WAS IST WOHNFORSCHUNG?
Schriftliche Befragungen, Gruppendiskussionen und Interviews mit Experten etc.?

Kritisches zum Wohn-Forum der ETH-Zürich

Von Nold Egenter



 
Vergleicht man die Architektur als grösster Produktionszweig eines Staates etwa mit dem Gesundheitswesen, resp. der Medizin, so erstaunen einen die enormen Aufwendungen, die in den verschiedenen medizinischen Abteilungen (Pathologie, Pharmazeutik usw.) in die Forschung gehen, wie jedoch, andererseits, das Wissen um die Architektur hinsichtlich der Beziehung von Mensch und Raumgestaltung von jedem einzelnen Architekten neu erfunden werden muss. Der Architekt behilft sich in diesem Vakuum neben seinem grundlegenden Rüstzeug mit seinen persönlichen 'Visionen' und 'Imaginationen' (Ein-Bildung! s. Franz Oswalds 'neue urbanität' 2003). Das Resultat ist entsprechend: die Architekten veranstalten in unserer gelebten Umwelt permanent gigantische in situ-Experimente, bei denen die Menschen als sog. 'Laien' Versuchskaninchen spielen.

Was man etwa an der ETH unter Wohnforschung versteht, zeigt ein in der August-Nummer 2003 (Nr. 290) des 'BULLETIN' (Magazin der ETH-Zürich) erschienener Artikel von Vanja Lichtensteiger-Cucak, gross übertitelt "FORSCHUNG", "NEUE WOHNFORMEN IN ZÜRICH - EINE VERWIRKLICHTE UTOPIE". Auch im Text wird einem das Wort Forschung nur so um die Ohren geschlagen. Die "Forscher" des ETH-Wohnforums (ein der Architektur-Professur von Dietmar Eberle unterstelltes 12-köpfiges interdisziplinäres Team) haben die Evaluation von zwei innovativen Zürcher Siedlungen abgeschlossen.

Wohnutopie? Im Grunde ein alter Zopf! Einer der leitenden "Forscher", Andreas Huber, sagt es selber. "Die Idee von autonomen Siedlungen, die selbstversorgend sind, stammt schon aus den 80er Jahren..." Und auch die Methoden sind alles andere als innovativ. Architektonische Experimente werden von 'interdisziplinären Forschergruppen' vorwiegend mit soziologischen Methoden 'evaluiert'. Das hat man schon vor rund 40 Jahren am seinerzeitigen Orts- Regional- und Landesplanungsinstitut der ETH so gepredigt und entsprechend gemacht. Die Raumplanung war schon damals wesentlich auf interdisziplinären Gruppen und soziologischen Methoden aufgebaut. Was als Ergebnis herauskam, hat sich weitgehend als gigantischer Flop erwiesen (siehe z.B.Elisabeth Weingarten's 'Evaluation' der Agrarplanung). Sie zeigt, dass die Planer nicht die leiseste Ahnung von der lokalen Kultur und den Werten der Bewohner hatten. Sie zwangen der Bevölkerung ihr funktionales Denken auf und setzten ihre industrialisierten Konzepte ohne Rücksicht auf lokale kulturelle Traditionen ein. Der Konflikt des Neuen mit dem Alten sähte Spannungen, Hass und Neid über Jahrzehnte. Die traditionelle Dorfstruktur brach zusammen.

Es ist offensichtlich: der zentralste Faktor des Wohnens heisst Kultur, heisst Geschichte, heisst Kulturgeschichte. Also müsste Wohnplanung eigentlich Kulturwissen miteinbeziehen, sich nicht bloss auf menschliche 'Tierversuche' im vollausgerüsteten Architektur-Käfig beschränken.

"Wir haben eine Totalerhebung gemacht..."! Wie bitte? "Jede einzelne Person über 18 Jahre" wurde angeschrieben. Ach so, Fragebogen? Das nennt man "Forschung"? "Die Rücklaufquote betrug erfreuliche 74 Prozent pro Haushalt für beide Siedlungen." Unglaublich:...."schriftliche Befragungen"... "Gruppendiskussionen" und "Interviews mit Experten" (Huber). Das könnte man allenfalls als <Prüfung des Wohn-Konsums>, oder <Prüfung des Wohnverhaltens> gelten lassen, aber "Forschung"? Na bitte! Der ganze Artikel ist eine masslose Übertreibung,

Gravierender Mangel auch an Informiertheit. Titel: "Lange die einzigen <Wohnforscher> in der Schweiz" und dann folgt: "Das ETH Wohnforum war schon von Anfang an eine interdisziplinäre Gruppe: Es wurde 1990 gegründet mit dem Ziel, die Bezüge zwischen gesellschaftlichen - also wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen - Entwicklungen und Formen des Wohnens und deren architektonischer Ausgestaltung zu erforschen." Margrit Hugentobler, Mitglied des Leitungsteams und Projektleiterin doppelt nach: "Das ETH Wohnforum ist die einzige universitäre Stelle, die in den letzten zehn Jahren im Bereich Wohnen kontinuierlich Forschung gemacht hat."

Das ist vorerst schon auf ganz allgemeinster Ebene eine fragwürdige Behauptung! Wenn Forschen auf diese oberflächliche Art des Abfragens von Bewohnern, des Diskutierens mit Experten usw. reduziert wird, dann lässt sich ja doch alles als 'Forschung' verzeichnen, was in sämtlichen Hochschul- Architekturabteilungen immerschon mit dem Bleistift oder aus Norm-büchern zusammengesucht wird. "Wohnforschung" als Vor- und Nachstufe des Design? Jeder sein eigener Einstein! Offensichtlich wird hier ein Begriff missbraucht!

Überdies ist sich die 'einzige Wohnforscherin' der Schweiz in ihren autistischen Anflügen der Blamabilität ihrer Feststellung nicht bewusst geworden. Wenn wir schon von wirklichem "Forschen" reden wollen, das Wohnen, das hier in diesem Lande rund 7 Millionen Menschen betrifft, und nach der katastrophalen Schlappe der 'Moderne' und ihrer Umpfuschung in die sog. 'Postmoderne' zweifellos nicht das Beste aller denkbaren Wohnformen sein kann, wird lediglich von einer kleinen Gruppe von Interdisziplinären, recht und schlecht mit Fragebögen und Umfragen um sich schlagenden Interdisziplinären 'erforscht'. Mit Verlaub, jedes Zahnbürstchen geniesst heute mehr Forschungsaufwand als das Wohnen, eine ungeheure Misere, eigentlich.

Überdies: mindestens seit 1980 beschäftigt man sich im 'Psychologischen Institut' der Universität Bern unter Prof. Alfred Lang auch mit "Wohnforschung" (dwelling research). Es gibt dort unter anderem eine "psychologische Architekturkritik" (Lang et al. 1987).

Überdies: An der ETH in Lausanne gab es seit den 70er bis in die 90er Jahre hinein ein recht anspruchsvolles ethnologisches "Wohnforschungsprogramm" für Architekturstudenten. Rund 500 Planstudien und Modelle können im Keller der Architekturabteilung eingesehen werden. Auch hier also stimmt die Behauptung nur mangelhaft.

Eine zweite, nicht minder penible Sache deckt der grossprecherische Stil des Artikels und die übersteigerte Behauptung von Margrit Hugentobler auf. Seit dem Beginn der 70er Jahre, haben weltweit 'interdisziplinäre Gruppen' - ebenfalls zentriert um Architekturschulen wie etwa Berkeley in Kalifornien, Oxford in England, Nationale Universität in Sydney, Australien usw. sich um die Erforschung des Wohnens als Kulturleistung bemüht. Unzählige Bücher sind in den drei letzten Dezennien herausgekommen - unter anderem die 3 bändige "Encyclopedia of Vernacular Architecture of the World" der Cambridge University Press, herausgegeben von Paul Oliver (1997). Ungefähr 600 Forscher weltweit haben dazu beigetragen.

Aber in der Schweiz hört der Student nichts davon. Wohl wesentlich deshalb, weil eine auf die Schrifthistorie der Architektur fixierte Kunsthistorikergruppe diese Informationen blockiert. Es würde ihre dominante Stellung in den gestelzten Instituten für 'Architekturtheorie' in Frage stellen, wenn Studenten sich plötzlich für Architekturethnologie oder Architekturanthropologie, das heisst für das Wohnproblem im human und kulturell weiteren Rahmen interessierten. Denn das Bauen und Wohnen ist einige Millionen Jahre älter als Vitruv, dem von den Kunsthistorikern diktatorisch aufgestellten Urvater der Architekturtheorie. Eine ungeheuerlich blamable Sache, wenn man die gesellschaftliche Relevanz der Achitektur in den Vordergrund stellt! Doch, hartnäckig wird die Urhütte noch in der Bibel gesucht, wie dies etwa Joseph Rykwert in seinem Buch über Adams Haus zum Besten gibt. Und die Architekten stehen dahinter. Sie wollen - wohl aus oekonomischen Gründen - bauen, nicht forschen.

Die ETH hat also gerade in ihrer Architekturdomäne gar kein fortschrittliches Gesicht wie der grossprecherische Artikel im ETH Bulletin einen glauben macht, im Gegenteil, die ETH-Architekturforschung ist, gemessen an Weltstandards der Wissenschaft, methodologisch rückständig, unvorstellbar autistisch und weithin beschränkt auf den Horizont eines eurozentrischen Architektur-Bibliothekprogramms (s. Werner Oechslin's gta Programm im Internet!
<http://www.rereth.ethz.ch/arch/geschichte/oechslin.proj_overview.html>)



 
BIBLIOGRAPHIE

Lang, Alfred, Kilian Bühlmann u. Eric Oberli, 1987.
Gemeinschaft und Vereinsamung im strukturierten Raum; psychologische Architekturkritik am Beispiel Altersheim. In: Schweiz. ZS f. Psychol. 46 (3/4) :277-89).
Lichtensteiger-Cucak, Vanja, 2003
Eine verwirklichte Utopie. In: Bulletin - Magazin der ETHZ, Zürich, Nr 290, Aug. 2003, p.56
Oswald, Franz und Nicola Schüller (ed.), 2003
'neue urbanität' - das verschmelzen von stadt und landschaft. gta Verlag ETH Zürich,