PROBLEME
DER ARCHAEOLOGISCH/PRAEHISTORISCHEN HAUSFORSCHUNG
AUS ARCHITEKTUR- UND HABITAT-ANTHROPOLOGISCHER SICHT
Bericht zum
Kolloquium AGUS - ARS - SAM
Münchenwiler,
22./23. Aug. 1997
*
Arbeitsgemeinschaft für die
Urgeschichtsforschung in der Schweiz
*
Arbeitsgemeinschaft für die
provinzial-römische Archäologie in der Schweiz
*
Schweiz. Arbeitgemenschaft
für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit
*
Unter Mitabreit der 'Nationalen Informationsstelle
für Kulturgüter-Erhaltung (NIKE), Bern
*
Von Nold Egenter
NEUE THEORETISCHE
ENTWICKLUNGEN
IN DER HAUSFORSCHUNG
Als belebte Einheit ist das Haus in der ethnologischen (oder volkskundlichen) Hausforschung meist als recht komplexe Umwelt zu fassen, die neben oekonomischen auch rituell-kultische, künstlerisch-aesthetische und architektonisch-räumliche Dispositionen miteinschliesst. Das Wohnhaus kann in diesem Bereich geradezu als ontologische Grundzelle einer Kultur verstanden werden. Ich verweise hier auf meine Untersuchungen zum 'Primitiven in der Architektur' allgemein (Egenter 1992k), zum traditionellen japanischen Haus und zum Haus, resp. zur Umwelt der Ainu im Norden Japans (Egenter 1990f, 1991a, e, 1994d).
In der vorgeschichtlich-archäologischen Hausforschung hingegen
sind nicht nur die menschlich-sozialen Ordnungen verschwunden, auch die
baulichen Ordnungen erscheinen meist stark fragmentarisiert und lassen
sich entsprechend nur schwer in ihrer ursprünglichen Bedeutung rekonstruieren.
Eine gewisse Gefahr liegt vor allem darin, dass man modern-technische (Funktionalismus)
oder wissenschaftliche Vorstellungen (kunstgeschichtliche Begriffe wie
'Ornament' etc., medieval-scholastisch geprägte Begriffe, wie 'sakral')
auf das Befundmaterial projiziert und derart die Interpretation unter Umständen
sträflich verzerrt. Diese Problematik wird vor allem im Vergleich
ethnologischer Aufnahmen mit vorgeschichtlichen Fund-Interpretationen sehr
deutlich. Die in ethnologischen Quellen stark hervortretende lokal-ontologische
Komponente fehlt in der Interpretation vorgeschichtlicher Funde völlig,
wird durch Eurozentrismen ersetzt. <1>
Architektur-Ethnologie: Erweiterung des Horizonts
Wesentlich von architekturtheoretischer Seite her (Rapoport 1969) hat
sich in den letzten Dezennien eine weltweit rasch wachsende Forschung entwickelt,
die das Bauen in weiteren ethnologischen und anthropologischen Zusammenhängen
untersucht und zu systematisieren versucht (Egenter 1992k, 1997a). Dominant
in diesem neuen Forschungszweig ist vor allem die ethnologische Linie.
Man wurde sich klar, dass der herkömmlich enge Blickwinkel der Baukunstgeschichte
in der Architektur fragwürdige Theorien stützt, dass sich im
weiteren Kreis des Gebauten der faktisch enorme Reichtum an traditionellen
Hausformen in der Ethnologie kaum adäquat abbildet. Man war dort auf
mobile Sachkultur für die Museensammlungen fixiert, hat das Haus vernachlässigt.
<2> In weltweiten architektur-ethnologischen Forschungsgruppen und -organisationen
<3> sind heute entscheidende Veränderungen im Gang.<4>
Architektur-Anthropologie:
eine neue Systematik
Eine weitere Linie versteht sich als Architektur-Anthropologie (Egenter
1990k, 1992k). Sie enthebt den Begriff Architektur seiner herkömmlich
ambivalent-ästhetischen Grundbedeutung, definiert ihn exakt wissenschaftlich
im anthropologischen Sinne. Das heisst, auf der Basis des primatologisch
begründeten Begriffes 'Konstruktivität' (Yerkes 1929) als alles
von Menschen und ihren Vorläufern je Gefügte. Ganz neue Phänomene
rücken so ins Gesichtsfeld, so etwa das routinierte Nestbauverhalten
der höheren Menschenaffen (Pongidae). Die sog. 'shelter-Theorie' (Hütten
und Windschirme als Schutz vor Witterungseinflüssen) verliert ihre
Gültigkeit. 'Architektur' zeigt sich im neuen Licht entwicklungstheoretischer
Zusammenhänge.
ENTWICKLUNGSTHEORIE
DER ARCHITEKTUR
Grundlegend auf Yerkes' Begriff 'constructivity' bezogen, arbeitet Architektur-Anthropologie mit der folgenden Klassifikation:
Subhumane Architektur
Nestbau der höheren Menschenaffen (Pongiden). Alle drei Arten sind routinierte Nestbauer (täglich mindestens 1 Nest). Trotz Yerkes' eindringlichem Vorschlag, dieses Phänomen als Beginn einer Entwicklung konstruktiven Artefaktverhaltens (constructivity) einzusetzen, ist das Nestbauverhalten in der Folge - leider bis heute - im 'sozialen Verhalten' untergegangen. Der Nestbau der Schimpansen, Gorillas und Orangutans bietet ganz neue Daten protokulturellen Verhaltens (night-camps).
Semantische Architektur
Darunter verstehen sich gebaute Zeichen in der Landschaft. Sie sind in der Regel ohne Innenraum, zeigen 'territorio-semantische' und 'struktur-symbolische' Funktionen. Semantische Architektur wurde herkömmlich vor allem religionswissenschaftlich unter folgenden Begriffen beschrieben und entsprechend spekulativ interpretiert: Lebensbaum (historisch, archäologisch, e.g. assyrische Lebensbäume), Fetisch (religionsethnologisch, 'Geisterhüttchen' u. dgl., 'primitive' Glaubensweisen), Maibaum (Volkskunde, 'Fruchtbarkeit'). Das Entscheidende am Phänomen 'semantische Architektur': sie erscheint in allen bekannten Kulturen immer im Kern ontologisch höchster Werte (herkömmlich: Sakralbereich), die sich nun aber anthropologisch-systematisch aus territorio-semantischen und struktur-symbolischen Bedingungen ableiten. Phänomenologisch bietet sich ein Feld ungeheurer Vielfalt, recht eigentlich das Experimentierfeld der Architekturtradition.
Domestikale Architektur
Bauten mit Innenraum für Objekte (Speicher), Tiere (Käfig, Stall) und Menschen (Hütte, Zelt, Haus). Die Betonung der Forschung liegt (wie oben) 'in vitro' (Ethnologie, Volkskunde), die allein die Rekonstruktion einer 'nicht-fragmentierten' anthropologischen Systematik erlaubt. Geschichte und Archäologie suchen in diesem Kontext nach Belegen für ethnologisch rekonstruierte Sachverhalte. Einer der wichtigsten 'ethno-(prä-) historischen Ansätze betrachtet das Haus nun nicht mehr als Einheit, sondern als Kompositum verschiedener primär semantischer Elemente mit ihren spezifischen Eigenentwicklungen (Ortsmarkierung (Sakralstelle), Tormarkierung, Dach, Feuerstelle, etc.).
Sedentäre Architektur
Darunter verstehen sich temporäre oder permanente Formen der Siedlungsorganisation als Synthese von semantischer und domestikaler Architektur zu einer höheren Einheit. Auch hier öffnet das Konzept primär semantischer, nuklearer Grenzsetzungen und ihre Überschichtung mit domestikalen Formen erstaunliche Einsichten in die Kontinuität menschlicher Siedlungsstrukturen.
Mit dieser architekturanthropologischen Systematik lassen sich nun allgemeine
Prinzipien der räumlichen Haus-, Hof- und Siedlungsordnung rekonstruieren
wie etwa das 'Zugangs-Ort-Schema' (access place scheme) oder das vertikal-polare
Schema (vertical polarity scheme). So ist etwa das Zugangs-Ort-Schema in
den Hütten und Zelten der sibirischen Völker weitgehend homolog
(Ränk 1949). Dagobert Frey (1949) kommt kunsthistorisch-architekturgeschichtlich
hinsichtlich der afro-eurasischen Sakral-Architektur zum gleichen Schluss.
Das Zugangs-Ort-Schema ist das allgemeine und wichtigste Merkmal so verschiedenster
Architekturen wie: altaegyptischer, altinidischer, chinesischer und japanischer
Tempel, ebenso christlicher Kirchen und Kathedralen, auch über deren
verschiedenste Stile hinaus. Es kann höchstwahrscheinlich als anthropologisch
allgemeingültiges Kernphänomen der Architektur angesehen werden.
Globale Ordnungsstrukturen
der Architektur
Dieses Herausarbeiten von global verbindlichen räumlichen Ordnungsstrukturen
könnte nun für die vorgeschichtliche Hausforschung von ausserordentlicher
Bedeutung sein. Die anthropologisch gewonnenen Einsichten liefern gleichsam
ein Vor-Wissen, das in der archäologischen Arbeit auf seine Stichhaltigkeit
geprüft werden kann. Im folgenden einige Problemkreise und Thesen.
<4>
DAS ZWEISCHICHTENBILD DES HAUSES
Die Grundrissdisposition von Haus, Hof und umgebender Topographie wird vielerorts nicht nach Bedürfnissen funktional geordnet, sondern kultisch-rituell entwickelt. Die entwickeltere Schicht 'domestikaler Architektur' übernimmt in ihren Ordnungen die offensichtlich primäre Grundschicht, in welcher 'semantische Architektur' den Raum bestimmt, ihn entsprechend dem Zugangs-Ort Schema definiert. Durch alle Entwicklungen der domestikalen Sekundärschicht hindurch bleibt die primäre Schicht temporär (rituell, kultisch) oder dauerhaft (Schmuck) gegenwärtig. Ihr kommt ontologischer Höchswert zu.
Die Ordnung des Hauses und des Umschwungs folgt somit einer tiefer wurzelnden Raumordnungstradition die mit prä-domestikalen Zeichen (semantische Architektur) toposemantisch operiert. Die menschliche Wohndomäne wird mit dem polaren Elementarschema 'Zugang-Ort' abgesteckt. Der derart primär definierte Raum wird dann sekundär mit entwickelteren Stufen des Bauens bloss noch interpretiert. Die primären Raumstellen bleiben als 'ontologisch höchstwertige' erhalten.
Aus dieser Sicht sind vorerst die inhomogenen Wertungen von Raumstellen und Räumen zu verstehen, mit denen uns hausbezogene Riten weltweit entgegentreten (heilige Hinterecke usw., Tür- und Schwellenriten, Altar- und Torschmuck). Der fibrokonstruktive Charakter dieser 'semantischen Architektur' überträgt sich meist auch in entwickeltere domestikale Formen hinein. Der Kunstfachmann spricht dann von Hausschmuck.
Gelingt es, dieses Elementarprinzip räumlichen Ordnens sowohl des
Wohn- und des Siedlungsraums (Tor- und Ortsmarkierung, 'acces-place-scheme';
Egenter 1980b) ethno-historisch abzusichern, so kann es auch in der archäologischen
Interpretation hypothetisch verwendet werden. Auf der Wohnungsebene können
sich ontologisch höchstwertig definierte Achsen und die entsprechenden
Grundrisse durch äusserlich recht heterogene Hausformtraditionen recht
zäh und homogen bewahren (Egenter 1991a, e). Grundrisszusammenhänge
können somit in der Bauforschung gegenüber äusseren Formzusammenhängen
als zuverlässiger gewertet werden.
ARCHITEKTURTEILE
ALS AUTONOME ENTWICKLUNGEN
Auch die herkömmlich funktional interpretierten Elemente des Wohnhauses verändern im anthropologischen Kontext ihren theoretischen Stellenwert. Dach, Türen, Tore und 'tragende' Teile (Säulen) und die Feuerstelle werden zu weitgehend unabhängigen Eigenentwicklungen. Das Haus erscheint nicht mehr als Gesamtform, wie sie etwa Rapoport noch als selbstverständlich voraussetzte. Sie wird als Synthese von verschiedenen Einzelentwicklungen verständlich.
Dach
Leitet man etwa das Dach als Primärform des Hauses (Hütte)
von semantischen Prototypen ab, so zeigt sich, dass in diesen Vorformen
angelegte semantische und symbolische Kriterien sich über weite Gebiete
verbreiten und auch in entwickelten Dachformen noch ihren Ausdruck bewahren
(Domenig 1980). D.h. die 'Ideologie' des Hauses formt sich im primäreren
Bereich 'semantischer Architektur', erhält sich aber in die neuen
Entwicklungen hinein.
Feuerstelle
Die Feuerstelle wird im weiteren Kreis von 'Konstruktivität' und
im polaren Raumsystem zum 'flammenden Gebäude' das nun seine reiche
Symbolik verständlich macht, auch seine funktionale Breite zwischen
praktischem Nutzen und Kult (Egenter 1980b, 1982a). Ob in oder ausser Haus,
der vormoderne Herd trägt immer seine ganze Symbolgeschichte des Feuers
mit sich.
Türen und Tore
Auch Türen und Tore nehmen als Schwellen im polaren Raumfeld enorme Bedeutung an. Sie kennzeichnen nach Aussen das Innen, schützen das Innen vor dem Aussen, was - weil die beiden Raumteile ontologisch diametral verschieden sind - von grosser Bedeutung ist. Auch hier haben wir historisch wie ethnologisch ein reiches Belegmaterial. Beziehungen zeigen sich auch linear. Es besteht ein enger Entwicklungszusammenhang zwischen 'primitiver' fibrokonstruktiver Zugangsmarkierung, und entwickelten Formen von Toren, Portalen und Fassaden.
Die entwicklungstheoretische Architekturforschung wirft somit neues
Licht auf verschiedenste Themen indem sie sie in neue Zusammenhänge
stellt. Was herkömmlich unverständlich blieb, wird lesbar, etwa
die ungeheure Intensität mit der die nordische Schlingkunst bestimmte
Bauteile von Stab-Kirchen geradezu leidenschaftlich umrankt.
SÄULE IM HAUS - SÄULE IM LAND
Ein besonders interessantes Studienfeld ist das Thema 'Säule' im architektur-anthropologischen Rahmen (Egenter 1980b, 1982a). Im Alten Orient und Aegypten hatten Säulen, Stelen, Lebensbäume u. dergleichen eine ungeheure Bedeutung (Andrae 1930, 1933). Sie waren physische Zeichen für Götter (Ishtar), galten als Schutz der frühen Städte und Länder, hatten Tempel und Kulte, stützten theokratische Eliten, gingen auch in die frühe Schrift ein (Egenter 1984a). Ähnliches gilt auch für den ganzen euro-mediterranen Raum (Aegypten, Griechen, Römer) bis in die mittelalterliche Geschichte hinein (Irminsul) (Egenter 1995b).
Wir müssen gerade von solchen Beispielen her annehmen, dass ontologisch
hochwertige Raummarkierungen dieses Säulen- und Stelen-Typs zumindest
in der agraren Vorgeschichte auch etwa Europas - Haus- oder Siedlungs-bezogen
- eine wichtige Rolle spielten. Alpine Volkstraditionen haben jedenfalls
ähnliches an vielen Orten traditionell bewahrt (Kapfhammer 1956).
Maibäume sind nicht die Narretei, die die urbane Volkskunde daraus
gemacht hat, es sind zentralwertige 'survivals' vorgeschichtlich-agrardörflichen
Siedlungswesens. In der österreichischen Steiermark habe ich vor einigen
Jahren eine Untersuchung dieses sog. religiösen 'Volksbrauchtums'
um Pestkerzen, Prangstangen und Maibäume durchgeführt. Die Feste
liessen sich mit Planaufnahmen klar als christlich überschichtete
Demarkationsriten mit semantischer Architektur erkennen. Die strengen Gebietsabgrenzungen
der Disziplinen haben bis heute verdeckt, dass das volkskundliche Ritualbrauchtum
der Alpenländer ein ausserordentlich fruchtbares Reservoir von agraren
Siedlungsordnungen darstellt, das sich die Archäologie zunutze machen
könnte. Solche Ordnungen könnten uns etwa - gegenüber den
bekannten peripheren Grenzziehungen - einen primäreren Typus aufweisen,
der Siedlungen vom Kern her nach aussen markiert ('Nukleare Demarkation'
s. Egenter 1980b, 1982a).
DIE RAUMZUORDNUNGEN IM HAUS
Wir sprechen absichtlich von Zu-Ordnungen. Der Raum ist im traditionellen Haus nicht homogen, nicht leer. Sein Wesen besteht in seiner In-homogeneität. Er wird in komplementären Zu-ordnungen wahrgenommen, entsprechend auch gestaltet. Entgegengesetzte Kategorien charakterisieren den Raum. Kategorial verschiedene Raumanteile fügen sich zur spannungsgeladenen tendenziell harmonischen Einheit.
Faktisch, eine ganz ungewöhnliche Art räumlichen Denkens. Raumzuordnungen wie Vor- und Hauptraum, Arbeits- und Zeremonialraum, Kochen und Essen, Leben und Schlafen, Stall und Wohnen, Wohnen und Speichern usw. wurden herkömmlich funktionell differenziert betrachtet. Mit Bollnow's polarem Raumkonzept werden sie relational. Der Vorraum ist komplementär zum Hauptraum, ebenso der Arbeits- zum Zeremonialraum, usw.. Sie bilden gegensätzliche Einheiten. Die explizit ausgedrückten Kategorien solcher Zuordnungen (hoch-tief, dynamisch-statisch, kostbar-nüchtern) zeigen uns meist, wie die Anordnungen 'gedacht' sind (Egenter 1991a, e).
Die Methode könnte sich auch in der Archäologie als praktikabel
erweisen. Die Hypothese, dass polares Ordnen in prämodernen Gesellschaften
verbreitet war, liesse sich zumindest vorgeschichtlich prüfen.
PFLANZENSCHMUCK -
EIN KUNST-ANTHROPOLOGISCHES PROBLEM
Wir haben oben bereits auf den Ansatz hingewiesen: Schlingmotiv und nordische Sakralarchitektur. In diesen Kreis gehört auch das quantitativ riesige und interkulturelle Thema Pflanzenschmuck. Schmuck, nicht bloss ein kunsttheoretisches Problem! Im anthropologischen Rahmen zeigt sich ein eine neue Dimension.
Gestützt auf primatologische Argumente (Nestbau der Pongiden, Yerkes
1929, Egenter 1983a, 1990i) arbeitet die anthropologische Architekturforschung
mit einer 'fibrokonstruktiven' Industrie prälithischen Ursprungs (Egenter
1984a,1986a, 1990h, 1994c) belegt etwa durch die altsteinzeitlichen Felsritzungen,
die hüttenartige Konstruktionen zeigen, kurz, die sog. 'tectiformes'.
Stark generalisiert, doch nicht minder deutlich liesse sich analog Pflanzenschmuck
ganz allgemein als Indikator für metabolische Prozesse verstehen.
Er deutete so auf fibrokonstruktive Prototypen und ihre Struktursymbolik
hin (Andrae 1930, 1933, Heinrich 1957). Im relationalen System der Form
und im Hinblick auf die vegetalen Vorbilder lässt sich das Thema 'Pflanzenschmuck'
neu lesen.
STRUKTURGESCHICHTE
STATT FAKTENGESCHICHTE
Schliesslich noch der mehr methodologische Hinweis auf einen Ansatz, der sich auch in der vorgeschichtlichen Hausforschung als fruchtbar erweisen könnte. Die anthropologische Bauforschung arbeitet dezidiert strukturgeschichtlich im Sinne der Wiener Schule, oder anders gesagt:
Nicht nach historischer Faktizität ist primär gefragt, es wird nach sinnvollen Strukturen gesucht. Strukturgeschichte überwindet entsprechend die Zufälligkeit des archäologischen Fundmaterials, indem sie nach Belegen für ein hypothetisch universell geltendes, zugleich ontologisch höchstwertiges Verhalten sucht.
Die ethno-(prä-)historische Methode der 'Strukturgeschichte' (Wernhart 1972) betont die Ethnologie als grundlegende Lieferantin von Hypothesen, verändert damit aber die Quellenlage grundlegend: ethnologische und (prä-)historische Sachkulturbegriffe werden im Rahmen einer anthropologischen Systematik neu erfasst.
Diese beträchtliche methodologische Umschichtung zwingt natürlich grundlegend zur Quellenreflexion. Strukturgeschichte zieht die 'materielle Kultur' all dieser Disziplinen in Betracht, befragt sie systematisch auf Zusammenhänge im Sinne einer 'strukturgeschichtlichen Quellensystematik materieller Kultur'. Dabei fällt vor allem auf, dass in der Ethnologie quantitativ zu 90% und mehr Prozent vergängliche materielle Kultur das Bild beherrscht. Demgegenüber dominiert in der Archäologie resp. Vorgeschichte - definitionsgemäss - nur dauerhaft Hartes.
Analog lässt sich hypothetisch postulieren, dass der dauerhafte Anteil einer vorgeschichtlichen Kultur bloss Bruchteil war, gegenüber einem qualitativ und quantitativ viel wichtigeren, aber nicht dauerhaften Hauptteil. In ihm hätten sich 'ontologische Kernstrukturen' <6> entwickelt, die sich in der Frühgeschichte der ersten Reiche (z.B. Altaegpten, Mesopotamien) zur Pracht entfalten. <7> Belegten entsprechend gerade die wichtigsten euromediterranen Hochkulturen die 'fibrokonstruktive' These, so wäre die scheinbar verlässliche historische Faktizität, auf der unsere Vorgeschichte heute ruht, beträchtlich in Frage gestellt.
Menschliche Vorgeschichte mit zufälligen 'Überresten'? Die anthropologisch systematische Rekonstruktion hat demgegenüber ein Wichtiges voraus: sie rekonstruiert im ontologischen Höchstwertkern und stellt - im Gegensatz zum periodisierten und zersplitterten Bild der herkömmlichen Vorgeschichte - ausserordentlich konservative Strukturen fest (Siedlungskernkomplex). Ein guter Grund, in der Vorgeschichtsforschung vermehrt nach systematischen Rekonstruktionen Ausschau zu halten.
ANMERKUNGEN
1
Ein gutes Beispiel für solche Verzerrungen ist
das 1996 publizierte Werk von Lucien Lepoittevin "La maison des origines'.
Das Buch weist im Rahmen paläanthropologischer (Leakey) und archäologischer
(Lumley) Ergebnisse und anderer Quellen kompetent auf das hohe Alter von
Hüttenkonstruktionen hin, bewegt sich aber hinsichtlich des vitalen
Vergleichsmaterials in viel zu engen Perspektiven. Die "anthropologisch"
begründete Entwicklung der Haussymbolik lässt sich nicht mit
wenigen Ausschnitten aus der französischen Folklore rekonstruieren
(Philipetti/ Trotereau). Auch die ethnologischen Referenzen sind äusserst
dünn. Das Buch bleibt in Sachen 'Symbolik' in theologisch abgeleiteten
Spekulationen des 19. Jhdts. stecken.
2
Frédéric Aubry (ETH Lausanne, DA) hat
während ca. 20 Jahren im Rahmen seiner pädagogischen Einführungskurse
in die Architektur Studenten vorerst europäische, später auch
aussereuropäische traditionelle Häuser untersuchen und masstabgerecht
zeichnen lassen. Nach den Plänen wurden im Masstab 1 : 20 realistisch
gehaltene Modelle gebaut. Leider ist die gut 500 Modelle umfassende Sammlung
(rein vom Arbeitsaufwand her: wohl mehrere Millionen wert!) in eher desolatem
Zustand (Egenter 1988b).
3
The International Association for the Study of Traditional
Environments (IASTE); Association People And Physical Environment Research
(PAPER); Environmental Design Research Association (EDRA); Association
of the Study of Asian Architectural Culture, Japan (ALAP); Réseau
de la recherche architecturale 'Architecture et Anthropologie', Paris (RÉSEAU-A&A);
Centro Internazionale per lo Studio dei Processi urbani e territoriali,
Roma (CISPUT) (Egenter 1997a).
4
Die 'Internationale Vereinigung für das Studium
traditioneller Umwelten' (IASTE, UC, Berkeley) veranstaltet zum Beispiel
alle zwei Jahre eine internationale Konferenz, die jeweils Architekturforscher
verschiedenster Disziplinen aus der ganzen Welt zusammenbringt. Die Ergebnisse
werden laufend publiziert (Working Paper Series).
5
Ein wichtiges theoretisches Hilfsmittel ist auch O.
F. Bollnow's Raumanthropologie (1963). Indem diese die Anfänge menschlichen
Raumordnens nicht im Kosmos, sondern in der menschlichen Siedlung veranschlagt,
gibt sie erstens der Siedlungsforschung grosse Bedeutung (vergleiche in
diesem Zusammenhang auch J. Kerschensteiner's wichtige Untersuchungen zum
Begriff 'kosmos' im alten Griechenland). Und zweitens stösst sie uns
auf einen eminent wichtigen Typus prämoderner Raumperzeption: Polarität.
Sie ist die ontologische Basis einer paradoxen Weltsicht, in der sich gegensätzliche
Teile spannungsvoll zu übergeordneten Einheiten verbinden (z.B. Vorraum
UND Hauptraum). Im Unterschied zum modern-universal homogenen Raum, handelt
es sich im polaren um den an materielle Qualität gebundenen, menschlichen
Umraum, der in konträr-komplementär zusammengesetzten Einheiten
perzipiert und geordnet wird.
6
Das Konzept der 'ontologischen Kernstruktur' wurde
vom Autor primär in den Dorfkulturen Japans herausgearbeitet (Egenter
1980b, 1982a, 1994b), jedoch auch im Alten Vorderen Orient und Aegypten
aufgewiesen (Egenter 1995b)
7
Altaegypten ist mit seinen theokratischen Strukturen
quasi das Parademodell dieses 'Zweischichtenbildes' nicht-dauerhafter und
dauerhafter Sachkultur. Fasst man den aegyptischen Tempel von 'fibrokonstruktiven'
Voraussetzungen her (Andrae 1930, 1933) als Umsetzung prädynastischer
Territorialkonstitutionen, so wird seine Bedeutung auf neue Art klar: er
ist dauerhaft - ewig - gewordenes Dokument der imperialen/ provinziellen/
lokalen Verfassung. Die Kulte waren zyklische Re-Institution der entsprechenden
Territorialverfassung. Auch der Ursprung der Schrift ist diesen theokratischen
Verfassungen zuzuordnen (Egenter 1984a)
BIBLIOGRAPHISCHE HINWEISE
Kleinbuchstaben beziehen sich auf die komplette Internet-Bibliographie
des Autors:
http://home.worldcom.ch:80/~negenter/417JapHouseBBl1.html
Andrae, W.
1930
Das Gotteshaus und die Urformen des Bauens im Alten Orient
(= Studien zur Bauforschung 2). Berlin: Hans Schoetz & Co.
1933
Die ionische Säule. Bauform oder Symbol? In Studien
zur Bauforschung, Heft 5. Berlin. Verlag für Kunstwissenschaft.
Bollnow, O. F.
1963
Mensch und Raum. Stuttgart Berlin, Köln, Kohlhammer
(6th ed 1990, Kohlhammer)
Domenig. G.
1980
Tektonik im primitiven Dachbau. Materialien und Rekonstruktionen
zum Phänomen der ausgkragenden Giebel an alten Dachformen Ostasiens,
Südostasiens und Ozeaniens, ETH, Zürich
Egenter, N.
1980b
Bauform als Zeichen und Symbol - Nicht-domestikales Bauen
im japanischen Volkskult. Eine architektur-ethnologische Untersuchung,
dokumentiert an 100 Dörfern Zentraljapans. ETH Zürich
1982a
Sacred Symbols of Reed and Bamboo; Annually built cult-
torches as spatial signs and symbols. Swiss Asiatic Studies Monographs
vol.4, Zürich
1983a
Affen Architekten - Das Nestbauverhalten der höheren
Menschenaffen. Eine architektur-anthropologische Untersuchung. In: 'Umriss'
2/1983:2-9, Vienna
1984a
Kunsthistorische Architekturtheorie: Auf Sand gebaut
- Ansätze zu einer architektur-anthropologischen Semantik. In: Umriss
1+2/1984, Vienna
1986a
Software for a soft prehistory; structural history and
structural ergology as applied to a type of universally distributed 'soft
industry': sacred territorial demarcation signs made of non durable organic
materials. The World Archaeological Congress, (precirculated papers), Southampton
and London
1988b
Il modello come mediatore culturale esterno / Le modèle
comme médiateur à l'étranger. In: Gian-Carlo Cataldi
(ed.) >LE RAGIONI DELL'ABITARE<, ALINEA editrice, Firenze,
1990f
Architectural Anthropology - Why do we need a general
framework? Paper read on the theme >First World - Third World; Duality
and Coincidence in Traditional Dwellings and Settlements< at the Second
International Conference of the >International
Assoc. for the Study of Traditional Environments<,
Oct. 4 - 7, Univ. of California, Berkeley (-> Internet: http://home.worldcom.ch:80/~negenter/061aFramewrkTX_E1.html)
1990h
Rivestimento - Incrostazione - Metabolismo della Forma
nell'opera die Gottfried Semper e Applicazione della sua Tesi principale
nella recente Ricerca anthropologica architetturale. In: A. Ambrosi, E.
Degano, C.A. Zaccaria (ed.): Architettura in Pietra a Secco; Atti del primo
Seminario Internazionale 'Architettura in Pietra a Secco', SCHENA EDITORE,
Fasano, Bari, Italia
1990i
Evolutionary Architecture: Nestbuilding Among Higher
Apes. In: >International Semiotic Spectrum<, A Publication of the Toronto
Semiotic Circle, Nr. 14, Sept. 1990
1990k
Architectural Anthropology. In: >International Semiotic
Spectrum<, A Publication of the Toronto Semiotic Circle, Nr. 14, Sept.
1990
1991a
In der oberen Hälfte unserer Stube wohnt der Bär,
der Herr der Wildnis. Haus und Weltbild der Ainu. In: Thomas Kaiser (ed.)
>Bärenfest< Vom Dialog mit der Wildnis. Die Ainu Hokkaidos, Japan.
Zürich, Völkerkundemuseum der Universität Zürich
1991e
Ie - der homogene Raum und der Archetyp des polar harmonischen
Raums. Kulturanthropologisch vergleichende Betrachtungen zum traditionellen
japanischen Wohnhaus und zum westlichen Konzept >allgemeinmenschliche Bedürfnisse<.
In: Deutsche Bauzeitung, Dezember 1991.
1992k
Architectural Anthropology - Research Series, vol. 1
>The Present Relevance of the Primitive in Architecture< (English -
French - German). Editions Structura Mundi, Lausanne
1994d
L'ici domestique et l'au delà imaginaire. Une
typologie anthropologique des conceptions de l'espace. In: Pierre Pellegrino
(ed.): Figure architecturales et Formes urbaines. Actes du congrès
de Genève de l'Association internationale de sémiotique de
l'espace. p. 303-332, Anthropos, Geneva
1994c
Semantic architecture and the interpretation of prehistoric
rock art: An ethno-(pre-) historical approach. In: 'Semiotica' 100-2/4
(1994), 201-266
1995b
Antropologia arquitectonica: un nuevo enfoque anthropologico.
In: Mari-Jose Amerlinck (ed.): Hacia una anthropologia arquitectonica.
p. 23 - 128, Colection: Jornadas Academicas, Serie: Coloquios, Centro Universitaria
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1997a
Architectural Anthropology - Research Series, vol. 2,
Fundamental Aspects of Research into Architectural Anthropology< (3
languages: English - French - German). Editions Structura Mundi, Lausanne
Frey, D.
1949
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Darmstadt, Wiss. Buchgesellschaft (2nd ed. 1970).
Heinrich, E.
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D.W. Callwey
Kerschensteiner, J.
1962
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München, Reinbeck
Lepoitevin, L.
1996
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Philipetti J. / J. Trotereau
1978
Symboles et pratiques rituelles dans la maison paysanne
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Ränk, G.
1949/51
Das System der Raumeinteilung in den Behausungen der
nordeurasischen Völker; ein Beitrag zur nordeurasischen Ethnologie.
2 vols. Stockholm
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1969
House Form and Culture. Englewood-Cliffs, N. J.
Wernhart, K. R.
1981
Kulturgeschichte und Ethnohistorie als Strukturgeschichte.
In Grundfragen der Ethnologie. Beiträge zur gegenwärtigen Theorien-Diskussion.
W. Schmied-Kowarzik und J. Stagl (Hg.), 233-252- Berlin D. Reimer Verlag.
Yerkes
1929
The Great Apes. Yale Univ. Press, New Haven