Neuchatel


ANMERKUNGEN


1
Für jeden, der asiatische Kulte und Riten nicht bloss aus Büchern sondern aus ihrer vitalen Komplexität kennt, für den ist die eurozentrisch religions-geschichtliche Auffassung von Religion als 'Glaube an übernatürliche Kräfte' eine ungeheure Reduktion. Man wird sich bewusst wie sehr das Christentum die von ihm unterworfenen Gesellschaften ihrer traditionell angestammten sozio-rituellen Identifikationskräfte beraubt hat.

2
Der Umstand, dass Ethnologie und Anthropologie heute von vielen als aequivalent angesehen werden hängt auch mit der Geschichte der Anthropologie zusammen. Sie war, von ihrer zoologisch-medizinischen Herkunft, auch von ihren französischen Abenteuern mit dem sozialen Positivismus immer nur retardiertes Stiefkind, im Keller unter die Treppe der Geschichte verbannt. Erst in der universellen Gesamtheit der Sicht, die Paläaontologie, Vorgeschichte , Geschichte und Ethnologie umfasst, lassen sich systematische Ansätze entwickeln, die den 'grossen Fragen' gerecht werden können.

3
Der Autor hat in der Hochkultur Japans im agraren Hinterland in 100 Dörfern an den jährlich zyklischen Kulten der Dorfgottheit sozusagen eine 'Fetishism-Restudy' gemacht, die nicht von religiösen Parametern (keine Interviews) ausging, sondern phänomenologisch mit räumlichen und objektiv konstruktiven Fakten operierte. Die Arbeit wurde in der Ethnologie kaum beachtet obschon gerade die Ethnologie universell von diesem Objekt ('Fetisch') berichtet hat. Doch hat ein Religionswissenschaftler aus Israel, R. J. Zwi Werblowsky (1990) die Arbeit als Pionierleistung charakterisiert: "Egenter....teaches historians of religion to rethink their own matter of course axiomas and assumptions". Ich sage das folgende in voller Bescheidenheit, lediglich aus wissenschaftlicher Überzeugung: die Arbeit hat die ganze Geschichte der Religionsethnologie und ihre scholastisch-theologisch präjudizierte Methode in Frage gestellt. Die 100 Dörfer des japanischen Dorfshinto zeigen an einem Beispiel klar, dass Religion in ihren ursprünglichen Formen ritualisiertes Territorialverhalten war. Die Primitivisierungen, das ganze drum und dran, waren eurozentrische Projektionen. Doch, zum Entscheidenden hier: die Arbeit fusst sowohl ethnographisch wie ethnologisch wesentlich auf Ogburn's Begriff und Methode der "Akkumulation" (Ogburn 1923, Ogburn & Nimkoff 1950). Er impliziert, dass kein wie auch immer gearteter Querschnitt eine zeitlich homogene kulturelle Einheit darstellt, wie es Ethnographie und Ethnologie bis vor kurzem meist angenommen haben. Unsere Arbeit hat die Traditionen als 'Akkumulation von heterogenen Survivals' untersucht und dargestellt. Entsprechend lässt sich die materielle Kultur in einer bestimmten Feldsituation nach technischen Bedingungen klassifizieren und getrennt behandeln. Ebenso lässt sich entsprechend Ursprüngliches unter geeigneten Umständen auch noch in der entwickelten Hochkultur rekonstruieren. Es ist aus dieser Sicht erstaunlich, wie schnell die Ethnologie doch eigentlich resignierte. In Indien zum Beispiel, sind noch weite Traditionslandschaften zu entdecken! Auch in Japan hat die dortige Volkskunde ein ungeheures Material erarbeitet, das noch kaum in den Westen gedrungen ist und das für die Ethnologie einen ungeheuren Wert hat. Es liesse sich damit ein rurales Stubstrat beschreiben, auf dem sich - seit dem 8. Jahrhundert -über Jahrhunderte das zentralisierte japanische Staatsystem aufbaut. Wichtige Parameter sind dabei nicht einfach von China importiert, wie die Japanologie gemeinhin annimmt. Die immanenten Strukturen der Agrarkulturen hat, in Prozessen, die bis heute andauern, durchaus Eingang gefunden in die japanische Hochkultur.

4
Die Umkehr der primären Verhältnisse von Verhaltenstradition mit Ritual und Kult als 'message' zum geglaubten Mythos und entsprechend abgeleiteten Kulten ist eine ungeheure Entstellung der genetischen Verhältnisse, die offensichtlich mit der Verbalisierung und schriftlichen Darstellung vorgeschichtlicher Kulte im Zuge der frühen Stadtstaatenbildung entstand, dann vor allem auch im europäischen Mittelalter mit der Pazifizierung des nachrömischen Europa sich irreversibel festsetzte und so auch in der Ethnologie sich niederschlug. Der einleuchtendste Vergleich zeigt sich hier zwischen meinen Feldaufnahmen in 100 Dörfern Zentral-Japans und der von Herbert Plutschow kürzlich publizierten 'katholischen' Arbeit über japanische Kultfeste ('Matsuri'. Plutschow 1997). Letztere ist eine eurozentrische Projektion bekannten Stils, die völlig an der Wirklichkeit vorbeigeht.

5
Im formalen Ausdruck der Polarität der Demarkationen zeigt sich auch ein prä-analytisches Erkenntnissystem, das in der Kunst (Licht und Dunkel, Himmel und Erde, Dynamik und Statik usw.) konkret weiterlebt, das aber in drei strategischen Punkten im eurowestlichen Bereich sich zweimal aufgespalten hat. Da sich damit der Zusammenhang zweier verschiedener kognitiver Systeme (harmonisch / analytisch) erklärt, gewinnen wir neue Einblicke in wichtige kulturgeschichtliche Zusammenhänge. Andersrum besagt dieses Bild: die europäische Wissenschaft ist bloss eine analytische Umpolung eines früheren Erkenntnissystem, das polar-harmonisch strukturiert war (s. Vorsokratiker als Übergangsfeld von Heraklit zu Platon und Aristoteles).
 


Zum Anfang
Bibliographie