FALO -

SEMANTISCHE UND SYMBOLISCHE ARCHITEKTUR IN ITALIEN

Traditionelle 'Überlebsel' des neolithischen Weltbildes
auf der Apeninnen-Halbinsel

Von Nold Egenter



Illustrationen

 
Wer heute von Italien spricht, der denkt an seinen ungeheuren Reichtum an Baudenkmälern aus praktisch allen wichtigen Zeiten der europäischen Baugeschichte. Italien ist somit der klassische Wallfahrtsort der auf die hohe Geschichte der Architektur ausgerichteten Architekten und Architekturhistoriker.

Andernorts wurde darauf hingewiesen, dass Italien, neben den meist urbanen Hoch-Architekturformen auch in allen geographischen Teilen eine traditionelle domestikale Architektur besitzt, die sich durch die historischen Perioden hindurch zu erhalten vermochte. Hermann Soeder hat diese vernakulären Architekturformen Italiens gezeichnet, photographiert und mit Plänen dokumentiert und all dies zu einem wunderbaren Buch verarbeitet. Soeder's Buch vermittelt uns klare Eindrücke eines neolithisch-metallzeitlich-vorrömischen Italiens, ein Italien der kleinen autonomen Siedlungen und Dörfern.

Von daher ist es eigenlich nicht verwunderlich, dass auch eine andere, weit elementarere Form der Architektur, jene die wir 'semantische und symbolische Architektur' nannten, in Italien noch heute weit verbreitet ist. Wir meinen jenen Typus von Architektur, der keinen Innenraum vorsieht, der lediglich Zeichen in der Landschaft ist, oder auch kultisches oder philosophisches Symbol sein will. Es geht um jene Zeichen, die man an ursprünglich vorchristlichen Kultfesten errichtet und einst wohl - bevor es in den Siedlungen Kirchen gab - übers Jahr als Zeichen der Einheit, als Symbol des ganzen Dorfes stehen liess. Heute werden diese fibrokonstruktiven Kultsymbole in der Regel am Ende des Kultfestes verbrannt.

Aus moderner Sicht stellen wir uns vorchristliche Dörfer immer dumpf und trostlos vor, 'primitiv' auf eine recht und schlecht zweckorientierte Oekonomie fixiert. Das könnte aber ein gewaltiger Irrtum sein. Die Christianisierung hat ganz Europa weitgehend de-ritualisiert. Zyklische Kulte mit fibrokonstruktiven Demarkationen, die den Dörfern in der nahen und weiteren Umgebung neben der territorialen Sicherheit auch ihre Identität vermittelten, wurden von den urbanen Klerikern primitivisiert und aufgelöst und durch den Glauben an verbalisierte Historismen ersetzt. Die im Umräumlichen verankerte Polarität der Dörfer (zum Beispiel Siedlungseinheit als 'Wald und Feld', Taleinheit als 'Berg und Tal' usw.) wurde aufgelöst und makrokosmisch ausgeweiteten Fiktionen dienstbar gemacht. <1>

Einen skizzenhaften Einblick in dieses kultisch-ekstatisch-sinnliche Element der Agrardörfer, bevor es der Christianisierung zum Opfer fiel, lässt sich einigermassen zusammenstückeln aus dem ruralen Brauchtum, wenn man annimmt, dass in den Agrargesellschaften die spezifisch umweltbewusste Bindung zum Boden von ausschlaggebender Bedeutung war und dass entsprechend Rechtsformen bestanden, die unter verwandten Dörfern und Gebieten galten und die bei hoher Autonomie, die friedliche Nutzung bestimmter Flächen zur Produktion garantierten. In den mittelalterlich klerikalen Berichten über dörfliche Institutionen dieser Art werden diese meist apriori abgewertet und als 'primitive' Theologie beschrieben (primitive Religion, primitver Aberglauben etc., 'Fetisch' für die Kultmarken). Die Bauern mussten sich unter oft grossen Zwängen an die Direktiven der urbanen Missionare anpassen. Von daher kommt, dass wir heute für diese Phänomene kaum noch Interesse zeigen.

Diese ruralen Kulte sind jedoch von ausserordentlichem Wert. Sie ermöglichen es, das vorgeschichtliche Territorialrecht zu rekonstruieren, damit aber zugleich neue Vorstellungen zu gewinnen über vorgeschichtlich-vormonumentale Kunst, lokal gebundene Philosophie und mikrokosmisches Weltbild und schliesslich auch - und brisant - die vorgeschichtlichen Bedingungen historischer Religionen

Wohl in keinem anderen Lande der Welt, wie in Italien, wurde der Mensch über Jahrhunderte katholisch kolonisiert. Und dennoch haben sich diese Bräuche durch alle Entstellungsversuche hindurch gehalten. In diesem Sinne können wir etwas von der ungeheuren Zähigkeit von traditionellen Weltbildern ahnen, all die fibrös-pflanzlich-schönen Konstruktionen die sie uns als Symbole ihrer eigenen Lokalverfassung bis heute 'buchstäblich' ins Feld führen. Klar erkennbar sind sie gegen die geistig abstrahierten Luftschlösser der Städter gerichtet.

Es ist ein lokales aber omnipräsentes Brauchtum, das von einem zentripetalen Bewusstsein spricht. Die christlich-religiöse Makrokosmisierung hat die an solchen ontologisch hochwertigen 'nuklearen Demarkationen' umweltlich-anthropologisch gewachsenen Polaritäten zerstört, ihre Ableitungen vom Typus 'Berg und Tal' oder 'Wald und Feld' aufgelöst und als Ersatz ihr human irrelevantes, ins Universum projiziertes 'Weltbild' aufgepfropft, den 'Verlust der Mitte' erzwungen, zugleich - und folgenschwer - die agrare Psyche von ihrer engen Bindung an den Boden losgetrennt.

Im Folgenden werden die einzelnen Ereignisse anhand der zitierten Literatur kurz beschrieben. Danach folgen kursiv Hinweise zur heutigen Interpretation.
 
 

DIE FESTE IM EINZELN


 


Die hier zusammengestellten Beispiele sind nur kurze Indikationen, diese allgemein kaum bekannte Schicht der italienischen Hochkultur künftig etwas genauer zu untersuchen. Die kurzen Notizen zu den Festen sind zum einen einem Almanach volkstümlicher Feste (Colangeli 1977) entnommen. Meist werden die Gebilde italienisch Falò (Feuerstoss) genannt. Das auflösende Moment des zyklischen Geschehens, das Verbrennen am Ende des Ritus ist zum eigentlichen Charakteristikum des Ganzen geworden. Das Moment der Identifikation, der Verortung der Gemeinde ist angesichts der Überschichtung mit dem christlichen Lehrgut verblasst. Wer jedoch solche Kulte aus Ländern kennt, wo sie noch ungestört-autochthones Traditionsgut sind, etwa aus Indien oder Japan, der wird sofort die immanenten Strukturen erkennen, die dieses heute aus der euro-urbanen Perspektive abgewerte Brauchtum einst sinnvoll trug.
 


FETA DEI FULGARI
Arma di Taggia, Liguria
(11-12 Februar)

Das Fest feiert einen lokalen Heiligen des 9. Jahrhunderts, Benedetto Revelli, dem ein Wunder zugeschrieben wird. Sarazenen-Piraten wären nachts am Strand gelandet und hätten geplant, die Stadt zu überfallen. Doch hätten sie über seltsame Lichterscheinungen und Indizien von Explosionen die Flucht ergriffen. Nach der Legende baut jede 'contrada' des Städtchens (cittadina) einen eigenen grossen Feuerstoss. Deren Flammen erleuchten die Wohnungen. Mit Bambusstäben und Sägemehl erzeugen Jugendliche schöne Lichterbogen (polvere da sparo).
Heutige Deutung: --> Auch hier wohl finden wir in den Bezirksfesten mit ihren toposemantischen Bauten eine Uebergangsform zwischen vorurbanen village-clusters und der eigentlichen Stadtbildung. Die territorialen Demarkationsfeste der 'contrada' sind noch erhalten. Die Heiligenlegende ist Teil des wohl vor allem klerikal propagierten Verstädterungsprozesses.
 


LA BARCA
Baiardo, Liguria
(Pfingsten)

Eine zuweilen über 30 m hohe Tanne wird zu den ersten Stunden des frühen Morgens gefällt. Nachdem man sie von den Aesten gesäubert hat, wird der oberste Teil, die Spitze, abgetrennt. Die Spitze wird jedoch wieder an ihre rechtmässige Stelle gebracht, wenn der Baum neben der Kirche aufgestellt ist. Die Zeremonie widerholt sich am Nachmittag. Die Leute der Gegend stellen sich im Kreis zum Tanze auf und bewegen sich auf den Baum zu, indem sie traditionelle Tanzlieder singen. Diese spielen an an die Legende, die im Fest jährlich wiedererscheint. Einige Pisaner Matrosen hätten sich Baiardo genähert, um sich einen Baum für das Schiff zu beschaffen. Zwischen den Seeleuten und den drei Töchtern des Conde von Baiardo entzündete sich der Funke der Liebe. Doch, als der Vater dies entdeckt hatte, liess er eine seiner Töchter köpfen, und die beiden anderen verschwanden im Kloster.
Heutige Deutung: Die Tanne steht für den Kern einer prähistorisch kultisch-zyklischen Lokal-Verfassung. Die besondere Bedeutung der Spitze gegenüber dem untern Teil zeigt Polarität als Bedeutung an. Zugleich gilt sie als toposemantischer Kern des Sozialen, was in den Tänzen zum Ausdruck kommt. Deutlich ist auch, dass sich die Kirche dem vorchristlichen Kultplatz angelagert hat. Im legendären Teil wird die mit dem Baum verbundene Polarität anthropomorph und disharmonisch verbildlicht zum Ausdruck gebracht.
 


L'ALLORO DI SAN SEBASTIANO
Dolceacqua, Liguria
(20. Januar)

Eine 'alloro' Pflanze wird in den nahen Wäldern geschnitten. Sie wird mit Hunderten von grossen und bunten Hostien (ostie) von den Mitgliedern einer Konfratrie geschmückt. Man trägt sie in Prozession ins Dorf. Die Zermonie schliesst vor der Kirche von wo der Umzug auch ausgegangen ist. Der Baum wird in die Erde gepflanzt. Die Gläubigen, nachdem sie eine Gabe dargebrtacht haben (corrisposto) nehmen (staccano) alle einen Zweig des 'alloro'. Der Baum symbolisiert den Baum an dem der heilige Sebastian gebunden und wo er gequält wurde. Eine ähnliche Feier gibt es in Camporosso in der Provinz von Imperia.
Heutige Deutung: --> Auch hier, der Baum der Wildnis wird gefällt und ins Dorf gebracht (vgl. Polarität von Wald und Feld, von Berg und Tal), dort aufgestellt, wie meist, in der Nähe der Kirche (dh. diese hat sich ursprünglich dem vorchristlichen Kultplatz angelagert). Die christliche Umdeutung ist irrelevant. Sie folgt einem allgemein praktizierten klerikalen Schema, das die Tradition entwertet und die klerikale Kontrolle über die Synthese garantiert.
 


PALIO DEI FALÒ
Lezzeno, Lombardia
(18. März)

Am Fest des heiligen Joseph baut man in der Gegend zahlreiche Feuerstösse. Unter den verschiedenen 'contrade' entwickelt sich ein Wettbewerb wer den schöneren und grösseren 'rogo' bauen könne. Der am besten gelungene erhält einen Preis.
Heutige Deutung: --> Offensichtlich hat sich hier nur wenig christliche Interpretation akkumuliert. Die einzelnen agraren Gemeinden (oder 'paese' ) bauen nach relativ ungestörter Tradition ihre Territorialmarken. Eine Studie mit Plananfertigungen wäre wohl interessant.
 


CARNEVALE
Pescarolo, Lombardia
(Fastnachtswoche)

Der maskenfrohe Karneval wird mit einer seltsamen Zeremonie eröffnet. Eine Gruppe von Männern gräbt einen Baum (rovere) aus, der am nächsten Tag im Strom der ganzen anwesenden Dorfbevölkerung feierlich nach der Hauptplatz des paese getragen wird. Dort wird er mit alten Schirmen versehehen (addobato). Dies gilt als festfroher Ausdruck für Bitte um Regen. Dann wird der Baum in ein ausgehobenes Loch eingesetzt (appositamente??). Während des Dienstags werden grosse Mengen von Brennholz und Aesten (ramaglie) angehäuft, und dieser Feuerstoss wird zu Ehren des heiligen Maria angezündet (tocco?). Es gilt als gutes Zeichen wenn man 3 mal um den falo herumgeht. (Zirkumambulation damit verbunden). Der Stamm des Baums brennt jedoch nicht und wird dem Besitzer zurückgegeben.
Heutige Deutung: --> Auch hier geht es primär um die Demarkierung eines 'paese' Die Schirme als zeichen für Bitte um Regen sind wohl späte Akkumulation. Wogegen das Anhäufen von Brennholz vermutlich zur ursprünglichen Zyklik des Rituals gehört. Dass er christlich der Maria zugeordnet wurde, zeigt, dass er vorchristlich mit ontologischer Hochwertigkeit verbunden war, was sich heute noch im Restbrauch der Zirkumambulation zeigt. Der Umstand, dasss der Baum am Schluss ohne Bedeutung erscheint, deutet darauf hin, dass die Demarkation tiefere Wurzeln hat: das fibrös Manipulierbare hat den Vorrang.
 


IL MAZZO
Ponte Nossa, Lombardia
(25 April - 1. Mai)

Das Fest spielt sich in drei Phasen ab. Am ersten Tag (25. April) begeben sich Männer und Burschen in einen Wald um dort einen 'abete' (il mazzo) zu fällen. Er wird von dort zum Eingang des Gebiets (paese) gebracht, wo eine Gruppe von Burschen ihn mit Guirlanden aus buntem Papier versieht. Dann fährt ein Lastwagen den Baum zur Piazza des Ortes in der er gesegnet wird. Am Morgen des ersten Mai beginnt die zweite und recht eigentlich spektakuläre Phase des Festes. Ein grosses Seil wird am Fuss des 'Mazzo' befestigt. Einige hängen sich daran. Einige tragen den Stamm auf dem Rücken. So wird der schwere Baum entlang den steilen Bergflanken getragen (lugo i ripidi fianchi della montagne) die das Tal (paese) begrenzen. Schliesslich stellt man den Baum mit Steinen (rocce scoscese) aufgerichtet und in einem Loch fixiert (vetta?) auf. Er bleibt dort, gut sichtbar im Tal bis am 2. Juni stehen. Da er ohnehin vertrocknet ist, wird er verbrannt.
Heutige Deutung: --> Nukleare Demarkation auf der Ebene Wald und Feld als polare Siedlungs und Demarkationseinheit. uAls Zeichen gilt der im Wald geschnittene Baum, der ins Feld, in die Lebensdomäne des Menschen gebracht wird. Leider gehen die territorialen Verhältnisse aus den Angaben nicht hervor.
 
 

CANTO DELLA STELLA O DEI TRE RE
Premana, Lombardia
(5. Januar)

3 berittene Könige, Anspielung an Bethlehem. Grosse anthropomorphe Form aus dürren Aesten spielt die zentrale Rolle. Am Schluss wird diese verbrannt.
Heutige Deutung: --> Zuweing Angaben
 


I CARNEVALI
Arco, Trentino-Alte Adige
(Prima domenica di Quaresima)

Die sog. Carnevali sind etwa 3.4 m hohe konstruierte Gebilde aus Bambushalmen, die festgebundene Aeste und Zweige zeigen und welche mit farbigem Papier, Würsten, Orangen und anderen Dingen geschmückt sind. Sie werden von Burschen durch die Strassen getragen. Die Teilnehmer singen und spielen das Glockenspiel. Gegen Abend werden alle Carnevali zu einem bestimmten Ort gebracht, wo sie zu kultischer Melodie dem Feuer eines falò übergeben werden.
Heutige Deutung: --> Je nachdem die Carnevali von einzelnen Häusern oder Bezirks- Gruppen hergestellt und betätigt werden, müssen sie ursprünglich repräsentative Bedeutung gehabt haben für die entsprechenden Raumabschnitte. Der Ort wo sie verbrannt werden, ist wohl ursprünglich ein Ort initialer Stadtbildung aus einer Gruppe von autonomen Dörfern.
 


CARNEVALE DEL PINO
Grauno, Trentino alte Adige
(Martedi grasso)

Es gibt eine Piazza del Paese wo am Mardi gras eine hohe Tanne aufgestellt wird. Eine satirische Kömodie wird aufgeführt, die in einem Schwank gipfelt. Der letztverheiratete des vergangenen Jahres wird dazu verurteilt, die Tanne als Emblem des Carnevale zu taufen. Der Baum wird auf einen höhergelegenen Platz gebracht, der das Tal weit überragt. Nach einem Lied für die heilige Maria (Ave Maria) muss die Schwankfigur des letzten Verheirateten den pino in Flammen setzen. Das Feuer sieht man im ganzen Tal.
Heutige Deutung: --> Kollektive Demarkation eines village clusters.
 


EGETMAN
Termeno sulla strada del vino / Tramin an der Weinstrasse
(Martedi grasso, anni dispari)

Terrible Monstren, gehörnt.
Heutige Darstellung -->Anthropomorph gewordene Hütten, dynamisches Motiv.
 


CARNEVALE
San Pelago, Friuli-Venezia Giulia
(Martedi grasso)

Der Carnevale erscheint als personizierter Kranker und Todgeweihter. Er wird nach allerlei Burlesken um seinen Tod in verschiedenen umliegenden Gemeinden rumgefahren, spät abend zum Platz zurückgebracht und verbrannt.
Heutige Deutung: --> Territoriale Repräsentation erhalten, Kollektive Demarkation eines village clusters, wohl von Klerus, zwecks Abwertung, anthropomorph interpretiert und burlesk abgewertet.
 


IL PIGNARÛL
Tarcento, Friuli-Venezia Giulia
(6 Januar)

An zahlreichen Orten des Veneto und des Friaul wird die Epifanie mit einem Feuerstoss gefeiert, den man Pignarul nennt. Die Feier nimmt in Tarcento eine besonders festliche Atmosphäre an, wo ein historischer Umzug zum Kastell Coja hochprozessiert. Der 'Venerando' zündet dort den grossen Feuerstoss an. Dies ist das Zeichen für umliegende Gemeinden, auch den in ihren Territorien gebauten Falo anzuzünden. Die Rauchrichtung gilt als Divination für die Ernte des kommenden Jahres.
Heutige Deutung: --> Sehr wahrscheinlich geht es um eine vorgeschichtliche 'village - cluster situation in welcher Tarcento eine präurban-dörfliche Dominanz zum Ausdruck bringt.
 


CARNEVALE
Torreano, Friuli-Venezia Giulia
(Martedi grasso)

Karneval archaischen Stils mit zwei Personen 'Te Krisnast' und 'Te Kosnast' (Polarität!). Junge Travestiten begleiten die Figuren und werfen sich vor ihnen zu Boden. Verschiedene skurrile Verhaltensweisen mit und um die beiden.
Heutige Deutung: --> Polarität ähnlich wie König Königin etc. Auch hier geht es nicht simpel um Sex sondern um Erkenntnisprinzip der Polarität.
 


ALZATA DEL PALO DI MAGGIO
San Pellegrino, Umbria
(30 aprile)

In diesem Teil von Gualdo Tadino sucht man vor dem Fest den Baum für das Ritual. Man glaubt der richtige Baum bringe Glück im neuen Jahr. Am 30 April versammelt sich eine Gruppe von 'Maggiaioli' im Wald und fällt einen Pioppo. Dieser wird auf einen Wagen geladen und und ins Dorf gefahren zusammen mit einem kleineren Pioppo, den man 'cima' nennt. Feuerwerk und Kracher begleiten die Ueberfahrt. Verschiedenes Brauchtum ist damit verbunden. Zwei Gruppen von Männern benutzen ein 'caviglia' genanntes Eisen um den Baum aufzustellen. Erst wenn er in vertikaler Postition steht und von einer 'fronda verte' als Symbol der Vereinigung des männlichen und weiblichen Prinzips (nicht sex, sondern wie chinesisches YinYang), kann der Baum 'maggio' genannt werden und als solcher bleibt er im Zentrum der Piazza bis zum Juni.
Heutige Deutung: --> die alte Struktur ist erhalten: der Baum wird aus dem Wald geholt und im Zentrum des Dorfes aufgestellt, wohl ursprünglich stand er als Kerngrenze das ganze jahr. Auch seine Geltung als Symbol kategorialer Polarität hat sich anscheinend erhalten, ideell (männlich weiblich) und Sachlich: der kleine pioppo als Spitze (cima).
 


SPOSALIZIO DELL' ALBERO
Vetralla, Umbria
(8 May)

Mit Bezug zu einem einstigen Streit mit Viterbo wird ein Baum auf dem Monte Figliano mit Guirlanden festlich geschmückt und mit Frühlingsblumen versehen. Dies geschieht auch im Hinblick auf Prosperität und Wohlleben der Gemeinde. Zugleich erneuern (ribadiscono) die Bewohner von Vetralla ihre Besitzrechte über den Ort. Das Fest wird von der Bevölkerung und Rittern (cavalieri) öffentlich und feierlich begangen. Letztere tragen 'infilato in un gambale' ein mit Blumen geschmücktes Bündel (fascio fiorito), das man 'maggio' nennt.
Heutige Deutung: --> Der Ritus bringt uraltes Grenzbrauchtum wieder zum Aufleben.. Der Baum ist ein sekundärer Typus von Grenzmarkierung. Darum wird er wohl hier auch 'mit artifiziellen Vorkehrungen 'geschmückt'. Das eigentliche überlebende 'toposemantische' Gebilde ist der 'maggio' (semantische Architektur).
 


LE FARCHIE
Fara Filiorum Petri , Abruzzo
(16 e 17 gennaio)

Die 'farchie' sind gigantische Schilfbündel (fasci di canne) von etwa 10 Meter Länge. Sie werden am Anfang des Nachmittags am 16 Januar zu einem Platz bei der S. Antonio.- Kirche gebracht. Dort werden die 'farchie' mit Seilen und Leitern aufgestellt, angezündet und verbrannt. Das Fest erinnert an ein entscheidendes Ereignis um die Invasion französischer Truppen im Jahre 1799. Damals wurde der Wald (bosco) angezündet, um das Land vor ihnen zu retten.
Heutige Deutung: --> Zweifellos ist der Kern des Kultbrauchtum älter als Ende 18. Jahrhunderts. Sehr wahrscheinlich hat ein christlicherseits verbotener Kult sich positiv ausgewirkt, weshalb er in dieser Form quasi geheim weitergeführt wurde.
 


LA 'NDOCCIATA
Agnone, Molise
(24 dicembre)

Während der dem Fest vorangehenden Tage bauen Leute des 'paese' sich die 'ndocce', grosse Fackeln aus Aesten oder Stämmchen, etwa 3-4 Meter lang. Am Nachmittag des 24. verteilen sich etwa 1000 Personen mit solchen Fackeln innerhalb der Grenzen des 'Paese' und warten auf das Signal. Sobald die Glocke des höchsten Glockenturms von Agnona (21 Kirchen) angeschlagen wird, werden die Fackeln angezündet und auf den Schultern getragen und in einem langen und eindrücklichen Fackelzug wie ein Fluss von Flammen mitgeführt. Schliesslich treffen alle am Hauptplatz ein, das Feuer dauert die ganze Nacht. In der lokalen Tradition wird der Ritus dem Austreiben böser Geister zugeordnet, die sich der Geburt des Christus entgegensetzten.
Moderne Deutung: Offensichtlich ein Grenzritus, der von der primären nuklearen Form in die Peripherie umgedeutet worden ist.
 


LA SFILATA DELLE TRAGLIE
Jelsi, Molise
(26 luglio)

Skulpturen aus Pflanzenmatrial (zB. Ochsen mit Wagen)
Heutige Deutung: --> In die christliche kultische Domäne hinein hat sich die vorchristliche Wertschätzung der fibrokonstruktiven Qualität als urzeitliche Materialität erhalten.
 


FESTA DEL GRANO
Foglianise, Campania
(16 agosto)

Kleine, mittlere und grosse Wagen werden dekoriert mit Strohgarben. Die grossen Wagen zeigen meist bestimmte Kirchen aus Stroh. Frauen tragen in der Prozession Körbe auf dem Kopf. Ähren stehen wie Blumen hervor (PRO-portion!)
Heutige Deutung: --> In der kultischen Domäne hat sich der vorchristliche Wert des fibrokonstruktiven als urzeitliche Materialität erhalten.
 


FESTA DI SANT'ANTONIO ABATE
Novoli, Puglia
(1-18 gennaio)

Zahlreiche Riten bezogen auf S. Antonio. Wichtigstes Ereignis: 16. (vigilia) 'Rito della Focara'. Focara ist die gigantische 'catasta' aus Holz in der Form eines grossen Kegels. Dieser besteht aus Reisigbündeln. Der Kegel wird angezündet nach der Prozession 'dell'Intorciata'. Am Schluss wird das Feuer nach Hause genommen und die Asche wird als Reliquie verkauft.
Heutige Deutung: --> Alte Kultmarke, Riten christianisiert
 


CARNEVALE
Satriano di Lucania, Puglia
(Demonica e Martedi di Carnevale)

Zwei Kämpfer ('Mietitori') kämpfen mit Sichel und Ährenbund um eine zwischen ihnen aufgestellte Ährengarbe.
Heutige Deutung: --> Altes Landnahmeritual?
 


FESTA DE LI SCHETTI
Terrasini, Sicilia
(Domenica di Pasqua)

Das Fest ist bezogen auf eine Männergruppe von 'Celibi' (siz. Dialekt 'schetti'), die darin ihre Fähigkeiten unter Beweis stellt. Am Ostersonntag bringen verschiedene Gemeinde- Gruppen der Umgebung je einen reich dekorierten Orangenbaum vor die Kirche. Sie werden dort gesegnet. Der Wettkampf besteht daraus, den Orangenbaum möglichst lange mit der hochgestreckten Hand zu stützen und zu balancieren.
Moderne Deutung: vielleicht abgeleitet von altem Landnahmebrauchtum.
 


FALO DI SANT ANTONIO
Norbello, Sardegna
(17 gennaio)

In den umgliegenden bewaldeten Gebieten wird eine Eiche (quercia) mit hohlem Stamm ausgewählt. Der Baum wird gefällt und auf einem Karren ins 'paese' transportiert und auf dem Kirchplatz aufgestellt, wo er abends mit dem Feuer der eigenen Aeste verbrannt wird.
Moderne Deutung --> Degenerierte Form
 
 

ZUSAMMENFASSUNG UND SCHLUSS


Manch einer mag einwenden, die Art wie hier diskutiert wird, ist recht beliebig. Das mag dem so scheinen, der sich an die konventionellen Disziplinen hält. Hier gilt eine andere Methode. Es wir entwicklungstheoretisch objektiv ein Modell der Siedlungs-Evolution diskutiert. Das Agrarmodell heisst 'Siedlungs-Kern-Komplex'.

Dabei wird angenommen, Agrarsiedlungen hätten von einem tiefer wurzelnden konstruktiven Verhalten her ein sehr altes Demarkationssystem von temporären Bedingungen des Siedelns (Nomaden) auf permanente Bedingungen übertragen und so die sedentäre Lebensweise entwickelt. Dieses weiter entwickelte System arbeitet mit einem traditionellen Territorialrecht, in welchem fibrokonstruktive, toposemantische Marken (semantische Architektur) bei der Siedlungsgründung durch den Gründer im Kern der Siedlung gesetzt und zyklisch erneuert werden. Da diese Demarkationsformen auch den Code enthalten für das kognitive System, resp. für das auf Harmonie angelegte raum-zeitliche Organisationsprinzip dieser Gesellschaften, hatten diese Marken einen hohen ontologischen Wert. Sie waren die Modelle lokaler Weltbilder.

Es ist ein Weltbild in dem der materiell repräsentierte, zyklische Kult eine entscheidende Rolle spielt. Er ist das lokale, traditionelle Geschichtsarchiv, das sich in der Referenz der zyklisch erneuerten (fibrösen, somit nicht dauerhaften) Demarkationen auf die Siedlungsgründung erzeugt und durch die Zeit erhält. Es bringt zeitliche Tiefe in die Siedlung und erzeugt sozial die dominante Stellung der Gründerlinie, territorialrechtlich und rechtlich allgemein, wie auch kultisch.

Dieses System fusst auf dem kognitiven Prinzip Polarität (kategorial polar komparatives Analogsystem), der in den Marken überlieferten Code zur All-Einheit.

Versucht man das Phänomen von den konventionellen Disziplinen her zu fassen, so zeigt sich das Erstaunlichste darin, dass wir in diesem Weltbild das, was wir kulturgeschichtlich sehr viel später als Kunst, Philosophie und Religion verstehen, hier alle noch im selben Punkt verankert sind. 'PRO-Portion', 'kategoriale Polarität' und 'META-physik' lassen sich von der gleichen Form direkt ablesen.

In dieses Weltbild erhalten wir Einblick mit den von uns beschriebenen Fragmenten,
die zugleich in der Erkenntnisgeschichte der Naturformen eine eminente Rolle spielten.
Natürlich haben sich bei den meisten Kulten christliche Elemente angelagert (Akkumulation), ja die toposemantischen Zeichen und Symbole wurden vielfach verdrängt und die meisten Strukturen überschichtet. Doch vermochten sich immer wichtigste Elemente wie die 'nukleare Demarkation' (die 'Grenze in Siedlungsmitte' im Gegensatz zu den bekannten peripheren Grenzen), aber auch sekundäre Dinge wie Fackeln usw. im ursprünglich fibrokonstruktiven technischen Zustand zu erhalten. Wohl wesentlich deshalb, weil dieser technische Status in den Augen der Lokalen das hohe Alter der Tradition belegt.

Der wichtigste territorialpolitische Aspekt gibt den generellen Begriff 'Demarkation' für technisch heterogene Bedingungen und Aspekte wie Feuerstoss, Trennung von Wipfel und Stamm, Dekorieren des Wipfels oder Verschiebungen (Baum im Wald geholt, zur Kirche -> Wildnis, -> nukleare Demarkation).
 
 

DIE ONTOLOGIE DES RURALEN


Wir haben andernorts gezeigt, dass die Ontologie des Ruralen entlang der Geschichte der Städte im Zuge der oekonomischen Ausbeutung programmatisch abgewertet wurde. Von dort legitimiert sich das immer mehr oder weniger herablassende Beschreiben ruraler Sachverhalte, sei es in der Volkskunde selbst, oder in der Hausforschung, in der Kunsttheorie, in Architekturjournalen, in Tageszeitungen usw.

Doch, was uns diese 'nuklearen Demarkationen' besonders in Italien zeigen, ist nicht etwas Nebensächliches. Sie bildeten das traditionelle, resp. zyklische Substrat der späteren Siedlungsmuster. Die Kirchen lagerten sich meist an die vorchristlichen Kultplätze an oder überschichteten sie, verdrängten das traditionell-zyklische Demarkationssystem als Instrumente heidnischen Glaubens. Dass die zentrale Demarkation sich bis weithin in der Zeit, oft gar in unsere eigene sich erhalten konnten zeigt, dass die vorchristliche "Infrastruktur" mit ihrer dominant territorial-semantischen Charakteristik ungeheuerlich wichtig gewesen sein muss. Der Pfarrer spircht theologisch abstrakt vom unsichtbaren Gott im Himmel. Doch, die schlauen Bauern haben ihren wohl weit älteren, in der fibrokonstruktiven Humantradition liegenden, realen Prototypen der nur noch verbalisierten Gottesidee bis heute behalten. Nebenbei wird uns aus dieser Sicht auch klar wie sehr das 'bodenlose' Christentum an der Problematik den bodenlos-globalen Ausweitungen von heute beteiligt ist. In allen seinen weltweiten Ausgriffen war es - und ist dies heute noch - radikal in seiner De-territorialisierung der Lokalstrukturen. Die polarharmonische Beziehung 'Schutzgottheit/ Feld', wie wir sie etwa in Südost- Ost- und Südasien noch heute in der sog. 'Kornmutter' und dergleichen verkörpert finden, hat sich zur polaren Beziehung 'Universum-Erde' ausgeweitet. Der spezifische Acker und das spezifische Zeichen verlieren dabei ihre Bedeutung! Arbeit wird zum Job.

Das sind nur Andeutungen. Sie mögen zeigen, dass das, was wir üblicherweise von der Volkskunde - immer wieder gleich repetiert - hören, hier in einem ganz anderen Licht erscheint . Die aus dem Wald geholten, wilden und gezähmten Lebensbäume, Maibäume, die Feuerstösse um einen ausgegrabenen Baum, angezündet zu seiner nächtlichen Lichtform, da steckt hinter allem sehr viel mehr, als wir das üblicherweise annehmen. Vielleicht sind diese semantischen Architekturen mindestens so wichtig wie die aegyptischen Pyramiden, die Bauten auf der Akropolis Athen's oder das Pantheon in Rom. Sie lassen uns die polarharmonisch strukturierten, symbolischen Achsensysteme erkennen, die möglicherweise schon vor 22 Millionen Jahren begannen, eine Art von Gehirn zu prägen, das wir heute als das menschliche, als unser eigenes Gehirn verstehen und auf das wir ja doch ungeheuerlich stolz sind.
 



 
 
Anmerkungen

1
Wenn wir annehmen, dass die vorchristlichen Kultstrukturen und ihre ontologischen Höchstwerte (Kultstellen mit Göttern) stark auch toposemantische Funktionen hatten (z.B. Irminsul), so lässt sich erahnen, dass die Christianisierung auch stark die in jeder Agrargesellschaft lokal geprägten territorialrechtlichen Bindungen entscheidend schwächte und dann auch weitgehend auflöste - vorerst zugunsten des historisch veranschlagten Reiches Gottes, sekundär und später zugunsten staatlicher Bindungen. In den hier dargestellten, von urbaner Seite her entwerteten Kulten ist das lokal Identität stiftende Bewusstsein noch stark ausgeprägt.
 
 
 
 


 

Bibliographie




Colangeli, Mario
1977
Le Feste dell' Anno - Almanacco delle feste popolari italiane.
Sugar Co Edizioni, Milano

Soeder, Hans
1964
Urformen der abenländischen Baukunst. DuMont Berlin

Touring Club Italiano
2000
Artigianato sapori e traditioni d'Italia - 869 botteghe artigiane, 507 feste poopolari 345 fiere e mercati, 20 carte tematiche regionali. Touring Editore, Milano