OTTO FRIEDRICH BOLLNOW


MENSCH UND RAUM


Ein wissenschaftlich revolutionäres, neues Paradigma zur Architektur- und Raumanthropologie

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"Menschsein ...bedeutet wohnen."
(Bachelard)
"Die Welt ist ein Nest."
(Bachelard)

VORWORT - ZUR BEDEUTUNG DES THEMAS IM WEITEREN RAHMEN

Dieses kollektive 'Vergessen' wird aber dann höchst problematisch, wenn wir Texte übersetzen, die aus antiken Gesellschaften in unsere Zeit gelangt sind. Das gleiche Problem stellt sich in der Völkerkunde, wenn wir mit Menschen kommunizieren, die, am Rande der modernen Welt, unser neuzeitliches Raumwissen gar noch nicht verstehen. Wir übersetzen antike Texte oder interpretieren Befragungen in der Ethnologie so, als hätten diese in engen Umwelten lebenden historischen oder traditionellen Gesellschaften annähernd die gleichen Raumwahrnehmungen wie die moderne Industriegesellschaft. Wäre mit solchen Interpretationen bloss unser "interesseloses Wohlgefallen" an solchen Weltbildern verbunden, so wäre dies allenfalls noch akzeptabel. Aber sie bilden in verschiedenen Disziplinen die Basis bestimmter Theorien, die unser gesellschaftliches Sein wesentlich mitbestimmen, etwa in der Religion, wenn wir von Schöpfung reden, oder in der Philosophie, wenn wir über Metaphysik diskutieren. Das gleiche gilt in der Kunst von der Ästhetik, wenn wir etwa vom Schönen sprechen oder in der Architektur, wenn wir Häuser, Siedlungen oder Städte planen. In all diesen Themen ist der Raum eine grundlegende Komponente. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man antike Mythen und Schöpfungsgeschichten mit dem modernen räumlichen Kosmos verbindet oder, ob man sie dem vor- und frühgeschichtlichen Siedlungswesen zuordnet. Ebenso fragt sich, ob man Metaphysik im philosophisch-idealistischen Sinne in kosmologischen Dimensionen ergründet - und sich dabei natürlich auf entsprechend gedeutete historische Belege stützt - oder ob man den entsprechenden Begriffsinhalt in der konkret humanen Siedlungskultur als formalräumliches Ordnungsprinzip entdeckt. Es ist auch ein beträchtlicher Unterschied, ob man Kunstwerke an einem platonisch-kosmologisch begründeten Schönheitsbegriff misst oder, ob man Kunst - insbesondere das sogenannte "Schöne" - aus der konkret-menschlichen Tradition - anthropologisch - zu verstehen versucht. Am schlimmsten ist die Sache in der Architektur: Wir zwängen - weltweit - den Menschen in ein falsches Raumkorsett.

Bollnows Buch 'Mensch und Raum' schafft diesen neuen Standpunkt, indem es dem physikalisch-mathematischen Raumbegriff die anthropologische Dimension des Raums entgegenstellt. Setzt man seinen anthropologischen Raumbegriff als Arbeitshypothese auf breiter Ebene ein, d.h. in der prähistorischen, historischen und völkerkundlichen Forschung, so müsste wohl das meiste, was die sogenannten "Geistewissenschaften" an Interpretationen über Jahrhunderte angehäuft haben, neu geschrieben werden.

Für die wissenschaftliche Methode entscheidend ist dabei: Wenn Bollnow gemäss Raum nicht mehr primär als unendliche Leere erscheint, sondern als human-ökologisches Implantat im physikalischen Raum und somit auch wesentlich pluralistisch und qualitativ gebunden und am menschlichen Erleben und Verhalten orientiert erscheint, so werden seine Strukturen wissenschaftlich induktiv erforschbar. Metaphysische Grundbegriffe werden vom endlosen Himmel heruntergeholt und in die objektiv zugängliche, humane Kulturtradition verlagert. Bollnows Arbeit stellt somit nicht nur individuell, sondern auch wissenschaftlich eine Revolution dar. Er etabliert im Sinne von Thomas Kuhn ein neues Paradigma, das sich aber nicht bloss an diesem oder an jenem Zweig dieser oder jener Disziplin manifestiert. Vielmehr handelt es sich um ein neues Paradigma, das den modernen wissenschaftlichen "Baum der Erkenntnis" an seinen Wurzeln revolutioniert.

EINLEITUNG: RAUM UND ARCHITEKTUR

Raum ist eine der grundlegenden Kategorien des Erkennens und ist auch fundamental für jede Architekturdiskussion, sowohl im praktischen Entwurf wie in der Architekturforschung. 1971 hat Christian Norberg-Schulz in seiner Studie 'Existenz, Raum und Architektur' das Konzept 'Existenzieller Raum' vorgeschlagen, das sich zum einen auf J. Piagets Untersuchungen zum Aufbau der Raumperzeption beim Kind stützt (ontogenetische Aspekte der Raumkonzeption), sich zum andern in ihren sozio-kulturellen Aspekten (philogenetische Aspekte der Raumperzeption) von vielen früheren Studien zum Raum stimulieren liess. Wichtigste Vorläufer waren der vergleichende Religionshistoriker Mircea Eliade, der Kunsthistoriker Dagobert Frey und der philosophische Phänomenologe Otto Friedrich Bollnow.

Norberg-Schulz' existentielle Alternative zum euklidischen Raumkonzept war nicht von wesentlichem Einfluss auf die Entwurfspraxis in der Architektur. Dies hauptsächlich aus zwei Gründen: Erstens hat er die Ergebnisse dieser Arbeiten recht willkürlich seinen eigenen Vorstellungen des architektonischen Raums zugrunde gelegt, und zweitens ging die Diskussion in der postmodernen Rhetorik unter.

In diesem Kontext ist - wie im Vorwort schon angedeutet - Bollnows Buch 'Mensch und Raum' (1963) ausserordentlich wichtig. Seine Untersuchung kann als die erste ontologisch und interkulturell weit gefasste 'Raumanthropologie' verstanden werden. Das Buch setzt klar den kosmologischen oder metaphysisch ausgedehnten Raum als sekundär, veranschlagt dagegen als primär ein Raumordnen, wie es sich vom menschlichen Siedeln her entwickelt hat. Weiter setzt Bollnow den Menschen und sein komplementäres Bedürfnis nach Bewegung und Ruhe ins Zentrum seines Raumverständnisses. Raum, wie er sich auf den Menschen und sein Verhalten bezieht, wird inhomogen, was sich bei Bollnow in einer Fülle von klar baulich geprägten Beobachtungen ausdrückt. "Die anthropologische Bedeutung des Hauses muss heute wiederentdeckt werden" (:137). Es ist auf Anhieb einsichtig, dass dieser Ansatz somit für die Architekturforschung von grundlegender und weitreichender Bedeutung ist.

Erstaunlicherweise ist Bollnow aber gerade in der Architekturforschung wenig bekannt. Im Unterschied zu den weitherum intensiv diskutierten, auf Bauen und Raum bezogenen Arbeiten Heideggers, wird er nur selten zitiert. Seine systematische Untersuchung hat nicht die Bedeutung erlangt, die sie eigentlich verdient hätte. Zeitweise wird Bollnow gar in Forschungen und Publikationen zur Raumordnungs-Thematik nicht angeführt, obschon sein Einfluss evident ist. Vor allem aber werden Bollnows revolutionäre Einsichten zur Raumdiskussion oft auch einfach übersehen. Das Buch wurde - leider - weder ins Englische noch ins Französische übersetzt.

Um diese Verhältnisse zu klären und um Bollnows grundlegenden Einsichten zu einer weiteren Verbreitung zu verhelfen, wird hier seine Arbeit zusammengefasst dargestellt. Dem Leser soll eine Idee seiner wichtigsten Ansätze und seiner in gewissem Sinne genialischen und epochemachenden Leistungen vermittelt werden. 2 Die Diskussion folgt im wesentlichen der Struktur von Bollnows Untersuchung.

BOLLNOW: METHODEN UND QUELLEN

Bollnow rechtfertigt seine philosophische Ontologie des Raums mit der Philosophie seiner Zeit. Bergson, Simmel, Heidegger, Sartre, Merleau-Ponty und Minkowsky haben die Zeitlichkeit der menschlichen Existenz als zentrales und grundlegendes philosophisches Phänomen diskutiert. Räumliche Bedeutungen der menschlichen Existenz sind dabei im Hintergrund geblieben. Einige Untersuchungen sind in den Dreissigerjahren gemacht worden, die sich auf den Raum richteten, wie er im Rahmen von Psychopathologie und Psychologie verstanden wird. Auch philosophisch gesehen, stellt Bollnow seine Arbeit in einen weiteren Rahmen. Er bezieht sich auf Heidegger, Graf Dürkheim, Minkowsky, Straus, Binswanger, Bachelard und - in anderem Sinne - auf Cassirers Philosophie der symbolischen Formen.

Methodologisch gesprochen, steht Bollnow der Phänomenologie nahe. Norberg-Schulz stuft sein Buch entsprechend als spekulativ und unwissenschaftlich ein. Er hat offensichtlich nicht erkannt, dass die Phänomenologie ihre Theorien nicht durch Systematik und logisches Kalkül konstruiert, sondern vielmehr eine klare Sicht im philosophischen Sinne kultiviert. Wie es der Begriff Phänomenologie ausdrückt, widmet diese sich der Beschreibung von Phänomenen mit der †berzeugung, dass das untersuchte Objekt unter wohl begründeten Reflexionen sein wahres, reines Wesen enthüllt. Und in der Tat, Bollnow scheint auf die wesentliche Struktur des Raumes gestossen zu sein, indem er ihn in enger Beziehung zum menschlichen Erleben und Verhalten und zu Bedingungen der Umwelt beschreibt. Es leuchtet ein, dass dies auch in einem anthropologischen Sinne von Bedeutung sein muss.

Im Kontrast zu Norberg-Schulz' noch stark dem herkömmlichen Architektur-Rationalismus verhafteten Raum-Konzept ist Bollnows Sichtweise tief humanistisch, indem er den Menschen und seine unmittelbare Umgebung ins Zentrum all dessen setzt, was er beschreibt. Es glingt ihm, einen ungeheuren Reichtum an neuen Einsichten vorzulegen, die das Raumkonzept der Architektur als recht klägliches Instrument erscheinen lassen. In der Tat, man ist versucht, sich vorzustellen wie anders Architektur heute verschieden sein könnte, wenn anstelle der Postmoderne Bollnows Konzept in den letzten dreissig Jahren sich zur Grundlage architektonischen Räsonnierens entwickelt hätte.

Seine Methode spiegelt sich auch im Inhalt des Buches, das einen reichen Katalog von Zugängen und Themen präsentiert. Aber diese Komplexität sollte einen nicht verwirren. Im Gegenteil, die phänomenologische Methode definiert ihr Objekt über die grösstmögliche Zahl von Annäherungen, und Bollnows Methode spiegelt in diesem Sinne nur die faktische Komplexität des Raumes.

Offensichtlich hat Bollnow wichtige Impulse von der Struktur der deutschen Sprache erhalten. Im Gegensatz zu den stark rationalisierten Sprachtraditionen wie z.B. jenen der romanischen Sprachen, insbesondere des Französischen, hat die deutsche Sprache viele ihrer primitiven Wurzeln nicht verloren. Vor allem hat sie zahlreiche Begriffe bewahrt, die auf ursprüngliche Bedingungen von Räumlichkeit hinweisen. Wörter, die ganz andere Bedeutungen implizieren als die entsprechenden romanischen Begriffe (z.B. 'Platz' gegen 'Ort', 'Stelle', 'Heim'). Entsprechend gründen sich wesentliche Teile von Bollnows Diskussionen auf die Wort-, Sprach- und Ideengeschichte, wie sie sich vor allem in der Literatur niedergeschlagen hat. Bollnow macht damit auch deutlich, dass Etymologie zur wichtigen Quelle für die Erforschung menschlicher Raumkonzpete und Architekturbedingungen werden könnte. 3

Im weiteren beschäftigt sich Bollnow ausführlich mit den philosophischen Diskussionen seiner Zeit, insofern sie sich auf sein Thema beziehen. In einem weiteren Rahmen verwendet er europäische, teilweise auch nicht-europäische kulturgeschichtliche Aspekte sowie Ansätze aus der Ethnologie. Mircea Eliades Strukturgeschichte der Religion spielt dabei eine wichtige Rolle. Aber Bollnow bleibt skeptisch hinsichtlich seiner metaphysischen Interpretation, die scharf im Kontrast steht zu seinem eigenen humanistischen Ansatz.

Das Buch gliedert sich in fünf Teile mit den Titeln: 'Die elementare Gliederung des Raums', 'Die weite Welt', 'Die Geborgenheit des Hauses', 'Aspekte des Raums' und 'Die Räumlichkeit des menschlichen Lebens'. Wir wollen im folgenden versuchen, einen kurzen Abriss der wichtigsten Gedanken unter Wahrung der Grundstruktur des Buches zusammenzustellen, soweit dies bei einem Text von mehr als dreihundert Seiten möglich ist.

DIE ELEMENTARE GLIEDERUNG DES RAUMS

Im ersten Teil verwendet Bollnow verschiedene Quellen, die zeigen, dass Raum in seinen Ursprüngen kein unendliches Konzept war, sondern im Gegenteil mehr oder weniger klar begrenzt, definiert, umgebungsmässig bestimmt und eng mit der Siedlungsgeschichte verbunden war.

Geschichte

Raum ist nicht homogen, sondern gegliedert. Diese Vorstellung findet sich schon in Aristoteles' verwirrender Diskussion im vierten Buch seiner Physik - der ersten Abhandlung über Probleme des Raums in der abendländischen Denktradition. Aristoteles bringt Raum mit den vier Elementen (Feuer, Luft, Wasser, Erde) zusammen und lehrt deren "natürliche Gliederung", indem jedes Element eine natürliche Richtung vorsehe. Zum Beispiel nach oben im Falle des Feuers und leichter Dinge, und nach unten mit Bezug auf Erde und schwere Dinge. Bollnow hebt hervor, dass sich dieses Konzept grundlegend von unserer modernen Raumvorstellung unterscheidet. Weiter enthält der aristotelische Raumbegriff einen anderen, verwirrenden Aspekt. Was wir als Ort (topos) bezeichnen würden, erscheint irgendwie hierarchisch herausprojiziert vom Lokalen in kosmische Dimensionen und zeigt so Ausdehnung, die Bollnow mit einem Behälter vergleicht. Schluss: Aristoteles' Sicht des Raums ist keinesfalls eine des endlosen mathematischen Raums, sondern er ist begrenzt selbst in seinen extremsten Ausdehnungen zur Leere hin, "die vom Himmelsgewölbe eingegrenzt wird." (:30)

Etymologie

Dass Raum ursprünglich als begrenzt verstanden wurde, legt auch die Etymologie des deutschen Wortes Raum nahe. Grimm leitete es von der entsprechenden Verbalform "räumen" ab, im Sinne des Räumens eines Teils von Wildnis mit der Absicht, sich dort niederzulassen und eine Wohnung zu errichten. Bollnow geht ausführlich auf diesen Punkt ein, gibt zahlreiche Beispiele zum Alltagsgebrauch verwandter Begriffe, zeigt, dass die Wurzeln des Wortes sich eng auf das Wohnen und die menschlich geordnete Umgebung beziehen. Entsprechend verweist das Wort Raum, mit bestimmtem oder unbestimmtem Artikel gebraucht (z. B. als verallgemeinerter Begriff für die Räume eines Hauses) auf Bauten. In diesem Sinne gebraucht, ist Raum unvereinbar mit Orten im Freien (z.B. Versammlungsorte). Auch ohne Artikel gebraucht, erscheint er in enger Beziehung zur menschlichen Umgebung, meist in der Bedeutung von Bewegungsraum zwischen Dingen oder Objekten. Erst sekundär bezieht sich das Konzept des Raums auf ausgedehnte Bedeutungen ("raume" gleich offene See; Weltraum etc.). Ähnlich erscheinen verwandte Begriffe immer auf Objekte der menschlichen Umgebung angewandt. So zum Beispiel 'Ort' (als punktualisierte Lokalisation, die sich ursprünglich auf spitzige Dinge, wie Speere [Ortsmarken?], oder Landformen wie Landzungen usw. bezog), oder 'Stelle' (prinzipiell bezogen auf gebaute Konstruktionen oder Möbel) oder 'Fleck' (horizontale Ausdehnung von Land, Marktplatz usw.).

Diese höchst überzeugende Betonung der umweltlichen Ursprünge des Raumbegriffes hat weitreichende Konsequenzen, nicht nur für die Architekturforschung und die Architekturtheorie, sondern auch für das ganze menschliche Selbstverständnis, insofern unsere Ontologien und unsere Metaphysik primär auf Kosmologien fussen. Anders gesagt, Bollnow fordert eine dramatische Umkehr, eine 'Implosion' unserer Raumkonzpete. Eine Implosion, die, nebenbei, in der Oekologie und in den tierischen Verhaltensforschung bereits gut etabliert ist (Uexküll), nicht aber in der Architektur und im Städtebau.

Richtungselemente und Axialität

Die folgenden Abschnitte in Bollnows Buch handeln von räumlichen Richtungselementen. Auch hier baut er genial etablierte Systeme ab. So etwa z.B. Axialität. Schon die Paare, die bereits Aristoteles anführte (oben/unten, vorne/hinten, rechts /links), seien Kontraindikationen für Homogenität, besonders wenn sie nicht einfach im Rahmen linear axialer Systeme interpretiert erscheinen, sondern bezogen sind auf objektive Realität. So begreift Bollnow Erde und Luft als zwei absolut verschiedene "Halb-Räume", die für menschliches Leben notwendig komplementär sind. Verliert der Boden seine Qualität des Stützens, so erscheint die menschliche Existenz bedroht. Bollnow bezieht sich hier auf Kierkegaards Konzept der Angst. Auch die Paare vorne/hinten und rechts/links zeigen in ihren engen Verflechtungen mit Ideologie und moralischen Werten ganz klar ihre enge Beziehung zur Kulturgeschichte, aber offensichtlich nicht, wie allgemein veranschlagt, im anthropomorphen Sinne, sondern im Bezug zur räumlichen Organisation der Umgebung.

Fixpunkte

Besonders wichtig ist Bollnows Einsicht über die Existenz von Null- und Fixpunkten im humanen Raumkonzept. Er beschreibt ausführlich die Polarität von Weggehen und Zurückkommen zu angestammten Orten (Heim) oder temporären Nullpunkten (Hotelraum in einer fremden Stadt) und sieht in ihnen essentielle Bezugspunkte in einem subjektiven Orientierungssystem. Er nennt dies die "Mitte des Raums". 4 "Wenn wir die Wohnung wechseln, so baut sich von der neuen Wohnung aus die Welt in einer neuen Weise auf." (:58)

Soziale und räumliche Hierarchie von Zentrumsmarkierungen

Dieses fundamentale Konzept wird dann in triangularen Beziehungen zwischen Individuum, Sozialem und dem hierarchischen System von Markierungen solcher zentraler Punkte (Wohnung, Kirche, Markt, Stadt- und Staatszentrum) behandelt. In diesem Zusammenhang beschreibt Bollnow altüberlieferte Ideen, die solche Fixpunkte als Markierungen der "Mitte der Welt" oder der "Weltachse" (axis mundi) interpretierten. Er zählt auch viele konkrete Symbole auf, die in verschiedenen Kulturen solche zentralen Fixpunkte kennzeichnen (Pfeiler, Paläste, Heiligtümer, heilige Berge). Mit Bezug auf Haberland (Raumkonzepte der Naturvölker, 1957) und Brunner (zum Raumbegriff der Aegypter, 1957) erklärt er Phänomene dieser Art dualistisch auf der Ebene von Spannungen zwischen dem bewohnten Raum und dem umgebenden Chaos und klassifiziert sie - in scharfem Kontrast zu Eliade - als begrenzten Raum. Dieser Teil, der zahlreiche Beispiele von symbolischen Markierungen solcher Fixpunkte behandelt, ist äusserst wichtig, da er im Keim eine Ethnologie des Raumes skizziert.

Fluss und Windrose als Orientierungssystem

Andere Richtungssysteme sind die vier Himmelsrichtungen, die in verschiedenen Kulturen ganz unterschiedlich interpretiert worden sind (Frobenius: goldene Pfeiler, die den Himmel stützten). Mit Bezug auf Jensen (1947) erwähnt Bollnow den Fluss als zentrales Orientierungssystem, das auf horizontaler Ebene wichtige Kategorien (aufwärts - abwärts, links - rechts) mit Bezug auf das von den Bergen zu Seen oder zum Meer fliessenden Wasser enthält. Solche Richtungssysteme sind zuweilen für das moderne Richtungsverständnis recht verwirrend, vor allem wenn in überschaubaren Kulturzonen Flüsse von zentralen oder mittigen Gebirgen in verschiedene oder gegenläufige Richtungen fliessend zugleich die kulturellen Orientierungssysteme bilden. Sie werden jedoch sinnvoll, wenn man raum-entwicklungstheoretisch solche Flussysteme gegenüber der kosmischen Orientierung als primär betrachtet. Auch mit diesen Beschreibungen gibt Bollnow zahlreiche wertvolle Hinweise zu einem Forschungsprogramm, das sich ethnologisch und interkulturell vergleichend mit Raumkonzepten zu befassen hätte.

Schluss

Kurz, das erste Kapitel behandelt vorerst elementare Raumkonzepte, die in der humanen Umgebung wurzeln und insbesondere im anthropologischen Sinne in enger Beziehung stehen zum Wohnen und zur Siedlung. Der allgemeine Schluss aus diesem Teil: Raum ist in seiner primären Struktur keineswegs homogen. Bollnows Argumente für die umweltlichen Ursprünge der Raumwahrnehmung sind absolut überzeugend. Dies wird besonders wichtig im Hinblick auf den zweiten Hauptteil.

Zum 2. Teil