ASIEN-KOMPETENZ?

Ein neuer Zankapfel zwischen Unternehmenskultur  und Kulturwissenschaften

Kritischer Bericht

von Nold Egenter


EINLEITUNG

Die schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften fordert und koordiniert als Dachorganisation Forschung und Lehre der Geistes- und Sozialwissenschaften der Schweiz. Sie regt Forschungsprozesse an und fördert  Austausch und Verbreitung von Ergebnissen. Für den 12. Mai 2000 lud sie, zusammen mit der schweizerischen Asiengesellschaft zu einer Tagung ein.  Der Titel lautete "Kultur, Politik, Markt: die Asienwissenschaften im Dialog mit Politik und Wirtschaft".

Bereits in der Einführung des Anmeldeprospekts war Spannung  indiziert. Das stark zunehmende Wachstumspotential Asiens habe die Bedeutung der Asienfächer für Wirtschaft und Politik verschärft. Die Wissenschaften an den Universitäten die sich mit asiatischen Regionen und deren Kulturen beschäftigen, seien zunehmend dem Druck nach effizienter Leistung ausgesetzt. Die pragmatischen Forderungen stünden jedoch im Gegensatz zu den innerfachlichen Differenzierungen. Ueberdies würden zunehmend Ansprüche nach konkreten Dienstleistungen gestellt, die sich mit der Realität der personellen infrastrukturellen Ausstattung kaum bewältigen lassen. Kreise von Politik und Wirtschaft hätten zunehmend gefordert, an den Hochschulen sei "Asienkompetenz" zu vermitteln. Die Konferenz war entsprechend auf einen Dialog angelegt um beiderseits Anliegen und Realitäten kennenzulernen und mögliche Lösungen zu entwickeln.
 
 

DER MARKT

Vier Voten standen auf der pragmatischen Seite der Wirtschaft. Paul Dudler, Präsident der Novartis, Japan, präsentierte das von ihm aufgebaute und sehr erfolgreiche Novartis Programm für den Handel mit Japan. Der im "Davoser Kulturstil"  präsentierte Vortrag behandelte im allgemeinen Rahmen einer Handelsstrategie den Spezialfall Japan. Der Beitrag konzentrierte sich wesentlich auf die Bedingungen langfristigen Aufbaus  von vertrauenswürdigen Beziehungsnetzen  mit Sprachkenntnissen und Fähigkeiten zum pragmatisch kulturellen Austausch, die sich im übrigen aber eher auf synchrone soziale Verhaltensmuster stützen (Doos and dont‘s). Die abschliessende Forderung, dass die Universitäten für solche Perspektiven ein "Business Asia Program" entwickeln sollten, war in diesem Rahmen doch wohl etwas zu hoch gegriffen.

Ähnlich pragmatisch zeigte sich der Report von Rudolf Bosshardt, Jurist und Präsident der Wirtschaftskammer Schweiz - Japan,  über die Praxisaufenthalte die die Schweizerische Wirtschaftskammer mit beachtlichen Erfolgen rund 60 Studierenden in Japan ermöglicht hatte. Aus Anpassungen an oft unerwartete Bedingungen des Gastlandes entstünden oft starke emotionale Bindungen zwischen verschiedenen Partnern. Aus solchen Erfahrungen  kritisierte er etwa den Begriff Asien-Kompetenz, sprach sich positiv eher für gegenseitiges Verständnis aus, wobei auch geschichtlich gewachsene Strukturen der japanischen wie der eigenen Gesellschaft eine wichtige Rolle spielten. Doch ging auch hier die Forderung nach enger Zusammenarbeit von Wissenschaft und Industrie wohl etwas zu weit.

Engagiert  behandelte auch der Beitrag Gerald Delilkhan's, eines jüngern brillianten Oekonomen,  wesentlich marktstrategische Gesichtspunkte und kommentierte auch  das von vorgängigen Votanten dominant behandelte Problem des Aussenpostens in der fremden Kultur. Die Wissenschaft dürfe sich nicht in "splendid isolation" begeben, andersrum gehe es nicht lediglich darum die "doos and donts" aufzustellen, es gehe darum Spezialisten zu finden, die sowohl Kultur und die lokalen Bedingungen kennten. Er sprach von  Strategien, die bevorzugt Unverheiratete in die externen Interessenzonen sandten. Es erwies sich als positiv, wenn sie heirateten und sich derart im Aussenposten stabilisierten. Mit dieser Strategie hätte sich Australien eine Position im asiatisch pazifischen Raum erobert. Das Vorgehen sei jedoch nicht ohne Problematik, denn "East is East and West is West, they will never meet".

Das vierte Votum der pragmatischen Seite gab Walter Fust, Vorsteher der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) im Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) aus der Sicht der Entwicklungshilfe. Der Begriff sei jedoch veraltet, man spreche neuerdings von Entwicklungszusammenarbeit. Man habe ganz heterogene Projekte (zB. womens bank) und arbeite nach dem Prinzip 'Tree of Sustainability'. Es gehe - symbolisch gesprochen - darum, nicht oben am Baum, an Stamm und Krone herumzuwerkeln, sondern den Boden geeignet zu beackern und zu bedüngen. Der Elfenbeinturm der Universitäten sei hier verboten,  Entwicklungen müssten rasch gefördert werden. Notfalls werde fehlendes Wissen auch im Ausland zusammengekauft. In den Projekten spielten Kompetenzen eine bedeutende Rolle, sozial, fachlich, methodologisch, in Bezug auf Prozessgestaltung und betreffend Führung und interkulturelle Kommunikation. Der Vortrag war nicht überzeugend. Der   Hörer  musste hinsichtlich des mit versteckten Drohungen operierenden Vortrags und der dramatisch geforderten zeitlichen Hektik unweigerlich an die von Schweizer Hilfswerken kürzlich verursachte Wasserpumpen-Katastrophe in Bangladesh denken!

Soweit zu den Forderungen und Ansprüchen  der wirtschaftlichen Seite. Das Grundmotiv war klar und es wurde in der Schlussdiskussion auch seitens der ABB deutlich ausgesprochen: bis vor kurzem seien sowohl die Märkte Asiens, wie auch die entsprechenden Informationen verschlossen gewesen, jetzt sei alles offen! An sich verständlich dass man die Chance wahrnimmt. Nur, trotz all der wirtschaftlichen Dramatik, man scheint  sich nicht ganz klar darüber zu sein, was die Funktion der hiesigen Universitäten in dieser Öffnung sein soll.  Geht es letztlich um eine Arbeitsmarktfrage?
 
 

DIE AKADEMIA

Auf der akademischen Seite waren die Voten mehr oder weniger klar in Gegenstellung. Ein geschichtlich tief angelegtes, humanistisches Ideal spielt die Hauptrolle, der Ganzheitsanspruch des Universellen, des global Humanen, das  sich unter Umständen mit extrem Begrenztem beschäftigen kann, etwa in der Grundlagenforschung,   dies jedoch in der Regel auf ein Umfassendes hin versteht. Alle akademischen Voten gaben mehr oder weniger deutlich zu erkennen, dass die Ausrichtung auf den Markt nicht direkt in der Zielsetzung der Asienwissenschaften liegen kann.

Michael Lackner, Professor für Sinologie an der Universität Genf, warnte vorerst davor, die Sinologie als 'harte' Wissenschaft, dh. im Sinne etwa der Mathematik als klar strukturiertes Wissen zu sehen. Man spreche heute von Asienwissenschaften, die zum einen philologisch mit vielen Theorien arbeiteten, zum andern sich aber auch im Sinne der Disziplinen aufgefächert hätten. Man beziehe etwa philosophische, religions- und kunstwissenschaftliche Gesichtspunkte ein. Das könne viele verschiedene Zweige umfassen, es liesse sich somit nicht mehr von einer einheitlichen Wissenschaft  der Sinologie reden. Man müsse das sehen wie ein Konzert als ein Zusammenspiel sehr verschiedenartiger Kräfte. Nicht nur sei das Gebiet eines Sinologen sehr heterogen zusammengesetzt (etwa uralte Knochen und Divination zum Einen und zum Andern Politik von Heute). Auch habe sich das Fach in Richtung 'area studies' und 'culturalism' sehr differenziert. Überdies sei das Gebiet auch in seinen Wertsetzungen stark im Fluss. Habe man früher etwa den rationalistisch durchorganisierten Sozialstaat Chinas bewundert, so gelte das heute nicht mehr. Ein schneller Wandel der Werte sei im Gang. Auch müsse man sich klar sein, dass der Kulturbegriff ein Konstrukt sei. Man habe früher etwa China unter dem Blickwinkel 'Gleichberechtigung der Hochkulturen' untersucht, dies habe jedoch zu beträchtlichen Entstellungen geführt. Heute sei dies alles sehr viel offener,  Volkskultur stehe neben Hochkultur,  man arbeite systematisch wie auch praktisch, pflege historische Perspektiven und interessiere sich für die Gegenwart. Früher hätte man Asien als mystisch betrachtet, doch sei inzwischen die Universalität der westlichen Einstellung selbst  fragwürdig geworden. Es bestehe heute eine enorme Öffnung für die Vielfalt der internationalen Wissenschaft.  Chinesen entdeckten in diesem Sinne  auf ganz neue Art etwa Gemeinsamkeiten mit Indonesien usw..

Reinhard Schulze, Professor für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philosophie an der Universität Bern, zeichnete ähnlich ein komplexes und differenziertes Bild. In einer "kleinen Einleitung" präzisierte  er vorerst, dass die Ausrichtung der Universität nicht pragmatisch  sei, dass es in ihr vielmehr grundsätzlich um Grundlagenforschung gehe. "Dummerweise" sei heute das Verhältnis der Wissenschaft  zur Politik stark von der Wirtschaft geprägt. Oekonomische Prozesse spielten eine entscheidende Rolle. Es könne dies für die Wissenschaft nicht fruchtbar sein. Schulze skizzierte eine kurze Geschichte der Entwicklung der Islamwissenschaften aus der Orientalistik, die ursprünglich rein philologisch aufgebaut war und so ein weites Gebiet, auch ganz Asien umfassend, wissenschaftlich betreuen zu können vermeinte. Kulturen wurden lediglich über Texte vergegenwärtigt. Hinzu kommt, dass schon die Orientalistik  immer auch von politischen Gesichtspunkten geprägt war, was auch im 20. Jahrhundert für die Islamwissenschaften galt, etwa für französische oder deutsche  Aufgaben im ersten und zweiten Weltkrieg. Doch blieben die Islamwissenschaften immer eine Gelehrtenkultur, wesentlich auf bestimmte Kreise beschränkt, wie etwa auf den diplomatischen Dienst. In den 60er Jahren gerieten die Islamwissenschaften unter amerikanischem Einfluss in den Sog der 'area studies'. Man sah vor allem problembezogene, modulartig verwendbare Kurzzeituntersuchungen. 1974 wurde in diesem Zuge französischerseits der 'Tod der Orientalistik' ausgerufen.  Doch ist die Orientalistik gerade heute wieder populär. Wichtig: die Islamwissenschaften sind heute nicht mehr nur historisch kritische Philologie, nicht mehr bloss 'area studies', sie haben ein hohes Mass an kultureller Kompetenz entwickelt. Die hohe Komplexität islamwissenschaftlicher Fragen bedingt eine hohe Flexibilität, die gegen pragmatische Einstellungen steht. Beides, Komplexität und Flexibilität sei wichtig auf der Ebene der Universität. Eine gewisse Problematik liege darin, dass die Islamwissenschaften zwar als Experten gelten, jedoch kein eigentliches Berufsziel entwickelt hätten. Islamwissenschaftliche Themen muten entsprechend oft elitär an, entsprächen aber letztlich der realen Situation des Islam in vielen Kulturen und mit vielen Sprachen. Es gehe entsprechend darum, eine moderne Forschung bereitzustellen. Wichtig seien kompetente Analysten, die wesentlich auf akademische Karrieren ausgerichtet seien. Sie könnten durchaus extrauniversitäre Funktionen übernehmen, seien wesentlich aber an Grundlagenforschung gebunden.

Peter Schreiner, Professor für Indologie an der Universität Zürich, wies anhand verschiedener Widersprüche auf die Diskrepanzen in der Indologie hin. Anspruch und Wirklichkeit,  resp. institutionelle Ausstattung klafften weit auseinander. Das Zürcher Institut für Indologie sei weitgehend ein Ein-Mann-Institut ohne Sekretärin, ohne Bibliothekar. Die Mittel seien völlig ungenügend.  Indologie sei ein ungeheuer weitreichendes Fach. Ein Indologe müsste theoretisch 18 Sprachen kennen, müsste Kompetenz in mehreren Religionen bieten (Hinduismus, Buddhismus, Parsismus, Islam etc.), auch sei Indien geographisch nicht eine Einheit sondern zerfiele in verschiedenste Regionalwissenschaften. Auch stünden Breite und Tiefe im Widerspruch. Indologie käme etwa einem Lehrstuhl für Europäologie in Indien gleich. Schwerpunkte und thematische Eingliederungen seien heterogen. Schreiner verwies diesbezüglich auf die 11. World Sanskrit Conference in Turin und ihr heterogenes Programm. Die Inder hätten überdies eine 'Oriental Conference' veranstaltet und im Jahre 1999 wurde eine 'South Asia Conference' mit etwa 20 Sektionen veranstaltet. Eine grosse Diskrepanz in der Indologie bestehe auch bezüglich Vergangenheit und Gegenwart.  Manche erwarteten heute im Rahmen des modernen Asien Informationen über das moderne Indien, doch sei das - etwa in Deutschland ganz klar  - für die Forschung nicht anziehend. Demgegenüber sei die dem alten Indien zugewandte Forschung stark frequentiert.  Man könne sich fragen ob es sich darin um einen Anachronismus handle, ob man die Studien des alten Indien abschaffen sollte. Zwar sei man als Indologe konfrontiert mit der modernen Wissenschaft und ihren Bedürfnissen, auch seien Einflüsse der Globalisierung auf das moderne Indien spürbar. Doch, kämen jene zum Zug, verlöre Indien seine Bedeutung für die Indologie. Die Funktion des Faches liege entsprechend mehr darin, die kulturell einebnenden Wirkungen der Globalisierung nach Möglichkeit zu verhindern. Nicht zuletzt bestehe heute auch eine grosse Diskrepanz zwischen 'Elfenbeinturm' und Marktplatz. Viele erwarteten ein marktadaptiertes Verhalten von der Indologie. Doch, die Indologie wolle kein Markt sein, sie verstehe sich vielmehr als Dienstleistung, die interkulturelles Verständnis ermögliche. Schreiner verwies auf Schopenhauer, Goethe und Hegel, die alle grosses Interesse für Indien gezeigt hätten. Sie waren alle auf die zeitgenössische Indologie angewiesen. Sinn und Nutzen der Indologie liesse sich entsprechend nicht von einem marktorientierten Nutzen her erfassen, vielmehr gehe es um kulturelle Werte. Es gehe darum, ein Gesamtkonzept unserer Zivilisation zu entwerfen, und da gehöre der Elfenbeinturm als wichtiges Element hinein.

Im Gegensatz zu diesem stark gegen die Marktinteressen gerichteten Vortrag Schreiners gab sich ein weiteres Votum von Eduard Klopfenstein, Professor für Japanologie am Ostasiatischen Seminar der Universität Zürich, eher konziliant mit einer "Dreiecksgeschichte" zwischen Japan, der Schweiz (im deutschprachigen Raum) und den Asienwissenschaften. Japan sei eigentlich erst neuerdings derart stark ins Interessenfeld gestossen, weil es einen hohen Industriestandard erreicht habe.  Dagegen stehe die herkömmliche Interpretation des ganz andersartigen Japan.  Zitat: "100 Millionen Aussenseiter". Dieses Cliché gelte auch heute noch. Klopfenstein versuchte dies mit Bezug zu Andreas Schlieper's Buch "Die Nähe fremder Kulturen - Japan - Deutschland" zu relativieren. Schlieper setze nicht das Fremde und Exotische heraus, sondern stelle die Gemeinsamkeiten oekonomischer Interessen in den Vordergrund. Nötig sei jedoch ein Verständnis für historische Voraussetzungen. Die gemeinsame Basis liege in der kulturellen Bedingtheit. Ein japanisches Motto für die Fremde laute: "frage zuerst was verboten ist". Klopfenstein skizzierte dann an verschiedenen Beispielen  eine  zuweilen geradezu ghettoartig kultivierte,  eurozentrische Einstellung der japanischen Kultur gegenüber. Man müsse  solchen Einstufungen dezidiert entgegenarbeiten.

Das Angebot der Japanwissenschaften habe sich in neuester Zeit stark verändert. In den 50er Jahren sei die Japanologie noch wesentlich philologisch gewesen. Sie habe sich jedoch heute zu einem Konglomerat von Wissenschaften ausgeweitet. Der Kongress von 1993 in Zürich sei mit sehr heterogenen, ja Rand-Themen,  wie etwa Beiträge zur Ainumythologie, bestückt gewesen. Allerdings liessen sich vereinfachend für die deutschsprachige Japanologie  drei wesentliche Aufgaben sehen:

Soweit zu den Voten. Folgendes muss hier noch klärend hinzugefügt werden. An der Tagung folgten sich die Beiträge mit Bezug auf die  Inhalte weitgehend alternierend. Sie wurden hier  in zwei Gruppen gegenübergestellt um die Kontraste klarer hervortreten zu lassen. Die Schlussdiskussion blieb weitgehend im Rahmen des hier Berichteten, darum soll hier nicht darauf eingegangen werden. Zusammenfassend lässt sich  sagen: nicht nur in Pausengesprächen auch in der Schlussdiskussion war eher  vom  Trennenden die Rede als vom gefundenen Konsens. In der Folge wird versucht, einige Punkte  herauszuarbeiten.
 
 

ZUSAMMENFASSUNG: 10 PUNKTE



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