ELEMENTAR-ÄSTHETISCHE ZEICHEN,
NUKLEARE GRENZEN UND
STRUKTURMODELLE



 

WIE LEBTEN
PALÄO-SIBIRISCHE WILDBEUTER
IN IHRER UMWELT?

Notizen
zu räumlichen, ästhetischen und metaphysischen
Aspekten der Ainu-Kultur
im Norden Japans

Von Nold Egenter
Arch. ETH-Z und Architektur-Anthropologe


Unter dem Titel 'Semantic architecture and the interpretation of prehistoric rock art: An ethno-pre-historical approach' ist 1994 in der Zeitschrift 'Semiotica' (Internationale Vereinigung für Semiotik) ein 67-seitiger Artikel erschienen, der relativ ausführlich das im Folgenden gekürzt dargestellte Forschungsfeld und die Methoden beschreibt, soweit es sich auf Felskunst und indirekt auch auf das Höhlenphänomen bezieht.

Kleine Einfürung

In der Architektur- und Habitat-Anthropologie geht es wesentlich darum, die hominoiden und hominiden Voraussetzungen dessen, was wir kulturgeschichtlich als Architektur und Habitat verstehen, entwicklungs- theoretisch zu klären. Methodologisch grundlegend ist eine neue anthropologische Definition der Architektur (Egenter 1992) und die von Wernhart (1981) propagierte Strukturgeschichte (ethno-prä-historische Methode). Sie stellt der Geschichte der datierten Quellen ein mehr auf prozessuale Kontinuitäten gerichtetes Interesse zur Seite. In Anlehnung an diese methodologische Erweiterung wurde in einer kürzlichen Arbeit die anthropologische Definition der materiellen Kultur vorgeschlagen (Egenter 2001). Ziel der Forschungen ist einerseits Abbau der aesthetisch beliebigen kunsthistorischen 'Architekturtheorien' (Krufft, Germann) und ihre chaotischen Wirkungen auf die moderne Umwelt (Kähler). Zum andern geht es um die Einführung der bisher kaum wissenschaftlich untersuchten Architektur in die kulturanthropologische Diskussion (Egenter 1992). Der Aufwand ist getragen von der Ueberzeugung, dass die neuen Parameter das Verhältnis Mensch und Architektur in neuem Licht zeigen, was auch der Kulturforschung neue Impulse zu geben vermag. Menschlicher Raum und konstruktives Verhalten scheinen auch kulturanthropologisch grundlegende Gesichtspunkte zu sein.

In diesem Rahmen hat sich der Autor ethno-prä-historisch, mit Schwerpunkten in Japan, Indien, aber auch Euro-Mediterran und hinsichtlich des Alten Orients und Aegyptens (Narr'sche Diagonale, -> Egenter: Software for a soft prehistory 1986) mit einem Phänomen zentral beschäftigt, das man früher in der Religion ethnographisch als Fetisch und dgl., historisch als Lebensbaum, volkskundlich als Maibaum etc. bezeichnete und im Rahmen primitiver Glaubensweisen einordnete. Die eigene Arbeit nähert sich dagegen solchen Demarkationen dezidiert von Architektur- und Raumproblemen her. Wichtig ist O. F. Bollnows phänomenologische Raumanthropologie (Raum als Ableitung vom siedlungs-genetischen Verb 'räumen', siehe 'Mensch und Raum', 1963). Die Sicht orientiert sich somit objektiv an der Sache ('semantische Architektur') und an den entsprechenden Siedlungsbedingungen ('Siedlungskern-Komplex').
Fibrokonstruktive 'topo-semantische' Architekturen sind technisch (Hand als erstes Werkzeug) zweifellos sehr alte Traditionen und lassen sich theoretisch mit den frühesten Artefakten verbinden, das heisst mit den auf rund 22 Millionen Jahre zeitlicher Tiefe schätzbaren prälithisch-fibrokonstruktiven Industrien (-> Yerkes 1929, 'constructivity', -> Nestbau der Pongiden).

Architekturtheoretisch gesehen stellt 'semantische Architektur' die herkömmlichen 'Urhütten'-Theorien in Frage (Rykwert 1972). Das sog. 'Dach über dem Kopf' wäre als funktionale Rückprojektion einzustufen. Als primär wären vielmehr von hominoiden und frühen hominiden Gruppen für eine Nacht routiniert errichtete Nightcamps anzusehen. Durch klimatische Veränderungen (vor 16 bis 11 Millionen Jahren) hätten in Afrika die aus wurzelndem Material gefertigten tektonischen Bodennester gegenüber den atektonischen Baumnestern zunehmend als vollwertige Bauwerke eine entscheidende Rolle gespielt (Egenter 1982). Daneben hätte man auch einfachste Orts- und Wegzeichen als semantisches Element theoretisch einzubeziehen (Savage-Rumbaugh et al. 1996).
Mit diesem Material lässt sich ethno-prä-historisch (Wernhart 1981) und primatologisch-paläanthropologisch verklammert eine neue Komponente der Vorgeschichte erschliessen, die herkömmlich nicht in Erscheinung trat, weil sie materiell nicht dauerhaft war: prälithisch fibrokonstruktive Industrien, resp. entsprechende Methoden der Erstellung von nuklearen und peripheren Demarkationen. Sie rücken ein neues, wichtiges Phänomen ins Zentrum der Vorgeschichte, die Entwicklung des Wohnens, des Siedelns (-> Man the domesticated species, Wilson J.P. 1988).

Die folgende Untersuchung präsentiert ein Beispiel dieser Arbeit, die Rekonstruktion der räumlichen Organisation der Ainu, einer bis vor kurzem noch weitgehend intakten paläosibirischen Sammler- und Jägergesellschaft, die im Norden Japans, auf Hokkaido, in Süd-Sachalin, auf den Kurilen und in Südkamchatka lebten. Es geht um den Aufweis eines von der neueren Architekturforschung entwickeltes ethno-prä-historisches Verfahren der Raumanalyse, das unter geeigneten Umständen auch auf archäologisch erarbeitete Siedlungsordnungen oder Höhlensituationen angewendet werden kann.


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