SHIN NO MI-HASHIRA

Der erhabene Zentrumspfeiler
der japanischen Welt

Von Nold Egenter


Der ursprŸnglich veranschlagte Titel war:
OTTO FRIEDRICH BOLLNOW UND DIE SICHERUNG DES FR†HEN SIEDLUNGSRAUMS
Kulturanthropologisch vergleichende Hinweise zum PhŠnomen "sakraler Raum" in Japan


EINLEITUNG:
ZUR PROBLEMATIK DES RAUMES


Raum ist, neben der Zeit, die wichtigste Kategorie der humanen Existenz, damit auch Grundkategorie des Wahrnehmens, Denkens und Ordnens. Entsprechend ist der Begriff Raum auch in zahlreichen Disziplinen der Kulturforschung von gleichsam strategischer Bedeutung. Machtvolle Weltbilder bauen auf Raumvorstellungen auf. Es ist beispielsweise fŸr unsere Weltsicht eine hšchst entscheidende Sache, ob wir altphilologisch etwa einen babylonischen Schšpfungsmythos mit einem metaphysischen Raumkonzept Ÿbersetzen oder ihn unter der Voraussetzung eines anthropologisch begrŸndeten Umweltkonzeptes angehen. Im einen Falle berichtet uns der Text von der Schšpfung der Welt, heute selbstverstŠndlich im kosmologischen Sinne, im zweiten Fall beschreibt der gleiche Text eine antike Siedlungs-, Stadt- oder ReichsgrŸndung <1>.

Damit ist auch bereits angedeutet, was die Diskussion des PhŠnomens Raum in der europŠischen Geistesgeschichte philosophisch und wissenschaftlich seit den Vorsokratikern in Atem hŠlt. Es ist jene eigenartige VerschrŠnkung, die sich jeder prŠzisen Definition entgegenstellt: die VerschrŠnkung zwischen dem Nahen, dem subjektiv Erlebten und umweltlich Bestimmten des Raums und seiner sich der Erfahrung entziehenden, endlos ausufernden Ausdehnung in immer weitere und unabsehbarere RŠume der Welt und des Kosmos.

Bei Alexander GOSZTONYI (1976), der im deutschen Sprachbereich wohl die umfassendste europŠische Geschichte des Raumproblems zusammengetragen hat, spiegelt sich diese VerschrŠnkung ganz handfest in zwei BŠnden. Der erste schildert jenes Ÿber zweitausendjŠhrige europŠische Ringen mit der ŸberwŠltigenden Dimension der grossen RŠume - bald mehr philosophisch, metaphysisch oder theologisch, bald mehr mathematisch, geometrisch, physikalisch. Der zweite Band befasst sich mit dem erst neuzeitlich spŠt einsetzenden, entgegengesetzt systematischen Fragen nach dem Raum vom Menschen her. 'Sinneswahrnehmung und Raum', der 'Raum in der modernen Philosophie' (wobei die phŠnomenologische Methode eine wichtige Rolle spielt), und 'Raum als Struktur', dies sind die wichtigsten Themen des zweiten Bandes.

GOSZTONYIs ausserordentlich aufwendige Kompilation zeigt deutlich, dass die engrŠumliche Frage vom Menschen aus eine moderne ist. Ueber Jahrhunderte hat man den Raum nicht etwa vom Blickpunkt des Menschen her eršrtert, sondern ihn vielmehr mit Metaphysischem verbunden. Man hat ihn platonisch mit dem hšchsten Wissen belegt, scholastisch-neuplatonisch mit dem Absoluten, dem Gšttlichen identifiziert. Heute dominiert immer noch dieses grossrŠumliche Faszinosum, allerdings meist eher in seiner naturwissenschaftlichen AusprŠgung: der in Lichtjahren gemessene Kosmos der Astronomie beeindruckt uns.

Die Jahrhunderte zŠhlende BeschŠftigung mit den metaphysisch weit gespannten RŠumen spielt auch heute noch in jedermanns abendlŠndischen Alltagsraum mit hinein, sei es ethisch-religišs, psychologisch oder philosophisch, letztlich auch politisch und aesthetisch. Doch lŠsst sich nun wiederum aus der erwŠhnten VerschrŠnkung philosophisch die Frage stellen, ob dieses Aufsteigen zum Hšchsten, dieses Jahrhunderte alte Feld der Meta-Physik, das 'trans-cendente' idelle Werte mit immer je oberen SphŠren belegt, wiederum selbst ein umweltliches Raumschema ist, dessen Wurzeln in der menschlichen Vergangenheit liegen. Plausible Argumente gibt es durchaus, etwa die eigenartigen kosmologischen Spekulationen mancher Vorsokratiker, die sich deutlich an vorderorientalische Kulttraditionen anlehnen (z.B. Anaximanders Welt-SŠule). Oder die recht klar in der Niltal-Topographie verankerte altaegyptische Metaphysik. Recht eindeutig gilt das auch in der Geschichte der Kartographie <2> und in wortgeschichtlichen Beziehungen, etwa zwischen 'Kosmos und Kosmetik'. <3>

Entscheidet man sich fŸr Letzteres, so tritt etwa die kosmisch gelagerte platonische Ideenlehre in den Bereich antiker Spekulation. Das wŠre fŸr europŠisches Denken gravierend. In der mittelalterlichen Scholastik wurde aus absehbaren Motiven <4> ein absoluter Idealismus in unser abendlŠndisch-"geisteswissenschaftliches" Denken eingebaut, der, bloss rationalistisch begrŸndet und mit historistischen Konstruktionen durchsichtig gestŸtzt, fŸr den abendlŠndischen Menschen ungeheure Folgen hatte und hat. In unserem Zusammenhang gilt dies vor allem im wissenschaftlichen Umgang mit nicht-europŠischen Kulturen, die - wie etwa Japan - nie diesem scholastischen Absolutismus unterworfen waren.


KULTUR-RAUMFORSCHUNG IN JAPAN


Die Frage nach dem VerhŠltnis des Menschen zum Raum hat somit weltanschaulich Konsequenzen. Zum Ende der 60er und zu Beginn der 70er Jahre hatte sich an der Architekturabteilung der UniversitŠt Kyoto ein Forschungszentrum gebildet, das man am treffendsten den >Kyotoer Kreis der Kultur-Raum-Forschung< nennen kšnnte. Dieser Kreis war vorerst eher architekturtheoretisch getragen von der damals in Europa verbreiteten Auffassung, die Basis der Architektur- und Raumplanung seien von Grund auf theoretisch neu zu begrŸnden (MITSCHERLICH 1965, NORBERG-SCHULZ 1963, 1971, RAPOPORT 1969). Den fixen Kern dieses Kreises bildete der Lehrstuhl von Prof. Tomoya MASUDA (1978) und seine Abteilung (KATO, TAMAKOSHI, TANAKA). Man orientierte sich wesentlich an den phŠnomenologischen Arbeiten der westlichen Philosophie zum Thema Raum (BACHELARD 1958, 1960; HEIDEGGER 1927, 1954; BOLLNOW 1963) und behandelte mit dieser neuen Optik Themen der Architektur und Kunst im japanischen Kulturraum. Den flexibleren Šusseren Kreis bildeten ausgebildete Architekten meist europŠischer Provenienz, die sich nach Studienabschluss vom Ÿblichen Weg zur Entwurfs-Praxis und Planung abgewandt, sich der Forschung und Lehre verschrieben hatten <5>. Die Arbeiten einiger dieser Forscher bilden heute in der inzwischen enorm angewachsenen DomŠne der Architektur- und Raumforschung <6> eine stark auf Japan bezogene Linie, die im Feld zwischen Architektur, Raum und Kultur vornehmlich kulturvergleichend-anthropologische Gesichtspunkte aufbaut. <7>.

SekundŠr wurden aus dieser intensiven BeschŠftigung mit Raum und Kultur Japans auch bewusst, dass Japan kulturanthropologisch eine einzigartige Situation fŸr die Erforschung der Raumproblematik im kulturellen Zusammenhang darstellt. Es trat relativ spŠt in den kontinentalen Hochkulturkreis, wurde nie wesentlich kolonialisiert noch christianisiert, konnte so einen erstaunlichen Reichtum an agraren Traditionen bewahren, die oft deutlich tief in vorgeschichtlichen Dorfkulturen wurzeln. Auch verlief seine Geistesgeschichte in ganz anderen Linien als die europŠisch-westliche, was sich in seinem VerhŠltnis zum Raum niederschlŠgt. Im Zuge solcher Gesichtspunkte ist Japan im weiteren Sinne auch eine ungemein wertvolle Vergleichskultur zur europŠischen Situation geworden. Ja es kann geradezu zum PrŸfstand fŸr europŠische Kultur-Theorien werden, was wir im Folgenden mit der Skizzierung einer Raum-Theorie andeuten mšchten, die im Kyotoer Kreis von entscheidender Bedeutung war - der anthropologische Raum Otto Friedrich BOLLNOWs. Die darauf folgend angefŸhrten Ergebnisse aus Untersuchungen des Autors zum PhŠnomen >Sakraler Raum in Japan< kšnnen nur auf der Grundlage dieser theoretischen Gesichtspunkte verstanden werden.


O. F. BOLLNOW: MENSCH UND RAUM


Methodologisch steht BOLLNOWs Buch >Mensch und Raum< (1963) durchaus jener erwŠhnten Gruppe philosophischer Arbeiten zum Raum nahe, die phŠnomenologisch deskriptiv verschiedene Aspekte des Raumbegriffes eršrterten. BOLLNOW bringt jedoch eine spezifische Systematik in die Diskussion, indem er historisch, phŠnomenologisch-anthropologisch und ethnologisch das Wohnen ins Zentrum setzt, dieses rŠumlich als "Fixpunkt" behandelt und andere RŠumlichkeiten (Weite, Wege usw.) in polaren Beziehungen dazu beschreibt. Der Mensch ist - oder bewegt sich - in diesem System und erzeugt so unzŠhlige anthropologische "RŠume". Das Entscheidende ist, dass dieses System sich nicht mehr abstrakt versteht, wie das herkšmmlich homogene RaumverstŠndnis der Physik. Es bleibt immer substantiell und qualitativ gebunden an umweltlich oder kulturell vorgefundene Bedingungen. Das wichtigste Element dieser substantiell verschrŠnkten Konzeption des Raumes sind das Bauen, das Haus und andere bauliche Markierungen der menschlichen "Mitte der Welt".

Neben einem ungeheuren Reichtum synchroner Beobachtungen bringt BOLLNOW auch diachrone Tiefen, vor allem die beiden Thesen, dass der Begriff Raum im Deutschen ursprŸnglich im menschlichen Siedeln beheimatet war und dass der kosmisch weite Raum in Europa ein spŠte Entdeckung des 14. Jhdts. ist. Dies sind fŸr den, der die Implikationen des Raumes im wissenschaftlichen Wissen erfasst, ganz allgemein Thesen von ausserordentlicher Bedeutung, ja - im Sinne Thomas Kuhns - eine wissenschaftliche Revolution. Vieles deutet darauf hin, dass sie in einer Trendlinie liegen, die zu einer 'Implosion' des theoretischen GefŸges der Humanwissenschaften fŸhrt, wie dies sich vergleichbar mit dem Begriff Oekologie in den Naturwissenschaften bereits abzeichnet. Gewinnt diese Linie an Grund, so dŸrfte BOLLNOWs Werk einst als eine der philosophisch wichtigsten europŠischen Leistungen der zweiten HŠlfte des 20. Jahrhunderts gelten. Da BOLLNOW zuweilen sehr oberflŠchlich interpretiert, gar als New-Age-Leistung eingestuft wird (s. Klappentexte des Buches), geben wir hier eine geraffte Darstellung dieses ausserordentlich wichtigen Werkes. <8>

Die elementare Gliederung des Raums

Die Etymologie des deutschen Wortes Raum legt nahe, dass Raum ursprŸnglich begrenzt verstanden wurde. Grimm leitete es von der entsprechenden Verbalform "rŠumen" ab, im Sinne des RŠumens eines Teils von Wildnis mit der Absicht, sich dort niederzulassen, eine Wohnung zu errichten. BOLLNOW gibt zahlreiche Beispiele zum Alltagsgebrauch verwandter Begriffe, zeigt, dass die Wurzeln des Wortes eng bezogen sind zum Wohnen, zur menschlich geordneten Umgebung. Entsprechend bezieht sich das Wort Raum, mit bestimmtem oder unbestimmtem Artikel gebraucht, z. B. als verallgemeinerter Begriff fŸr die RŠume eines Hauses, auf Bauten. In diesem Sinne gebraucht, ist Raum unvereinbar mit Orten im Freien (Z.B. Versammlungsorten). Auch ohne Artikel gebraucht, erscheint es in enger Beziehung zur menschlichen Umgebung, meist in der Bedeutung von Bewegungsraum zwischen Dingen oder Objekten. Erst sekundŠr bezieht sich das Konzept des Raums auf ausgedehnte Bedeutungen ("raume", d.h. offene See; "Weltraum" etc.).

Besonders wichtig ist die Einsicht in die Existenz von Null- und Fixpunkten im humanen Raumkonzept. Die PolaritŠt von 'weggehen' und 'zurŸckkommen' nach angestammten Orten (Heim) oder temporŠren Nullpunkten (Hotelraum in einer fremden Stadt) spielt eine grundlegende Rolle im subjektiven Orientierungssystem. BOLLNOW nennt dies die "Mitte des Raums". <9> "Wenn wir die Wohnung wechseln, so baut sich von der neuen Wohnung aus die Welt in einer neuen Weise auf." (:58)

Das fundamentale Konzept der 'Fixpunkte' wird dann in triangularen Beziehungen zwischen Individuum, Sozialem und dem hierarchischen System von Markierungen zentraler Punkte (Wohnung, Kirche, Markt, Stadt- und Staatszentrum) behandelt. BOLLNOW gibt altŸberlieferte Konzepte, die Fixpunkte als Markierung der "Mitte der Welt" oder der "Weltachse" (axis mundi) interpretierten. Konkrete Symbole kennzeichneten in verschiedenen Kulturen zentrale Fixpunkte (Pfeiler, PalŠste, HeiligtŸmer, heilige Berge). Mit Bezug auf HABERLAND (1957) und BRUNNER (1957) interpretiert er PhŠnomene dieser Art polar als Spannungen zwischen bewohntem Raum und umgebendem Chaos. In scharfem Kontrast zu ELIADE <10> charakterisiert er sie als begrenzter Raum. Dieser Teil, der zahlreiche Beispiele von symbolischen Fixpunkt-Markierungen behandelt, ist Šusserst wichtig, da er im Keim eine Ethnologie des sakralen Raumes skizziert.

Andere Richtungssysteme sind die vier Himmelsrichtungen, die in verschiedenen Kulturen ganz verschieden interpretiert worden sind (FROBENIUS 1933 goldene Pfeiler, die den Himmel stŸtzten). Mit Bezug zu JENSEN (1947) erwŠhnt er den Fluss als zentrales Orientierungssystem, das auf horizontaler Ebene wichtige Kategorien (aufwŠrts - abwŠrts, links - rechts) mit Bezug zu dem von den Bergen zu Seen oder zum Meer fliessenden Wasser vorsieht. Solche Richtungssysteme sind zuweilen fŸr das moderne RichtungsverstŠndnis recht verwirrend, sie werden jedoch sinnvoll, wenn man Raum-entwicklungstheoretisch Flussysteme gegenŸber der kosmischen Orientierung als primŠr veranschlagt. Auch mit diesen Beschreibungen gibt BOLLNOW zahlreiche wertvolle Hinweise zu einem ethnologischen Raum-Forschungsprogramm.

Die weite Welt

Raum im menschlichen Sinne hat sich entwickelt. Enorme VerŠnderungen ereigneten sich zu Beginn der europŠischen Neuzeit. Der Dichter Petrarca besteigt 1336 die Spitze des Mont Ventoux und beschreibt die grandiose Erfahrung der endlosen Weiten des Himmels. BOLLNOW bringt diese entscheidende VerŠnderung zusammen mit dem was spŠter folgt: die Entdeckung der planetarischen Mechanik, der Wechsel vom geozentrischen zum kosmischen Weltbild, der plštzliche Mut auch, die Ozeane zu Ÿberqueren, sich von der frŸheren KŸstenschiffahrt abzuwenden, aufs offene Meer zu wagen. Ergebnisse dieses neuen Raum-Bewusstseins: die Entdeckung Amerikas und die seltsamen Denk-Spuren, die dies zurŸckliess (West-Indien), auch, die Entdeckung zahlreicher, ferner und exotischer Kulturen. Kurz: das Zeitalter der Entdeckungen.

Die meisten sind heute mehr oder weniger vertraut mit diesem gewaltigen Ideenwandel, der natŸrlich im modernen Fortschrittsdenken integriert ist. Aber kaum jemand denkt darŸber nach, was dies im Hinblick auf die andere Seite der Entwicklung, jene der Voraussetzungen bedeutet. BOLLNOWs fundamentale Einsicht: als menschliche Perzeption war Raum ursprŸnglich eng mit der Siedlung, mit der Geschichte des Wohnens verwoben und entwickelte sich in der Folge durch die Ausdehnung der rŠumlichen Wahrnehmung des Menschen. Es dŸrfte einleuchten, dass diese neue Raumthese zahlreiche idealistische oder metaphysische Einstellungen westlichen Denkens grundsŠtzlich in Frage stellt.

Das Haus und das GefŸhl fŸr Sicherheit

Hatte der erste Teil von der Entwicklung der engrŠumlichen Umgebung des Menschen eher theoretisch gehandelt, so wird BOLLNOW jetzt zum gleichen Thema konkret. Das Haus wird diskutiert, Architektur kommt zur Sprache. Das Haus wird als Zentrum der Welt geschildert. Das mythische Bild einer lokalen Weltachse sei aufgegeben worden, aber Weltmitte blieb weithin erhalten auf der Ebene des Hauses. Nur als Wohnender kšnne der Mensch sein eigenes Wesen finden und im vollen Sinne Mensch sein. Im gesamten Kontext menschlichen Lebens postuliert BOLLNOW die "anthropologische Funktion des Hauses". Die moderne Gesellschaft mŸsste sich heute wieder bewusst werden, dass Wohnen eine grundlegende Bedingung des Menschen ist.

Enge Beziehungen bestehen zwischen heiligem Raum und dem geschŸtzten Raum des Hauses. Die individuelle und soziale Kontrolle Ÿber die private SphŠre spielt eine zentrale Rolle. Der Privatraum ist gesetzlich geschŸtzt. Haus und Tempel sind wesentlich eins. Ein ausserordentlich wichtiges Element in BOLLNOWs anthropologischer Betrachtung des Hauses ist das Bett als Ort nŠchtlicher Ruhe. Am Morgen ist es der Ausgangspunkt zur Arbeit im Aussen, abends ist es der RŸckkehrspunkt nach einem beschŠftigten Tag. Es die intimste DomŠne des Hauses oder einer Wohnung. Der tŠgliche Zyklus des Gehens und Kommens wiederholt sich auf der Ebene des Lebenszyklus. Der Mensch wird gewšhnlich in einem Bett geboren, verbringt die dunkle HŠlfte des Lebens dort und wird in einem Bett sterben.

Die kulturellen AusrŸstungsgegenstŠnde zeigen sich eng bezogen auf physische PolaritŠten des Menschen, stehen und liegen, physische AktivitŠt und Ruhe, Muskelspannung und deren Entspannung, bewusste Wahrnehmung der Umgebung und Aufgabe aller sinnlichen Beziehungen im Schlaf. All diese polaren Beziehungen sind von Bedeutung. SorgfŠltig werden auch Uebergangsstadien beschrieben, so etwa das Aufwachen und das Einschlafen. Genaue Beobachtungen Ÿber die tŠgliche Rekonstruktion der persšnlichen Raumwelt und deren Auflšsung im unbewussten Zustand des Schlafens in der Nacht, machen die Faszination dieses von einem tiefen Humanismus gekennzeichneten Buches aus.

In zwei weitern Kapiteln entwickelt BOLLNOW zwei weitere, sehr wichtige Konzepte, den Wegraum (hodologischer Raum) und den 'Handlungsraum', ebenso seinen kritischen Standpunkt gegen den Existentialismus. Wir kšnnen hier jedoch nicht darauf eingehen und verweisen auf die vollstŠndige Darstellung (EGENTER 1992a, 1992ff Bd. 2).

Das Entscheidende all dieser Schilderungen liegt, wie bereits gesagt, darin: Raum wird hier nicht mehr als physikalisch leere Abstraktion aufgefasst, sondern všllig neu, zusammen mit konkreten physischen - natŸrlichen und kulturellen - Bedingungen beschrieben. Unter den kulturellen Bedingungen spielt dabei das Architektonische eine wesentliche Rolle. Es stellt vor allem semantisch das OrientierungsgefŸge bereit, in dem - zwischen GegensŠtzen pulsierend - sich der gršsste Teil menschlichen Lebens tŠglich abspielt.

Das wissenschaftlich Schockierendste an BOLLNOWs Methode ist wohl, dass er den Begriff Raum nicht eigentlich definiert. Er beschreibt ihn vielmehr in unzŠhligen AnnŠherungen und gegensŠtzlichen VerschrŠnkungen. Jeder, der Japans Kultur einigermassen kennt, wird zugeben, dass gerade darin, in dieser in polaren GegensŠtzen vorgehenden phŠnomenologischen Beschreibung, bei BOLLNOW etwas eminent Japanisches anklingt.


ANSŠTZE ZU EINER ANTHROPOLOGIE DES RAUMS


BOLLNOW entwirft somit in fŸnf Kapiteln systematisch eine Raum-, Wohn- und Bauanthropologie, die dezidiert vom Primat des Siedelns ausgeht und in welcher die Tektonik elementar oder entwickelt zum semantischen Bestandteil eines wesentlich topologisch und oekologisch aufgefassten humanen rŠumlichen Orientierungssystems wird.

Damit erschliessen sich ganz allgemein neue Forschungsperspektiven auch kulturvergleichender Art. Die konkrete Siedlungsforschung - ethnographisch, historisch und urgeschichtlich - erhŠlt neu eine eminente Bedeutung. Das Erarbeiten von ethno-(prŠ)- historischen Kontinuen des Siedelns wird wichtig. <11> Raum ist substantiell und qualitativ gebunden, muss induktiv erforscht werden, unter BerŸcksichtigung aller seiner spezifischen Bedinungen. Wir mŸssen nun etwa die topographischen Charakteristiken und die sozialen AktivitŠten einer Siedlung genau kennen, wenn wir Ÿber ihren sakralen (oder profanen) Raum etwas aussagen wollen.


Zum nŠchsten Teil
Zu den Anmerkungen
Illustrationen und Legenden
Bibliographie
ZurŸck zur Homepage