen Stallhütten der Bergzone oder typische Bauernhäuser der Kulturregion Appenzell. Die Materialien der Kleider sind natürlich wie im Falle der Hässlichen (Wüeschte), aber sie sind kunstvoll strukturiert. Einige Figuren zeigen fein ausgearbeitete dekorative Teile am Rücken (siehe weiter unten). Die Figuren stehen vor der Tür und singen.




Typische Fassade eines Appenzellerhauses.  Eine Gruppe von auswärtigen Fest-Besuchern hat sich der Gruppe von 'Schönwüeschte' angeschlossen. Sie hören dem Gesang zu.




Im Vordergrnd zwei Figuren mit reich dekorierten Kleiderflächen. Der Mann links trägt einen Strohmantel, etwas das man in Agrargesellschaften verbreitet noch kennt. Ein Teil ist mit Tuch belegt, an dem Schneckenhäuser in regelmässiger Verteilung angebracht sind, wohl ebenfalls in Anspielung an das Architekturmotiv. Beachtlich ist dass die Basis der Kopfbedeckung ähnlich gerundet ist wie im Falle der Schönen.




Die Kleider sind reich geschmückt mit Materialien, die wir heute nicht mehr mit dieser Art der Anwendung zusammenbringen. Es sind Flechten, Tannenzweige, getrocknete Farne, kleine und grosse Tannenzapfen, getrocknete Blumen usw..




Bei den Figuren rechts sind die Häuser auf der Kopfplatform klar ersichtlich. Am erstaunlichsten ist der 'Hut' links im Bild. Tannenzapfen sind zum Teil in der unteren Fläche der Kopfbedeckung angeheftet. Einige Tannzapfen streben demgegenüber  fast senkrecht  aus dieser Ebene nach oben.  Sie bilden einen starken Kontrast. Mit unserem architekturanthropologischen Hintergrund ist es nicht schwer zu erkennen woher das Modell für diese Gestaltung kommt. Es ist von 'semantischer Architektur' abgeleitet, von dessen autonomer 'kategorialer Polarität' und dem entsprechenden harmonischen Ausdruck. Die beiden ganz verschiedenen Hutformen mit den Häusern rechts und den Tannzapfen links gehören also in die gleiche Grossfamilie von Architekturformen.





Jeder Kunsthistoriker würde solche Dekorationen naiv bäuerlicher oder primitiver Kunst zuordnen. Aber andersrum könnten wir auch den Kunsthistoriker als naiv bezeichnen. Seine Engstirnigkeit misst den Wert solcher Kreationen mit seinen eigenen Renaissance Idolen à la Lionardo oder Michelangelo. Er hat nicht das leiseste Verständnis für die Werte dieser sehr viel älteren, ruralen Gesellschaft und fällt in die städtische Falle der apriori Abwertung, was nicht zuletzt ein schwerer Verstoss gegen  wissenschaftliche Objektivität ist. Die hier verwendeten Materialien sind ein Indiz für hohes Alter. Nicht faktisch sondern im Sinne der Tradition. Das Objekt ist gewollt von hohem Alter. Originalität wird nicht in Anlehnung an das mittelalterliche Konzept des Schöpfergottes, subjektiv verstanden sondern sozial und zeitlich. Das Objekt stellt die Wiederherstellung einer ursprünglichen Form dar und das gilt für das gesamte Fest. Die  sogenannt 'naiven Darstellungen' des bäuerlichen Lebens stellen dieses in eine grosse zyklische Kontinuität in welcher individuelle Glorie oder Erfinderkraft keine Bedeutung hat.





Ein ähnliches Arrangement im Kleid eines anderen 'Schön-Wüeschte'. Die Oberfläche besteht aus Nüssen verschiedener Grösse und Farbe. Die gestalteten Oberflächen haben etwas seltsam Altehrwürdig-Schönes. Das Bild zeigt einen Ausschnitt aus einem Alpaufzug. Wir sprechen damit auch von etwas, das weder in der Ethnologie noch in der Volkrskunde zum Zuge kommt, von einem hohen Grad lokaler Autonomie. Doch, in Zeiten einer zunehmend totalen Interdependenz wird das als Wert gar nicht mehr perzipiert.


Homepage