Architektur-Anthropologie



 
 

Konzepte zur Architektur-Interpretation
aus der Sicht neuerer
ethnologischer und anthropologischer Architekturforschungen

Von Nold Egenter

DOFSBT
Zürich/ Lausanne



ZU DEN ILLUSTRATIONEN


 

1

VORBEMERKUNG

Ist Architektur sehr viel mehr als 'aesthetisierte Funktion'? Karsten Harries hat diese provozierende Frage schon vor gut 10 Jahren in seinem wichtigen Buch 'Die Ethische Funktion der Architektur' (1997) sehr umfassend, sehr einsichtig und wesentlich von der europäischen Philosophie her diskutiert. Es geht grundlegend um eine Kritik der herkömmlich viel zu engen, bloss aesthetisch künstlerisch gefassten Interpretation der Architektur. In einer mit zahlreichen Zeitzeugen der zeitgenössischen Architektur- und Kunstgeschichte reich aufgefächerten Diskussion vertritt Harries die Auffassung, Architektur sei nicht bloss 'dekorierter Schuppen'. Sie hätte ein weit zu fassendes Ethos zu verkörpern, das die humanen Werte einer Gesellschaft repräsentiert. Entsprechend stehe ihr auch eine politische Dimension zu, die heute nicht ausreichend zur Geltung komme.

Der folgende Beitrag stellt sich in diesen Interpretations-Kreis, den er zugleich methodologisch erweitert. Harries arbeitet im europäischen Kulturraum. Er stützt sich auf Architektur- und Kunstgeschichte, auch Geschichte, Philosophie, und nicht zuletzt Volkskunde, im Sinne von ruraler Tradition. Heideggers Schwarzwaldhaus spielt eine wichtige Rolle.

Nach einer methodologischen Kritik von Charles Jencks' 'Die Sprache der postmodernen Architektur' (1979) wird Im vorliegenden Text Harries' philosophische Brücke zur humanen Tradition erweitert, hin zu neuen Forschungsfeldern, die sich in den letzten 30 Jahren herangebildet haben: Architektur-Ethnologie und Architektur-Anthropologie. Es sind neue Arbeitsfelder, die heute - wohl ihrer neuen wissenschaftlichen Anforderungen wegen - noch viel zu wenig Eingang gefunden haben in die Architekturausbildung. Sie werden aber zweifellos an Bedeutung gewinnen, weil sie gegenüber den problematischen Stildiskussionen einen überzeugenden Vorteil mitbringen: Objektivität der Architektur-Interpretation und damit wohl mehr Kontinuität in der Architekturlehre.

Das Entscheidende des neuen Ansatzes liegt darin, dass Architektur in der anthropologischen Interpretation im weitesten Sinne als konstruktives Verhalten auf Habitat und Raum bezogen wird, woraus elementare toposemantische Strukturen ('Ort-schaffen', 'Siedlungs-Gründung', 'lokale Hegemonie des Siedlungsgründers') und symbolische Ordnungen (kategoriale Polarität) sichtbar werden, von denen aus das komplexe Gefüge der Architektur und die Vielfalt der Beziehungen zum Menschen auf neue Art einsichtig werden. Darüber hinaus zeigen sich entwicklungstheoretisch neue Aspekte der humanen Umwelt-Organisation, die Architektur im Sinne von Zeichen und Symbolen im gelebten Raum als wichtige Grundlage der menschlichen Kulturentwicklung erweisen.
 
 

2

EINLEITUNG

Architektur als zeitgenössisches Problem:
von der Moderne zur Postmoderne

Die Moderne Architektur hatte ihre tieferen Wurzeln in der industriellen Revolution. All ihre wesentlichen Charakteristiken beziehen sich aus dieser zweifellos wichtigen technischen Neuheit, die sozial, wirtschaftlich aber auch räumlich und politisch Vieles bewegte und sich auch auf die Architektur auswirkte.

Bis nach dem zweiten Weltkrieg blieb diese Einstellung relativ positiv, zum einen weil moderne Bauten im Landschaftsbild meist bloss punktuell figurierten, deshalb vor allem spannungsvolle Andersartigkeit symbolisierten. Das änderte sich mit dem deutschen Wiederaubau: die Moderne zeigte erstmals flächenmässig ihren 'totalitären' Charakter. Alexander Mitscherlich hat in seinem Buch 'Die Unwirtlichkeit unserer Städte' (1965) diesen Zusammenhang deutlich beschrieben.

Auch im übrigen Europa brachte die Ausbreitung der modernen Architektur diese zunehmend in Kontrast zur vormodernen Architektur, ein Spannungsfeld, das vor allem in den alten Stadtkernen zum Ausdruck kam und meist eindeutig zugunsten der Geschichte ausfiel. Die 'Moderne' wurde eingeschränkt und angepasst.

Doch, es sind nicht nur die neuen Dimensionen neuer Techniken, die provozierten, insbesondere dort, wo alte Formen in historischen Kernstädten noch bestehen. Es gibt auch Veränderungen, die sich nicht auf Anhieb zeigen, etwa die absolute Homogenisierung des Raumes, ein Kriterium, das sich aus der technischen Logik, der maschinellen Produktion und der Funktionalisierung der Nutzungs-Flächen ergibt. Das trat als Prozess gar nicht ins Licht, geschweige denn als menschliches Problem, denn der Raum war neuzeitlich immerschon dominant physikalisch-astronomisch interpretiert. Erst neuere Arbeiten zur Raumanthropologie (Bollnow 1963, Kerschensteiner 1962) liessen bewusst werden, dass die Moderne Architektur mit ihren starken Prägungen durch Industrie und Technik den konventionellen Raum des Wohnens völlig verändert hat und damit der Bevölkerung mit unbewussten Prozessen enorme Adaptionsleistungen aufbürdet.

Auch ist klar, nicht nur das Ornament verschwindet - von der Moderne völlig missverstanden - als 'primitiver Zauber' aus der Welt der Wohnmaschine. Ebenso die Komposition, 'das Haus im Haus im Haus', dem sich vor der Moderne jedes Fenster, jedes Tor, ja jedes Detail zu unterwerfen hatte, weil Bauten - ihrer zeitlich tiefen Tradition gemäss - als etwas vielfältig Zusammengesetztes überliefert waren.

Nicht zuletzt fiel auch die elementare Ästhetik der Polarität den technischen Prozessen zum Opfer. Die Technik favorisierte den kunsthistorisch idealisierten, geometrisch-mathematischen Renaissancebegriff der Proportion (Wittkower 1969, Egenter 1986a). Die einst so reiche, empirische Ästhetik verschwand, überliess das Feld dem geometrischen Einheitsbrei.

Es sind wohl solche unbewusste Archetypen, die sich als Widerstand gegen die Maschinenästhetik bilden und so die erstaunliche Zähigkeit stützen, mit der vielerorts gerade die Wohngebiete traditionell geblieben sind, vor allem etwa weithin auf den britischen Inseln.

Auch für ganz Europa gilt: wer es sich leisten kann, lebt nicht in Plattenbauten vor der Stadt, vielmehr in der weiteren Umgebung, naturnah, in semi-ruralen Villenvierteln mit vormodernem, meist traditionellem oder stilgeschichtlichem Charakter. Es sind dies 'facts', die die Architekten langsam selbst 'entdecken' sollten.

Sagen wir es klar! Die Moderne hat, gestützt auf die industrielle Revolution ein Programm in die Welt gesetzt, das neben der Lokomotive, neben dem Ozeandampfer, neben dem Flugzeug und dem Auto, die Architektur als 'Wohnmaschine', als Teil eines neuen industriellen Systems betrachtete. Es schien logisch, lag auf der Hand, zeigte viele Vorteile, entsprechend machten viele lange mit. 'Schöner wohnen' hiess das Zauberwort.

Zweifellos, das Programm ist missglückt. Ein riesiger Aufwand in einem weltweiten 1: 1 Experiment. Es sind noch andere Parameter mit im Spiel, die der technologischen Konzpetion der Architektur entgegenstehen. Doch, welcher Art sind sie? Nur eine intensivierte humanwissenschaftliche Forschung kann diese Frage beantworten.

Jedoch, wie völlig ungeordnet und unwissenschaftlich dieses Problem in den letzten Dezennien des letzten Jahrhunderts angegangen wurde, spottet jeder Beschreibung. Hiezu im folgenden ein kurzer Exkurs.
 
 

Charles Jencks: der Tod der Moderne

Seit der skurrile Kosmos-Landschaftsplaner und "Architektur-Theoretiker" Charles Jencks Mitte der 70er Jahre den Begriff 'Postmoderne' in die Architektur einführte und zugleich den 'Tod der Moderne' deklarierte, herrscht in der Architekturszene auf verschiedenen Ebenen beträchtliche Verwirrung. Die Gründe liegen vor allem in seiner oberflächlichen Methode, die in sträflichem Widerspruch steht zur zeitlichen Tiefe der Architektur, insbesondere wenn man sie im weitesten, kultur-anthropologischen Sinne versteht. Jencks' Deklaration ist somit ein wichtiges Beispiel, an dem sich die Problematik der heutigen Architekturdiskussion zeigt.
 
 

"Der Tod der Moderne" - sinnvolle Architektur-Kritik?

Tragender Kernpunkt von Jenck's Buch ist die Darstellung um Minoru Yamasaki's Siedlung Pruitt Igoe, St. Louis/ Missouri, die 1972 teilweise mit Dynamit gesprengt wurde. "Die moderne Architektur starb in St. Louis/Missouri am 15. Juli 1972 um 15.32." Das ist eine recht übersteigerte Dramatisierung. Man gewinnt den Eindruck, Jencks benutze das Ereignis, um sich als Begründer der Postmoderne in Szene zu setzen.

Doch, was waren die Gründe? Die elf Gründe die Jencks für die "Krise der Architektur" im einzelnen anführt, sind eher oberflächlich. Neben neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten (Grossbauten grosser Kapitalgesellschaften), geht es sozusagen um den Mangel an sozialen Kontakten.

Dass die Bauten der Moderne weitgehend uniform' waren ist eher banal. Es liegt in den Bedingungen der industriellen Produktion. Jencks macht ein ganzes Kapitel exaltierter Kritik daraus.

Unter anderem: Mies van der Rohe wird zum Stahlprofil-Fetischist, der uns auf dem Campusgelände des IIT in Chicago ein ganzes Verwirrspiel von unidentifizierbaren Bautypen vor Augen führt (astrophysikalisches Forschungsinstitut - Kathedrale - Kesselbau - Präsidententempel - Architekturgebäude).

Im Grunde ist all das leicht einsehbar. Es liegt in der Definition der Moderne. Sie verschreibt sich der Industrie, der Technik, arbeitet die neuen Möglichkeiten heraus, meidet die Raumprogramme und formalen Codes der vorgängigen Stilgeschichte.

Auf die emotionale Verdammung des Mies van der Rohe-Stils inszeniert Jencks eine sarkastische Abrechnung mit mehreren anderen Koryphäen der Moderne und ihrer ganz offen als absurd behandelten Realisierungen. Schliesslich werden im Absatz "Monopolgesellschaften und Big Business" zahlreiche bekannte Architekten für ihre Zulieferdienste an Grossfirmen und Multinationale gleichsam der 'Architektur-Korruption' angeklagt. Internationale Messen und Weltausstellungen seien oft von Architekten zu propagandistischen Zwecken missbraucht worden, etwa im Sinne von "Nationalismen" oder zur Verführung der Massen mit 'Ersatz-Kultur' .
 
 

Architekturtheorie als Groteske

Wer hier meint, er sei in einen Irrgarten geraten, der möge gewarnt sein: es kommt noch schlimmer. Jencks wandelt Architektur in Sprache. Zu Beginn scheint das ganz lustig. Stadtlandschaften in London als Geschrei, als Territorialggebrüll, auch mockierendes Gelächter. Sind wir in einen Kinderfilm von Walt Disney geraten? Jencks führt uns ein in seine neue Methode, Architektur zu verstehen.

Grosses Fanal zu Beginn des Kapitels 'Die Arten der architektonischen Kommunikation'! Adolf Loos' gigantische dorische Säule als Büroturm, Entwurf für den Wettbewerb der Chicago Tribune (1922) . Sie leitet das Thema ein. Im Kern enthält sie die ganze 'Architekturtheorie' von Charles Jencks, die beliebige Aberration jeglicher Form ohne auch nur die minimalste Kenntnis ihrer einstigen Bedeutung.

Was in der Folge unter 'Metapher' erscheint, ist eher erschreckend. Fassadenraster von Parkhäusern, im Volksmund als 'Käsereibe' bezeichnet, das Zuckerwürfel-Hotel in Tokyo, das sollen Metaphern sein? Schliesslich Jörn Utzons Opernhaus in Sydney als Gruppe von sich begattenden Schildkröten usw.. Man fragt sich, was diese absurden Clichés hier zu suchen haben.

Die Reise geht weiter zu Venturi's Enten-Konzept und seiner Theorie des "dekorierten Schuppens". Donut drive-ins, 'Architektur'? Im gleichen Atemzug wird Eero Saarinens TWA Building nicht mehr, wie einst, als ingenieurtechnische Leistung, sondern nun als Metapher, analog zu Venturis "Duck", als gigantischer Betonvogel diskutiert. Schliesslich folgt Le Corbusiers berühmte Ronchamp Kapelle. Sie wird verglichen mit Karikaturen. Vom schwimmenden Vogel zum Priesterhut. Ronchamp als Ente? <Abb. 1a, b>

Es geht Jencks offensichtlich darum, die Moderne auch mit ihren respektabelsten Leistungen zu entwerten, um ein Podium zu gewinnen für seine 'Vision', den 'radikalen Eklektizismus' genannt 'Postmoderne'.
 
 

Katalog der Postmodernen Architektur

Mit dem Konzept 'Architektur als Sprache' ist schliesslich der Boden präpariert für einen Katalog der 'postmodernen Architektur'. Doch, was hier aufgeführt ist, erinnert an das Spielzimmer eines verwöhnten Kindes. Die Stil-Geschichte wird zum Spielzeugladen aus dem man sich, je nach Vorliebe, beliebige Formen herausholt, ohne ihre eigentliche Bedeutung zu kennen. Griechische Säulen, klassisch kopiert oder neu gestaltet, 'designt', dick-massig oder dünn-zierlich, gigantisch oder zum Kamin pervertiert....!

Der Anfang der architektonischen Sprachverwirrung? Architektur-Babylon? Offensichtlich ein Endstück!

Das meiste wirkt auch peinlich, weil die klassischen Ordnungen, etwa die vertikalen und horizontalen Polaritäten oder die immanente Formen-Hierarchie eines Gebäudes nicht mehr verstanden werden. So haben die meisten Beispiele, die Jencks uns vorführt, etwas Krüppelhaftes, etwas Fehlgeborenes. Auch in der Zusammenstellung ein regelrechtes Durch-Einander.
 
 

Postmoderne als 'radikaler Eklektizismus

Jencks 'Architekturtheorie' läuft schliesslich auf einen "radikalen Eklektizismus" hinaus. Als Modell schlägt er die Zeit von 1870 bis 1910 konkret vor: "mindestens 15 Stile" standen damals zueinander im Gegensatz. Der allgemeine Trend aller Stile zur Heterogenität erreichte einen Höhepunkt...."

Es ist kaum zu glauben. Da gab es doch Berge von Büchern, die gegen dieses beliebige Form-borgen Sturm liefen. Wie soll es sein, das Gebäude? Gotisch oder mehr romanisch, oder vielleicht eher klassizistisch? Das heisst das Raumprogamm blieb mehr oder weniger identisch, die äussere Form war - wie auf einer Festtagstorte - beliebig aufgeklebtes Bäckerwerk!

Hinzukam, dass man damals noch für den Stil - letztlich als krämerische Auflistung chrakteristischer äusserer Merkmale der Kunstgeschichte - kritisches Verständnis hatte und sich gegen die beliebige Verkleisterung der Architektur wehrte. Man begriff damalso noch: der Eklektizismus hatte das Klassifikations-System der Kunsthistoriker zur Kunst gemacht.

Das vernichtendste Beispiel des Stilbegriffs ist die auf Vitruv zurückgehenden Einstufung der griechischen Säulenordnung. Diese gekünstelte, von Aussen herangetragene Begriffsordnung (Kapitell, Voluten, Kanneluren, etc.), die sich in der Kunstgeschichte bis heute mit unvergleichlicher Zähigkeit gehalten hat, hat ja doch letztlich über die eigentliche Bedeutung der Säule nichts zu sagen.
 
 

Walter Andrae's Entwicklungstheorie der ionischen Säule

Diese stilgeschichtliche Einstufung zerfällt völlig, wenn man sie durch Walter Andrae's 'Säulentheorie' ersetzt. "Die ionische Säule - Bauform oder Symbol?" lautet der Titel des Buches (1933). Die Entwicklungstheorie zur ionischen Säule führt uns zur Einsicht, dass die ionische (und korinthische) Säule im Grunde monumental festgefrorene Zeichen und Symbole, Kopien einer breit angelegten Tradition von fibrokonstruktiven Prototypen gewesen sein mussten. Architektur als unabhängiges Zeichen, als freies Symbol! Struktur-Denken! Entwicklungs-Theorie! Welten entfernt von der Stilgeschichte <Abb. 2>

Man kann diese These dahin weiter entwickeln, dass diese Zeichen und Symbole wiederum Modelle eines kategorial polar-harmonischen, kognitiven Systems gewesen sein müssen, das höchstwahrscheinlich eng mit den tieferen Schichten der menschlichen Kultur zusammenhängt. Ihre breite Bedeutung zeigt sich darin, dass nicht nur die ägyptischen Tempelsäulen von der gleichen fibrokonstruktiven Grundstruktur waren. Auch die unzähligen archäologischen Quellen zu Lebensbäumen sprechen in dieser Richtung, ebenso und dezidiert das toposemantische Götterzeichen der Ischtar, mit dem Andrae als Urtyp gearbeitet hat, weist in dieser Richtung.

Aus dieser Sicht erscheint Jencks' marktschreierische Werbung für den totalen Eklektizismus im Rahmen der Postmoderne als eine höchst unverantwortliche Sache. Er propagiert letztlich ein urbanistisch-architektonisches Analphabetentum, das sich darauf beschränkt, mit beliebigen Formen ein leeres Spiel zu treiben.

 

3

ARCHITEKTUR OHNE ARCHITEKTEN

Rudofsky als Signal

Vielen ist in diesen intensiven Diskursen der etablierten Design-Architektur vor der Jahrtausendwende entgangen, dass sich jenseits der Magazinwelt der Architekten etwas ganz Neues entwickelte: die breite Erforschung der Architektur.

Wir sprechen vom Aufbau einer Forschung, die Architektur im weitesten Sinne als humanes Phänomen, das heisst als Architektur-Ethnologie oder Architektur-Anthropologie interpretiert. Es geht darum, dass man sich auf breiter Ebene daran macht, Architektur als menschliche Kulturleistung mit wissenschaftlichen Methoden darzustellen und sie - mit Blick auf ihre traditionellen Bewohner - auf ihr Wesen zu befragen.

Eine riesige Ausweitung der forschenden Beschäftigung mit Architektur deutet sich an.

Das eigentliche Schlüssel-Erlebnis lieferte Bernhard Rudofskys Ausstellung "Architektur ohne Architekten" im Museum of Modern Art (1964).

Rudofsky zeigte sich in seinen Bildern als ein ausserordentlich sensibler und auch zutiefst reflexiver Photograph. Die meisten seiner Bilder reden deutlich von etwas, das unserem Empfinden für Architektur und gelebter Umwelt verloren gegangen ist. Darum wohl wirkte die Ausstellung wie ein Signal.

Auch der Titel war genial in seiner provozierenden Einfachheit. Architektur ohne Architekten! Hocharchitektur hatte sich immer als Kunst vom blossen Bauen der Tradition unterschieden. Ihr Gütezeichen war der Architekt - meist in seiner Zeit mit berühmtem Namen - den man für seine 'kreativen Schöpfungen' pseudo-theologisch wie einen Gott verehrte. Der Renaissance Mythos des menschlichen Schöpfergenies. "Architektur ohne Architekten", der Titel schlug eine Bresche in ein festgefügtes Weltbild. Er bricht das etablierte Verhältnis von Architektur, Designer und Architektur-Kunstwissen auf. Architektur aus der ländlichen Tradition? Galt das nicht manchen als 'abgesunkenes Herrengut'?
 
 

Ethno-Architektur

In etwa zur gleichen Zeit begannen zahlreiche Architekten weltweit sich für architektur-ethnologische Themen zu interessieren. Auslöser dieser Bewegung war Amos Rapoport's kleines Buch 'Built Form and Culture' (1969). Es war von entscheidender Bedeutung für die initiale Entwicklung der ethnologischen Forschung von Architekten und Anthropologen. Auch in der weiteren Entwicklung blieb Rapaoport eine zentrale Figur der neuen Bewegung. Seine Arbeiten haben vielen bewusst gemacht, dass das Haus ein wichtiger Parameter traditioneller Kulturen ist. Mit spezifischen Begriffen, wie 'Umwelt-Verhaltensforschung', 'Bedeutungsstudien' (Environmental Behaviour Studies, Studies of Meaning) hat er ein System aufgebaut, das sich in vielfältigen Beziehungsfeldern anwenden liess, um gebaute Umwelt neu zu untersuchen. Man versuchte neue Möglichkeiten zu finden, um den Design zu verbessern.

Die Priorität des geisteswissenschaftlichen Kulturbegriffs und die daraus resultierende breite Anwendbarkeit des Konzepts, sind auch seine Schwäche. Der Kulturbegriff in der Kulturwissenschaft ist so ungefähr das Breitgefächertste und damit auch das Unpräziseste, was man sich denken kann. Das Haus von der Kultur her anzugehen verpasst somit, wissenschaftlich gesehen, eine grosse Chance, die im zeitlich tief reichenden, obektiv-empirischen Charakter des Gebauten liegt.

So kommt eine typische Arbeit wie sie etwa Setha Low, eine von Rapoport stark beeinflusste Anthropologin in der neuen Festschrift für Rapoport präsentiert, hinsichtlich relevanter Aussagen kaum über das Niveau eines Reiseführer-Berichts hinaus (Moore 2000).

Rapoport hat auch nie gesehen, dass das traditionelle Haus nicht eine formale Einheit ist. Es ist vielmehr ein aus verschiedenen Komponenten (und den entsprechenden Entwicklungslinien) zusammengesetzter Komplex, was sich meist in den hausbezogenen Riten deutlich zu erkennen gibt. Rapoports Diskussion der äusseren Einflüsse wie Klima, materielle Verfügbarkeit und soziale, resp. kulturelle Faktoren gehen entsprechend am Wesentlichen vorbei, weil die kulturell relevanten Kräfte, mit denen man sich - etwa im Haus-bezogenen Kult - identifiziert, in den toposemantischen und struktur-symbolischen Kräften der integrierten Architektur-Elemente selber liegen (s. u.).

Auch Paul Oliver hat früh schon Arbeiten herausgegeben, die für die neue Forschungsrichtung wichtige Impulse gaben, etwa 'Shelter and Society' (1969), 'Shelter in Africa' (1971), 'Shelter Sign and Symbol' (1975). Das wichtigste Projekt war zweifellos die von ihm herausgegebene Enzyklopädie zur Ethnologie des Hauses ('Encyclopedia of Vernacular Architecture of the World', EVAW, 1997) an der weltweit etwa 2000 Architekten aber auch etwa Archäologen und Kunsthistoriker usw. mitgearbeitet haben.

Von den drei Folio-Bänden gibt der erste ein System von Zugängen zur Ethnologie des Hauses mit Hauptordnungen und Unterordnungen, schliesslich den einzelnen Berichten. Die zwei weiteren Bände sind geographischen Regionen gewidmet. Die EVAW Encyklopädie ist heute ein Markstein zur globalen Forschung der traditionellen Haus-Architektur. Sie macht vor allem auch deutlich, wie sehr die Ethnologie dieses Thema unterschätzt und entsprechend auch vernachlässigt hat.

Der erste Band repräsentiert entsprechend mit gut 800 Folioseiten eine Systematik von Zugängen und Methoden. Eine gewisse Problematik liegt darin, dass diese das herkömmliche Gefüge, die Unterbegriffe und Methoden der 'geistes-wissenschaftlichen' Human-Disziplinen spiegeln. Das Haus als traditionelle Architektur erscheint so als eines unter vielen, als ein Kultur-Phänomen wie andere auch, im bekannten Rahmen der Kultur.

Der zweite und dritte Band ordnet die Beiträge nach geographischen Kriterien. Dies ist der eigentliche Gewinn der Arbeit: ein enormes Material aus den entferntesten Gegenden der Welt findet sich ausgebreitet vor unseren Augen. Eine enorme Anregung zur architektur-ethnologischen Forschung!

Leider hat auch Oliver nie versucht, den Begriff Architektur zu definieren. Die Encyklopädie blieb entsprechend wesentlich auf das Haus als elementare kulturelle Einheit beschränkt. Das Haus in der Vielfalt von Kulturen! Immer je verschieden. Die grundlegend vergleichende Durchdringung des Hauses als Komplex von topo-semantischen und symbolischen Unter-Einheiten wird blockiert. Die globale Rekonstruktion seiner formal heterogenen Entwicklung über analogen Grund-Einheiten wird verhindert.

Die Beschränkung auf die 'Kulturanthropologie des Hauses' hat ihre Nachteile darin, dass das Haus in der Forschung nun wiederum von jenen Dimensionen abgeschnitten wird, die seine Tiefe und seine Wirkung auf die Identitätsbildung der Bewohner ausmachen. Alles bleibt bei der romantisch angehauchten 'Arts and Crafts' Perspektive. Schon reden Architektur-Studenten vom 'vernacular style'!

Schliesslich: viele andere haben in dieser Richtung zu einer Ausweitung der Architekturforschung wesentliches beigetragen. Etwa Christian Norberg-Schulz wäre zu nennen. Seine frühe Arbeit "Existence Space and Architecture" (1971) war für viele wegleitend hinsichtlich der Öffnung der Architektur-Diskussion auf weitere Horizonte. Dies gilt auch hinsichtlich seines späteren Werkes "Genius Loci, Towards a Pheonomenology of Architecture"(1980), doch blieb diese mit dem "Geist des Orts" der spirituellen Ästhetik der eurozentrischen Geisteswissenschaften verhaftet. Die empirische Dimension der Architektur kam für manche unter dieser Blickrichtung zu kurz. Vielleicht sollte man hier auch noch Christopher Alexander erwähnen, der mit seinen frühen "Notes on the Synthesis of Form" (1964) die Architekturdiskussionen jener Zeit bereicherte, doch war sein spätere intuitive Sammlung von 'Mustern' (1977) eher enttäuschend.
 
 

Forschungs-Organisationen

Wichtig waren auch die sich weltweit formierenden Forschungs-Organisationen mit Fokus auf traditionelle Haus- und Siedlungskulturen. An zahlreichen Hochschulen bildeten sich in entsprechenden Architekturabteilungen Zentren, die, sei es lokal, sei es international die neuen Impulse auffingen und die entsprechenden Forschungsaktivitäten organisierten und unterstützten.

Am bedeutendsten war die "International Association for the Study of Traditional Environments" (IASTE). Sie wurde 1988 anlässlich der ersten Konferenz 'Traditional Dwellings and Settlements' in Kaliforniern (UC Berkeley) gegründet. Daran anschliessend gab es in zweijährigen Intervallen weitere Konferenzen, vorerst regulär in Berkeley, dann später an verschiedenen andern Orten, weltweit. Die reguläre Zeitschrift dieser Organisation nennt sich: Traditional Dwellings and Settlements Review (halbjährlich). Wichtig ist vor allem das gedruckte Archiv der Konferenz-Beiträge: "The Traditional Dwellings and Settlements Working Paper Series". Die Titel sind im Internet aufgeführt und können auch auf den entsprechenden Webseiten bestellt werden.

Die Konferenzen bieten jeweils ein relativ offenes Grund-Thema (zB. 2000 "The end of Tradition?"). Zum Haupttitel werden etwa 20 Untertitel ausgearbeitet, die aktuelle Problemkreise andeuten. Je nach Interesse fallen in der Regel 3-6 Beiträge an pro Untertitel. Definition und Lokalisation des Themas und Methode der Darstellung sind völlig frei. Das Archiv spiegelt entsprechend eine enorme Vielfalt von Interessen, Ansätzen und Methoden, kann aber, je nachdem, was gesucht wird, sich als Fundgrube erweisen. IASTE wurde mit ihren zweijährlichen Konferenzen weltweit zur bekanntesten Institution, die auch hinsichtlich der Publikation des Materials führende Bedeutung hat.

Eine weitere wichtige Organisation in den Vereingten Staaten ist die "Environmental Design Research Association" (EDRA). Sie wurde 1968 gegründet und versteht sich als internationale, interdisziplinäre Organisation. Sie richtet sich an alle Berufe, die sich mit architektonischen Entwurfdisziplinen beschäftigen und in entsprechenden Institutionen zur Ausbildung tätig sind. Sie versucht entsprechend dahin zu wirken, dass das Verständnis für die Beziehungen zwischen Menschen und ihrer gebauten Umwelt unter Einschluss der natürlichen Umgebung sich intensiviert und vertieft. Seit 1987 wird jährlich eine Konferenz unter einem bestimmten Thema durchgeführt. Je nach Thema fallen dabei zwischen 30 bis 300 Publikationen an (s. Bibliographie im Internet). Auch hier hat sich über nahezu 20 Jahren ein beträchtliches Schriftgut angesammelt. EDRA stand ursprünglich stark unter dem Einfluss von Amos Rapoport's "Environmental Behavior Studies". Viele der Untersuchungen und Präsentationen sind unter diesem Blickwinkel zu sehen.

Vielleicht sollte man hier noch ergänzend darauf hinweisen, dass auch in Australien und Neuseeland ähnliche Organisationen (PAPER) entstanden sind, ebenso in Frankreich (Architecture et Anthropologie, Paris La Villette) oder in Italien (CISPUT, Prof. Cataldi, Florenz). Ihr Einfluss blieb jewils aber eher auf nationaler Ebene.
 
 

Kultur als Tradition:
neue Parameter der Architekturtheorie

Städtische Hochkultur und die Abwertung der ruralen Tradition

Entscheidende Prägungen in der Bewegung waren die Begriffe Kultur und Tradition. Dies bedeutet vorerst Bereicherung und Öffnung der Architekturdiskussion, weg von den herkömmlichen methodologischen und thematischen Perspektiven, weg vom engen Fokus auf Ästhetik, Form und Stil. Aber es entstehen auch neue Problemfelder.

Was ist traditionelle Kultur? Ist sie einfach traditionelles Leben ohne Geschichte, ohne Städte, ohne Zivilisation, wie viele glauben? Oder ist Tradition eine andere Form von Geschichte, die wir aber nicht verstehen, weil wir das Instrumentarium der Zivilisation auf sie projizieren? Hat die Zivilisation mit ihrer monumentalen und schriftlichen Geschichte weithin ein sie selbst favorisierendes Wertsystem aufgebaut, das die rurale Tradition einfach abwertet, sowohl auf der staatlichen Ebene wie in der globalen Dimension?

Zur Illustration: So beansprucht etwa die historisch gestützte Religion für sich 'hohe Religion' mit schriftlich festgelegten transzendenten Glaubensinhalten, mit entsprechenden Institutionen und klar definierter Liturgie. Aus dieser Sicht werden traditionelle Formen von Riten und Kulten als einfach, elementar oder gar primitiv eingestuft. Sie erscheinen im Vergleich mit der zivilisatorischen Hochform apriori abgewertet. Ähnlich in der Oekonomie und in den sozialen Strukturen mit ihrem 1. / 3. Welt-Denken. Und vor allem auch in der Kunst, insbesondere der Architektur, resp. dem sog. "traditionellen Bauen".
 
 

Rural-urbane Dichotomie - Architektur als Kulturentwicklung

Stereotype Tradition von ephemeren Strukturen

Was die Hausforschung im traditionellen ruralen Raum mithin auch ergeben hat, ist die Einsicht, dass die lineare Geschichte der städtisch zentrierten Zivilisation und die zyklische Kultur-Tradition der viel älteren ruralen Räume im Grunde zwei völlig verschiedene Kulturräume sind, in denen die städtische Zivilisation die ruralen Traditionen in ihrem Einflussgebiet beherrscht, kontrolliert und auch in der Regel kulturell abwertet. Die Grundlagen und faktischen Leistungen der ruralen Traditionen gelangen so gar nicht ins theoretische Gefüge, es sei denn man trennt die beiden apriori, wobei die Zivilisation als sekundäre Überschichtung erscheint. Das Schema von Karl Narr (1973) für den euromediterranen Kulturraum leistet hier gute Dienste. Es zeigt auch den Verlauf der Zivilisationskurve, resp. die 'Retardation' des europäischen Nordens, was auf 'survivals' von ruralen Traditionen schliessen lässt <Abb. 3a> (s. Egenter 1986b).

Wir nennen dieses Verhältnis "rural-urbane Dichotomie", wobei der traditionell besiedelte rurale Raum als Traditionsraum gilt, oder anthropologisch erweitert als Hominisationsraum verstanden wird. In ihm dominieren ephemere Materialien, das heisst 'fibrokonstruktive Industrien' die jedoch über zyklisch stereotype Tradition eine hohe sachliche oder formale Dauerhaftigkeit erreichen können <Abb. 3b>

Wir können entsprechend in diesem Traditionsraum mit geeigneten Sachverhalten, etwa kultischen Traditionen, eine gewisse Kontinuität erkennen, die stellenweise noch stark Züge von zeitlich sehr tief reichenden Kulturzuständen zeigt.

Das gilt übrigens sehr wahrscheinlich generell für agrare Dorfkulturen. Die europäische Volkskunde zeigt sehr ähnliche Installationen an traditionellen Kultfesten weit verbreitet im ganzen europäischen Raum (Kapfhammer 1977). Mannhardt's 'Wald und Feldkulte' (1963), ebenso Frazer's 'Golden Bow' (1890) zeigen ähnliches. Wichtig sind auch Roschers Arbeiten, ausgehend vom antiken Griechenland (1913) und entsprechende Ausweitungen (1915, 1918). Auch ausserhalb Europas zeigt sich durchaus Vergleichbares (Van der Leeuw 1933, 1948, Tylor 1891, Schultze 1871, De Brosses 1760/1988). Kulturanthropologisch vergleichend lässt sich dieses global verbreitete Material im konventionellen Rahmen als 'Lebensbaum-Komplex' bezeichnen.

In Europa sind diese semantisch-symbolischen Strukturen weitgehend verschwunden, oder sie sind durch christliche oder andere zivilisatorische Einflüsse deformiert. In Kulturen ohne namhaften christlichen Einfluss wie etwa Indien sind solche Traditionen noch vollumfänglich lebendig. Auch in Japan, das im Unterschied zu Indien eine ausgezeichnete Volkskundeforschung aufweist, zeigen entsprechende Untersuchungen eine erstaunliche Homogenität von tektonischen Installationen im Rahmen agrardörflicher Shinto-Rituale. (Egenter 1980, 1982, 1994a).

Dieses Material legt nahe, dass die Agrarsiedlungen trotz Verschiedenheiten in Sprache und kultureller Form strukturell sehr ähnlich sein könnten, dass die räumlichen Umweltbedingungen global sehr ähnlich wären und dass toposemantische Traditionen eine wichtige Rolle spielten. Das rurale Dorf zeigt sich in diesem Rahmen als autonome Einheit und als elementares Modell der sesshaften Gesellschaften. Anders gesagt, wir erhalten eine Hypothese mit der wir die Zivilisation nicht lediglich von ihren historischen Quellen, sondern auch als Entwicklung aus dörfflich agraren Voraussetzungen rekonstruieren könnten.
 
 

Der rurale Traditionsraum als Architektur- und Kultur-Entwicklungsraum

Die zivilisatorischen Parameter ergeben sich vornehmlich aus der Monumentalisierung, aus der Schrift und aus der profilierten sozialen Hierarchie, die sich mit der beginnenden Zivilisation entwickelt. Wir interessieren uns dafür, wie weit die Zivilisation Strukturen der Tradition übernimmt und sie - meist in verbalisierter Form - in der neuen Form der Schrift zeitlich fixiert.

Mit diesen Strukturprinzipien, die ganz wesentlich mit einer anthropologisch definierten Architektur-Tradition zusammenhängen, sind auch kognitive, formal-aesthetische, philosophische und sozial-anthropologische Strukturen verbunden, die uns zeigen, dass Architektur in der Entwicklung der Kultur entscheidende Bedeutung zukommt.

Zahlreiche Phänomene zeigen uns, dass nicht mehr der Beginn der frühen Hochkulturen, die sog. frühen Zivilisationen als entscheidende Phase der Kulturentstehung gewertet werden müssen, sondern vielmehr, die noch ganz in der agraren Tradition verwurzelten neolithischen Dorfkulturen, in denen - mit der Entwicklung der Sedentarität - die wichtigsten Ordnungs-Charakteristiken städtischer Raum- und Sozialanthropologie bereits vorgegeben sind. Allerdings, sie waren Teil einer fibrokonstruktiven Kultur, sind somit von der Archäologie nicht erfasst, da die Anlagen materiell vergänglich waren.
 
 

Architektur und Habitat

Von einer ganz anderen Seite her ergibt sich ebenfalls das Interesse für den kleinen Kosmos, aus der Raumanthropologie des deutschen Philosophen O. F. Bollnow (1963). Sie besagt, dass die Raumperzeption des Menschen sich ursprünglich auf den lokalen Siedlungsraum und seine direkte Umwelt beschränkte, dass dort die wesentlichen kulturellen Strukturen der Räumlichkeit entwickelt wurden und dass das weite, universale Raumverständnis eine kulturgeschichtlich späte Sache ist. Sie fällt in Europa in etwa in das 14. Jahrhundert.

Bollnow's wichtige These wird bestätigt durch zahlreiche Fakten. So stützt dies unter anderem die Wortgschichte des Begriffes 'kosmos', das im Griechischen noch eine lokale Raumordnung in der Dimension eines Dorfes bezeichnete und erst viel später seine kosmologische Bedeutung gewann [1]. Wir werden uns mit diesem Ansatz vorerst bewusst, dass einiges in unserem geschichtlichen Kulturverständnis problematisch ist. So etwa wenn man antike Texte als 'babylonische Schöpfungsmythen' darstellt, obschon sie bei näherem Hinsehen eigentlich faktisch Siedlungsgründungen beschreiben, wobei die Gottheiten als 'theokratische' Rechtszeichen und 'mittige Grenzen' im Siedlungsgebiet errichtet werden [2]. Bollnow ist somit für unser allgemeines Weltbild nicht ohne Konsequenzen und damit wohl eine der wegweisenden anthropologischen Theorien des 20 Jhdts..

Wir werden uns also in traditionelle Gesellschaften begeben, um dort herauszufinden, wie die räumliche Organisation der Siedlung sich zeigt. Wir entdecken, dass die Ordnung eines lokalen Kosmos sich von der modern-physikalischen Konzeption des Raumes drastisch unterscheidet. Wir stossen auf 'mittige Grenzen', (Siedlungskern-Grenzen) was uns in Europa ziemlich ungewöhnlich anmutet. Auch der Siedlungsraum wird mit inhomogenen - präziser 'kategorial polaren' - Strukturen harmonisiert gesehen, keinesfalls homogen verstanden. Und offensichtlich sind diese Strukturen lokaler Natur, sie haben sich in frühen Stadien räumlichen Siedelns entwickelt, was aus ihrer fibrokonstruktiven Technik klar hervorgeht. Es gelingt uns mit Bollnow's Siedlungs-genetischem Ansatz, eine Theorie der Evolution der Raumperzeption und Raumordnung zu konstruieren.

Doch, widmen wir uns vorerst kurz der anthropologischen Definition der Architektur.
 
 

4

ANTHROPOLOGISCHE DEFINITION DER ARCHITEKTUR

Aus der forschenden Beschäftigung mit den objektiven Grundbedingungen des Siedelns entsteht auch die Bedingung nach einer verlässlichen Definition. Was versteht sich unter traditionellem Bauen? Wie kommt es zur zivilisatorischen Form von Architektur? Warum verwendet die Kunstgeschichte zwei Begriffe: Architektur und Bauen? Ist das wissenschaftlich tragbar oder geht es um ein historisch entstandenes Wertsystem? Müssen wir uns hinsichtlich der architektonischen 'Objektwelt' entscheiden, wie in der Zoologie, wo Elephanten und Einzeller im gleichen Reich zusammenwohnen?

Architektur ist gegenüber traditionellem Bauen offensichtlich ein Wertbegriff, was in der wissenschaftlichen Theorienbildung nicht zulässig ist, umsomehr als die Ästhetik, die die Unterscheidung der Architektur vom blossen Bauen trägt, wissenschaftlich nicht geklärt ist.

Ästhetische Urteile können nicht als objektiv zutreffend aufgefasst werden. Sie sind entweder subjektive Geschmacksurteile oder von kollektiven Zeitströmungen abhängig. Darin liegt einer der wesentlichsten Gründe, warum unsere architektonisch-urbanistische Welt mehr einem Haufen heterogenster Formen gleicht, denn einem harmonisch gestalteten Ganzen. Wobei dieser Haufen zudem alle paar Dezennien wieder seine mainstream-Konzepte - als handle es sich um Kleidermode - mit einigen prominenten Design-Stars beliebig wechseln kann. Falls für das Abgestandene das Interesse auf Null gefallen ist, hilft nur noch Dynamit. Siehe Jencks' Pruitt-Igoe.

Wir bevorzugen also vorerst den Begriff Architektur gegenüber 'Bauen' um einen neuen wissenschaftlichen Begriff zu gewinnen, in dem "alles was der Mensch (inkl. seiner unmittelbaren Vorläufer) je baute und baut" enthalten ist. Nun müssen wir diesen Inhalt aber des näheren benennen und beschreiben <Abb. 4>.
 
 

Hat der Mensch das Konstruieren, ja die Architektur,
von seinen biologischen Vorfahren geerbt?

Die Urhüttenfrage und das Nestbauverhalten der Pongiden

Gottfried Semper hat in seinem Werk 'Der Stil in den technischen und tektonischen Künsten' (1860-63) schon im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts entwicklungstheoretische Ansätze an Kunst und Architektur herangetragen, indem er die Materialien in 5 Klassen einteilte. Die Klasse "Textilien" wurde als fibröse Artefakte im weitesten Sinne definiert und als primäre Klasse eingestuft. Wesentlichstes Argument war, dass in allen anderen Materialien Pflanzenornamente und fibröse Texturen auf fibrokonstruktive Vorläufer hinwiesen.

Semper ist von der Kunstgeschichte her nie wirklich ernst genommen worden, vor allem weil ihm tragende Thesen bezüglich relevanter Urformen fehlten, auch weil er letztlich in Naturformen die Vorbilder des Ästhetischen - Symmetrie, Eurythmie, Richtung - sah. Man hat ihn entsprechend als interessanten Sonderfall ideengeschichtlich behandelt, wobei auch im Zusammenhang mit der 'karaibischen Hütte', die ihn in der grossen Ausstellung in London von 1851 beeindruckt hatte, die sogenannte "Urhüttenfrage" aufkam. Sie ist heute zu einem Schlüsselwort der pseudo-anthropologischen Vertiefung der Architekturdiskussion geworden (Rykwert 1972, Gaus 1971, Klotz 1991)

In diesem Zusammenhnag ist hier vor allem Rykwerts Buch 'On Adams House' (1972) von Bedeutung. Es kanalisiert, wie in der Semperforschung, die Frage nach der Urhütte rein ideengeschichtlich, indem es aus der europäischen Geschichte die - oft grotesk fiktiven - Vorstellungen zum Ursprung der Architektur - Schwerpunkt Urhütte - zusammenträgt. Ein höchst interessantes Buch, aber es zeigt auch in seiner seriellen Struktur die Problematik der Kunstgeschichte. Sie favorisiert als Kunst-Geschichte die geschriebene Geschichte und bleibt damit weitgehend den skurrilsten Ideengeschichten verhaftet. Das Objekt, das sie sucht, muss ihr verschlossen bleiben.

In diesem Zusammenhang stellt sich kritisch die Frage: wie, wenn man die Urhütte nicht bloss ideengeschichtlich bei Adam in der Bibel suchte, sondern die Frage nach dem Ursprung der Architektur anthropologisch modern stellte? Und, wo hätte man zu suchen, wenn man sich darauf verlegte, Hinweise auf diese Primärschicht der Architektur in der wissenschaftlichen Forschung objektiv zu finden?
 
 

Subhumane Architektur

Mit Fragen dieser Art zeigt sich etwas höchst Erstaunliches: dort wo man heute wissenschaftlich, das heisst in der physischen Anthropologie, resp. in der Primatologie, entwicklungstheoretisch die Anfänge menschlicher Bedingungen sucht, findet sich überraschend höchst überzeugendes Material zur Primärschicht der Architektur: das Nestbauverhalten der höheren Menschenaffen (Pongiden) <Abb. 5a-f>. Das amerikanische Primatologenpaar, Robert und Ada Yerkes (1929) hatten über Jahre zahlreiche Berichte von Freilandforschern aus den Tropenwäldern zum Nestbauverhalten der Schimpansen und Gorillas in Afrika, der Orang Utan in Südostasien gesammelt, kommmentiert und ausgewertet. Ein wichtiges Buch, das mehrere Biologen, aber vor allem auch Biologinnen dazu anregte, inzwischen berühmt gewordene Freilandforschungen in afrikanischen und indonesischen Tropenwäldern durchzuführen. Bezeichnenderweise waren es vor allem die Frauen, die die Bedeutung des Nestbaus für das Leben der Pongiden betonten (Goodall 1962, 1963; Fossey 1974; Galdikas-Brindamour 1975).

Leider wurden in der Folge diese Forschungen von den wichtigen Forschungszentren der Primatologie weitgehend hintangestellt, nicht etwa weil das Nestbauen zu wenig überzeugend gewesen wäre, sondern vielmehr weil das Interesse sich auf soziale Phänomene verschoben hatte und das historisch parallelisierbare Werkzeugverhalten mehr Popularität versprach. Vermutlich hat man entsprechende Feldforschungen wohl auch deshalb vernachlässigt, weil andere Forschungsmethoden mit in Gefangenschaft gehaltenen Versuchstieren mit geringeren Mitteln durchführbar waren (McGrew 1992).

Wir wollen hier nicht im einzelnen darauf eingehen, nur erwähnen: Nimmt man an, dass die Konstruktion von Baumnestern sich als Kompensation auf zunehmendes Körpergewicht (Liegestellung im Schlaf) der 'Grossen Affen' (Proconsul) entwickelt hätte, so kann man eine konstruktive Tradition von etwa 20 Millionen Jahren annehmen (Yerkes: "constructivity"). Das wäre ein Artefaktverhalten, das nicht nur den Körperbau (Rotation der Arme, Präzisionsgriff der Hände, stereoskopisches Sehen und Abflachung des Gesichtes), sondern auch das soziale Verhalten (temporäre Nachtlager in Gruppen) wesentlich formte (Egenter 1983).
 
 

Zwei Typen, zwei Bewegungs-Räume: Baum- und Bodennester

Der Nestbau fällt wesentlich in zwei Typen an, Baumnester und Bodennester. Diese elementare Typologie wird von den Primatologen nur am Rande verzeichnet. Sie ist jedoch aus der architektur-anthropologischen Sicht von grosser Bedeutung, denn sie ist elementar mit den zwei Raumtypen der Pongiden verbunden. Das Baumnest hat seine Bedeutung im vertikalen 'arborealen' Bewegungsraum. Und das Bodennest ist ausdrücklicher Teil des horizontalen 'terrestrischen' Bewegungsraums (Egenter 1983).

Entwicklungsgeschichtlich lässt sich annehmen, dass es sich beim Baumnest um die primäre Form handelt. Die Nester werden in der Regel nahe beim Stamm mit zwei oder drei tragenden Seitenästen konstruiert, wobei kleinere Äste sekundär mit diesen verflochten werden. Zum Schluss wird das Nest mit Zweigen und Blättern ausgepolstert. Baumnester beziehen ihre Stabilität vom Stamm und den Ästen des Baumes, sind somit eigentlich als 'Konstruktionen' anzusprechen, sind nicht wirklich tektonisch, sind somit nicht Architektur.

Das ist ganz anders bei den Bodennestern. Diese werden etwa in Bambuswäldern mit wurzelnden Bambushalmen gebaut. Das Tier streckt sich an den Halmen hoch, biegt diese herunter, bricht und verschlauft und verknotet mehrere Halme zu einem festen Rahmen, der seine Festigkeit vor allem über die im Boden wurzelnden 'Fundamente' und die sich durch das Verknoten ergebenden Dreiecke erhält. Das eigentliche Nest wird oben auf diesem stabilen Turm angelegt. Zum Schluss klettert das zuweilen beträchtlich schwere Individuum an diesem Turm hoch, polstert das Nest mit Blättern und Seitenzweigen aus und legt sich bequem in die ausgepolsterte Platform (Egenter 1983).
 
 

Ist die Architektur um die 8-10 Millionen Jahre alt?
Hat sie den Menschen beeinflusst?

Nach Ember und Ember (1994) müssen sich im spätern Miozän die klimatischen Bedingungen in Zentralafrika wesentlich verändert haben. Die tropischen Regenwälder bildeten sich zurück, liessen weithin Savannen sich ausdehnen. Man kann von daher annehmen, dass dadurch der Bau von 'nightcamps' am Rande von Savannen an Bedeutung gewann. Bodennester wurden häufiger, die Fähigkeit zum Bau dieser turmartigen "Architektur" für eine Nacht wurde favorisiert. Was andersrum auch heisst: wir haben eine neue Erklärung für die Bipädie, die aufrechte Körperhaltung, die herkömmlich in der Anthropologie mit 'homo erectus' veranschlagt wird, doch tendieren neuere Interpretationen dazu den aufrechten Gang schon beträchtlich früher einzusetzen.

Dieser letzte Punkt ist - zusammen mit oben erwähnten Aspekten - ausserordentlich wichtig. Die Architektur hätte in diesem Sinne von ihren Urbedingungen her bereits den Menschen dominant physisch beeinflusst. Nicht nur Armrotation, Präzisionsgriff, stereoskopes Sehen und Verflachung des Gesichts deuten auf diesen Punkt hin. Vor allem der aufrechte Gang wird als eines der wichtigsten Kennzeichen des Menschen gewertet.

Nester sind auch Zeichen und Symbole, die über das psychologische Verhältnis in der Gruppe etwas aussagen. Japaner haben Nacht-Camps von sechs Gorillas im Bergwald nach Verlassen ausgemessen und planmässig aufgezeichnet (Kawai/Mizuhara 1959). Das dominante Männchen scheint von seinem niederen Bodennest aus den Zugang - in Schlüsselstellung - zu kontrollieren. Ein Weibchen mit ihrem Baby übernachtete in einem fünf Meter hoch angeordneten Baumnest im Zentrum der Nestgruppe. Die anderen Nester waren in einem Polygon darum herum, alle zwischen 2 und 3 Metern hoch, angeordnet. Offensichtlich spielt Beobachtung des Aussen und Sicherung nach innen eine wichtige Rolle (Egenter 1983).

Für die Architekturperspektive ist es übrigens wichtig, dass dem Pongidennest als tektonischer Konstruktion offensichtlich jede Aesthetik fehlt!

Im übrigen sei auf meine Publikation verwiesen, die zahlreiche weitere Kriterien beschreibt. Interessant ist etwa auch das Verhältnis der Mütter zu ihren das Nestbauen lernenden Kindern. Sie überwachen den spielerischen Lernprozess, greifen ein, wenn Streit ausbricht. Der erwähnte Artikel 'Affen-Architekten' zeigt auch an anderen Situationen, dass das Bauen von Nestern bei allen höheren Menschenaffen nicht nur ein interessanter und höchst routinierter konstruktiver Vorgang, sondern auch ein wichtiger sozialer und psychologischer Fokus im täglichen Leben ist (Egenter 1983).

Heute hat sich die sog. Freilandforschung der Pongiden intensiviert. Leider geht es dabei allerdings nicht vorwiegend darum, das Wissen über Leben und Nestbau zu fördern. Vielmehr geht es darum, das Leben der Pongiden zu schützen, weil sie durch das rigide Abholzen der Wälder in ihren angestammten Lebensräumen bedroht sind.
 
 

Semantische Architektur

Walter Andrae: die ionische Säule
als fibrokonstruktives Zeichen und Symbol

Gottfried Sempers Primat des Fibrösen (der Textilien) und der Nestbau der Pongiden (Yerkes: Konstruktivität als Beginn einer konstruktiven Evolution, 1929) stützen die Hypothese, dass fibrokonstruktive Industrien in der Primärschicht der menschlichen Kultur - als primäre Artefaktkultur - eine wichtige Rolle spielten. Die Hypothese passt jedoch nicht in das Programm der Archäologie.

Die Archäologie definiert sich prinzipiell als "Entwicklungsgeschichte des Menschen vor der Erfindung der Schrift" (Daniel Wilson, 1851). Doch liegt gerade diese grundlegende Vision der archäologischen Methode noch weitgehend im Dunkeln, vor allem weil dauerhaftes Material bei vorgeschichtlichen Kulturen nur einen verschwindend kleinen Anteil der materiellen Kultur bildet. Und fibröse Artefakte sind vergänglich, sie bilden sich in der Archäologie nicht ab [3].

Um so erstaunlicher ist die These des deutschen Archäologen Walter Andrae (1933). Er hat die ionische Säule im Rahmen eines breiten Entwicklungsfeldes ähnlicher Stelen, Symbole und Zeichen analysiert und ihre Entwicklung als primär freistehendes Symbol zu rekonstruieren versucht <Abb. 6>. Er zeigt zahlreiche Zwischentypen wie etwa das Neandria Kapitell, die alle stark von Pflanzlich-Fibrösem und von konstruktiven Bindungen geprägt sind. Als Primärform hat er das aus Schilf gebündelte Zeichen der sumerischen Göttin Ischtar veranschlagt, die sich in den frühen Schichten sumerischer Städte (Uruk) verbreitet auf kultischen Gegenständen als Symbol oder als Schriftzeichen dargestellt fand (Andrae 1933).

Die ionische Säule als sekundär in Stein monumentalisiertes, ursprünglich fibrokonstruktives Artefakt und Götterzeichen, das ist eine gewaltige Hypothese. Leider ist sie weder in der Archäologie noch in der Kunstgeschichte zu breiterer Wirkung gelangt.

Zum einen liegt das an Andrae selber. Er liess sich offenbar ablenken durch pragmatisch-technische Einsichten in die Techniken der Marsch-Araber beim Bau ihrer Schilf-Moscheen. Offenbar hatte Andrae in diesem antiken Kulturraum zu wenig Vorbilder von räumlichen Kult- resp. Weg-Ort Anlagen. Das ist jedenfalls, was zahlreiche Darstellungen ganz klar abbilden, allerdings in die Fläche reduziert.

Die fixe Grundstruktur dieser um markierte Orte lebenden Viehzüchter und Agrar-Welt ist offensichtlich. Immer wieder erscheint das Weg-Ort-Schema mit immer dem gleichen Inanna-Ischtar Schilf-Zeichen: zuerst die paarigen Torzeichen und dahinter die singuläre Ortsmarkierung (Andrae 1933; Heinrich 1957; Frey 1957).

Zum andern liegt es aber an historischen Vorurteilen wie sie Rykwert (1996) mit seiner recht unbefriedigenden Kunstgeschichte der 'tanzenden Säule' repräsentiert. Eine riesige Arbeit der Dokumentation! Doch leider geht sie von antiquiert historischen Vorstellungen aus. So etwa hängt sie einerseits fast manisch an der 'Karyatiden-These'. Darunter versteht sich die Vorstellung, dass das Grundlegende der Säulensymbolik immer mehr oder weniger anthropomorph, d.h. vom Gefühl für den menschlichen Leib geleitet sei. Der Titel des umfangreichen Buches 'Die tanzende Säule' (The Dancing Column) und ein umfangreiches Material in Rykwerts Buch umreisst diesen Standort.

Oder dann, die andere, ebenso einfache, baulich einleuchtende These: die Säule als Stütze und Lastenträger, im simplen Sinne eines Bauteils wie dies Rykwert etwa anhand der aegyptischen Pflanzensäulen vordemonstriert. Sie seien über den quadratischen Abakus und entsprechende Verschalungen auf das Tragen des Gebälks zugerichtet.

Rykwerts Arbeit ist belastet von der Geschichte als Methode. Sie meint: je umfangreicher die Belege, je weiter die Kenntnisse (je dicker das Buch!) desto näher der Wahrheit. Doch, jeder der sich mit Kulturanthropologie beschäftigt, wird schnell gewahr, dass die grundlegende Annahme des Historikers, die Homogenität von Zeit und Raum eine Fiktion ist. Das liegt an dem was wir als urban-rurale Dichotomie beschrieben haben. Hie Stadt, lineare Zeit, makrokosmische Raumperzeption, Fortschrittsdenken. Gleich daneben die rurale Welt, lokalräumliche Tradition mit zyklischer Zeit. Unter Umständen treffen wir auf Zustände wie vor Tausenden von Jahren.

Doch lassen wir das. Wir können Andrae's Ergebnisse dahin interpretieren, indem wir ganz einfach auf seine Primärform, das Ischtarzeichen aus Schilf setzen. Das macht vorerst Sinn weil dieses Zeichen als Stadtgöttin einer frühen Stadt (Uruk) offensichtlich eine territoriale Bedeutung hat, die uns wegleitend sein kann, vor allem auch hinsichtlich der unzähligen Formen von fibrokonstruktiven Sakralzeichen, Götterzeichen und Lebensbäumen, die uns archäologisch auf sekundären Zeugnissen erhalten sind (s. Egenter, Internet Sammlung: http://home.worldcom.ch/~negenter/015gDocument.html).

Dass solchen Götter-Zeichen mit der Gründung von Siedlungen als Rechtszeichen Bedeutung zukam, zeigt uns ein bei näherem Hinsehen recht klar als Siedlungsgründung erkennbarer 'Babylonischer Schöpfungsmythos'. (Winckler 1906).

Altbabylonischer Schöpfungsmythos:

"Das heilige Haus, das Götterhaus, war an heiliger Stätte nicht geschaffen
Rohr nicht gesprosst, Baum nicht gewachsen.
Ziegel nicht gelegt, Unterbau nicht gebaut,
Haus nicht gemacht, Ansiedlung nicht erbaut
Ansiedlung nicht gemacht, Zusammenleben nicht ermöglicht.
Nippur nicht geschaffen, Ekur nicht gebaut
Uruk nicht geschaffen, Eanna nicht gebaut,
Eridu nicht geschaffen, Eridu nicht gebaut,
des heiligen Hauses, des Götterhauses Stätte nicht geschaffen.
Die Länder allesamt waren Meer. Der Boden der Insel war Wasserfluss;
Marduk (Ea) fügte ein Rohrgeflecht auf dem Wasser zusammen,
Erde macht er,
schüttete sie auf das Rohrgeflecht,
Damit den Göttern ein Sitz der Behaglichkeit verschaffe,
Menschen schuf er,
Aruru Menschengeschlecht mit ihm erschuf;
Tiere des Feldes, lebendiger, im Felde erschuf er,
das Grün des Feldes schuf er,
die Länder, Wiesen und das Schilf;
die Wildkuh, ihr Junges, das Kalb, das Schaf,
sein Junges, das Lamm der Hürde,
Fruchtbaumpflanzungen und Haine ....."

(Winckler 1906)

Götterzeichen und Lebensbäume
als sakrale Rechtsmarken von Siedlungsgründungen?

Wir können also vorerst hypothetisch davon ausgehen, dass fibrokonstruktive Götterzeichen im Uebergangsfeld neolithisch-metallzeitlicher Agrar-Siedlungen und früher Stadtanlagen bei der Gründung dieser Siedlungen eine wichtige Rolle spielten. Sie waren die traditionellen Rechtszeichen, die das 'Erschaffen' einer sozialen Einheit, einer territorialen Einheit ermöglichten. Das heisst hier ganz klar: es geht um das Siedeln für Menschen und Tiere, nicht um religiöse Ideen oder gar das Erschaffen der ganzen Welt! Der Anbau von Feldern und Gärten wird so geordnet. Das Existentielle ist gemeint, der Mensch und das oekonomische Leben. [4]

Im vorderorientalisch- altägyptischen Raum finden wir zahlreiche 'toposemantische' Zeichen dieser Art die man vereinzelt von ihrer Funktion und Bedeutung her kennt, wie etwa der aegyptische Djed-Pfeiler <Abb. 7a>, der im Reichsfest zum 30-jährigen Jubiläum eine wichtige, auch territoriale Rolle spielte. <Abb. 7b-d>

Im ganzen vorderorientalischen Raum finden wir überdies einen ungeheuren Reichtum an Quellen zu Begriffen wie "Baum des Lebens", "Baum der Erkenntnis", "Weltenbaum" etc. <Abb. 7e> und nicht zuletzt, was die fibrokonstruktiven Aspekte anbetrifft, auch die frühen sumerischen Schriftzeichen, die, insbesondere hinsichtlich des Zeichens der Ischtargöttin, mit dieser Tradition grundsätzlich identisch sind <Abb. 7f>

Wie gesagt, das Thema wird in der Regel dem Imaginären, dem Religiösen, der Imagination, dem Glauben zugeordnet, und bleibt als Phänomen räumlich und sachlich unbestimmt. In der Kunst erscheint es bald betont künstlich dargestellt, andersrum auch mit natürlichen Elementen. Es erscheint mit der Welt, dem Kosmos makrokosmisch oder mikrokosmisch verbunden. Überdies vermittelt das Bild Aspekte von Lebensweisheit, All-einheit usw.. Historisch sind all diese Aspekte schwer auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.

Argumentiert man hingegen mit Bollnows raumanthropologischem Ansatz, so lässt sich darin eine ursprünglich reale, künstliche Installation sehen, die sich in der verbalen Tradition im Zuge der frühen Reichsbildungen vergrössert hat und entsprechend mythisch unscharf geworden ist.

Entsprechend zeigt uns die europäische Volkskunde zahlreiche Beispiele wie Maibäume, Festhütten u. dgl. (Kapfhammer 1977). Das Hauptproblem liegt jedoch wohl darin, dass lebendige Traditionen dieser Art in Europa durch den Einfluss des Christentums stark verändert wurden, entweder durch Anlagerung christlicher Traditionen, Umdeutung von autochthonen Elementen, oder Gesamtnegation im Zuge der rigiden Bekämpfung des sog. 'Heidentums'. <Abb. 7g>

Geht man angesichts dieser Schwierigkeiten aus von der Hypothese, dass solche sakrale Rechtsmarken in der Jungsteinzeit möglicherweise von grosser Bedeutung waren für die Heranbildung der Sesshaftigkeit und dass sie Wesentliches beitrugen zur Sicherung der grossflächigen Produktionsanlagen der Agrikultur, so kommt man zu einer weiteren Annahme, dass ähnliche Demarkationssysteme auch in nicht-europäischen Kulturen existierten und auch heute noch sich traditionell erhalten hätten.
 
 

Forschungen zur 'Semantischen Architektur' in Japan

Wer die japanische Kultur auf die Tragfähigkeit solcher Hypothesen prüft, der wird grosse und positive Überraschungen erleben. Wir entdecken einen 'neolithisch agraren Kulturkomplex', der sich im herkömmlichen, von zivilisatorischen Strukturen und Disziplinen geprägten Kultursystem nicht rational abbildet, der aber ganz offensichtlich kulturgenetisch von grundlegender Bedeutung ist und auch offensichtlich die Grundlagen der späteren Zivilisation lieferte.

Dieser Kulturkomplex ist im Kern getragen von dem was wir 'semantische Architektur' nennen. Es gibt etwa 40'000 Siedlungen in Japan. In der Regel sind die agraren Siedlungen sehr ähnlich angelegt. Die Hauptstrasse des Dorfes mit den älteren Häusern führt am Ende zum Shinto-Heiligtum am Waldrand eines Bergfusses oder eines heiligen Waldes in der Ebene. Der permanente Sakralbau, der Shinto-Schrein, ist in der Regel ein Holzbau, der meist zu einem überregionalen historischen Shinto-Schreinsystem gehört.

Am Hauptfest, meist im Jahreszyklus, erscheint eine völlig andere Art von Architektur. Es werden temporär fibrokonstruktive Zeichen und Symbole gebaut. <Abb. 8a-h>, <Abb. 09> Sie bleiben ein oder zwei Tage sichtbar Zentrum von lokalen Kulten, und werden dann zum Abschluss der Feste durch Feuer, oder durch Dislokation vernichtet, entwertet. Man sieht sehr schnell, dass es sich in diesen fibrösen Architektur-Gebilden um autochthone Bauformen der japanischen Agrarschicht handelt. Sie sind völlig verschieden von der neueren, permanenten Shinto Schreinen, die nach der von China importierten Holzbauweise errichtet sind. Die fibrokonstruktiven Typen mussten einst ein Jahr lang als das eigentliche Ortszeichen an der betreffenden Stelle gestanden haben, wurden dann am Kultfest zerstört, ein neues Zeichen wurde errichtet. Sie wurden so im Rahmen einer zyklischen Tradition der immer gleichen Form durch die Zeit erhalten.

Es muss sich also um eine Vorform des heute dominanten Holzbaus handeln. Sie wurde durch Bündeln von Schilf und Bambushalmen mit Schnüren und Seilen aus Reisstroh errichtet . Sie leisteten in der Region unter zahlreichen, zum Teil genetisch verbundenen Dörfern die Garantie für die sesshafte Lebensweise und hatten sich so zur lokalen Schutzgottheit (ujigami) entwickelt. Offensichtlich stammen sie aus der vor-zivilisatorischen japanischen Agrarschicht. Verwendete Materialien, Konstruktion und Formen sprechen eine deutliche Sprache: wir haben eine zweifellos sehr alte, traditionelle Architekturform entdeckt, die es lohnt, genauer untersucht zu werden, vor allem auch weil diese Architekturart auf der ganzen Welt wohl nicht mehr oft in dieser intakten Komplexität existiert.

Über rund 4 Jahre wurden in der Gegend des Biwasees um die Stadt Omihachiman etwa 100 Dörfer jeweils an den im Frühling stattfindenden Kulten genau untersucht. Die Ergebnisse sind zum einen in einer Japanologie-Monographie über ein einzelnes charakteristisches Dorf (Egenter 1982) <Abb. 8a-h, Abb. 09> und zum andern in einem Buch zu einer Ausstellung an der ETH Zürich über die Ergebnisse der Untersuchung an 100 Dörfern (Egenter 1980) publiziert <Abb. 10a, b>. Mircea Eliade sagte über letzteres: "eine sehr wichtige Arbeit". Und der israelische Religionswissenschaftler R. J. Zwi Werblowsky schrieb in der bekannten religionswissenschaftlichen Zeitschrift 'Numen' in seiner Besprechung folgendes: "Egenters Darstellungen und Diskussionen sind von unschätzbarem Wert, nicht nur hinsichtlich der reichen Materialien, der durchdringenden Analysen und der kühnen Hypothesen wegen, sondern auch weil er die Religionshistoriker lehrt, ihre eigenen, als selbstverständlich genommenen Axiome neu zu überdenken." Ein Teil dieses Buches zeigt auch eine tabellarische Zusammenstellung aller in der japanischen Volkskunde-Literatur bildlich verfügbaren Typen 'semantischer Architektur' <Abb. 12a-g>.

Wir verweisen auf diese Bücher und beschränken uns im folgenden auf das Wichtigste, nämlich das, was an diesen Architektur-Zeichen hauptsächlich herausgearbeitet werden konnte.

Der Grund die betreffende Gegend genauer zu untersuchen, ergab sich aus dem Umstand, dass in dieser Region eine sehr ursprüngliche Form dieser Zeichen-Architektur die Regel ist. Sie zeigt insbesondere im monographisch behandelten Dorf Ueda zwei Grundformen, die zum einen stark geometrisch wirken, zugleich, als Variationen nahe verwandt sind, indem sie sich nur durch den Grundriss-Durchmesser unterscheiden, zugleich aber in diesem Verhältnis zwei absolute Grundtypen des Architektonischen repräsentieren: der Säulentyp und der Hüttentyp <Abb. 8a-h>. Wohlverstanden, alles an diesen Formen ist nicht 'Design' sondern Ergebnis der Tradition. Wurzelndes Gras, auf halber Höhe gefasst und gebunden, produziert praktisch selbsttätig, je nach Durchmesser an der Basis praktisch die gleichen Formen, Säulen- und Hüttenform. Beide Formen des wurzelnden Prototyps sind unten durch Dreiecke im Kegel stabilisiert. Oben, im vor-springenden Teil (PRO-portion, s. u.) sind sie natürlich und beweglich geblieben. Damit sind wir bereits beim Kern der Sache.

Die offensichtlich von diesen wurzelnden Grundtypen abgeleiteten gepfählten Formen ahmen das elementare Muster nach. Der obere Teil bleibt frei beweglich, natürlich. Der untere Teil ist technisch gefasst durch Bindungen, stabilisiert, wobei die Stabilität, die stabile Verbindung mit dem Boden durch ein von aussen nicht sichtbares, gepfähltes Gerüst garantiert wird. Die Form ist in jedem Falle heilig, gilt als physische Repräsentation der Sippen- oder Dorfschutzgottheit (ujigami), ein frühgeschichtlich wichtiges Kultsystem Japans. Natürlich deutet die fibrokonstruktive Technik zeitlich weit tiefer! Westliches Denkmuster: primitiv! Doch, weit gefehlt. Die Sache ist höchst komplex.

Die Form hat Geist. Dieser ist aber nicht subjektiver Ausdruck, vom Menschen gewollt. Er ist Zu-Fall, im positiven Sinne: er fiel dem Menschen zu. Das Wichtigste an der Form ist ihre kategoriale Polarität, die eigentliche Ästhetik. Das heisst das, was sich mit PRO-Portion im Sinne von Vorstehen ausdrücken lässt. Vor-Stehen des beweglich-natürlichen über den statisch-technischen Teil. Im philosophischen Sinne ist es bedeutend, insofern als diese Einheit des kategorial Gegensätzlichen bei vielfältig differenzierten, dh. weiter entwickelten Formen, immer die Rolle des Allgemeinen, des Verbindenden, des 'Meta-Physischen' spielt.

Die eigentliche Grundbedeutung der Formen liegt jedoch in der territorialrechtlichen Dimension, im topo-semantischen Aspekt der Formen. Das Fest ist territorial strikt geregelt <Abb. 11a>, es geht um die zyklische Erneuerung der Territorialmarke im Siedlungskern. Die Träger des Kultes sind die altansässigen Familien (ujiko) <Abb. 11b> und der jährliche Kult der Erneuerung der Kultmarken ist eine Art territorialer Verfassung des Dorfes.

Die Zeichen gehen offensichtlich auf die Siedlungsgründung zurück <Abb. 11c>. Das zeigt sich an einigen Orten, wo das Siedlungsgründerhaus im Dorf eine Art von 'Hegemonie-Status' geniesst. Der gegenwärtige Vorstand des Gründerhauses gilt als gegenwärtiger 'Siedlungsgründer' (kusawake = 'Grasteiler'). Er hat am Fest freien Zugang zu allen Häusern und wird dort auch freundlich empfangen und bewirtet. Er ist auch Hauptpriester im Dorf (kannushi), ein Wort das sich im japanischen urpsprünglich als "Besitzer der Gottheit" (kami-nushi) versteht, was hier natürlich ganz empirisch einsichtig ist: er spielt die Hauptrolle in allen kultischen Vorgängen, die mit dem Bau der Gottheit zu tun haben. Der Kult ist letztlich, von dieser funktionellen Seite her gesehen, die traditionelle 'Archivierung' der Vor-Rechte des Gründerhauses. Wir haben es mit einer Vorfom sozialer Hierarchie zu tun.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die toposemantischen Zeichen eigentlich Grenzen sind. Sie sind aber von einer Art, die im Westen nie als solche beschrieben wurden: Siedlungs-Kern-Grenzen oder 'nukleare' Dorfgrenzen. Die Begrenzung des Siedlungsgebiets erfolgt nicht durch Zeichen entlang der Peripherie, wie das etwa bei den Römern historisch bekannt ist. Es handelt sich um Grenzzeichen, die nur als einzige in der ideellen Mitte des Dorfes, das heisst am Ende der Dorfstrasse an der Grenze zum Wald (oder leicht in diesem) gesetzt wird. Das Territorium wird von dieser Marke aus nach Aussen definiert. Der im Zeichen immanente, polar kategoriale Code wird nach aussen projiziert. Er ordnet so den 'heiligen (Berg-)Wald' den gegensätzlich aufgefassten 'Siedlungsflächen für Menschen' im polaren Sinne zu. Diese charakteristisch-gegensätzliche Einheit von wild belassenem, heiligem Wald und dörflich-profaner Siedlungsfläche plus Reis-Felder prägt überall in Japan prägnant das landschaftliche Bild.

Entlang des Zugangswegs erscheint heute oft nach aussen ein Holz- oder Stein-Tor (torii) als Markierung der Dorfgrenze am Zugangsweg, wobei solche Tore an Festen oft aus der Tiefe der Zeit mit den fibrokonstruktiven primären Grenzen parallelisiert oder 'dekoriert' werden.
 
 

Genetisches Modell von Architektur und plastischer Kunst

Hinsichtlich Architektur und Kunst sind wir also in Japan mit unserer Untersuchung in drei Phasen auf ein Gebiet gestossen, in welchem sich elementare Verhältnisse von Architektur und Kunst auf völlig neue Art verstehen lassen. Die drei Untersuchungsfelder sind:

a) 1 elementares Dorf, mit 'Urhütte' und 'Ursäule', <Abb. 8a-h, 09>

b) 100 Dörfer und ihre Variationen, <Abb. 10a, b>

c) annähernd gesamt-japanische Tradition semantischer Architektur <Abb. 12a-g>

Es zeigt sich eine spezifische Kultur unter spezifischen Bedingungen mit einer traditionellen Grundschicht von semantischer und symbolischer Architektur, die uns gleichsam ein Entwicklungsfeld vorführt, das mit einfachen, wurzelnden Säulen- und Hütten-artigen Grundtypen in einem elementaren Habitat mit territorialen Funktionen beginnt. Im weiteren Rahmen von Dorftraditionen finden wir Formen, die sich differenzierten, abwandelten. Aber das wesentliche Grundprinzip, die Einheit kategorialer Gegensätze in der gleichen Form wird immer mehr oder weniger deutlich beibehalten <11d-g>.

Die Formen können sich auch - unter Anspielungen an pflanzliche Naturformen (e.g. Baum; Egenter 1981) <Abb. 11h, i> oder Tiere (z.B. Fisch: Wels, Egenter 1980 p. 63, p. 213) <Abb. 11j, k> oder auch als technomorphe Formen, wie Schiff (Egenter 1980 p. 234) <Abb. 11l> beträchtlich wandeln, bleiben jedoch noch erkennbar der Gesamttradition verhaftet, indem sie vor allem das aesthetische Prinzip der kategorialen Polarität, der PRO-portion weitertragen, ja es gar dominant zum Ausdruck bringen.

Schliesslich das alles überwältigende Schauspiel der Geometrie. Man denkt an Platon, Ursprung im Bereich des Göttlichen! Hier ist das noch empirisch konkret zu verstehen <Abb. 11m>

Interessant ist auch das Verhältnis zu den gesamtjapanischen Formen (s. Egenter 1980 p. 13-19) <Abb. 12a-g>. Es zeigt, dass unter lokal-historischen Bedingungen oder anderen Gründen ein reiches Formengut entsteht, das zum Teil mit differenzierten Hüttenformen im Rahmen des Architektonischen bleibt, oder dann aber Anlehnung an ein enormes Spektrum von anthropomorphen Typen wie Riesen oder Zwergformen, biomorphen Formen wie Vögel, Fische, usw., aber auch kosmomorphe (Sonne), topomorphe (künstliche Berge) oder technomorphe (Boot, Schiff) Formen usw. relativ frei entwickelt.

Stehen wir vor einem Panorama der kulturellen 'Genesis' von Architektur- und Kunst? Wohlverstanden, wir sind in einem Bereich, der von Vielen als Domäne der Religion betrachtet wird. Die Formen werden in der Regel als 'Sitze' von Gottheiten gesehen die man sich neuerdings - wahrscheinlich vom Westen beeinflusst - als zur Festzeit vom Himmel herabsteigende und in diesen Formen temporär anwesenden Geistwesen denkt. Man kann sie jedoch auch - und das ist wohl wahrscheinlicher - als eine Urtypus von territorialen Rechtszeichen verstehen, die dank ihrer Effizienz in der Garantie von Sedentarität und auch dank der Bedeutung ihres aesthetischen Prinzips zusehends ontologisch hochwertig wurden.

Dies kann nebenbei vergleichend als Indikator für neue Religions-Theorien gewertet werden. Theorien, die den Ursprung der Religion nicht in diffusen Glaubensvorstellungen, sondern in solchen territorialrechtlichen Traditionen sehen. Die kategorial polar strukturierten, sakralen Zeichen und Symbole wären in früh-zivilisatorischen Systemen mit der räumlich horizontalen Extension der frühen Reichsbildungen auch vertikal-polar extensiv interpretiert worden. Die empirischen Kulte wurden verbalisiert und schriftlich fixiert. Der dynamische Oberteil des Symbols verlor seine empirisch-aesthetische Dimension, wurde in den planetarischen Kosmos projiziert (Echnaton Syndrom) und machte graduell einem philosophischen Idealismus Platz. Dies würde auf neue Art recht klar die Entstehung der frühgeschichtlichen Theokratien und ihre Bedeutung als frühzivilisatorische Staatsform und letztlich damit auch der Religion, erklären.
 
 

Entwicklungsmodell von Architektur, Kunst und Kultur

Wir haben versucht in unseren japanischen Quellen zur 'semantischen Architektur' ein Entwicklungsmodell von Architektur und Kunst zu sehen. Es geht nicht darum, zeitlich diese 'Funde' einzustufen, vielmehr geht es darum, ein neues Feld von Zusammenhängen zu sehen, das uns auf ganz unerwartete Weise zeigte, wie sich Architektur, im engen Zusammenhang mit plastischer Kunst im neolithisch-territorialen Wertsystem und mit einer fibrokonstruktiven Technik entwickelt hätte, die mit zyklischer Erneuerung grosse Kontinuität erreichte. Wenn wir uns dabei bewusst werden, dass wir zugleich wohl die elementarste und auch allgemeinste Form der architektonisch-künstlerischen Ästhetik vor Augen haben, dann dürfte uns die neue Sicht wohl einiges zu sagen haben.

Nicht weniger ist der Beitrag dieser 'semantischen Architektur' wenn wir sie mit den Augen der Philosophie betrachten. Man erinnert sich an die griechische Philosophie und ihre frühen Konzepte des "Logos". Man erinnert sich an den rätselhaften "unbewegten Beweger". Wir haben gesehen, dass die Formen ein rational nicht fassbares Denken der 'Koinzidenz' oder direkter, der Einheit der Gegensätze in der gleichen Form vorführen, ein Verhältnis das rational nicht fassbar ist.

Nietzsche hat mit der Vorstellung gegensätzlicher Kräfte in der Kunst gearbeitet, wurde sich aber nicht klar, dass das Geheimnis der Sache darin liegt, dass beide Kräfte in der gleichen Form ihren Kampf darstellen und entsprechend dramatisch von der Harmonie der Gegensätze sprechen. "Krieg ist aller Dinge Anfang" hat Heraklit einmal gesagt. Wir können das nun auch anders verstehen: der Mensch hat die Fähigkeit den 'Krieg der Gegensätze' als 'Harmonie' aesthetisch umzudeuten. Heraklit, der ja bekannt ist als Verfechter polarer Denkstrukturen, verstand er die 'kriegerischen Anfänge' als Beginn des Schönen, der Harmonie im humanistischen Sinn?

Mit anderen Worten, wir fallen auf ein ganzes Feld von Zusammenhängen zwischen Architektur, Kunst, und Philosophie. Alles scheint hier noch nahe zusammen. Vielleicht hat dies damit zu tun, dass wir uns von hier aus die untere Spitze eines Entwicklungsdreiecks vorstellen können.

Es wird so gesehen wohl niemanden erstaunen, dass auch die Religion hier möglicherweise wichtige Wurzeln hat. Wir haben schon einleitend darauf hingewiesen, dass wichtige Gottheiten im vorderen Orient als Stadtgottheiten und als Schilfzeichen von Bedeutung waren. Babylonische 'Schöpfungsmythen' vermitteln den Eindruck, dass die Bewohner des Tigris-Euphrat Gebiets in jener Zeit im Zusammenhang mit Siedlungsgründungen ähnliche Rechtszeichen kannten. Vom Verhältnis von Moses zum Heiligtum des "Ewig Brennenden Dornbuschs" kann man annehmen, dass solche stammeszeitlichen Kultzeichen auch in die frühen Theokratien eingingen, wie dies im Alten Testament als 'Gesetz' sichtbar ist. Von der Ästhetik zur makro-kosmischen Dimension, die Materialität verliert sich, das Verhältnis wird uneinsichtig, der Glaube ersetzt die Empirie. Anders gesagt, die horizontale Erweiterung vom Dorf-Raum zum Reichs-Raum äussert sich auch vertikal. Die Polarität dehnt sich vertikal aus. Die mikro-(oder meso-)kosmische Ordnung des Dorfes wird makrokosmisch, planetarisch vorerst (etwa im Echnaton-Syndrom), oder universell makro-kosmologisch im modernen Sinne. Doch, wie wenn die geistige Brücke ins Leere ging? Wir haben es oben schon gesagt, das Wort 'kosmos' meinte ursprünglich die Ordnung im Dorf.

Was letztlich aus der Perspektive auch hervorgeht ist die Nähe der Religion zur Aesthetik, zur Architektur und Kunst. Sie erhält plötzlich eine ganz neue Qualität, eine neue Interpretationsmöglichkeit.

PRO-portion zeigt sich als Vorstehen - allerdings des kategorial Gegensätzlichen - in einer Form. Und als Zeichen für die Ordnung eines Orts lädt sich das Zeichen mit einem grossen Teil der Geschichte der Menscheit auf. Kommt hier in einer Art Wurzelfeld der Kultur eine räumliche Ordnung des Orts, des Territoriums, des Lebensraums auf uns zu, die vielleicht noch tief in der Natur ihre Wurzeln hat, über Jahrtausende in Savannen ihre Festigkeit gewinnt, sich mit der Nahrungskontrolle entwickelt und schliesslich in der neusteinzeitlichen Heranbildung der sesshaften Lebensweise zum wichtigsten Anstoss dessen wird, was wir heute Kultur des Menschen nennen? Embleme, Wappen, das traditionelle Brauchtum ruraler Gebiete, sie alle reden heute noch davon. Ruhe und Bewegung in der gleichen Form. Oben und Unten bilden eine Einheit. Spannung der Gegensätze: Harmonie!

Die Geburt der Ästhetik? Es scheint so.

Wir können abschliessend hier sagen: Die japanische Situation kann gleichsam als Modell einer neuen Vorstellung der 'Kulturentwicklung' interpretiert werden in der die Architektur im anthropologisch weit definierten Sinne eine entscheidende Rolle spielte.

Wir haben etwas Simples entdeckt, das uns - wie eine Zelle in der Biologie - durch seine elementaren Bedingungen überrascht. Zugleich werden wir uns bewusst, dass in dieser einfachen Form von Zeichen und Symbolen und ihrem Variationsfeld im Falle Japans ein ungeheures Potential wirksam ist: hat es letztlich die ganze Vielfalt dessen was wir unter Kultur verstehen, hervorgebracht? Wesentlich auch, weil es an einem entscheidenden Punkt menschlichen Existierens eine wichtige Rolle spielte: die Erde, der terrestrische Lebensraum, das Territorium, auch im Sinne der Verfügung über Land hinsichtlich Ernährung und Existenz.
 
 

Die anthropologische Definition verändert das konventionelle Konzept der Architektur:
Domestikale Architektur

Die Hütte, das Haus mit Innenraum zum Wohnen. Im anthropologischen Konzept eine neue Stufe, die sich als 'domestikale Architektur' versteht. Die Entstehung der Hütte ist herkömmlich als funktionale Retroprojektion erklärt worden. Der Mensch hätte sich schützen müssen vor klimatischen Bedingungen. Im Rahmen der 5-stufigen Defninition der Architektur sieht das anders aus. Auch im elementarsten Fall einer einfachen konischen Zelthütte sind auch andere semantische Elemente beteiligt. So etwa Feuer, selbst wieder ein Zeichen mit Stoss und Flamme, als Herd und Feuerstelle. Ebenso die Sakralmarkierung des Wohnraums, die Eingangsmarkierung usw.. Sie alle treten von der semantischen Stufe in die domestikale Architektur mit ein, sind dort präsent.

Wir haben wesentlich zwei Haustraditionen in dieser Hinsicht untersucht: 1) das Winter- und Sommerhaus der Ainu, die herkömmlich Jäger und Sammler im Norden Japans waren, und 2) das japanische Bauernhaus.

Beide Häuser sind nicht einfach handwerkliche Gestaltungen, die sich mit der Zeit aus der lokalen Tradition ergeben haben. Traditionelle 'arts and crafts' sozusagen. Wer ein Haus derart beschreibt, betrachtet es mit westlichen Augen, hat seinen traditionellen Sinn nicht verstanden. Das traditionelle Haus gibt sich nur zu erkennen, wenn wir die Kulte mit einbeziehen, die im Jahreslauf bestimmten Orten oder Bauteilen des Hauses zugeordnet sind. Sie alle haben sich als semantische Architektur, als relativ unabhängige toposemantische Zeichen und kategorial polare Symbole zu einem grösseren Ganzen, dem Haus zusammengefunden. Und die zugeordneten Traditionen leben in der synthetischen Form des Hauses weiter. Am deutlichsten zeigt sich das beim Feuer. Es verlangt den Bau eines Stosses aus dem die Flammen lebendig nach oben schlagen. PRO-portion! Ästhetik! Lichtkern im Dunkeln, die Ainu-Feste spiegeln diesen lokal verdichteten Höchstwert.

Das Haus der Ainu

Das Haus der Ainu <Abb. 13a, b> gehört dem chise koro kamui, dem 'Hausbesitzergott' der als heiliges Zeichen (inau) in der linken oberen Ecke neben dem gegen die Berge gerichteten heiligen Fenster wohnt. Wird das Haus aus irgend welchen Gründen aufgegeben, verlassen, so wird die Domäne dieser Gottheit, sozusagen ihr Territorium, entwertet, aufgelöst. Im offenen Herd in der Mitte des Hauptraums wohnt die Herdgöttin. Das Fenster nach den Bergen hin hat kultische Bedeutung, gilt am Bärenfest als Passage für den Bärenkopf, der oben am Herd als Altar das Fest im Hause dominiert. Auch die Torpfosten des Eingangs zum Hauptraum des Hauses haben kultische Bedeutung: sie werden wie die inau, die heiligen Zeichen der Ainu, mit entsprechend gelockten Spänen gekennzeichnet. (S. Egenter 1991)

Ohne dieses wichtige 'toposemantische System' der Ainu lässt sich weder ihr Haus, noch ihre Jagd, noch ihre Oekonomie allgemein verstehen. Man hat das bisher nicht verstanden, weil man - getreu dem westlichen Denken in separaten Disziplinen - das eine als Haus, das andere als Religion verstand. Die Beschreibung als Glauben an übernatürliche Kräfte ist eine westlich-disziplinäre Projektion.

Die Sache geht viel tiefer. Sie liegt in der elementaren Aesthetik der Zeichen und in der räumlich harmonischen Ordnung, die sie implizieren. Das Haus steht in der älteren Tradition toposemantischer Marken, die den Raum des Menschen kategorial polar ordnen, lesbar machen, entsprechend verfügbar machen für Wohnen, für oekonomisches Verhalten usw.. Und in diesem Sinne sind diese Marken von absolut grundlegender existentieller Bedeutung. (Kayano 1978, Ohnuki-Tierney 1972, Watanabe 1973 )

Nun wären wir wieder bei der "vernacular architecture"! Aber die Situation sieht nun ganz anders aus. Die domestikale Architektur ist nun entwicklungstheoretisch eine späte Sache. Sie wird von einer früheren Entwicklung bestimmt. Nicht nur das, die domestikale Architektur ist eine synthetische Entwicklung aus mehreren Traditionen semantischer Architektur: Da ist das elementare Dach, die eigentliche Hütte. Im traditionellen Winter-Grubenhaus ist das Dach zuoberst mit einem inau-Zeichen charakterisiert: hier wird gewohnt. Im Sommerhaus besitzt die Hausgottheit das Haus. Die prä-domestikale Ortsmarke bestimmt die Ordnung des Hauses. Polare Beziehung zwischen 'oben' mit heiligem Fenster, nach Bergen, Flussoberlauf und Ritualplatz geöffnet und unten, Raumeingang, sakral und Vorraum, nach Meer und Flussmündung gerichtet. Die Hausgottheit bestimmt auch die heilige Zone, rechts von oben gesehen mit Schatztruhen, Herdplatz von Vater und Mutter. Zeremonien sind genau bestimmt. Die Feuergöttin im Herd, resp. ihr inau-Zeichen bestimmt die Ordnung um den Herd. Der Eingang, markant betont mit kultischen Eingangsmarken, aussen der Vorraum als angelehntes Gebäude mit eigenem Vordach. Auch er ist von der primären toposemantischen Ordnung bestimmt. Die Sitzordnung sowohl der Eltern, wie der Familie, wie allenfalls der Gäste an Festen ist fest geprägt im Verhalten aller. Sie alle ordnen sich der polaren Struktur der Hütte ein, wie sie durch die inau-Zeichen definiert ist. Man kann sagen, dieses Verhalten ist ihre Identität!
 

Das japanische Bauernhaus

Ganz ähnlich auch das traditionelle japanische Haus <Abb. 14a, b>. Auch hier geht es nicht einfach um ein Gefüge von Räumen, sondern von Orten und ihren Zeichen und Symbolen. Zweifellos spielt die polare Gegenüberstellung von Küche, mit gestampfter Erde (eigentlich 'Garten' niwa) und dem abgehobenen 'Zeremonnialteil' eine ähnliche Rolle. Es sind zwei gegensätzliche Raumteile, die sich zur Einheit fügen. Entsprechend sind auch die Einzelheiten ausgeführt, etwa mit permeablen Schiebewänden, mit zwei Herden, Koch- und Zeremonialherd, beide wiederum selbst als topos heilig. Der Hauseingang wird am Neujahr mit heiligem Seil, dem Sinnbild des Verbindens des Gegensätzlichen markiert und mit Tannengebinden in die fibrokonstruktive Primärschicht zurückgreifend bezeichnet. In vielen traditionellen Häusern Japans gab es diagonal im Zeremonialteil das Götterbrett (kamidana), der Ort der Verortung des Hause selbst. Es ist im traditionellen Haus (etwa in der Ise Gegend) der Ort der fibrokonstruktiven Hauszeichen (Egenter 1991a).

Halten wir fest: das traditionelle japanische Haus zeigt sich äusserlich zweifellos dominant von seinen raffinierten Systemen der Raumgliederung mit transparenten Schiebetüren. Doch das emotional und traditionell Grundlegende liegt in der tieferen Schicht von zyklisch wiederholten Verortungen durch Zeichen aus fibrösen Materialien.

Es ist hier bemerkenswert dass das japanische Haus auch als städtisches Bürgerhaus sehr viel mehr der ruralen Tradition verpflichtet geblieben ist als im Westen.
 
 

Sedentäre Architektur

Unter 'sedentärer Architektur' ist jede Form der höheren Organisation des Siedelns auf der Ebene des Habitat gemeint. Es geht wesentlich um die höhere Organisation von Häusern, die im traditionellen Sinne eine elementare Siedlung bilden. Es handelt sich um Syntheseformen zwischen 'semantischer Architektur' und 'domestikaler Architektur', so etwa die Koordination des Agrarsystems einer Agrarsiedlung durch semantische Architektur und seine Verbindung zum traditionellen Siedlungsgründersystem [5].

Mit diesen Untersuchungen soll auch gezeigt werden, dass jenseits dessen, was der Volkskundler von urbaner Warte herab als 'ländliches Brauchtum' bezeichnet, sich letztlich ein höchst differenziertes System der territorialen Markierung von kleinen und grösseren Raumeinheiten in bestimmten oekonomischen oder existentiellen Zusammenhängen zeigt, wobei auch die Grösse der entsprechenden 'Architektur' und ihre kategorial-polare Struktur eine oft wichtige Rolle spielen.

Das Entscheidende liegt darin, dass diese topo-semantische Architekturmarken mit ihrer fibrokonstruktiven Stofflichkeit, ihrem zyklischen Erneuert-Werden in die entwickelten Wohnformen hinein überleben und entsprechend eindrückliche Kontraste provizieren und auf diese Weise auch stark emotionale Werte erzeugen.

Die rurale Welt Japans ist voll von solchen Festen mit Bezug zu Wald und Feld, auf Haus- und Siedlungs-Ebene. Dies gibt uns einen wohl sehr realistischen Eindruck, wie Bauerndörfer seit neolithischer Zeit organisiert waren, was ihren Zusammenhang trug und was ihre Tradition beinhaltete.

Sedentäre Architektur zeigt letztlich, dass traditionelle Kulturen in ihrer Feinstruktur weder volkskundlich noch kulturanthropologisch bewältigt sind. Unter den meist aus der Sicht bestimmter Disziplinen projizierten Schichten finden wir architekturanthropologisch ein betont territorial und existentiell genährtes Verhalten, das aber immer auch stark von aesthetischen Kriterien bestimmt ist.

Auf dieser Grundlage wird auch die gerade in japanologischen Kunstkreisen gängige These zu revidieren sein, die stark aesthetischen Prägungen der japanischen Kultur seien ein Import von China. Für jeden, der die kultische Festkultur der japanischen Agrardörfer kennt, gilt das Gegenteil: die aesthetischen Wurzeln Japans liegen in seiner ruralen Dorfkultur.
 
 

Urban/imperiale Architektur

Aus dieser fünften architektur-anthropologischen Klasse ergibt sich allgemein ein neuer Ansatz, der die Geschichte der frühen Zivilisationen unter einem neuen Blickwinkel kritisch untersucht. Weithin wurde für das scheinbar unvermittelt auftretende Phänomen neuer Leistungen einfach das Wertsystem 'Hochkultur' bemüht, wobei man die neue Zivilisation gleichsam kollektiv zum Erfinder machte.

Nun zeigt sich allerdings, dass all das weitgehend aus einem höchst komplexen Siedlungskern neolithisch-metallzeitlich sesshafter Agrarkulturen und ihren Traditionen entwickelt wurde. Man hatte diese kultischen Traditionen weder beachtet, noch sie rekonstruiert, weil die Archäologie nie das in der Ethnologie dominante Potential fibrokonstruktiver materieller Kulturen in Betracht gezogen hat (Hirschberg et al. 1966, Wernhart 1981).

Urban/imperiale Architektur untersucht vorerst das Entstehen früher Monumentalformen wie Tempel, Paläste etc. unter der Voraussetzung fibrokonstruktiver Prototypen. Im weiteren werden geschichtliche Formen der Achitektur im allgemeinen unter der Voraussetzung fibrokonstruktiver ruraler Traditionen gesehen.

Der Umbruch liegt nicht nur in den räumlich erweiterten Perspektiven der Stadt-, Staats- und Reichsbildung, sondern auch im zeitlichen, im Übergang von zyklischer Zeit zur linearen Zeit der monumentalen Architektur- und Schriftgeschichte.

Wie oben angedeutet, dies ist wohl einer der wichtigsten Ansätze der Architektur-Anthropologie, indem sie hier eine neue Methode zur Kultur-Anthropologie beisteuert, die nicht bloss, wie herkömmlich, geschichtlich die neuen Leistungen der Zivilisation betont, sondern, umgekehrt neue Kontinuitäten entdeckt, die ein kritisches Licht auf die herkömmlichen Hochwertungen des Zivilisatorischen werfen [7].
 
 

5

ZUM SCHLUSS:
ARCHITEKTUR-ANTHROPOLOGIE UND ARCHITEKTUR-INTERPRETATION

Neue allgemeine Prinzipien -
Architektur als anthropologisch begründete humane Ordnung des Raums

Geht man davon aus, dass Architektur im anthropologischen Sinne anzusehen ist, als ein durch grosse Zeiträume unter bestimmten Bedingungen entwickeltes räumliches Ordnungssystem, so wird die heutige Interpretation der Architektur höchst problematisch.

Man hebt die oberste Schicht ab und behandelt sie als etwas vom traditionellen Phänomen 'Architektur' Unabhängiges, und ordnet sie zwecks 'subjektiv kreativem Design' dem Architekten zu. Dieser 'subjektive Design' nährt sich von ganz verschiedenen und zufälligen Feldern, die das Architektenbild 'beliefern' oder die der Architekt als Subjekt sich selber erarbeitet. Der Architekt steht wiederum im Rahmen einer relativ autokratischen Schicht, die besteht aus öffentlichen und privaten Bauherren, aus der Bauindustrie, auch aus Kunsthistorikern und entsprechenden Journalen und Medien usw.. Die technischen Voraussetzungen werden vom Handwerk und der Industrie bereit gestellt. Die 'Forschung' geschieht nach kunsthistorischem Muster im Rahmen von Kunst, Ästhetik und Stil mit Bezug zu Personen, Zeitabschnitten oder kulturgeographischen Regionen. Auch die finale Bewertung der Bausubstanz ist Sache des Kunsthistorikers.

Die traditionellen Voraussetzungen der Architektur, die elementaren Strukturen des althergebrachten Ordnens von Lebensfunktionen und Seinsweisen im Raum werden - aus zivilisatorisch gehobener Sicht - als nicht relevant bewertet, folglich ausgeblendet.

Demgegegenüber zeigt uns die anthropologische Architekturforschung grundlegende Strukturprinzipien, die mit der menschlichen Existenz im Raum grundlegend verbunden sind. Sie lieferten wesentliche Impulse und Modelle und formten wesentliche Elemente der Kultur.
 
 

Polarität von Zugangsweg und architektonisch bezeichnetem Ort

Nehmen wir ein einfaches Beispiel: die polare Zuordnung von Weg und Ort. Dagobert Frey (1949) hat die gegensätzliche Einheit von Zugangsweg und architektonisch definiertem Mal über einen breiten afro-eur-asischen Gürtel an Sakralbauten wie Kirchen und Tempeln untersucht. Sein erstes und wichtigstes Ergebnis liegt darin, dass diese polar-harmonische Grundstruktur überall erkennbar ist. Es trifft dies zu durch ganz verschiedene Kulturen mit ganz verschiedenen Architekturen und sogar verschiedenen Religions-Systemen. Es ist immer die gleiche und strikte Relationalität von kultisch markiertem Ort und Weg darauf hin, wobei der letzte Abschnitt des Weges gleichsam zum Teil des Ortes selber wird, diesem ambivalent zugeordnet wird.

Die Frage stellt sich: ist dies eine elementare Grundordnung des menschlichen Kulturraumes, die sich durch das ganze Spektrum von elementarsten und höheren und höchsten Kulturen durch alle Formen hindurch gehalten hat? Ist der aegyptische Tempel wesentlich ein monumental ausgebauter, mit monumentalisierten Pflanzensäulen markierter Prozessionsweg auf den markierten Ort des Allerheiligtsten hin? Selbst in der christlichen Weg-Kirche klingt dieser Bezug noch an: Im vertikal transzendentalen Apsisraum der Altar, davor, auf diesen gerichtet, der Versammlungsraum der Gläubigen, das 'Schiff'. Es wird als Weg auf den Opfertisch hin interpretiert. Demgegenüber - Portal - Abschluss nach aussen. Der allgmeine soziale Raum. Ist dies das relativ intakt gebliebene Grundmodell allen vormodernen Raums? Erscheint es sowohl in der heiligen Hinterecke des europäischen Bauernhauses wie auch im Thronsaal der Könige?

Ist es auch im vormodernen Bürgerhaus allgemein präsent mit der Wand der Ahnenbilder, mit Vitrinen mit Schmuckstücken, davor der "Thron" des Hausherrn und der entsprechenden Sitzordnung der Familie? Ist es letztlich auch in allen Räumen wirksam, in denen kulturelle Werte von bestimmten Instanzen an ein Publikum weitergegeben werden, so etwa im Theater, in Opernhaus und Musiksaal, aber auch in den Hörsälen der Universitäten?

Das höchst Erstaunliche an der Sache liegt an ihrer ungeheuren Kontinuität. Geht man im Verhältnis zu Dagobert Frey eine Schicht tiefer in die agrardörfliche Tradition, so stösst man wiederum auf dieses dominante polare Verhältnis von Ortsmarke und Zugangsweg, sowohl hinsichtlich des entwickelteren Schreins, wie auch bezüglich der älteren, fibrokonstruktiven Kultmarke. Das ganze Dorf erscheint als Weg auf diese Marke hin. Das Entscheidende liegt darin, dass die Anlage auf diese Ebene lesbar ist. Es handelt sich um eine mittige Grenzsetzung mit ihren sozialen und aesthetisch-philosophischen Implikationen. Das ganze Dorf ist seinem Wesen nach auf dieses 'Mal' ausgerichtet. Ver-ortung, Ort-Gewinn, 'einen Ort haben', 'an einem Ort sein', an diesem Grund-Wert hängen sich andere Grund-Werte ein, im elementarsten Falle wie hier bereits, Harmonie, elementare Aesthetik, 'Himmel und Erde' noch als lokale Einheit.

Hat sich dieses Grund-Muster von kulturell hochwertiger Ortsmarke und auf sie bezogener (Siedlungs-)Weg mit einer ungeheuren Zähigkeit durch die Zeiten, durch die Kulturen erhalten? Haben auch die zivilisierten Schichten ihre Wertungen an dieses jeweils von der Tradition her etablierte Muster angelagert und es so durch die Zeiten erhalten? An vielen Orten der Welt auch heute noch! (Egenter 1994b)

Mit der Moderne haben sich diese fundamentalen Verortungsmuster in den Grosstädten aufgelöst. Der Raum wird heute homogen interpretiert. Die mit dem Weg-Ort-System verbundenen psychischen Kontrollmechanismen sind verschwunden. Die moderne Architektur hat uns gleichsam stillschweigend zu makrokosmischen Astronauten programmiert. Der repräsentative Bau ist zum Zeichen in der grosstädtischen Skyline geworden. Der Eingang hat seine Bedeutung von einer allgemeinen Aussenwelt in eine spezielle Welt des Innen völlig verloren, damit ging auch eine alte Struktur von Wertzuordnung verloren, die im Sakralbau noch überlebt.
 
 

Vertikale Polarität:
multikategoriale Gegensätze in der gleichen Form

Ein anderes Beispiel: Vertikale Polarität. Unter dem Titel "Der Historismus der quantifizierten Proportion" habe ich einen kritischen Artikel zu Wittkowers Buch "Architectural Principles in the Age of Humanism", geschrieben (Egenter 1986a).

Hauptpunkt ist die These, dass die Inkompatibilität von Kunst und Wissenschaft und der einseitige Rationalismus der Kunstgeschichte, insbesondere in der Architektur, wesentlich zur Rationalisierung und Dehumanisierung der Modernen Architektur geführt haben.

Wittkower schildert in seinem Buch das Architekturverständnis der Renaissance als grundlegend rationalistische und dominant geometrisch-mathematische Grundhaltung.

Gegen diese These werden Wittkowers hauptsächlich auf schriftlichen Einschätzungen der Renaissance beruhenden Generalisierungen mit einer Methode konfrontiert, die im Gegensatz dazu ihre Aussagen aus der Objektwelt der Architektur selbst bezieht, was eine völlig andere Einsicht liefert. Proportion erscheint in einer noch nicht abstrahierten Form als das, was wörtlich im Begriff enthalten ist, 'Vor-stehen'! Ganz elementar: Ein (undefinierter oder ganz andersartiger) Teil steht über eine definierte Portion vor. Wir nennen dies die 'vertikale-Polarität'.

Der Artikel diskutiert dieses Proportionsverständnis vorerst anhand von zahlreichen mittelalterlichen Buchilluminationen <Abb. 15a-d>. Die Architektur wirkt darin unter Anspielung an Urnatur und Urhütten-Symbolik als Abbild der Welt im Sinne von Einheit von Himmel und Erde, wobei diese Einheit gegensätzlich dargestellt wird. Empirisch-realistisch im unteren Teil, dynamisch-illusionär im Oberteil, wobei die Relation als harmonisch gedacht ist.

Die Hagia Sophia, die oströmische Reichskirche Konstantins des Grossen <Abb.16> bringt mit Prokops Text aus der Zeit sehr klar zum Ausdruck, dass in dieser irrationalen Einheit des Gegensätzlichen nicht nur ein primärer Typus von Ästhetik verkörpert ist, das Bauwerk ist zugleich Teil einer prä-analytischen Weltsicht, die die Welt 'objektiv' in harmonischen Analogien sieht. Die Kuppel der Hagia Sophia ist entsprechend im Sinne der polaren Analogie real als Himmel, als Träger von Licht, als Domäne des Göttlichen zu verstehen. Ebenso die tragenden Wände. Sie sind die Felsen, die den Himmel tragen und - unverrückbar - den Ort behaupten.

Auch die Formen der Buchilluminationen der italienischen Renaissance <Abb. 17> schliesslich, sind zweifellos geometrisch gestrafft, aber die Grundphilosophie, die wir eben beschrieben haben, ist dort ganz offensichtlich noch evident.

Höchst interessant ist in diesem Zusammenhang die 'Entwicklungstheorie' von Carpaggio in seiner Legende der heiligen Ursula, in der Phase ihrer Himmelfahrt <Abb. 18a-c>. Sie steht, wo es kein stehen gibt (dh. sie schwebt bereits) auf einem elementaren Pflanzenbündel, das, wie wir jetzt wissen, vertikale Polarität auf der elementarsten Ebene repräsentiert, die symbolisch-aesthetische Ursäule, sozusagen. Es steht - und das ist von zentraler Bedeutung - in der Mittelachse eines klassizistischen Kirchenrundbaus. Darum herum Volk. Oben dynamische Formen, Bogen, architektonisch den Himmel andeutend, darin mit ausgebreiteten Armen Gott Vater, der die heilige Ursula vorerst im architektonisch definierten Himmel erwartet. Das Gebäude ist nach oben gegen den natürlichen Himmel geöffnet. Dort spielen Putten und Engelchen, die nächste, natürliche Himmelsdimension andeutend.

Das Bild ist, von heute aus gesehen, eine verrückte Erfindung! Es deutet in der Bildkomposition im Grunde eine damals, Ende 15. Jhdt., von der bäuerlichen Umwelt durchaus noch zugängige 'Entwicklungstheorie' der sakralen Architektur. Im Kern der Kirchen- oder Weltaxe steht eine 'primitive fibrokonstruktive Demarkation eines sakralen Orts. Die klassische Architektur, der Kirchenbau, definiert den äusseren Raum - immer noch als räumlicher Kern, als Topos, mit Aussicht in die Umgebung. Der strukturelle Aufbau der klassichen Architektur wird klar: sie übernimmt die gleiche vertikale Polarität, die auch schon im fibrokonstruktiven 'primitiven' Architektur-Mal gegeben ist. Dynamik oben im Gewölbe, in den Bogen, Statik der Pilaster unten. Dass das auch von der Religion her absolut ernst gemeint ist, zeigt erstens die dargestellte Geschichte, Ursula's Himmelfahrt. Und zweitens die Darstellung Gott Vaters im obern Bogengebiet. Er steht religiös im Gegensatz zum höfischen Volk auf der Ebene des fibrokonstruktiven Kultmals: die Heilige hat die 'Fetische' dieser eitlen Welt überwunden!

Architektur-Ästhetik und Ideal-Ideen der Religion sind also eng verwoben, sichtbar anhand der Objekte und räumlichen Strukturen an die gebunden sie sich ausdrücken. Carpaggio hat mit diesem Bild wohl seine eigene Theorie des engen Zusammenhangs zwischen Architektur, Raum und Religion gegeben. Es ist erstaunlich, wie stark das anthropomorph repräsentierte christliche Kultsystem mit der aesthetischen Polarität der Architektur verbunden erscheint. Vielleicht war das mit ein Grund warum die Moderne die kategoriale Polarität ablehnte, sie in aufgeklärter Haltung wegrationalisierte. Man hielt sie für einen Ausdruck der Religion.

Etwa gleichzeitig als das Bild gemalt wurde, hat Kolumbus Amerika entdeckt. Vielleicht hatte Carpaggio schon damals die Vorstellung einer 'anthropologisch definierten Ästhetik', die wir Heutigen erst jetzt zu begreifen beginnen.

Bezüglich des Heute zeigt uns Carpaggio schliesslich: die Moderne hat uns dieses komplexe Bezugssystem weg-rationalisiert, es durch technologische Rationalität und Geometrie ersetzt.
 
 

Auf dem Weg zu einer anthropologisch definierten Ästhetik

Wir haben gesehen, dass Architektur in der anthropologischen Dimension neue Perspektiven entwickelt. Ihre Bedeutung zeigt sich vorerst als Ortszeichen und Symbol im Raum im Verhältnis zum Zugang, was wir das Ort-Weg Schema nannten. Wir haben mit Hinweis auf Dagobert Frey zu zeigen versucht, dass es sich in dieser Weg-Ort Beziehung um ein durch die Kulturen hin nachweisbares, räumliches Strukturprinzip der Architektur handelt und dass es sich offensichtlich betont im sakralen Umfeld in reinster Form erhalten zu haben scheint.

Auch das von Wittkower dem Mathematisch-Geometrischen zugeordnete Konzept Proportion nimmt im anthropologisch definierten Feld der Architektur eine andere Bedeutung an, es wird zum gegensätzlichen Vor-stehen, zur empirischen PRO-portion.

Wir haben anhand relativ konstanter Traditionen Japans dieses elementare Prinzip der PRO-portion in seiner Bedeutung für eine stark territorial-rechtlich geprägte Kult-Tradition skizziert in der es wesentlich um die zyklische Erneuerung traditionell überlieferter Aesthetik geht. Zugleich haben wir auf die Bedeutung dieser zyklischen Tradition im Rahmen der gesamt-japanischen Dorfkullturen hingewiesen. Nicht nur die fibrokonstruktive Technik, auch die Struktur der Ereignisse deuten daraufhin, dass es sich in den Kultfesten um eine relativ intakte Tradition handelt, die prinzipiell in ihrer Form auf metallzeitliche oder auch neolithische Schichten sesshaften Lebens mit agraren Siedlungsbildungen zurückgeht.

Aus dieser Sicht lässt sich sagen: Es scheint, dass wir dabei auf das elementare Prinzip der Ästhetik gestossen sind. Dass es hier technisch mit elementaren Bauvorgängen erscheint, in denen es sich zugleich gleichsam selbst erzeugt - jedenfalls im wurzelnden Zustand der 'Urhütte' oder 'Ursäule' - macht die Sache explosiv! Hat sich die Ästhetik als Träger der Kultur auf diese Weise entwickelt? Hat sie sich aus dieser primären Situation, die sich über lange Zeiten immer wiederholen konnte - entwickelt?

Wohlverstanden es geht dabei um sehr viel mehr als um Ästhetik im modernen Sinne des geschmackvoll Schönen..... Es geht um Ästhetik im umfasssenden Sinne eines harmonischen Weltverhältnisses, eines breit angelegten Erkenntnisprinzips, etwa im Sinne des asiatischen Taiji und seiner YinYang-Polarität.

Erstaunlicherweise ist diese Auffächerung bereits in der elementarsten Form angelegt.

Es geht um die spannungsvoll-harmonische Einheit der Gegensätze in der gleichen Form. Zugleich um ein elementares 'meta-physisches' Prinzip, das, philosophisch gesehen, zwischen funktional ganz verschiedenen Dingen Allgemeinheit bildet.

Hat der Mensch, auf elementarster Ebene, mit diesem Prinzip, über polar kategoriale Analogien, die Naturformen entdeckt? Buschiges Oben, starres Unten, Krone und Stamm. Der Baum ist über die Analogie zum Baum geworden. Die japanische Situation lässt dieses Verhältnis durchaus noch rekonstruieren (Egenter 1983).

Anders gesagt: war die PRO-portion, die kategoriale Polarität, Brücke zum Erkennen der Naturformen? Schwingt das in unseren Wertvorstellungen zur Ästhetik noch mit? Steckt das auch noch mit drin in unserem seltsam hochwertigen Verhältnis zur ionischen Säule?

Der Umstand überdies, dass sich Polarität bereits in diesem realen Modell multi-kategorial zeigt, spricht für ihr extremes Potential zur Vielfalt. Wird man sich bewusst, wie sehr diese Struktur Kultur durchwirkt, so zeigt sich auch hier die evidente Grundbedingung.

Schliesslich gilt die kategoriale Polarität unabhängig von Grösse. Das Verhältnis war einst auf kleinster Dimension ebenso gültig wie auf der makrokosmischen Dimension von Himmel und Erde.

Wer sich von hier aus mit traditionellen Bauriten [6] befasst wird schnell einsichtig, dass das Primat nicht - wie Mircea Eliade noch meinte - beim Makrokosmischen lag. Das urban dominante Zivilisationsdenken hat hier schon mit den frühen Staatsbildungen die faktische Kontinuität mit dem metallzeitlich/ neolithischen Substrat negiert. Im Zuge der territorialen Erweiterungen wurde auch die Vertikale räumlich extensiv erweitert, das "PRO-" planetarisch interpretiert (Echnaton Syndrom). Seine empirische Dimension hat sich aufgelöst, was den damaligen territorialen Verfassungen, den sog. Theokratien, nur dienlich war. <Abb. 18d>

Andersrum versteht sich aus dieser Relation die enge Verbindung von Architektur, Kunst und Religion auf neue Weise. Für die Entfaltung der Kunst im Allgemeinen war jedoch vor allem die weite Beliebigkeit des 'META'-physischen Prinzips dieser Ästhetik entscheidend. Alles konnte mit allem in Vergleich treten. 'Krone und Stamm' des Baumes traten in Dialog mit der Analogie des Gegensatzes von 'Himmel und Erde'. Der natürliche Baum wurde zum 'Weltenbaum'! Ein ungeheuerlich offenes System von Analogien, die bildlich zu uns sprechen wie im Beispiel von Carpaggio.
 
 

Fazit

Die kategorial-polare Ästhetik ist zwar immer noch fundamental in den bildenden Künsten <Abb. 19a-c>, aus der modernen Architektur ist sie jedoch verschwunden. Nichts mehr davon, ausser in den Erinnerungsparks der Geschichte, sprich historische Stadtzentren, mit historischen Bauten, mit Rathäusern, Kathedralen, Kirchen und einstigen Palästen. Auch in geschützten Dörfern, abgelegenen Bauernhöfen, allenfalls.

Obschon sie also am Rande noch da ist, die anthropologische Dimension der Architektur, mit ihren symbolisch überhöhten Dächern, mit ihren überwölbten Toren, mit ihren mit Bogen harmonisierten Fenstern, mit ihren polar komponierten Fassaden, wir beschreiben sie im Rahmen von Ideen-Geschichten, als Kunst, als Architektur-Stil, aber wir verstehen sie nicht mehr.

Die polare Ästhetik wurde teils von Wittkowers Interpretation der Renaissance Architektur wegrationalisiert, teils im Zuge der Industrialisierung der Technik geopfert. Vermutlich wurde sie aufklärerisch oft auch negiert, weil man sie weithin mit Religion zusammenbrachte. <Abb. 20a-e> Zweifellos spielte auch der Umstand eine Rolle, dass sie von der Stilgeschichte in ihrer grundlegenden Rolle nicht erfasst worden ist. <Abb. 20f> Die Kunstwissenschaft trägt so ihre eigene Verantwortung an der geistigen Leere der Moderne! <Abb. 20g>

Architektur-Interpretation! Eine wichtige Rolle spielt wohl auch der Umstand, dass die Geschichte der Zivilisation ganz andere 'Geschichten' präpariert hat, die den Menschen und seine Kultur in anderen Lichtern zeigen. Es sind meist räumlich spekulativ überdehnte Geschichten, mit dem Effekt, dass jenen, die daran glauben, objektiv-anthropologische Erklärungen unbedeutend werden.

Aber vielleicht ist gerade heute diese historisch-zivilisatorisch konstruierte 'Überschätzung' zu einem Problem geworden. Hat die europäische Zivilisation dieses primäre, harmonische System des Erkennens aufgespalten? Hat es die kategoriale Polarität zerlegt in die Analyse, Grundlage der rationalen Wissenschaft, die mit einer heute ungeheuren Dynamik global alles prinzipiell isoliert, aufteilt, spaltet, rationalisiert?

Waren die von der Zivilisation apriori abgewerteten traditionellen Gesellschaften einst deshalb so 'dauerhaft', weil sie in einem zyklischen Zeit-System lebten in dem die polar-harmonische Kunstform als Überlieferung einer anthropologischen Wahrheit eine zentrale Rolle spielte? Und begleitete diese Wertschätzung die entsprechenden Formen - etwa die ionische Säule - über Jahrtausende, auch in die monumental versteinerte Form noch bis ins Heute? Ist es auch der tiefere Grund, dass wir heute mit diesem spaltenden Denken auf allen Ebenen Schwierigkeiten haben? Und dies derart, dass wir uns langsam bewusst werden, dass die reale Wirklichkeit, die sogenannte Natur, uns Menschen nicht mehr erträgt?

Haben wir das Gleichgewicht verloren, das uns die Parallelität dieser harmonisierenden Weltsicht immer auch bot, indem sie uns mehr oder weniger deutlich vorhielt, dass unser spaltendes Denken nie absolute Wahrheiten abbildete, weil das analytische Denken letztlich bloss ein Spaltprodukt der harmonischen Ästhetik war?

Wir sehen, ein ganzes Feld von Fragen schliesst sich hier an. Wir gewinnen die Vorstellung, dass Architektur, Kunst und Ästhetik im Basisbereich der Kultur von entscheidender Bedeutung waren. Eine Vorstellung die nicht nur der Architektur in einer neu erforschten Form neue Bedeutung verleihen könnte. Eine Vorstellung, die vielleicht in der heute durch Technik, Markt und historischen Konstrukten strapazierten Welt einem neuen Humanismus den Weg ebnen könnte?

War die ionische Säule von den Griechen nicht bloss als 'ionische Ordnung' verstanden, wie uns Vitruv und die Kunstgeschichte glauben machen wollen? War sie das tief-symbolische Wegweise-Zeichen auf die urtümliche Bedeutung der Architektur und Kunst für den Menschen und seine Kultur? War sie damit auch ein Mahnmal für den Menschen, seine wahren Masstäbe zu erkennen, sich nicht in masslosen Spekulationen zu überschätzen? Architektur- und Kunst-Wissen als Balance zur 'analytischen' Wissenschaft?

Dieses neue Suchen nach Tiefe wäre - nach dem bisher Gesagten - wohl auch ein Weg, der der sogenannten Post-Moderne vielleicht besser anstünde, als das leere Kopieren von unverstandenen geschichtlichen Formen in dem von Charles Jencks vorgeschlagenen 'radikalen Eklektizismus' aus dem 19. Jahrhundert!

Zum Schluss noch drei Beispiele von Hausformen aus Indonesien, die im Totenkult einen lokalen 'Kosmos' repräsentieren, bei dem die dynamische Antithese noch Teil des Architektur-Dachs ist und von diesem aus intensiv bewegt den Himmel definiert! (s. Waterson 1990) <Abb. 21a-c>
 
 



 

ANMERKUNGEN

1
vgl. 'Kosmetik', aus dem gleichen Stamm, gr. kòsmos, das aber seine kleinräumlichen Dimensionen bewahrte (Kerschensteiner 1962).

2
Siehe weiter unten (Winckler 1906).

3
Siehe Egenter 1986b: 'Software for a Soft Prehistory'. Damit hängt ein ganzer Komplex von Fragen zusammen.

4
Die Theologie hat hier aus einer späten makroskopischen Sicht die recht eindeutig auf Siedlungsgründungen bezogenenTexte makroskopisch zurechtgebogen. Das gilt insbesondere auch für die Genesis des Alten Testamentes. Vgl. etwa Seely 1997, der den hebräische Begriff <'eres> in einem Bedeutungs-Spektrum von a) 'Grundstück', b) 'Territorium', 'Land' (auch im politischen Sinne), c) 'Welt', 'Erde', betont im Rahmen von c) diskutiert! Schliesslich wird die Vorstellung einer flachen Scheibe gegenüber der Erdkugel-Version betont! Die wahrscheinlichste Möglichkeit b) wird verdrängt!

5
Dem Titel dieses Artikels gemäss gehen wir hier nur begrenzt auf die Siedlungsordnung ein. Eine eingehendere Darstellung dieser Ordnungen findet sich im Semiotica Paper (Egenter 1994b).

6
Ein erster Ansatz hiezu findet sich im Internet unter dem Titel 'History Bubble, the urban-rural Dichotomy' in englischer Sprache ( -> http://home.worldcom.ch/~negenter/004ZagrVortr_part2_E/004ZagrVortr_part2a_E.html).

7
Die bekannten Aufrichtefeste, die mit wehenden Bändern geschmückte Baumwipfel über dem First der Dachkonstruktion zeigen. Man beachte auch, dass sich die YinYang Polarität im Chinesischen nicht, wie vielfach behauptet, von der Ordnung des Makrokosmos ableitet, sondern vom "First" (taiji) eines Bauwerks, was sich anthropologisch gesehen durchaus auch auf semantische Architektur vom eingangs beschriebenen 'Urhütten'- oder 'Ursäulen'-Typ beziehen lässt.




 
 

LITERATURVERZEICHNIS

Alexander, Christopher
1964
Notes On The Synthesis Of Form. Oxford University Press, New York
1977
A Pattern Language. Towns, Buildings, Construction. Oxford University Press, New York
Andrae, Walter
1933
Die ionische Säule. Bauform oder Symbol. In: Studien zur Bauforschung, Heft 5 . Verlag für Kunstwissenschaft, Berlin
Bollnow, Otto Friedr.
1963
Mensch und Raum. Kohlhammer, Stuttgart, Berlin, Köln
De Brosses, Ch.
1760/ 1988
Du culte des dieux fétiches. Fayard, Paris
Domenig, Gaudenz
1980
Tektonik im primitiven Dachbau. Materialien und Rekonstruktion zum Phänomen der auskragenden Giebel an alten Dachformen Ostasiens, Südostasiens und Ozeaniens. Ein architekturtheoretischer und bauethnologischer Versuch. ETH Zürich, Zürich

 
Egenter Nold
1980
Bauform als Zeichen und Symbol. Nichtdomestikales Bauen im japanischen Volkskult. Zürich. Publikation im Rahmen der Ausstellung 'Göttersitz und Menschenhaus an der ETH Zürich
1981
The Sacred Trees Around Goshonai, Japan. A contribution of building ethnology to the subject of tree worship. Asian Folklore Studies XL-2:191-212, Nagoya
1982
Göttersitze aus Schilf und Bambus. Jährlich gebaute Kultfackeln als Male, Zeichen und Symbole. Eine bauethnologische Untersuchung der ujigami-Rituale des Volksshinto um die Stadt Omihachiman, Japan, Schweiz Asiatische Studien Monographien Bd. 4
1983
Affen-Architekten. Die Nestbautraditionen der höheren Menschenaffen. In: UMRISS 2/83, Wien
-> http://home.worldcom.ch/~negenter/015AcrobatArchives/AffenArch/AffenArchDa.pdf
-> http://home.worldcom.ch/~negenter/015AcrobatArchives/AffenArch/AffenArchDb.pdf
1984
Kunsthistorische Architekturtheorie: Auf Sand gebaut - Ansätze zu einer architekturanthropologischen Semantik. In: UMRISS 1+2/1984, Wien
1986a
The Historicism of Quantified Proportion - Critical objections to Wittkower's "Architectural Principles in the Age of Humanism". 'Second International and Interdisciplinary Forum on Built Form and Culture Research', at the University of Kansas in Lawrence, US
->http://home.worldcom.ch/~negenter/00AA2_WittkoHist_0_Int.html
1986b
Software for a Soft Prehistory. Structural history and structural ergology applied to a type of universally distributed 'soft industry': sacred territorial demarcation signs made of nondurable materials. In: World Archaeological Congress at Southampton, Archaeological 'Objectivity' in Interpretation, vol. 2, Allen & Unwin, Southampton & London
-> http://home.worldcom.ch/~negenter/015AcrobatArchives/CPublications/SoftPrehist_ZZZ.pdf
1987
Die Zukunft gehört der Theorie. Aufbruch zu einer kulturanthropologisch begründeten Architekturtheorie. In: UMRISS 1/87, Wien
1989
Omihachiman - The Foundation of a Town; an Ethno-historical Model; In: 'Traditional Dwellings and Settlements Working Paper Series - Approaches to the Study of Traditional Dwellings and Settlements, Volume Four, IASTE WP04-89, p. 45-68. Series Editors: Nezar AlSayyad, Jean Paul Bourdier. Center for Environmental Design Research, Univ. of California at Berkeley
1990b
Magritte als 'Architekturologe'. Zur Bedeutung gebauter Environments im sogenannten Surrealismus. In: Archithese 3/1990
1991a
IE - Der homogene Raum und der Archetyp des polar-harmonischen Raums", In: Deutsche Bauzeitung (12)
http://home.worldcom.ch/~negenter/410aJapHouseIntro1.html
1991b
In der oberen Hälfte unserer Stube wohnt der Bär, der Herr der Wildnis. Haus und Weltbild der Ainu. In: Thomas Kaiser (ed.) "Bärenfest" Vom Dialog mit der Wildnis. Die Ainu Hokkaidos, Japan. p. 55-76. Völkerkundemuseum der Universität Zürich, Zürich
1994a
Architectural Anthropology - Semantic and Symbolic Architecture. An architectural Ethnological Survey of One Hundred Villages of Central Japan. Editions Structura Mundi, Lausanne
1994b
Semantic architecture and the interpretation of prehistoric rock art: An ethno-(pre-)historical approach. In: Semiotica 100-2/4, 201-266
2001
The Deep Structure of Architecture: Constructivity and Human Evolution. In: Amerlinck, Mari-Jose, Architectural Anthropology, (p. 43-81). Bergin &Garvey, Westport CT, London
2003
Wie lebten paläo-sibirische Wildbeuter in ihrer Umwelt? Architektur- und habitat-anthropologische Rekonstruktionen zu räumlichen, ästhetischen und metaphysischen Aspekten der Ainu-Kultur im Norden Japans. In: Höhlenkunst und Raum: archäologische und architektonische Perspektiven, : 119-134. Herausgegeben von: Andreas Pastoors und Gerd-Christian Weniger. Neanderthal Museum, Mettmann
2004
Vernacular Architecture - Where do the Symbolic Meanings come from? In: Architecture, Research (AR) 2004/1 Ljubljana, Slovenija
Ember, Carol R. und Melvin Ember,
1994
Anthropology. Prentice-Hall of India, New Delhi
Falkenstein, A.
1936
Texte aus den Uruk-Grabungen der Jahre 1928-1931 (Archaische Texte aus Uruk - Ausgrabungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Uruk-Warka ; Band 2) Deutsche Forschungsgemeinschaft, 1936, Berlin
Fossey, Diane
1974
Observations on home range of one group of mountain gorillas. In: Animal Behaviour , 22, 568-581
Frazer, J. G.
1890
The Golden Bough. Macmillan. London
Frey, Dagobert
1949
Grundlegung zu einer vergleichenden Kunstwissenschaft: Raum und Zeit in der Kunsst afrikanisch eurasischen Hochkulturen. Hg: Institut für oesterrreichische Kunstforschung des Bundesdenkmalamtes. Rohrer, Innsbruck, Wien
Galdikas Brindamour, B., Brindamour R.
1975
Orang-utans. In National Geographic Magazine 148, 4, 444-473
Gaus J.
1971
Urhütte. Über eine Modell in der Baukunst und ein Motiv in der bildenden Kunst. In: Wallraf-Richartz-Jahrbuch Bd. 33, 7-70, DuMont Schauberg, Köln
Goodall, Jane
1962
Nest building behavior in the free ranging chimpanzees. In: Annuals of the New York Academy of Science 102, 2, 455-467
Goodall Jane, Van Lawick, H.
1963
My life among wild chiimpanzees, In: National Geographic Magazine 124, 2, 272-308
Harries, Karsten
1997
The ethical function of architecture. MIT Press, Cambridge, Mass.
Heinrich, E.
1957
Bauwerke in der altsumerischen Bildkunst. Schriften der Max Freiherr von Oppenheim Stiftung, Heft 2, Harrassowitz Wiesbaden
Hirschberg, W., Ch. F. Feest und Alfred Janata
1966
Technologie und Ergologie in der Völkerkunde (2 Bände), Reimer, Berlin
Jencks, A. Charles
1977
The Language of post-modern architecture. Academy Editions, London.
Kapfhammer, G.
1977
Brauchtum in den Alpenländern. Georg D. W. Callwey, München
Kawai, M., Mizuhara H.
1959
An ecological study on the wild mountain gorilla. In: Primates 2, 1
Kayano Shigeru
1978
Ainu no Mingu (The Material Culture of the Ainu). Kankô undô iinkai, Tokyo
Kerschensteiner, J.
1962
Kosmos: quellenkritische Untersuchungen zu den Vorsokratikern. Beck. München
Klotz H.
1991
Von der Urhütte zum Wolkenkratzer: Geschichte der gebauten Umwelt. Prestel, München
Mannhardt W.
1963
Wald- und Feldkulte. In Mythologische Untersuchungen, vols 1-2 Wiss. Buchgesellschaft. Darmstadt
McGrew, W. C.
1992
Chimpanzee Material Culture: Implications for Human Evolution. Cambridge Univ. Press, Cambridge UK
Mitscherlich, Alexander
1965
Die Unwirtlichkeit unserer Städte: Anstiftung zum Unfrieden. Suhrkamp, Frankfurt a. M.
Moore, Keith Diaz (ed.)
2000
Culture, meaning, architecture : critical reflections on the work of Amos Rapoport. Aldershot: Ashgate
Narr, Karl J.
1973
Handbuch der Urgeschichte, 2 Bände, Francke Verlag, Bern und München
Norberg-Schulz, Christian
1971
Existence Space and Architecture. Studio Vista, London
1980
Genius Loci - Towards a Phenomenology of Architecture, Academy Editions London
Ohnuki-Tierney, Emiko
1972
Spatial concepts of the Ainu of the northwest coast of southern Sakhalin. American Anthropologist 74, 426-457
Oliver, Paul (ed.)
1969
Shelter and Society. Praeger, New York
1971
Shelter in Africa. Barrie & Jenkins, London
1975
Shelter, sign & symbol. Barrie & Jenkins, London
1997
Encyclopedia of vernacular architecture of the world. Cambridge Univ. Press Cambridge [etc]
Ränk, Gustav
1949/51
Das System der Raumeinteilung in den Behausungen der nordeurasischen Völker: ein Beitrag zur nordeurasischen Ethnologie (2 Bände) Stockholm
Rapoport, Amos
1969
House form and Culture. Englewood Cliffs (N.J.): Prentice-Hall
Roscher, W. H.
1913
Omphalos. Eine philologisch-archäologisch-volkskundliche Abhandlung über die Vorstellungen der Griechen und anderer Völker vom "Nabel der Erde". In Abhandlungen der Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften, phil. hist. Klass, 29899 B. G. Teubner, Leipzig
1915
Neue Omphalosstudien. Ein archäologischer Beitrag zur vergleichenden Religionswissenschaft. In Abhandlungen der Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften, phil. hist. Klasse, 31 (1) B.G. Teubner, Leipzig
1918
Der Omphalosgedanke bei verschiedenen Völkern, besonders den semitischen. Ein Beitrag zur vergleichenden Religionswissenschaft, Volkskunde und Archäologie. Berichte über die Verhandlungen der Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig, phil. hist. Klasse, 70 (2) B. G. Teubner, Leipzig
Rudofsky, Bernard
1964
Architecture without architects: a short introduction to non-pedigreed architecture. Doubleday, New York
Rykwert, Joseph
1972
On Adam's House in Paradise: the idea of the primitive hut in architectural history. Museum of Modern Art. New York
1996
The Dancing Column. On order in Architecture. The MIT Press Cambridge Mass., London
Schulze, F.
1871
Der Fetischismus. Wilfferodt, Leipzig
Seely, P. H.
1997
The geographical Meaning of "Earth" and "Seas" in Genesis 1:10. In: Westminster Theological Journal 59, 231-55
Semper, Gottfried
1860, 1863
Der Stil in den technischen und tektonischen Künsten oder Praktische Ästhetik. 2 Bände, Berlin
Tylor, E. B.
1891
Primitive Culture: Researches into the Development of mythology. Philosophy, Religion, Art and customs, 2 vols. Murray London
Van der Leeuw, G.
1933
Phänomenologie der Religion. Neue Theologische Grundrisse, Bultmann, Tübingen
1948
La religion dans son essence et ses manifestations. Hachette, Paris
Watanabe, Hitoshi
1973
The Ainu Ecosystem. Univ. of Wahsington Press. Seattle and London
Waterson, Roxana
1990
The Living House. An Anthropology of Architecture in South-East Asia. Oxford University Press, Oxford, New York
Werblowsky, Zwi
1990
Review of recent Shinto studies. Numen (June). 128-129
Wernhart, K. R.
1981
Kulturgeschichte und Ethnohistorie als Strukturgeschichte. In: Grundfragen der Ethnologie. Beiträge zur gegenwärtigen Theorien Diskussion. W. Schmied-Kowarzik und J. Stagel (eds.) 233-252. Dietrich Reimer Verlag. Berlin
Winckler, H.
1906
Die Babylonische Weltschöpfung. In: Der Alte Orient und die Bibel. Pfeiffer, Leipzig
Wittkower, R.
1969
Grundlagen der Architektur im Zeitalter des Humanismus  [autorisierte Uebers. aus dem Englischen von George Lesser] Beck, München
Yerkes, R. M. and A.
1929
The Great Apes. Yale University Press, New Haven