Nold Egenter

-  Architektur- und Habitat-Anthropologie -



 

EINLEITENDE BEMERKUNGEN

Zur Struktur dieser Studiensammlung


Als eigentliche Einleitung zur vorliegenden Arbeit gilt der erste Forschungsband der Reihe Architektur-Anthropologie. Aus verschiedenen Gründen konnte diese ursprünglich auf 8 Bände geplante dreisprachige Forschungsreihe nicht weitergeführt werden. Doch jener erste Band enthält die theoretische Auslegeordnung dessen, was hier in diesem Werk weiter bearbeitet wird. Die dort dargelegte anthropologische Definition der Architektur und ihre Einteilung in vier Hauptklassen subhumane, semantische, domestikale und sedentäre Architektur ist hier Voraussetzung.

Der Leser, der diesen ersten Band kennt, wird schnell bemerken, dass zahlreiche Arbeiten, die dort im Programm aufgeführt sind, hier nun publiziert vorliegen. In gewissem Grade trifft es zu, dass das vorliegende [virtuelle] Textbuch nun eigentlich eine Zusammenfassung der 7 Bände ist. Doch muss betont werden, dass das Programm auch beträchtlich erweitert worden ist, vor allem durch Arbeiten, die einen neuen Weg in Archäologie und Vorgeschichte weisen.
 

Wie das frühere Buch, so verfolgt auch dieses zwei Linien,
zum einen eine anthropologisch begründete Architekturtheorie,
zum andern eine siedlungsanthropologisch begründete Kulturtheorie.


Architekturtheorie

Erstere richtet sich gegen die lediglich historisch begründeten Architekturtheorien der Kunsthistoriker. Der Grundgedanke liegt darin, dass eine objektiv wissenschaftlich aufgebaute evolutionäre Anthropologie der Architektur die herkömmlich beliebigen ästhetischen Spekulationen sowohl der Architekten wie der Kunsthistoriker entkräftet und einer nach einheitlichen Prinzipien aufgebauten Architekturtheorie den Weg bereitet. (-> Systematik der architekturtheoretischen Einsichten)

Indem sie sich evolutionär aufbaut, vermag sie entscheidende Parameter des Verhältnisses 'Architektur - Siedlung - Mensch' herauszuarbeiten und auch die Ästhetik auf neue Art anthropologisch herzuleiten. Vor allem gelingt es ihr kritisch aufzuweisen, dass die Moderne in dilettantischen Rückgriffen auf Elementares im Bauen (z. B. Mies van der Rohe) und völlig unangebrachte Raumtheorien dem modernen Menschen weltweit ungeheuerliche Anpassungsleistungen abforderten.

Andersrum aber vermag sie anzudeuten, dass die ganze vormoderne Architekturtradition, ethnologisch, geschichtlich und vorgeschichtlich, auf wenigen Mustern oder 'patterns' aufbaut. Trotz der ungeheuren Formenvielfalt lässt sich - zellenähnlich, wie in der Biologie - Kontinuität erkennen, das was wir 'horizontale und vertikale Polarität' nennen (access-place scheme, vertical polarity scheme). Alle vormoderne Architektur setzt sich aus diesen Grundmustern zusammen.

Kulturtheorie

Die siedlungsanthropologisch begründete Kulturtheorie versteht sich andeutungsweise als global umfassende Habitat-Evolutionstheorie. Sie steht gegen die konventionelle, historisch herangebildete, disziplinäre Anthropologie mit ihren fragmentierten Aufspaltungen in Subdisziplinen (z.B. Sozial-Anthropologie, philosophische Anthropologie oder Religions-Anthropologie usw.). Vor allem auch ihre Teilung in physische und kulturelle Anthropologie lässt sich höchst problematisch sehen. In beiden Fällen: die konventionelle Anthropologie verzerrt aus später Sicht zurückprojizierend unser Bild. Ob physisch oder 'geistig', es gilt mit wissenschaftlichen Mitteln die kausalen Hintergründe der Entwicklung aufzuweisen, die das Wesen 'Anthropos' hervorgebracht haben.

Das frühere, im Anhang des ersten Forschungsbandes aufgeführte Programm war stark auf die neu als anthropologisch definierte Architektur ausgerichtet. Zahlreiche Beiträge galten der Dokumentation der neuen Klasse "Semantische Architektur" in verschiedenen Kulturen. Doch, im Zuge der 10 jährigen Arbeit am Gesamtkonzept hat sich immer mehr die kulturtheoretische Fruchtbarkeit des architektur- und habitat-anthropologischen Ansatzes gezeigt. Dieser steht nun in der vorliegenden Arbeit im Vordergrund.

Die neue Methode

Kulturtheoretisch wichtig ist vor allem die neue Methode. In die Vorgeschichte führt sie ein neues Artefakt mit einer enormen zeitlichen Tiefe ein, nur theoretisch zwar, aber durchaus plausibel, vor allem mit Bezug zur Problematik der archäologischen Methode insofern als diese nur Objekte aus dauerhaftem Material findet und daraus Geschichte konstruiert. Das neue Artefakt gehört zur Architektur, bildet dort eine Elementarform mit einer potentiellen Zeittiefe von 22 Millionen Jahren. Das konstruktive Verhalten, das diese Form prägt und bedingt, könnte somit für den Menschen von Bedeutung gewesen sein. Seine Kultur wäre unter äusseren Bedingungen geradezu forciert entstanden. Das Territoriale und das Semantische spielen eine entscheidende Rolle. Kultur-Evolution geschieht als Entwicklung der demarkierenden Kontrolle über den Raum, höchst lokal vorerst, unter den frühen hominoiden Vorläufern des Menschen, dann in immer weiteren Dimensionen bis zu jenen frühen neolithischen Siedlungen, die wir kennen und den frühen Stadtstaaten am Beginn der höheren Kulturgeschichte.

Die Vorstellung ist nicht neu, dass der Mensch und seine Kultur Ausdruck einer Entwicklung konstruktiven Verhaltens sei, das in frühester Form im Nestbau der Pongiden vorliegt. Es wurde schon in den 30er Jahren vom Primatologen-Ehepaar Yerkes klar formuliert. Doch, ein zweites Element, das aus dieser Hypothese eine weiterreichend theoretische Erwägung macht, ist die Verklammerung der Primatologie und Paläoanthropologie mit der Ethnologie. Das Verhältnis der Humanforschung zum menschlichen Artefakt ist - ein Fossil aus der mittelalterlichen Scholastik - weitgehend historistisch geblieben. In der Archäologie zählte nur, was dauerhaft war, nicht dauerhafte Materialien gelangten nicht ins Gesichtsfeld, obschon sie - etwa als Schnur-Dekor oder Pflanzenornament - eine eminente Rolle spielten. Andersrum beachtete die Ethnologie den grossen Teil ihrer fibrösen Artefakte, Geflechte und korbartige Dinge - ohne Beziehung zur Zeit. Keinesfalls galten sie als alt, trotz ihres meist technologisch archaischen Charakters: die Hand ist praktisch immer das elementarste Werkzeug in ihrer Herstellung.

Ein neues Kulturbild

Aus dieser Verklammerung entsteht nun erstaunlicherweise ein ganz anderes Geschichtsbild. Die Entstehung der menschlichen Kultur nimmt andere Züge, ja ganz andere Wertungen an. Überall wo die herkömmliche Geschichtsdarstellung mit Anfängen operiert, die ihr Glanz und Glorie bedeuten, entsteht plötzlich Kontinuität. Die frühen Stadtstaaten und Reiche des vorderen Orients und des alten Ägyptens lassen sich als 'Metabolismen', das heisst als monumentale Umsetzungen von in Dorf-Kulturen des Neolithikums cyklisch erneuerten fibrösen Zeichen und Symbolen verstehen. Die aufgrund der historischen Methode bis anhin bewunderten Erfindungsleistungen sind praktisch Null. Die früheste Schrift hat sich, wie die frühesten Schichten von Uruk bei den Sumerern zeigen, aus bäuerlichen Faserfetischen entwickelt. Die Priester kopierten ihre Form zweidimensional zwecks Besteuerung auf Tonplättchen. Religion im Alten Aegypten hat erst spät die phantastischen Ideen entwickelt, die manche bewundern. Der Ursprung des Götter- und Kultsystem war territorialer Natur, ein "territorialer Feudalismus" wie Hermann Kees treffend schreibt. Damit müssen auch die nachfolgenden Religions-Interpretationen kritisch revidert werden.

Auch die griechische Philosophie war kein grossartiger Anfang wie Snell das noch meinte. Die Vorsokratiker sind ein Übergangsfeld zum vorderen Orient, zu einem primären Substrat in welchem Erkennen noch - wie Heraklit klar zeigt - in polarkategorialen Analogien verläuft (Ober- und Unterägypten als staatl. Einheit). Europäisch-analytisches Denken ist nur eine - höchst problematische - Umpolung dieser primären Philosophie! Also wiederum nichts Originales. Auch die Ästhetik lässt sich philosophisch-kognitiv neu bestimmen als die polarkategoriale Struktur territorialer Demarkationen. Sie hat sich in der permanenten Siedlungsbildung des Neolithikums bewährt und ist deshalb zu ihrer ontologischen Hochwertigkeit gelangt (heilig, Götter usw.). Aesthetik, Philosophie und Religion liegen also in diesen Ursprüngen eng zusammen.

Europa's hohe Metaphysik erscheint damit in höchst fragwürdigem Licht. Es hat schon früh, durch spekulative Interpretationen altorientalisch-altägyptischen Kulturgutes sich in ein fiktives Hoch-Licht gestellt, das der modernen anthropologischen Betrachtungsweise nicht mehr Stand hält. Europa muss von Grund auf 'revidiert', das heisst 'kritisch neu gedacht' werden, denn die ungelösten hochexplosiven Widersprüche, die es in die Welt trägt, sind auf allen Ebenen nicht mehr vertretbar. Das zeigten vor allem die zwei bestialischen Weltkriege des 20. Jahrhunderts. Sie haben sich nicht aus heiterem Himmel entwickelt. Ihr Grund liegt in der problematischen Grundkonstruktion Europas. Es zeigen dies die unübersehbaren Menetekel, dass der Westen mit seinen exaltierten Lebensformen die Erde an den Rand des Abgrunds manövriert. Es zeigt sich im Globalisierungswahn der postmodernen Wirtschaft. Diese wird in etwa auf dem minimalisierten Atlaswissen eines Pennälers entwickelt. Alte Begriffe werden wieder aus der Mottenkiste des 19. Jhdts. geholt. Etwa der Begriff Zivilisation im Buch Huntington's das die sog. neue Weltordnung der Reagan Aera legitimieren will. Es zeigt sich nicht zuletzt auch am kulturellen Dilettantismus, mit dem man Europa nach dem Modell Amerikas aufbaut. Letztlich zeigt sich auch der völlige Kulturverlust im elementarsten, agraren Sinne, wenn man im Fernsehen zu sehen bekommt, wie man heute menschlich verursachte Tierseuchen durch Massenverbrennung bekämpft.

'Gesammelte Werke'

Damit ist ein immenses neues Denk- und Arbeitsfeld umrissen, das die Kapazität eines Einzelnen an sich weit übersteigt. Entsprechend legt das Werk nicht breit im Lehnsessel Geschriebenes vor. Die Arbeit ist eine Sammlung von Aufsätzen zu meist eng definierten Themen. Nur in dieser Form konnten bestimmte Aspekte wissenschaftlich verlässlich aufgearbeitet werden, so etwa die Arbeiten über den Nestbau der höheren Menschenaffen oder jene zur Entstehung der Schrift. Es sind Arbeiten die jeweils den Stand der betreffenden Forschung bis in alle Einzelheiten berücksichtigen. Daneben finden sich auch Arbeiten, die zum einen von bestimmten Anlässen wie Konferenzen etc. vorgegeben waren, zum anderen aber auch vom Autor im Hinblick auf das anthropologische Konzept als sinnvoll und gewinnbringend erachtet wurden. Dieser Charakter als 'gesammelte Werke' macht zwar auf Anhieb einen heterogenen Eindruck, zugleich vermittelt aber das Werk einen ganz realen Einblick in eine auf eine bestimmte Forschung angelegte Präsenz, kurz, ein Stück aktiv geführtes forschendes Leben. Auch wenn die Arbeit somit keine geschlossenen Resultate präsentiert, so möge sie doch vielleicht manch einem Leser als willkommenes Gerüst für eigene 'Bauten' dienen.
 


Homepage