Pranges magere Konstruktion einer "Ideologie"

Im 9. Kapitel verdunkelt Prange den Symbolbegriff mit einem weiteren Seitenblick. Wir landen - es war zu erwarten - bei Freud. Die "Funktion des Symbols" wird "Absage an Erkenntnis, ..." Der "verdrängte Inhalt" kann erst durch "eine Analyse ..." (der Verdichtungsvorgänge) "offen gelegt werden." Auch hier wird wieder tüchtig von allem und jedem gemischt: Taut scheine "diesem psychoanalytischen Symbolbegriff recht zu geben." Meister Eckhardt steuert dann noch ein bisschen Religiöses bei. Das Ornament wird schliesslich - vom 8. Kapitel her - als "absolute Herrschaft" inthronisiert, wobei die ganze Sache nun "mit der Aufhebung von Syntax und Sinn,..." voll in mystische Geheimniskrämerei abgleitet, die zugleich totalitär die "Fiktion eines Ganzen" bewahre. Dieses totalitäre Element des Ornaments liefert dann im 10. Kapitel die Grundlage Tauts Phantasien "als Teil einer Ideologiebildung" abzukanzeln, bezeichnenderweise modernistisch und mit "antimodernistischer Stossrichtung" zugleich. Der modernistische Bildersturm klammere sich "an einem idealistischen Schöpferkult fest".

Auch dies ist natürlich eine blanke Verdrehung, denn - indem die Kunsthistorie über die elitären Mittel der Gesellschaft (Museen, Galerien, Medien) verfügt, ist sie es, die den Künstler in diese Existenzform zwängt, nicht zuletzt darum, um sich die entsprechenden Existenzmittel der Gesellschaft zu sichern. Kunst ist so auch in den modernsten Demokratien ein deduktiv aesthetisch gestützter Schöpfungs-Mythos geblieben. Und es ist ziemlich haarsträubend, diese vor allem für den kunsthistorischen Apparat lukrative totalitäre Ideologie dem armen Künstlerphantasten anzulasten.

Das Nestbauverhalten der höheren Menschenaffen aus der Sicht des Kunsthistorikerstübchens

Das Prekärste an der ganzen Arbeit ist aber am Schluss Pranges Vereinnahmung dessen, was sie unter "Architektur-Anthropologie" versteht. Geradezu erschreckend an diesem Vorstoss ist, dass man heute, knapp vier Jahre vor dem Eintritt ins dritte Jahrtausend, noch so frisch und fröhlich unbekümmert über Anthropologie sprechen kann als wären wir in Bischof Wilberforce's Bibliothek. Da sind ja inzwischen aus der einen, die alles erklärte, acht recht präzis abgegrenzte Geschichten geworden. Und jede beansprucht eine eigene Wissenschaft für sich. Arme Frau Prange! Laugiers Ur- und Boullés Kugelhütte, ein bisschen Haeckel'scher Monismus, viel falsch verstandene Tautsche Phantastik, überdies ein unseliges Brimborium von Natur- und Kulturspekulation! Und damit will man über Anthropologie reden? Unheimlich, was da aus der Gerümpelkammer geholt wird, dieses Naturbild aus dem Trödelladen des 19. u. 18. Jahrhundert, das noch mit Kristallen und Phallen diskutiert. Dieses Kuddel-muddel-Weltbild ist in den letzten gut 100 Jahren doch ziemlich endgültig zerfallen. Wir reden ja doch heute ernsthaft von Milliarden, Millionen, Tausenden von Jahren, ganz am Schluss erst von Pranges zweihundertjährigen kunsthistorischen Kunststücklein, vielleicht. Kurz, was Prange da in ihr Kunsthistorikerstübchen hinein-narreteien will, orientiert sich sehr präzis an diesen acht Geschichten, setzt mit seiner Entwicklung von ,Konstruktivität' (R. M. Yerkes 1929) und seinen Habitat-Raumkonzepten (O. F. Bollnow [1963], nebenbei auch nicht gerade der Dümmste unter den neueren deutschen Philosophen!) einige kleine, aber neue Steinchen in das bestehende Mosaik, vermag so dem Ganzen neue Bedeutung zu geben. Wenn somit Prange meint, dieses Konzept einer Architektur-Anthropologie sei von ihrem Gefasel betroffen, so täuscht sie nur sich selber: sie beweist uns ihren eigenen akuten Bildungsnotstand.

Doch all das bildet bloss den Hintergrund des faktischen Gemetzels. Die Forderungen des Rahmenprogramms (das Organische als Ideologie) wickeln auch hier einen wilden Knäuel, in den sich die Kunsthistorikerin nach allen möglichen Seiten hin, zuweilen geradezu Mitleid erheischend, verhaspelt. Offenbar fand sie es nicht nötig, den in der Bibliographie des von ihr zitierten Buches verzeichneten Artikel mit dem Titel 'Affen-Architekten' (Egenter 1983) zu lesen. Sie verwendet zwar das Titel-Wort, was es bedeutet ist ihr Wurst.

Bei diesem Artikel handelt es sich um eine von amerikanischen Primatologen angeregte, detaillierte Aufarbeitung des um 1980 gesamthaft zum Thema 'Nestbau der höheren Menschenaffen' verfügbaren deskriptiven wie theoretischen Materials. Dass das "Konzept einer 'Bauevolution'"nicht auf einer Palme beginnt, sondern mit dem Typus der Bodennester initial veranschlagt wird, wurde dort klar beschrieben. Ebenso, dass das Nest keine "Instinktschöpfung des Orang Utan" ist (welch absurder Ausdruck!), steht dort ebenfalls genau, mit Bezug auf mehrere Autoren, die die Lernprozesse in dieser 'subhumanen Tradition' untersuchten. Ueberdies: Konklusionen von sinnvollen Abhandlungen setzt Prange an den Anfang, wo solches den 'Ideologie-Verdacht' schon eingangs signalisiert. Die Autorin kümmert sich einen Dreck um Unterscheidungen wie 'subhuman' und 'human', morkst so die Dinge um. "Das natürliche Werden" vermeine der Autor, nach Prange, "empirisch aufweisen zu können und zwar wiederum im aussermenschlichen Bereich." Diese Behauptung grenzt an absurdes Theater. Ganz offensichtlich hat Prange noch nie etwas von anthropologischen Klassifikationen gehört! Entsprechend wird ein schwammiger Naturbegriff unterschoben, wo klar und deutlich von Architektur und Anthropologie die Rede ist. Prange weiss auch sonst nicht was eine Definition ist: "Die im Wachsen der Siedlung und des Kristallhauses von Taut schon metaphorisch aufgehobene Unterscheidung zwischen hoher Architektur und niederem Bauen ist in einem Naturbegriff vollends aufgelöst,...". Lachkrampf! Kunsthistorische Art-Brut-Veranstaltung! Die korrekte Begründung steht natürlich auf dem Buchdeckel des Buches, aus dem Prange die vorliegende Collage geschnitzelt hat. Die Unterscheidung löst sich in der Architektur-Anthropologie auf, weil Architektur nun anthropologisch definiert ist. Das heisst natürlich nicht, dass sich Architektur nun in der Natur entwickelt! Noch, dass Aesthetik aus unserem Gesichtsbild verschwindet. Auch das hat Prange nicht gelesen oder nicht begriffen: Aesthetik wird anthropologisch begründet, nicht mehr fundamentalistisch-deduktiv postuliert. Pranges absurde Ver-Naturierung der anthropologisch definierten Architektur-Entwicklung führt entsprechend mit ihrer ins abseits manövrierten "ästhetischen Relevanz" direkt in die gigantischen "Slums in den Ländern der dritten Welt" "die, nähme man jenen universalgeschichtlichen Monismus ernst, in ein urpsprungsmythisch verklärtes Licht geraten."

Wen wunderts, die von Prange derart nach Strich und Faden verkorkste 'Architektur-Anthropologie' landet schliesslich dort, wo es das Buch-Programm vorsieht: neben der Tautschen Phantastik. Nicht nur das! Es bleibt diesmal nicht nur bei der Verstrickung in Ideologien. Die Architektur-Anthropologie endet - samt Taut, schlicht und einfach dort, wo es Prange am liebsten wäre, beim 'Abfall'. Für ihr anregendes Plädoyer für die "Jägerhorden und Totschlägerbanden der Urgeschichte" als "Sicht auf das menschlich Besondere" darf man Prange wohl persönlich gratulieren: "Primitivismus". Sie hat ihn - in jeder Hinsicht - verdient.

NUR MASKERADE? - DIE SACHE WIRD ALARMIEREND

Die haarsträubende Liederlichkeit der Recherchen, die all die hirnverbrannten Unterstellungen erst ermöglichen, zeigt nun andersrum - etwa wie Haeckels abgewetzter 'Monismus' am Schluss wieder erscheint, oder das zielstrebige Arbeiten auf den Abfallhaufen hin, - trotz all des Grotesk-Dilettantischen eine gewisse 'Kunst des Verdrehens'. So tun als ob? Maskerade? Als Kunst-Wissenschaft verbrämte Polemik?

Nun wird die Sache aber sehr, sehr gefährlich, alarmierend gefährlich. Wir sind ja weder in der humoristischen Ecke einer Tageszeitung, noch in irgendeiner satirischen Zeitschrift. Pranges Arbeit gibt sich nicht als Journalismus. Wir sind im Kunsthistorischen Institut einer öffentlichen Bildungsanstalt, einer Universität mit einem alten, ehrenswerten Namen: Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Deutschland.

Hat sich vielleicht Prange nur zum Schein als dilettantisch-unerfahrenes Kunst-Mädel verkleidet? Hat sie dieses dilettantische Gefasel nur inszeniert, um die Architektur-Anthropologie, die ihr, oder einer vorgesetzten Instanz, nicht passte, zusammen mit Tauts Architekturphantastereien auf dem Misthaufen landen zu lassen? Der Verdacht ist begründet und seit in der Schweiz die Akademie der Geisteswissenschaften die "Geld ist Geist"-Theorie des Tessiner Unternehmers Tito Tettamanti ('il Magnifico') [1993] an Akademiker gratis verteilt, liegt es auch im Bereich der Möglichkeit. Ein wichtiger Grund hält jedoch davon ab, den Verdacht anzunehmen: die ganzen Humanwissenschaften würden so auf dem Abfallhaufen enden. Wenn wir an unseren Universitäten mit viel Geld irgendwelche Kasperln und Marionetten anstellen können, die mit viel Klamauk, Brimborium und Zoten irgendwelchen unliebsamen Büchern auf den Leib rücken, um sie - per Lächerlichkeit - auf den Misthaufen der Geschichte zu befördern, dann: Wissenschaft? Nein Danke! Und dieses Allerunwürdigste und höchst Gefährliche lebt im Kopf des Schreibenden - heute - nur in düstersten Ahnungen von Vergangenheit. Deutscher, nebenbei. Nehmen wir also nicht das Schlimmste an.

ZUM SCHLUSS

Das Unglückliche von Pranges Schreibe liegt ja ohnehin darin, dass jeder, der die 'volkskundlichen' (!) Arbeiten zur Architektur-Anthropologie gesehen hat, sofort Pranges akuten Bildungsnotstand erkennt. Dass die Architektur-Anthropologie mit ihrem aufgeklärten Grundton nicht jedem passt, ist an sich verständlich. Aber das würde heissen, man hätte von der ehrwürdigen Universität Tübingen in dieser Richtung sehr, sehr viel mehr erwartet. Pranges Machwerk ist in jeder Hinsicht von so liederlicher Art, dass das ganze Buchprogramm mit voller Wucht auf sie zurückfällt. Sie selbst erscheint nun im Rampenlicht des Lächerlichen, im Licht einer unglaublichen "Willkürlichkeit", des "absoluten" Unsinnes verdrehter Tatsachen, der "Ideologie" ihres allzuengen Kunsthistorikerstübchens verfallen. Sie steckt - wohl nicht zu Unrecht - in einem tiefen und gänzlich unwissenschaftlichen Morast der Selbstdefensive, in einer absolut autistisch geführten "Legitimations-Strategie"! Nicht die Architektur-Anthropologie, sondern ihre beliebig manipulierbare Kunsthistorie landet mit diesem blamablen Machwerk auf dem Abfallhaufen. Siehe Einleitung, zweiter Abschnitt.

Zum Glück ist, wie gesagt, die angesprochene Architektur-Anthropologie erstens inzwischen wissenschaftlich in zahlreichen anderen Disziplinen der Humanforschung anerkannt, zweitens, multidisziplinär angelegt, und drittens dreisprachig verfasst. Sie kann somit den mit Pranges Aufsatz demonstrierten akuten Bildungsnotstand im 'Kunsthistorischen Institut' der Universität Tübingen durchaus verkraften.

BIBLIOGRAPHISCHE HINWEISE

BOLLNOW, O. F.
1963
Mensch und Raum. Kohlhammer, Stuttgart

EGENTER, Nold
1980
Bauform als Zeichen und Symbol; Nicht-domestikales Bauen im japanischen Volkskult. Eine bauethnologische Untersuchung, dokumentiert an 100 Dörfern Zentraljapans. ETH, Zürich
1981
The Sacred Trees Around Goshonai. Japan. A contribution of building ethnology to the subject of tree worship. Aisan Folklore Studies XL-2:191-212, Nagoya
1982
Göttersitze aus Schilf und Bambus. Jährlich gebaute Kultfackeln als Male, Zeichen und Symbole. Eine bauethnologische Untersuchung der ,ujigami'-Rituale des Volksshint™ um die Stadt Omihachiman, Japan. Schweizer Asiatische Studien, Monographien, Bd. 4, Bern
1983
Affen-Architekten. Die Nestbautraditionen der höheren Menschenaffen. In: UMRISS 2, : 2-9, Wien
1992
Die Aktualität des Primitiven in der Architektur; Architektur-Anthropologie - Forschungsreihe Bd. 1, Structura Mundi, Lausanne
1994
Semantic architecture and the interpretation of prehistoric rock art: An ethno-(pre-) historical approach. In: Semiotica 100-2/4 :201-266
1995
Architectural Anthropology: Semantic and symbolic Architecture. An architectural-ethnological survey into hundred villages of central Japan. Structura Mundi, Lausanne
1996
Grundlagen der architektur-anthropologischen Forschung; Architektur-Anthropologie - Forschungsreihe Bd. 2, Structura Mundi, Lausanne

PRANGE, Regine
1995
Kunstwollen und Bauwachsen. Zum Mimesiskonzept in Bruno Tauts Architekturphantasien. In: Hartmut Eggert, Erhard Schütz und Peter Sprengel (Hg.): Faszination des Organischen. Konjunkturen einer Kategorie der Moderne. iudicium, München

RAPOPORT, Amos
House Form and Culture. Englewood-Cliffs, N. J.

TETTAMANTI, Tito
1993
Geld und Geist. In: Schweiz. Akademie d. Geistes- u. Sozialwiss. (Hg.): ,Geld und Geist', Bern

YERKES, R. M.
1929
The Great Apes. Yale Univ. Press, New Haven


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